| Gottfried Benn
ANEMONE
Erschütterer -: Anemone,
die Erde ist kalt, ist nichts,
da murmelt deine Krone
ein Wort des Glaubens, des Lichts.
Der Erde ohne Güte.
der nur die Macht gerät,
ward deine leise Blüte
so schweigend hingesät.
Erschütterer -: Anemone,
du trägst den Glauben, das Licht,
den einst der Sommer als Krone
aus großen Blüten flicht.
Interpretation 1: |
Gliederungsvorschlag für eine Analyse und Interpretation
A. Textgegenstand: Symbolisches Dinggedicht, das die Polarität,
die Gegensätzlichkeit in dieser Welt am Beispiel darstellt.
B.
I. Inhalt und Gehalt
Die zarte Blume durchbricht in der noch kalten Jahreszeit die Erdkruste
und kündigt so den Sommer an. Die Zartheit siegt über die Macht,
die Gewalt.
(Denkbare erweiterte Deutung: die Kunst „siegt“ durch gegliederte Gesetzmäßigkeit
über den brutalen Realismus der Natur.). Den „Glauben“ ethisch zu
deuten liegt sicher nicht im Sinne benns.
II. Die Aussagekraft des kleine Gedichtes liegt fast ausschließlich
in der formalen Gestaltung.
1. Sparsamkeit, wortkarge, appellative Aussage; Aufruf (I,1, 3; II,3;
III,1,2)
Einfachster Satzbau (Hauptsätze, nur zwei Relativsätze)
Dem passiven Ausdruckscharakter der Verben in I und II (murmelt, schweigend
hingesät) stehen in III Verben aktiveren Charakters gegenüber
(trägt, flicht).
Fünf Vollverben stehen andererseits 18 (!) Substantiven
gegenüber. Ein „Statisches“ Gedicht? Paradoxerweise bewirkt diese
Häufung in III die Steigerung der Kraft des zarten „ins Riesige“.
2. Antithetischer Aufbau
Naturgegebene Voraussetzung: zarte Blüte gegen harte, kalte Erde.
Wird ein Kunst- oder Lebensprinzip formuliert?
Demnach: die verändernde Kraft nimmt in der Stille, im Zarten
seinen Anfang.
a) Antithese im Wort: Erschütterer - Anemone
Macht - leise Blüte
b) Antithese in der Zeile: I,1 und III,1
c) Antithese in den Strophen: I,2 gegen II,4; I, 1,1 gegen II,3,4;
d) Antithese im ganzen Gedicht: I und II (Ringen) gegen III (Lösung)
III. Metrische Form (Sparsamkeit auch hier)
a) Klassischer Vierzeiler, Kreuzreim (männlich - weiblich alternierend)
b) Vers: Dreihebig, vorwiegend jambisch
c) Rhythmus durch einige eingeschobene Daktylen aufgelockert, meist
da, wo der Sieg des zarten klar verbalisiert wird (I,1,4; III,1,2,3)
d) Sparsamkeit des Reims: I und III gleiche Reimklänge
e) Keine aufdringlichen Klangwiederholugnen, vielleicht in II, 3,4
ei (dreimal), desgleichen O - Laut in III, 3,4
f) Auffallend das mitziehende Enjambement im 3. Vers aller Strophen,
das einerseits abschließende Rundung der Strophe einleitet, andererseits
Vers 4 als „rejet“ steigernd heraushebt.
C. Die für ein „Dinggedicht“ eher zu sparsame Darstellung
der Anemone (es gibt -zig Anemonenarten) verdeutlicht die gewollte Allgemeingültigkeit
der aussage.
Das Gedicht steht sogar im Gegensatz zu vielen anderen Gedichten Benns,
in denen das Vergängliche vorrangig dargestellt wird (z. B. „Astern“)
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