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Der aus der Kunstgeschichte übernommene
Begriff B. bezeichnet in der dt. Literaturgeschichte die Epoche zwischen
Reformationszeit bzw. Humanismus u. Aufklärung. Er ist nicht unumstritten,
doch bisher ohne konsensfähige Alternative.
Zur Wort- und Begriffsgeschichte.
Die Etymologie des Wortes B. ist nicht
eindeutig geklärt. Zum einen kann man das Adjektiv ›barock‹ auf das
mlat. ›baroco‹ zurückführen, ein mnemotechn. Symbol zur Bezeichnung
eines bestimmten formallog. Schlusses, der humanistischen Kritikern mittelalterl.
Syllogistik bzw. der Scholastik überhaupt als besonders abstrus galt;
in dieser negativen Bedeutung wurde ›baroco‹ im 16. u. 17. Jh. in Italien,
Spanien u. Frankreich verwendet (Montaigne: »C'est Barroco [...]«).
Zum anderen läßt sich ›barock‹ von einem aus dem Portugiesischen
stammenden Fachterminus für Juweliere herleiten (pérola barroca:
Perle von unregelmäßiger, schiefrunder Form), der im 16. u.
17. Jh. in Frankreich häufig belegt ist u. allmählich - möglicherweise
beeinflußt vom negativen Sinn des ähnlich klingenden scholast.
Merkworts - die Bedeutung ›seltsam‹, ›ausgefallen‹, ›bizarr‹ annahm (belegt
in Frankreich zuerst 1701). B. entwickelte sich so zu einem allg. Geschmacksbegriff;
dabei entspricht dem frz. ›goût baroque‹ der dt. ›Barockgeschmack‹
(Lessing 1750). In diesem meist negativen Sinn wurde ›barock‹ - parallel
zu ›bizarr‹, ›grotesk‹, ›schwülstig‹ u. ähnliches - im 18. u.
19. Jh. auf eine Vielfalt von Gegenständen, auch literarische, bezogen.
B. als Stil- u. Epochenbegriff
setzte sich erst seit etwa 1860 im Zusammenhang mit der methodolog. Entwicklung
der Kunstgeschichte - Ausbildung einer Konzeption von Stil u. histor. Epoche
- durch: negativ bei Jacob Burckhardt (Der Cicerone. Basel 1855), mit positiver
Tendenz u. a. bei Cornelius Gurlitt (Geschichte des Barockstiles in Italien.
Stgt. 1887), Heinrich Wölfflin (Renaissance und Barock. Mchn. 1888)
u. Alois Riegl (Die Entstehung der Barockkunst in Rom. Wien 1908). Zu den
frühesten Anwendungen des Barockbegriffs auf die Literatur zählt
Nietzsches Aufsatz Vom Barockstile (1879), doch eine breite Wirkung auf
die Literaturwissenschaft erzielten erst Wölfflins Kunstgeschichtliche
Grundbegriffe (Mchn. 1915). Sie postulieren eine zwischen klass. u. unklass.
(›barocken‹) Kunststilen sich bewegende Stilentwicklung, für die Renaissance
u. B. nur das Paradigma darstellen (»Es gibt eine Klassik und einen
Barock nicht nur in der neueren Zeit [...]«), u. bringen den Gegensatz
auf fünf Begriffspaare: linear - malerisch, Fläche - Tiefe, geschlossene
- offene Form (tektonisch - atektonisch), Vielheit - Einheit, Klarheit
- Unklarheit. Mit diesen Kategorien ließ sich einerseits die Eigenständigkeit
des B. gegenüber der Renaissance begründen, andererseits regten
sie weitergehende stilgeschichtl. Typologisierungs- u. Periodisierungsversuche
an.
Fritz Strich leitete mit seiner Charakterisierung
des Lyrischen Stils des 17. Jahrhunderts (1916) als Barockstil die zahlreichen
Versuche ein, B. als Stil- u. Epochenbezeichnung gegenüber dem bisher
vorherrschenden Terminus ›Renaissance‹ durchzusetzen u. die Epoche auf
einen stilistischen, weltanschaulichen u./oder soziolog. Nenner zu bringen:
B. als rauschhaft-myst., leidenschaftlich-expressive Sprachkunst in einer
spezifisch ›deutschen‹, d. h. irrationalen Traditionsreihe (Gotik, Barock,
Romantik, Expressionismus), B. als »Gestaltung antithetischen Lebensgefühls«
(Arthur Hübscher), als Spannung zwischen Diesseitslust u. Weltentsagung
(Emil Ermatinger u. v. a.), als Kunst der Gegenreformation (Werner Weisbach)
bzw. einer spezifisch höfisch-humanistischen Kultur (Günther
Müller) usw. Ging man, wie es die Herkunft des Begriffs nahelegte,
von der glanzvollen repräsentativen Architektur der Gegenreformation
u. des fürstl. Absolutismus bzw. der süddt. Fest- u. Theaterkultur
aus, gelangte man zwangsläufig zu einer klerikal-höfischen Auffassung
des B.; andererseits konnte man, wie Karl Viëtor, in der Mystik -
als Gegenpol zum undeutschen rationalistischen Humanismus - die »geistige
Mitte des deutschen Barock« vermuten. Auch die Ausdehnung des Barockbegriffs
auf andere Literaturen u. Künste trug angesichts der Ungleichzeitigkeit
der Entwicklung in den verschiedenen Literaturen u. Künsten, der unterschiedl.
Voraussetzungen u. nationalen Besonderheiten eher zur weiteren Verwirrung
bei. Gleichwohl ist der Barockbegriff in einer Reihe von Philologien u.
in der Musik heimisch geworden, aber um einen Preis: »Nur das Unspezifische
und Vage, wozu der Barock dem gegenwärtigen Bewußtsein sich
verdünnte, erlaubt den universalen Gebrauch des Namens« (Adorno
1977).
In der dt. Literaturwissenschaft
hat sich heute, gegründet auf Ansätze der Zeit um 1930 (Richard
Alewyn, Günther Müller, Hans Pyritz, Erich Trunz u. - als akademischer
Außenseiter - Walter Benjamin), eine an geistesgeschichtlichen Spekulationen
u. analogistischen Kunstbetrachtungen desinteressierte traditions- u. sozialgeschichtl.
Barockforschung durchgesetzt, die v. a. die Bedeutung der humanistischen
Gelehrtenkultur betont u. erst jetzt wieder die -allerdings recht umfassend
definierte - »Barock-Mystik« einbezieht (Hans-Georg Kemper).
In dem Maße freilich, in dem die im 17. Jh. wirksamen Traditionen
erkennbar wurden - Rhetorik, Poetik, nlat. Dichtung, Stoizismus, Patristik,
Emblematik, Petrarkismus usw. -, erwies sich eine Antwort auf die Frage,
worin die Einheit der Epoche bestehe, wo ihre Grenzen zu ziehen seien u.
wie sie geschichtlich zu bewerten sei, als eher noch schwieriger.
Alternativen zum Barockbegriff
konnten sich nicht durchsetzen. Ernst Robert Curtius regte an, den durch
seine Geschichte kompromittierten unpräzisen doppelten Barockbegriff
- B. als ahistor. typolog. Stilbegriff wie als Epochenbegriff - durch den
ebenfalls der Kunstgeschichte entlehnten Begriff des Manierismus zu ersetzen:
Dieser sollte, von allen histor. Assoziationen befreit, als »Generalnenner
für alle literarischen Tendenzen« dienen, »die der Klassik
entgegengesetzt sind«, als »Komplementär-Erscheinung zur
Klassik aller Epochen«. Zwar wurden durch diesen Vorschlag die Probleme
nur verlagert (Korrekturen, die die Epochenproblematik wieder reflektierten,
nahm der Curtius-Schüler Gustav René Hocke vor), doch erwies
sich der Begriff des Manierismus - »Autarkie und Überfunktion
des Stiles im ganzen wie der einzelnen Stilmittel« (Hugo Friedrich)
- als brauchbar zur Charakterisierung bestimmter stilistischer Erscheinungen
im Kontext der nationalen Extremstile wie Concettismus, Gongorismus, Euphuismus,
›Schwulststil‹ oder préciosité u. der europ. Theorien der
›Scharfsinnigkeit‹ (argutia, acutezza, agudeza). - Eine Rückkehr zu
den früher übl. Bezeichnungen ›Renaissance‹ oder ›(Spät-)Humanismus‹
mit dem Signum der konfessionellen Krise als übergreifendem, 16. u.
17. Jh. verbindendem Moment wird neuerdings von Klaus Garber erwogen, während
Kemper (1987) ›Konfessionalismus‹ als Epochenbegriff zu begründen
sucht (»Die Epoche des Konfessionalismus reicht von 1555/1563 bis
1685«).
Einführung in die Epoche.
B. als literar. Epochenbegriff bezeichnet,
so der Minimalkonsens, »auf einigermaßen ungenaue Weise das
17. Jahrhundert« (Schöne), d. h. die Zeit von den literar. Reformbemühungen
um 1600 bis zum endgültigen Durchbruch aufklärerischen Denkens
in den ersten Jahrzehnten des 18. Jh. Es ist eine geschichtl. Periode voller
Widersprüche, eine Zeit der konfessionellen Antagonismen, der Kriege
u. ökonomischen Krisen, der durch Seuchen, Katastrophen u. Hexenwahn
ausgelösten existentiellen Angst, der Widersprüche zwischen herkömml.
christl. Weltauffassung u. modernen, vom Humanismus zur Aufklärung
des 18. Jh. tradierten Denkformen u. neuen naturwissenschaftl. Ansätzen.
Die polit. Entwicklung führt, von Widerständen begleitet, von
der altständ. Gesellschaft zum (tendenziell) absolutistischen Territorialstaat;
reichsabsolutistische Bestrebungen scheitern endgültig mit dem Westfälischen
Frieden. Das Reich bleibt ein verfassungsrechtl. »Monstrum«
(Samuel Pufendorf).
Das Entstehen neuzeitl. politisch-staatl.
Organisationsformen seit dem 16. Jh. förderte den Aufstieg einer bürgerlich-gelehrten
Funktionselite, die sich als Stütze des Staates als der entscheidenden
Ordnungsmacht in chaotischen Zeiten etablieren konnte. Starke polit. u.
kulturelle Impulse gingen dabei von den calvinistischen Höfen u. den
ihnen nahestehenden Gelehrten aus, die auf der Basis gemeinsamer humanistischer
Grundüberzeugungen die Lutheraner für eine protestantische Einheitsfront
gegen den habsburgischen Katholizismus zu gewinnen suchten. Auch die Opitzsche
Literaturreform u. die Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft
stehen in diesem Zusammenhang.
Eine Stütze fanden diese vom
Geist der (innerprotestantischen) Toleranz geprägten u. auf irdische
Lebensbewältigung gerichteten Bestrebungen in der populären Philosophie
des christl. Stoizismus, wie sie der Niederländer Justus Lipsius in
seinem Buch De Constantia (1584. Dt. Danzig 1599) formuliert hatte. Sie
lehrt, wie hinter der Macht der Fortuna die unabänderl. göttl.
Vorsehung zu erkennen u. die Widrigkeiten des Lebens dank der stoischen
Haupttugend der constantia, durch Beständigkeit, Tugendhaftigkeit
u. Großmütigkeit zu ertragen u. die Ruhe des Gemüts zu
erlangen sei, erweist sich aber auch als eine auf aktive Meisterung des
Lebens gerichtete Lehre u. bildet ein Gegenstück zu dem vielberufenen
barocken Pessimismus. Der christl. Stoizismus prägte weite Bereiche
der Dichtung des 17. Jh.
Von den verschiedenen Konfessionen
wurde das Luthertum am stärksten von inneren Krisen erschüttert,
während die katholische Reformpolitik große Erfolge erzielte
u. der Calvinismus sich trotz der Niederlage Friedrichs V. von der Pfalz
weiterhin als aktive polit. Kraft behauptete u. sich in den Niederlanden
als Hort der Toleranz u. Wissenschaft erwies (Leiden besaß damals
die fortschrittlichste Universität Europas). Im Luthertum hingegen
kam es, nicht zuletzt aufgrund seiner dogmat. Erstarrung in der Orthodoxie,
zu großen Spannungen, die einerseits zu verstärkten (u. heftig
angefeindeten) Reformbemühungen innerhalb der Kirche führten
- von breiter Wirkung bis hin zum Pietismus waren die zu einem verinnerlichten
Glauben, einer andächtigen Herzensfrömmigkeit anleitenden Erbauungsschriften
Johann Arndts (Vier Bücher vom wahren Christentum. Erste Gesamtausg.
Magdeb. 1610 u. a.) -, andererseits die Ausgrenzung myst., spiritualistischer
u. pansoph. Zirkel (Jacob Böhme, Abraham von Franckenberg u. andere)
zur Folge hatten. Die Verfolgungs- u. Unterdrückungsmaßnahmen
konnten die tiefgreifende, auch die Dichtung erfassende Wirkung ihres Denkens
nicht verhindern, in dem sich Elemente mittelalterlicher Mystik u. neuplatonisch-paracelsischer
Naturspekulation mitsamt ihrem Entsprechungs- u. Verweisungsdenken (Mikrokosmos
- Makrokosmos) verbanden. Die Kontroversen verschärften sich gegen
Ende des Jahrhunderts, als der Orthodoxie mit Christian Thomasius das vernunftgeleitete,
auf Toleranz, Lebenspraxis u. gesellschaftlichen Nutzen gerichtete Denken
der Frühaufklärung entgegentrat.
Deutsche Literaturreform im europäischen
Kontext.
Der politisch-konfessionellen Spaltung
des Deutschen Reichs entsprach eine kulturelle u. literarische. Sie wurde
durch die Literaturrreform zu Beginn des 17. Jh., der sich die kath. Autoren
nicht anschlossen, für lange Zeit verfestigt.
Im europ. Kontext war Deutschland
in der Frühen Neuzeit eine ›verspätete Nation‹, politisch im
Hinblick auf den Prozeß, der in anderen Ländern zur Herausbildung
moderner Nationalstaaten führte, literarisch im Vergleich zu den volkssprachlichen
Renaissanceliteraturen Süd- u. Westeuropas. Anfang des 17.Jh. wurde
die kulturelle u. literar. Diskrepanz zum Problem u. löste zunächst
vereinzelte Erneuerungsversuche, dann konsequente Reformbestrebungen mit
dem Ziel einer neuen »Poesie in unserer Muttersprach« (Martin
Opitz) aus. Die Reformer gehörten der humanistisch gebildeten Gelehrtenschicht
an, die sich durch die Ausweitung der staatl. Funktionsbereiche in Konkurrenz
zum alten Adel einen privilegierten Platz in der Ständeordnung erobern
konnte. Sie verbanden Berufsausübung - als (meist protestantische)
Geistliche, Universitäts- u. Gymnasialprofessoren, Ärzte, Stadt-,
Landes- oder Hofbeamte usw. - u. eine von nationalen Zielsetzungen getragene,
in der Regel überkonfessionelle literar. Produktion, wobei sich ihreZiele
teilweise mit denen interessierter Fürsten u. Höfe trafen. Ausdruck
fand diese Interessengleichheit unter anderem in den Akademien (Sprachgesellschaften)
mit ihrer ›kulturpatriotischen‹, »auf die Deutsche sprache und löbliche
tugenden« (Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen) gerichteten
Programmatik angesichts eines politisch u. konfessionell zerrissenen, vom
Krieg verwüsteten Landes.
Man war sich in den engagierten späthumanistischen
Zirkeln im klaren, daß der Anschluß an das in-ternationale
Niveau nur gewonnen werden konnte, wenn man dem Beispiel der Italiener,
Franzosen oder Holländer folgte u. wie diese - u. andere Nationen
- auf eine Erneuerung der volkssprachl. Dichtung auf humanistischer Basis
setzte. Der »Sinnreiche Petrarcha«, »der berümte
Ronsardt«, des »Edlen Herrn Sidney Arcadia« u. der »Niderländische
Apollo, Daniel Heinsius« (Opitz) setzten die Maßstäbe,
nicht die dt. Dichtung der unmittelbaren Vergangenheit, die »für
Sprache und Vers nur veraltete Normen - im Meistersang - oder gar keine«
hatte (Trunz) u. von Opitz u. den anderen Reformern mit Nichtachtung gestraft
wurde. Das anvisierte Ziel war ohne einen entschiedenen Bruch mit der einheim.
Tradition nicht zu erreichen: Es führt kein Weg von Hans Sachs zu
Martin Opitz, Andreas Gryphius oder Daniel Casper von Lohenstein.
Gleichwohl besteht eine Kontinuität,
sie ist allerdings nicht an die Sprache gebunden. Denn neben der deutschsprachigen
Dichtung mit ihren Meistergesanggesetzen, Knittel- u. Kirchenliedversen
hatte sich seit Ende des 15. Jh. eine nlat. Literatur auf humanistischer
Grundlage entwickelt. Hier wurde ein Formenkanon geschaffen, der später
- mit dem der volkssprachl. Renaissanceliteraturen - in die deutschsprachige
Dichtung eingehen konnte, hier wurden die Paradigmen für den lyr.
Stil des 17. Jh. bereitgestellt (Karl Otto Conrady). Und noch im 17. Jh.
nahm die nlat. Dichtung nicht nur im kath. Bereich einen breiten Raum ein
u. wurde auch von primär deutsch schreibenden Zeitgenossen - wie etwa
Paul Fleming oder Gryphius - weiter gepflegt.
Mit der Literaturreform trat dann
zwar das Deutsche an die Stelle bzw. neben das Lateinische, doch das humanistisch-gelehrte
Arsenal der Dichter- u. Formensprache u. die rhetorischen u. poetolog.
Voraussetzungen blieben die gleichen. Dichtung, so verstanden, war weiterhin
Reservat einer elitären Schicht, wenn auch jetzt in der Volkssprache.
Grenzen der Reform.
Die katholischen Territorien. Die gelehrte
Kunstdichtung in dt. Sprache setzte sich nicht überall durch; ältere
Traditionen brachen nicht durchweg ab. So erschienen weiter Prosaromane
des vorigen Jahrhunderts (›Volksbücher‹), eine Sammlung wie das Venus-Gärtlein
(o. O. 1656) stellte ältere neben neue Lieder. Auch die Meistersingerkunst
wurde in manchen Städten weiter betrieben - in Breslau, einer der
Hochburgen der ›modernen‹ Poesie, gab es noch bis 1670 eine Singschule
-, doch hatten die Gelehrtendichter für derartige Kunstübungen,
die ihnen als Musterbeispiele dichterischer Rückständigkeit vorkommen
mußten, nur Verachtung übrig.
Diese Anschauung prägte auch
die protestantische Sicht der eigenständigen Literaturentwicklung
in den kath. Territorien u. bereitete damit ihre Ausgrenzung durch eine
meist teleologisch auf das Ziel einer einheitl. dt. Schriftsprache u. Nationalliteratur
ausgerichteten Literaturgeschichtsschreibung vor. Im Gegensatz zu den (protestantischen)
Literaturreformern, die bei grundsätzl. Zweisprachigkeit das Lateinische
allmählich in den Hintergrund drängten, hielten die kath. Autoren
am Vorrang des Lateinischen für den Diskurs unter den Gebildeten fest
u. führten zugleich im Einklang mit ihrem missionarischen Auftrag
die Tradition einer nichtelitären Literatur für alle, Gebildete
u. Ungebildete, in der Volkssprache fort. Sie verweigerten sich damit,
auch aus politisch-konfessionellen Gründen, den Normierungstendenzen
der Opitzianer u. der Sprachgesellschaften, bauten auf die eigene ›oberdeutsche‹
Sprach- u. Literaturtradition (Breuer 1979). So entfaltete sich auf der
einen Seite eine der (katholischen) europ. Tradition verpflichtete lat.
Produktion, die neben der gelehrten Literatur im engeren Sinn einflußreiche
Poetiken u. Rhetoriken (Jacob Pontanus, Jacob Masen) u. den breiten Strom
der Jesuitendramatik (Jakob Gretser, Jakob Bidermann, Nicolaus von Avancini
u. andere) ebenso umfaßt wie erzählende Prosa (z. B. J. Bidermann:
Utopia. Dillingen 1640. Adam Contzen: Methodus Doctrinae civilis, Seu Abissini
Regis Historia. Köln 1628) u. eine bedeutende, im Werk Jacob Baldes
gipfelnde lyr. Produktion. Auf der anderen Seite entstand, im Dienst der
kath. Reform wie kath. Fürsten, eine umfangreiche volkssprachl. Literatur
(Albert Curtz: in »der in diesen Landen üblichen Sprach«)
vorwiegend religiösen Charakters: Aegidius Albertinus' Übertragungen
u. Bearbeitungen von Werken der span. Literatur (Mateo Alemán, Antonio
de Guevara u. andere),Jeremias Drexels (aus dem Lateinischen übersetzte)
geistliche Traktate, eine sprachmächtige, bis ins 18. Jh. hinein wirkende
Predigtliteratur (u. a. Abraham a Sancta Clara) u. ein vielfach der Tradition
der geistl. Bukolik verpflichtetes Liedschaffen mit Friedrich Spees Trutz
Nachtigal (Köln 1649) als einem der Höhepunkte der dt. Lyrik
des 17. Jh. überhaupt.
Literatur und Gesellschaft.
Literatur im 17. Jh. ist »losgelöst
von gesellschaftlich-politischem Funktionszusammenhang gar nicht denkbar«
(Wolfram Mauser). Dieser Zusammenhang ergibt sich aus den Produktionsbedingungen
- Anlaß, Auftrag, Zensur usw. - ebenso wie aus ihrem grundsätzlich
rhetorisch-›öffentlichen‹ Charakter; darüber hinaus bilden Politik
u. Gesellschaft zentrale Themen der Dichtung des 17. Jh. Indem sie lehrt,
»was zu thun oder zulassen sey«, um so »fast spielend
zur Tugend / und dem was nützlich ist«, anzuleiten (Augustus
Buchner), leistet sie einen Beitrag zur - tendenziell allumfassenden -
›Sozialdisziplinierung‹ der Untertanen (Gerhard Oestreich).
Bei dieser Instrumentalisierung der
Dichtung für polit. Zwecke gibt es weder konfessionelle Grenzen, noch
beschränkt sie sich auf die offensichtlich ›politischen‹ Gattungen
wie Herrscherlob, polit. Lyrik oder höf. Festspiel. Gattungen wie
der höfisch-histor. Roman oder das Trauerspiel präsentieren oder
diskutieren polit. Modelle u. polit. Verhalten im Sinn absolutistischer
Doktrinen; v. a. die im Roman entwickelten polit. Ordnungsvorstellungen
reflektieren die Krisenerfahrungen der Zeit, antworten auf die in Europa
allgegenwärtige Bedrohung durch Krieg, soziale Veränderungen
u. polit. Umwälzungen.
Erscheint hier der absolute Fürstenstaat
als Garant für Sicherheit u. Ordnung, so können andererseits
gerade die realen Veränderungen in der Struktur des frühmodernen
Staates als Bedrohung empfunden werden. Sie artikuliert sich in Gattungen
wie der Satire, dem satir. Roman u. dem satir. Epigramm als direkte Opposition
gegen die Zerstörung der kulturellen Identität durch die moderne,
am Ausland orientierte Hofkultur mit ihrem ›machiavellistischen‹ Politikverständnis
(Friedrich von Logau, Johann Michael Moscherosch, Grimmelshausen u. andere);
andererseits erscheinen in der Schäferdichtung utop. Gegenbilder zur
geschichtl. Gegenwart u. den absolutistischen Herrschaftsmodellen. Hier
schafft sich die dem Fürstenstaat verpflichtete nobilitas litteraria
einen Freiraum (u. profiliert sich zgl. mit ihrer Betonung von Leistung
u. ›Tugend‹ gegenüber dem Geburtsadel), wie sich auch in der literarisch-gesellschaftl.
Kommunikation in den Städten mit ihren Schulen, Universitäten,
Ämtern, kirchl. Institutionen - u. a. in Form massenhafter geistl.
u. weltl. Gebrauchs- u. Gelegenheitsdichtung - eigene bürgerlich-gelehrte
Lebensformen manifestieren u. sich, getragen von humanistischem Selbstbewußtsein,
gegenüber der Hof- u. Adelskultur behaupten.
Literaturgeschichtlicher Abriss.
Die Geschichte der dt. Literatur im
17. Jh. ist durch ein fruchtbares Verhältnis von Rezeption u. Produktion
gekennzeichnet, nicht zuletzt bedingt durch den offensichtl. Nachholbedarf
u. das Bemühen, sich dem internationalen Niveau anzunähern. Das
wird schon bei Opitz sichtbar, der nicht nur die sprachl. u. verstechn.
Normen für eine neue dt. Kunstdichtung formulierte (Buch von der Deutschen
Poeterey. Breslau 1624), sondern zgl. auch, nicht minder folgenreich, Muster
für fast alle Gattungen u. Formen bereitstellte - Tragödie, Opernlibretto,
höfisch-histor. Roman, Schäfer-, Lehr- u. Bibeldichtung, geistl.
u. weltl. Lyrik - u. dabei durch Übertragungen u. Bearbeitungen ein
breites Repertoire von Werken der Weltliteratur seit der Antike zugänglich
machte.
An dieser Aneignung der literar. Tradition
durch sprachlich u. formal der neuen Poetik verpflichtete Übersetzungen
beteiligten sich neben u. nach Opitz zahlreiche andere Gelehrte u. Poeten.
Insbesondere die sog. Sprachgesellschaften regten die Übersetzungsarbeit
nachdrücklich an: auch um die Ausdruckskraft u. Würde der dt.
»Haubtsprache« (Justus Georg Schottelius) u. damit ihre Ebenbürtigkeit
mit den antiken u. modernen Kultursprachen zu erweisen. Das wurde angesichts
der polit. u. kulturellen Situation als eine durchaus bedeutsame Aufgabe
verstanden, an der sich u. a. Philologen u. Poeten wie Schottelius, Georg
Philipp Harsdörffer oder Philipp von Zesen mit weitreichenden sprachhistor.
u. sprachmyst. Theorien u. Spekulationen über die Nähe des Deutschen
zur Ursprache der Menschheit (lingua adamica) versuchten.
Die Geschichte der meisten Gattungen
beginnt als Rezeptionsgeschichte. Doch nicht immer konnten die Übersetzungen
signifikante Gattungstraditionen begründen. Das Epos etwa bleibt trotz
Tobias Hübner (Guillaume du Bartas) oder Diederich von dem Werder
(Tasso, Ariost) eine Randerscheinung. Dagegen führte z. B. beim Schäferroman
die Rezeption der repräsentativen Gattungsmuster (Montemayor, d'Urfé)
zu keiner direkten Nachfolge, sondern zu originellen eigenen Formen wie
dem kleinen, ›privaten‹ Schäferroman à la Jüngsterbawete
Schäfferey (Lpz. 1632) oder dem von Opitz geschaffenen Typ der Schäferei
oder ›Prosaekloge‹ (Garber).
Lyrik:
Die Poetik des 17. Jh. kennt keinen
umfas-senden Lyrikbegriff, sondern eine Vielfalt einzelner, inhaltlich
oder formal definierter Gattungen. Sie stammen zum einen aus dem großen
Repertoire der Antikeu. der europ. Renaissanceliteraturen, vermehrt durch
eigene Experimente, zum anderen werden einheim. Liedtraditionen bzw. Elemente
der lat. Hymnendichtung weitergeführt. Damit ist zgl. die Spaltung
zwischen der humanistischen Kunstdichtung opitzianischer Prägung u.
der ›oberdeutschen‹ kath. Literatur bezeichnet, die als »Christenlehre
und Predigt mit andern Mitteln« (Herzog 1979) einen eigenen Weg geht
(Spee, Johannes Khuen, Laurentius von Schnüffis u. andere) u. - wie
die ähnlich funktionsgebundene protestantische Kirchenlieddichtung
u. andere Zweckformen - die stilistische Entwicklung zu gesteigerter Artistik
u. Bildlichkeit nicht in dem Maße nachvollzieht, die als charakteristisch
für die Literatur des 17. Jh. gilt.
Als Ausschnitt aus einem wesentlich
komplexeren Bild läßt sich diese Entwicklungsgeschichte so andeuten:
Früher als bei den anderen Gattungen gelingt es in der Lyrik, sich
die neuen sprachl., verstechn. u. poetischen Mittel u. den Formenkanon
der nationalhumanistischen Kunstdichtung - Sonett, längeres Alexandrinergedicht
(›Elegie‹), Lehrgedicht, Epigramm, Ode (als große dreiteilige ›pindarische
Ode‹ u. als Lied), Sestine, Madrigal u. andere - anzueignen u., darauf
aufbauend, zu eigenständigen Leistungen zu finden. Flemings Liebeslyrik
vor dem Hintergrund des Petrarkismus u. seine neostoizistisch inspirierten
weltanschaulich-philosophischen Sonette, die krit. Epigrammatik Logaus,
die Vergänglichkeitsdichtung von Gryphius mit ihrem expressiven rhetorischen
Pathos oder die virtuose, klangmalende Verskunst Zesens u. der Nürnberger
Dichter (Harsdörffer, Johann Klaj, Sigmund von Birken) stehen für
diesen Vorgang in der ersten Jahrhunderthälfte, der auch durch die
Weiterentwicklung der opitzianischen Poetik durch Buchner, Zesen, Schottelius,
Harsdörffer u. andere gefördert wurde. Die hier erkennbaren Tendenzen
setzten sich fort in der formalen Meisterschaft der Lieder der Geharnschten
Venus Kaspar Stielers (Hbg. 1660), der Sonettkunst Catharina Regina von
Greiffenbergs mit ihren ans Manieristische grenzen den Wortbildungen, der
paradoxen myst. Epigrammatik Johannes Schefflers u. dem ebenso ekstatisch-prophetischen
wie rational kalkulierten Kühlpsalter des Chiliasten Quirinus Kuhlmann
(Amsterd. 1684-86). erstärkt wurde die Abkehr vom opitzian. Klassizismus
durch die Rezeption der manieristischen Dichtung Italiens u. Spaniens vor
allem im Werk Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus, Daniel Casper von
Lohensteins u. anderer ›Schlesier‹; theoretischer Wegbereiter arguter Poesie
in Deutschland war der Jesuit Jacob Masen, dessen Ars Nova Argutiarum (Köln
1649) mit den entsprechenden Schriften Baltasar Graciáns (Agudeza
y arte de ingenio. 1648) u. Emanuele Tesauros (Il Cannocchiale Aristotelico.
1654) konkurriert. Die - nie versiegte - klassizistische Gegenströmung
wiederum, die durch die Poetik Nicolas Boileaus (L'Art poétique.
1674) u. die Gedichte von Friedrich Ludwig Rudolph von Canitz (1700) bestärkt
wurde, setzte sich gegen die sensualistische, witzig-iron. Kunst mit ihrer
als exzessiv u. unnatürlich empfundenen Bildersprache erst nach einer
langen, nicht zuletzt von der galanten Dichtung geprägten Übergangsperiode
mit dem Wirken Gottscheds durch. Dieser wiederum berief sich auf Opitz
als den Vater der dt. Dichtkunst u. suggerierte damit eine literaturgeschichtl.
Entwicklung, die nach manchen Irrwegen in der nachopitzian. Zeit nun wieder
zur rechten Bahn zurückgefunden hatte.
Prosa:
Bei den komplexeren Gattungen erfolgt
der Schritt von der Übersetzung, im 17. Jh. als literar. Leistung
hochgeachtet, zu eigenständiger Schöpfung recht spät. Das
gilt insbes. für die beiden Hauptgattungen des Romans, den höfisch-historischen
u. den Pikaro- oder Schelmenroman, deren dt. Versionen aber - gerade bedingt
durch den zeitl. Abstand - demjeweiligen Gattungsmuster neue Seiten abzugewinnenvermögen.
Erhalten die dt. höfisch-histor. Romane ihre Bedeutung dadurch, daß
sie die zentralen Fragen der zeitgenöss. Politikdiskussion zu ihrem
Thema machen (Absolutismus, Staatsräson, Verhältnis von Politik
u. Moral usw.) u. in ihrer Struktur das Modell einer von der göttlichen
Vorsehung durchwaltetenWelt erkennen lassen, so durchbricht Grimmelshausen
in seinem Simplicissimus (Monpelgart 1669, recte Nürnb. 1668) - der
dt. Pikaroroman setzt gleich mit seinem Höhepunkt ein - unter dem
Eindruck des Dreißigjährigen Kriegs wie des frz. roman comique
(Charles Sorel) das Konzept eindimensionaler religiös-moralischer
Unterweisung in der Art von Albertinus' Guzmán-Bearbeitung (Mchn.
1615) u. macht sich damit erst den Weg frei für sein großes
satirisch-realistisches Zeit- u. Gesellschaftspanorama von weltliterar.
Rang. Während im weiteren Verlauf der Entwicklung der höfisch-histor.
Roman allmählich verflacht u. mit dem galanten Roman eine modische,
moralisch indifferente Konkurrenz erhält, entsteht parallel zur Verbürgerlichung
des Pikaroromans (Arnold Hirsch) mit dem ›politischen Roman‹ (Christian
Weise, Johann Riemer) eine auf prakt. Lebensbewältigung ausgerichtete
Variante des niederen Romans.
Neben dem Roman steht ein vielfältiges,
in seiner ganzen Breite bisher kaum erfaßtes fiktionales u. nichtfiktionales
Prosaschrifttum. Die europ. Novellentradition wird in moralisierenden Übersetzungen
u. Bearbeitungen zugänglich gemacht (Harsdörffer u. andere),
die Satire findet in Moscherosch (Gesichte Philanders von Sittewalt. Straßb.
1640/50) einen die »Alte Teutsche Redligkeit« hochhaltenden
Vertreter, journalistische u. popularwissenschaftlich-erbaul. Auswertungen
von Geschichtsbüchern u. Reisebeschreibungen verweisen auf das wachsende
Bedürfnis des ›curieusen‹ Lesers nach Neuem, das auch durch die zahlreich
entstehenden (u. vergehenden) Zeitungen seit Beginn des 17. Jh. befriedigt
wird. Von großer Bedeutung auch für die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten
der dt. Sprache ist die Fachliteratur, die - z. T. in Übersetzungen
- von Medizin, Naturwissenschaften u. Ökonomie bis zu Anleitungen
zur Festungsbaukunst ein breites Spektrum umfaßt. Eine kaum zu überschätzende
Wirkung auf die Dichtung geht von der religiösen u. erbaul. Literatur
beider Konfessionen (zahlenmäßig das wichtigste Segment des
Literaturmarkts) u. dem (natur)myst. Schrifttum aus.
Drama:
Theater im Deutschland des 17. Jh.
bedeutet vielerlei: Laienspiel, professionelles Wandertheater, ›schlesisches
Kunstdrama‹ sowie protestantisches Schultheater, kath. Ordensdrama, Festspiel,
Hoftheater, Singspiel u. Oper. Verbindungen zwischen den verschiedenen
Bereichen bestehen durchaus: Wandertruppen spielen unter dem Patronat von
Fürsten, die Jesuitenbühnen in München oder Wien übernehmen
die Funktion von Hoftheatern, für die Schulbühne geschriebene
Stücke von Gryphius u. Lohenstein werden an Höfen gespielt, aber
auch für die Wanderbühne bearbeitet. Der Blüte des europ.
Theaters im 17. Jh. allerdings - Shakespeare, Lope de Vega, Calderón,
Monteverdi, Corneille, Racine, Molière, Joost van den Vondel u.
andere - hatte Deutschland wenig entgegenzusetzen.
Während die englischen Komödianten
Ende des 16. Jh. zwar eine neue Organisationsform des Theaters u. einen
neuen, ›naturalistischen‹ Schauspielstil nach Deutschland brachten, war
literarisch anspruchsvolles Theater zunächst eine Domäne des
lat. Jesuitendramas. Anregungen für ein deutschsprachiges Kunstdrama
gingen wieder von Opitz aus, seinen Bearbeitungen u. Übersetzungen
ital. Operntexte u. antiker Tragödien (Sophokles, Seneca), doch zum
eigentl.Begründer des sog. ›schlesischen Kunstdramas‹ wurde Gryphius
unter dem Eindruck jesuitischer Märtyrerdramen u. der Theaterpraxis
in Italien, Frankreich u. den Niederlanden. Beim Trauerspiel führte
die Entwicklung von Gryphius' (auch politisch inspirierten)christlich-stoischen
Märtyrerdramen u. anderen Manifestationen der »vergänglichkeit
menschlicher sachen« zu den die Problematik polit. Handelns im Licht
zeitgenöss. Klugheits- u. Affektenlehren reflektierenden Stücken
Lohensteins u.den zum opernhaften Gesamtkunstwerk tendierenden »Trauer-
Freuden- und Schäffer-Spielen« Johann Christian Hallmanns. Gryphius'
Komödien fanden keine direkte Nachfolge; Christian Weise u. Christian
Reuter, u. a. frz. Repertoire (Molière) verpflichtet, stehen bereits
unter frühaufklärerischem Vorzeichen.
Zu den Besonderheiten der Trauerspiele
gehören die sog. ›Reyen‹, die in Analogie zum antiken Chor die einzelnen
Akte (›Abhandlungen‹) beschließen u. das Geschehene deuten. Es kommt
zu immer komplexeren Formen - parallel zur Intensivierung des metaphorischen
Stils überhaupt -, die ›Reyen‹ entwickeln sich, beispielsweise bei
Lohenstein, zu alleorisch-mytholog. Singspielen, die die ›Lehren‹ kunstvoll
verschlüsseln. Emblematisches bestimmt dabei nicht nur das stilistische
Detail: ›Abhandlung‹ u. ›Reyen‹, aber auch die Doppeltitel (Catharina von
Georgien. Oder Bewehrete Beständigkeit) lassen sich im Verhältnis
von pictura u. subscriptio, von bildl. Darstellung u. Deutung sehen u.
stützen so die These vom emblemat. Charakter des barocken Trauerspiels
(Schöne 1964).
Neben dem ›schlesischen Kunstdrama‹,
das sein Bühnenleben v. a. den Breslauer Gymnasien verdankt, spielt
die protestantische Schultheaterpraxis inengerem Sinn weiterhin eine bedeutende
Rolle u. erreicht mit Weises historisch-polit. Schauspielen u. Komödien
im Dienst seines erfolgsorientierten weltmännisch-›politischen‹ Erziehungskonzepts
einen letzten Höhepunkt.
Rezeption als Verdrängungsprozess.
Dichtung im 17. Jh. ist »intentionale
Kunst« (Wilfried Barner), die nur mit den Kategorien der Rhetorik
zu begreifen ist. Damit hängt auch ihr weiteres Schicksal zusammen.
Zwar begann der histor. Ausleseprozeß, der zum Ausschluß weiter
Bereiche der Barockdichtung aus dem literar. Bewußtsein geführt
hat, schon in der Aufklärung (nicht zuletzt als Kampf gegen den Lohensteinschen
›Schwulst‹ u. ähnl. Phänomene), doch das entscheidende Hindernis,
das bis heute einem historisch adäquaten Verständnis der Literatur
des 17. Jh. entgegensteht, stellt die klassisch-romant. Epoche u. die auf
ihren Kunstanschauungen gegründete Erlebnisästhetik dar. Ihre
Frage nach dem ›Erlebnis‹, der künstlerischen (nicht persönlichen)
Distanzhaltung des barocken poeta doctus völlig unangemessen, nahm
das negative Urteil vorweg, dem sich nur wenige Werke - Grimmelshausens
Simplicissimus, Kirchenlieder, Epigramme aus Schefflers Cherubinischem
Wandersmann u. einige Sonette von Fleming oder Gryphius - entziehen konnten.
[Sachlexikon: Barock, S. 4 ff. Digitale
Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 23630 (vgl. Killy Bd. 13,
S. 78 ff.)] |