Auch die deutsche Barockliteratur steht im Spannungsfeld von Lebensfreude und Todesbangen, Weltgenuss und Jenseitssehnsucht. Nirgendwo hatte sich der Tod als so allmächtig, irdisches Glück als so wechselhaft, Hab und Gut als so unsicher erwiesen wie in den vom Dreißigjährigen Krieg heimgesuchten Gebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Vergänglichkeit heißt das Schlagwort: ob Christian Hofmann von Hofmannswaldau in seinem berühmten Gedicht Vergänglichkeit der Schönheit beim Anblick einer jungen Frau, ob Andreas Gryphius im beklemmenden Sonett: "Wir sind ja nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verhehret" (1637) anlässlich der Zerstörung Magdeburgs oder Simon Dach in der Klage über den endlichen "Vntergang vnd ruinirung der Musicalischen Kürbs=Hütte vnd Gärtchens" über das Verschwinden eines harmlosen Vorstadtgärtchens, das den Königsberger Poeten die sich nebenbei die »Sterblichkeitsbeflissenen« nannten als Treffpunkt diente immer ist die Unbeständigkeit alles Materiellen zugleich Ausdruck der Todesgewißheit, aus jeder Zeile tönt das Memento mori ('Gedenke des Sterbens'), welches das damalige Lebensgefühl durchdrang.
Diese Grundhaltung förderte auch im hohen Maße die Entstehung von geistlicher Dichtung. Das Kirchenlied, das durch die Reformation zunächst als wirkungsvolles Mittel im Konfessionsstreit in Deutschland zentrale Bedeutung erlangt hatte, erreichte nun durch Paul Gerhardt (O Haupt voll Blut und Wunden), Georg Neumark (Wer nur den lieben Gott läßt walten), Johann Rist (O Ewigkeit, du Donnerwort), Paul Fleming und andere nun seinen Höhepunkt. Darüber hinaus schufen Gryphius, Dach, Angelus Silesius (eigtl. Johannes Scheffler) und Daniel von Czepko religiöse Lyrik von großer Tiefe und sprachlicher Schönheit.
Nun kommt es auf die artistische Disziplinierung an, auf die kunstvolle Anwendung poetischer Formen. Grundlegend und von weit über seine Zeit hinausreichender Bedeutung war das an der europäischen Renaissance und der klassischen Antike orientierte Werk Martin Opitz', der in vielerlei Hinsicht als 'Vater der deutschen Literatur' angesehen werden kann. Sein Œuvre umfasst Sonette, Oden und Epigramme ebenso wie Dramen (Aristarchus, 1617) und Hirtendichtung (Schäfferey von der Nimfen Hercinie, 1630), die allesamt zu stilistischen und formalen Vorbildern wurden. Mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey (1624) schrieb er die Poetik des 17. Jahrhunderts, in der er Gattungsabgrenzungen, Stilmittel und die Anwendung von Dichtung behandelte. Mit seiner Forderung nach einer akzentuierenden Metrik, durch die Wort- und Versakzent in Einklang gebracht wurden, schuf er die Voraussetzung für die Entfaltung der deutschen Lyrik. Mit seinen Bemühungen um die deutsche Sprache und Dichtung stand Opitz allerdings nicht allein. Seinem Beispiel folgten zahlreiche namhafte Literaten der Zeit und verfassten teils erweiterte, teils anders konzipierte Poetik-Bücher, u. a. Philipp von Zesen (1640), Johann Peter Titz (1642), Johann Klaj (1645), Georg Philipp Harsdörffer (Poetischer Trichter, 164750), Andreas Tscherning (1658) und Daniel Georg Morhof (1682). Nicht nur die Regulierung der Dichtkunst, sondern auch die Pflege und Förderung der deutschen Sprache war das Ziel der im 17. Jahrhundert zahlreich gegründeten Sprachgesellschaften, deren Mitglieder neben Literaten und Gelehrten sich aus Fürsten, Adligen und Hofbeamten rekrutierten. Die bedeutendste war die Fruchtbringende Gesellschaft (nach ihrem Wappen auch Palmenorden genannt), die 1617 ins Leben gerufen wurde. Daneben bestanden die Aufrichtige Tannengesellschaft (1633), die Teutschgesinnte Genossenschaft (1643), der Nürnberger Kreis der Pegnitzschäfer (1644) und der Elbschwanenorden (1658). Die meisten Dichter der Zeit gehörten als korrespondierende Mitglieder einer, meist sogar mehreren dieser Vereinigungen an. Welche zentrale Rolle die Form im Barock spielte, zeigt sich nicht nur in diesen normativ-didaktischen Bemühungen, sondern ist in den Werken selbst deutlich feststellbar. In Lyrik, Drama und Prosa bediente man sich einer großen Vielzahl rhetorischer Figuren, bei denen vor allem Metaphern und Allegorien als besonders komplexe Wort-Sinn-Verbindungen den Vorrang genossen. Vorgeprägte Schemata wurden immer wieder verwendet: antike Topoi und die zu jener Zeit zum Volksgut gewordenen Embleme charakterisieren die Dichtwerke, die oft nur durch deren Kenntnis entschlüsselt werden können. In diesem literarischen Gestus treffen sich die zwei Tendenzen des Barock: einerseits die Vorliebe für eine Gestaltungsweise, deren Doppelbödigkeit dem Transzendenzbewusstsein entspricht, andererseits die Neigung zum Effekthaften, die sich in der virtuosen Handhabung des Sprachmaterials objektiviert. Jenseitsgewandtheit und Vergänglichkeitskult sind untrennbar verbunden mit Lebenslust, ja Lebensgier: auf der Rückseite des memento mori steht carpe diem ('Nutze den Tag').
Eine eigenartige Synthese bildeten die
Jesuitendramen,
deren strenge religiöse Botschaft durch einen ungeheuren Aufwand,
ein theatralisches Feuerwerk, wie es bühnentechnisch erst wieder im
20. Jahrhundert erreicht wurde, bis zur Unkenntlichkeit übertüncht
wurde: das Spektakel der Haupt- und Staatsaktionen stand ganz im
Zeichen von Pomp und Repräsentationssucht, der Glanz der Welt, dessen
Vergänglichkeit und Sündhaftigkeit demonstriert werden sollte,
gab selber den Rahmen für das Dargestellte.
Hierin spiegelt sich die Rezeptionsgeschichte der deutschen Barockliteratur, die mit Einsetzen der Aufklärung in Bausch und Bogen für minderwertig erklärt wurde und nur sehr zögerlich eine Rehabilitierung erfuhr. Auch die Literaturwissenschaft hat das 17. Jahrhundert sehr lange als Stiefkind behandelt, bis in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts eine breite Beschäftigung mit der Literatur des Barocks begann. Gerade die Unausgeglichenheit, der Kontrastreichtum, die Neigung zum Extremen legen in vielen Aspekten eine Affinität der Barockzeit zu unseren Tagen nahe. Mögen Monstrositäten wie die von gelehrten Einschüben durchsetzten, überdimensionierten Romane Herzog Anton Ulrichs von Braunschweig, Daniel Casper von Lohensteins und Philipp von Zesens heute ebenso belächelt werden wie die Neuerungswut mancher Sprachgesellschafter, die etwa für Fenster »Tagleuchter«, für Fieber »Zittersucht« und andere Wunderlichkeiten mehr vorschlugen die Modernität vieler Aspekte der Barockliteratur lässt sich nicht leugnen. Die Anziehung durch das Exotische, wie sie in den Reise- und Abenteuerromanen zum Ausdruck kam, etwa in Heinrich Anselm von Zigler und Kliphausens "Die Asiatische Banise, Oder das blutig doch muthige Pegu" (1689), finden wir im ausgehenden 20. Jahrhundert ebenso w ieder wie das gesteigerte Interesse für Rätselhaftes, Verborgenes und Okkultes, wie es für die Schriften Athanasius Kirchners und vieler anderer Gelehrter der Zeit charakteristisch war. Die Suche nach immer neuen Ausdrucksmitteln verbindet den abstrus-faszinierenden Kühlpsalter von Quirinus Kuhlmann und die der Lautpoesie sich nähernden Gedichte Johann Klajs mit experimentellen Texten von Oskar Pastior und HC Artmann, die das Barock in ihren Schriften auch explizit einbeziehen. Axel Sanjosé
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