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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Georg Trakl 

An die Verstummten
 
Georg Trakl

An die Verstummten 

O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend 
An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren, 
Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut; 
Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt. 
O, das versunkene Läuten der Abendglocken. 

Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt. 
Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen, 
Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht. 
O, das grässliche Lachen des Golds. 

Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit, 
Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.

Georg Trakl, einer der Hauptvertreter des Expressionismus in Deutschland, versuchte mit seinen Gedichten das Empfinden und die Phantasie des Lesers anzuregen und durch die ungewöhnliche Zusammenstellung von miteinander unvereinbaren Inhalten die Kontrolle des Verstandes zu umgehen. Er versuchte dies unter anderem durch die Beschwörung alter Mythen und religiöser Symbole, die unvermittelt mit modernen Gegenständen und Orten zusammengestellt wurden. Doch auch schockierende Vorstellungen von Hässlichem, die oft in der vertrauten Form lyrischer Sprache ausgedrückt sind, erzielten einen ähnlichen Effekt. 
Das Thema des Gedichtes ist die Darstellung der als unmenschlich und kalt empfundenen Stadt, die im krassen Gegensatz zum davor erlebten idyllischen Landleben steht. Beim ersten Durchlesen des Gedichtes fallen die letzten zwei Zeilen auf, die bei oberflächlicher Betrachtung des hier behandelten Themas nicht so recht ins Bild zu passen scheinen. Erst bei eingehender Untersuchung des Gedichtes lässt sich ein Zusammenhang herstellen.
Das Gedicht ist "An die Verstummten" gerichtet. Wer diese Personen sein sollen, erfährt man erst später: die Verstummten sind all diejenigen, die in der Anonymität der Stadt untergegangen sind. Sie haben keine Chance etwas zu sagen, da ihnen keiner zuhört und keiner auf sie eingeht. Resigniert und verletzt durch die Oberflächlichkeit und die ihnen entgegengebrachte menschliche Kälte ziehen sie sich aus der Öffentlichkeit zurück und verstummen. 
Gleich die ersten Zeile des Gedichts gleichen einem verzweifelten Aufschrei des lyrischen Ich, das an der Kälte der Stadt zu zerbrechen droht: "O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend / An schwarzen Mauern verkrüppelte Bäume starren, / Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut". Im Wort "Wahnsinn" spiegelt sich die maßlose Enttäuschung und die Abscheu des Erzählers vor der Stadt wider. Er ist von der "großen Stadt" in wohl all seinen Erwartungen enttäuscht worden. Nun hat er Angst davor, hier selbst dem Wahnsinn zu verfallen und möchte wohl am liebsten flüchten, was ihm aber nicht möglich ist. Er läuft "am Abend" durch die Stadt und sieht im blassen Schein der Straßenlaternen gespenstische Mauern und Gestalten. Die "schwarzen Mauern" stellen hier die Gefühlskälte der Stadtmenschen dar. Diese wohnen, abgegrenzt von anderen Menschen und geschützt vor neugierigen Blicken hinter Mauern. Auf diese Weise entziehen sie sich Anäherungsversuchen durch andere Stadtbewohner und schaffen Misstrauen und Gefühlskälte. Vor diesen Mauern starren "verkrüppelte Bäume" auf die Vorbeilaufenden. Die Bäume bilden den Gegensatz zu den schwarzen, kalten Mauern: Eigentlich sollen sie das Stadtbild verschönern und den Stadtmenschen die Natur näher bringen. Jedoch die Gefühlskälte der Menschen, das unbedingte Beherrschen - Wollen der Natur und das Fehlen menschlicher Wärme lassen die Bäume verkrüppelt wachsen. Außerdem schaut noch "Aus silberner Maske der Geist des Bösen" auf die Menschen herab. Die "silberne Maske" sind die Hochhäuser und Büros der Stadt, sie glänzen silbern, da sich das Licht der Straßenlaternen in den Fenstern und auf dem Metall der Bauten spiegelt. Hierbei wird auch auf den unbedingten Fortschrittsglauben der Menschen eingegangen: Alles muss höher, besser und schöner sein als in anderen Städten. Es kommt nur auf die "Maske" an, auf den äußeren Schein. Was sich dahinter verbirgt, ist nicht wichtig, der "Geist des Bösen" soll dem Betrachter verborgen bleiben. Das Licht, das "mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt", sind die Straßenlaternen, eine technische Errungenschaft und gleichzeitig der Sieg der Menschen über die Finsternis, über die Nacht. Die Nacht selbst ist "steinern", sie lastet schwer auf den Gemütern der Menschen, spendet keine Wärme, kühlt sie im Gegenteil sogar noch aus. Aus diesem Gefühl der Kälte heraus erfolgt dann der Ruf nach dem "versunkenen Läuten der Abendglocken." Dies stellt die Erinnerung des Erzählers an seine ländliche Heimat dar, in der er sich wohl fühlte und in der nach Feierabend, also nach dem Läuten der Abendglocken, die Geselligkeit mit der Familie oder mit Freunden auf der Tagesordnung stand. Im Gegensatz dazu steht die immer präsente Hektik der Stadt, in der das Geläute der Abendglocken untergeht, versinkt, kaum beachtet wird. Die Hoffnungen, Träume des Erzählers in Bezug auf die Stadt gehen ebenfalls unter. 
Der Erzähler beschreibt noch mehr negative Eindrücke, die er von der Stadt bekommen hat. So bemerkt er eine "Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kind gebärt". Die Hure steht hier als Zeichen der Gefühlskälte, der Oberflächlichkeit der Menschen, der fehlenden Liebe in dieser Stadt. Sie symbolisiert die Aufgabe der eigenen Würde und der Selbstbestimmung des Menschen. Die "eisigen Schauer" stellen die Gefühlskälte, die Seelenlosigkeit der Stadt dar. Schauer der Angst überkommen sie, wenn sie an die Zukunft denkt. Ihr Kind ist eine Totgeburt: All ihre Hoffnungen auf ein anderes, besseres Leben sind mit dem Kind gestorben. Hier findet sich ein weiterer Beleg dafür, dass Unschuld- zum Ausdruck gebracht durch das Neugeborene- in der oberflächlichen und kalten Stadt nicht überleben kann. Die Wut Gottes über die Entfremdung und das Desinteresse der Menschen untereinander kommt in den nächsten Zeilen zum Ausdruck: "Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen, / Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht." Meiner Meinung nach ist der Besessene der Mensch, der aufgrund seines unbedingten Fortschrittsglaubens nichts anderes mehr an sich heranlässt als die Lehren der Wissenschaft. Die Seuche, die sich in der Stadt ausbreitet, ist die Gier nach technischem Fortschritt. Der Hunger symbolisiert hierbei die innere Leere im Menschen, die er durch seinen unbedingten Glauben an den Fortschritt zu füllen versucht. Da Liebe und Wärme in der Stadt fehlen, ist die Hoffnung, die er anfangs mit "grünen Augen" zu sehen glaubte, zerbrochen. Daran erkennt man, dass die Leute in der Stadt abgestumpft sind und blind gemacht wurden dadurch, dass ihr Vertrauen und ihr Glaube an Gott zerbrochen ist. Erschüttert darüber beklagt der Erzähler das Zerbrechen seiner Träume, die er in der Stadt verwirklichen zu können geglaubt hatte: "O, das grässliche Lachen des Golds:" Hierbei fällt dem Leser das Vorurteil ein, die Strassen der Städte seien mit Gold gepflastert. Eine Vorstellung, die Tausende dazu veranlasste, aus den Dörfern wegzuziehen und in der Stadt ihr Glück zu machen. Jedoch sieht der Erzähler nun, dass diese Vorstellung nichts mit dem wirklichen Stadtleben zu tun hat. Er hört nun das "grässliche Lachen des Goldes". Grässlich deshalb, weil unmenschlich, vernichtend und desillusionierend. Er wird seiner Leichtgläubigkeit und seines Scheiterns wegen verlacht.
Der Schlusssatz scheint nun die Erlösung aus dieser unmenschlichen Umgebung zu sein: die in der Überschrift "Verstummten" versammeln sich und wollen die Schrecken der Stadt auslöschen. "Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit, / Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt." Das Nachdenken über die derzeitige Situation soll die Menschen von der Kälte der Stadt befreien. Die "harten Metalle", aus denen "das erlösende Haupt" zusammengefügt wird, sind eigentlich Elemente der Stadt (vgl. Häuser und Mauer). Hieraus kann man ersehen, dass die Kälte und all die anderen Schrecken der Stadt mit ihren eigenen Waffen geschlagen und - wenn möglich - vernichtet werden sollen. Die Verstummten sollen erlöst werden von ihrer Pein. Aber das Ganze soll "stille" geschehen, es soll zu keinem Aufschrei oder gar zu einer Revolution kommen. Die "dunkle Höhle" ist die Stadt selbst und die Wunden, aus denen die Verstummten bluten, sind Verletzungen, die sie durch die Gefühlskälte und das Desinteresse ihrer Mitmenschen bekommen haben.
Georg Trakl beklagt in diesem Gedicht das sich immer weiter ausbreitende Gefühl des Nicht-Verantwortlich-Seins, das mittlerweile einen festen Platz in der Gesellschaft einnimmt. Heute ist dieses Problem aktueller denn je zuvor. Die Kriminalitätsrate und die Gewaltbereitschaft nehmen immer weiter zu, jeder sieht im Anderen zuerst einmal einen absouten Fremden und nicht einen normalen Menschen. Unsere Gesellschaft ist viel misstrauischer geworden und es fällt uns schwer, auf andere Menschen zuzugehen. 

(Interpretation: Veronika Bauer)
http://www.herder-forchheim.de/faecher/deutsch/lk97-99/bauer.htm


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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