| Oskar Loerke
Blauer Abend in Berlin
Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen
Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz im Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,
Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand
Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.
Interpretation
Aufgaben:
1. Lies das Gedicht. Beachte, dass einzelne
Sätze in den folgenden Vers überlaufen
(= Zeilensprung oder Enjambement).
Beschreibe die Wirkung dieser Erscheinung
auf Leser und Hörer.
2. Welcher Bewegung des Auges folgen die
Einzelbilder? Beziehe diese Abfolge
auf das Gesamtbild.
3. Von welchen Versen aus lässt sich der
Sinn dieser Strophen erschließen?
4. Vergleiche das Bild dieses Gedichts mit
„Der Gott der Stadt“ von Georg Heym. Beide
Gedichte dürften zur gleichen Zeit geschrieben sein.
5. Die Form verdient Beachtung. Die fünfhebigen
Verse sind eigentümlich angeordnet und haben eine
auffallende Reimfolge. Entwirf ein Schema nach
folgendem Muster: abba. . .
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