| Gottfried Benn
Astern
Astern - schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.
Noch einmal die goldenen Herden,
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln vor?
Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,
Noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht:
Die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.
Struktur |
Motivation:
• „Astern“ an die Tafel schreiben; dazu Gedanken, Bilder und Zusammenhänge
äußern lassen
• die Nominalphrase „schwälende Tage“ hinzusetzen
• Text lesen + austeilen
Interpretation:
Das Titelwort ist an den Anfang gestellt. Es ist mit dem nachfolgenden
Text nur durch einen Gedankenstrich verbunden => es verhält sich asyntaktisch
zu ihm. „Astern“ tritt gleich zu Beginn als Motiv auf. Es entfalten sich
aus dem an den Anfang gesetzten Wort alle anderen Worte und Wendungen des
Gedichtes. „Astern“ werden zum Träger vielfältiger Bedeutungen
==>> Symbol. Es ist ein Reizwort, in dem die Stunde des scheidenden Sommers
symbolisch verdichtet wird.
„schwälende Tage“: „schwälen“ im Duden und in Wahrigs "Wörterbuch der deutschen Sprache" nicht verzeichnet
=> nach dem Grimmschen Wörterbuch bedeutungsgleich mit "schwelen".
Die Worte sind ohne Verbindung nebeneinandergesetzt => Substantivreihungen.
Die Sätze sind auf Nomen reduziert. Der Satz ist aufgelöst, es
bleiben lediglich Nomen wie Inseln stehen, die Verbindung zwischen ihnen
ist nur noch assoziierend möglich. Die Nomen sollen unsere Phantasie,
unsere Einbildungskraft in Bewegung setzen.
Formal wird so schon auf eine Statik verwiesen, auf den Stillstand
der Zeit, die „gestundete Zeit“, die von den Göttern angehalten wird
(Waage). Diesem Stillstand der aufgehobenen Zeit entspricht auch der Zustandcharakter
der Verben („anhalten“, Sommer „stand“ und „lehnte“, „sah zu“ => Ruhe).
Es fällt überhaupt die geringe Anzahl der Verben im Mittelteil
auf. Demgegenüber treten die häufigen Substantivierungen deutlich
hervor. Licht, Rausch, Rosen, Du, Werden => Begriffe, die Lebensfülle,
Andrängen sommerlichen Lebens, Werden und Entstehen, rauschhafte Hingabe
an ein Du bezeichnen.
Dadurch entsteht ein Gegeneinander von gesetztem Inhalt und syntaktischer
Form.
Die Inhalte assoziieren Bewegung, Rausch;
die syntaktische Struktur dagegen Ruhe, erstarrte Form.
Die angehaltene Stunde weist noch einmal auf die Fülle des Sommers
zurück: „goldene Herden“, „Himmel“, „Licht“, „Flor“, sie kündet
aber auch schon den sterbenden Sommer an:
Frage: „Was brütet das alte Werden,
unter den sterbenden Flügeln vor?“
Es folgen als Akkusativobjekte: „das Ersehnte, Rausch, Du, ein Vermuten“.
Im „noch einmal“ kündigt sich schon das Vorbeisein, das endgültig
Vergangene an
==>> Ambivalenz der Stimmung, untrennbares Miteinander von Lust
und Trauer. Das lyrische Ich möchte das „Ersehnte“ festhalten: die
Stunde, in der der Sommer noch einmal zurückgekehrt scheint <<==>>zugleich
aber auch die Gewissheit (obwohl das „Vermuten“ dagegen angeht), dass der
Sommer endgültig vorbei ist.
==>> Der Abschied des Sommers und des Herbstes wird im Bild der Schwalben
bestätigt.
Hinter dem vordergründigen Naturgedicht werden aber Fragen sichtbar,
die von existentieller Bedeutung sind:
=> Was könnte Beschwörung bedeuten? Wer beschwört? Was
wird beschworen? In welchem Zusammenhang befinden sich mithin die Dinge?
=> Was bedeutet das „alte Werden“? Was bildet den Gegensatz dazu?
=> Was besagt „der Rosen Du“? Was bedeutet ein Leben ohne Du, ohne
das Sinnbild der Rose?
Das lyrische Ich versucht die Lebensfülle, den Rausch etc. hinüberzuretten,
versucht der Erstarrung zu entgehen (Vermuten) und weiß gleichzeitig
(Gewissheit), dass die Zeit des Schaffens, Werdens etc. vorbei ist. |
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