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Lyrik

Georg Heym 

Columbus [Zum 500. Todestag]
 
Georg Heym

Columbus
12. Oktober 1492 

Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,
Drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.
Nicht mehr der großen Horizonte Leere,
Draus langsam kroch des runden Mondes Ball.

Schon fliegen große Vögel auf den Wassern
Mit wunderbarem Fittich blau beschwingt.
Und weiße Riesenschwäne mit dem blassern
Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.

Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,
Die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.
Die müden Schiffer schlafen, die betören
Die Winde, schwer von brennendem Jasmin.

Am Bugspriet vorne träumt der Genueser
In Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn
Im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,
Und tief im Grund die weißen Orchideen.

Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,
Fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,
Und wie ein Traum versunkner Abendröte
Die goldnen Tempeldächer Mexikos.

Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne
Zittert ein Licht im Wasser weiß empor.
Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.
Dort schlummert noch in Frieden Salvador.

Bearbeitet


Am Ziel! Kolumbus und seine Männer betreten das ihnen unbekannte Land. 
Ölgemälde von Dióscoro Teófilo de la Puebla Tolín, 1862
Abb.[M]: Ayuntamiento de Coruna, Spanien/The Bridgeman Art Library

Der Ruhm und die Schande
Er ist der »Entdecker« schlechthin, sein größtes Abenteuer veränderte die Welt. Doch so bedeutend sein Erfolg, so bitter war sein Versagen. Zum 500. Todestag des Christoph Kolumbus ein Porträt des legendären Seefahrers 
Von Sten Nadolny

Mitten in der Nacht zum 12.Oktober 1492 wachte ein älterer Mann auf und ging leise vor die Tür, weil er nicht erwartete, rasch wieder einschlafen zu können. Er wollte etwas hin- und herwandern und aufs Meer hinausschauen – beides ließ ihn, daran war er gewöhnt, nach einiger Zeit wieder schläfrig werden. Heute jedoch nicht. Am Horizont meinte er einen Moment lang etwas funkeln zu sehen. Ja, jetzt schon wieder, an derselben Stelle, dann erneut verschwunden, ein Licht, das blinzelte. Die Augen des Mannes waren nicht gut genug, um die Lichtquelle zu erkennen, deshalb ging er zurück, weckte die anderen und fragte, ob sie Genaueres ausmachen könnten. Erst im Morgengrauen sahen sie, dass in der Bucht drei schwimmende Bauwerke lagen, höher als eine Ratshütte, und dass von ihnen mehrere Kanus ablegten und auf den Strand zusteuerten. 
Das ganze Dorf beobachtete, wie die Ankömmlinge – nur Männer – an der Landspitze ausstiegen. Ihre Körper waren bis auf Gesicht und Hände völlig von Stoffen bedeckt, einige Köpfe auch von funkelndem Metall, und nachdem sie mit gerunzelter Stirn etwas im Chor gesprochen und gesungen hatten, stemmten sie zwei kreuzweise aneinander gebundene Balken empor und befestigten den Fuß dieses Gebildes mit Keilen in einem Felsspalt so, dass es nicht umfallen konnte. Wollten sie einen Leichnam erhöhen oder einen Verbrecher bestrafen? Nein, es war wohl ein Zauber, der ihnen enorm wichtig war, denn sogleich murmelten sie wieder im Chor. Götter waren sie wohl kaum, denn sie schwitzten. Und sie rochen, bei allem Respekt, recht merkwürdig aus ihren Umhüllungen. 
Das war der Tag, als die Tainos der karibischen Insel Guanahani Europa entdeckten, jedenfalls vorerst dessen Abgesandte und Schiffe. Von jetzt an würde nichts mehr so sein wie zuvor, das ahnten sie, und einige hofften es sogar. Sie empfingen die Fremden freundlich, stellten sich ein bisschen dumm und gaben ihnen für allerlei nutzlosen Tand, sogar für die Scherben von Trinkgefäßen Schmuckstücke und gute, brauchbare Dinge, denn sie waren neugierig und wollten mehr erfahren: Wo kamen diese Männer her, was sagte ihre Sprache, was wollten und was suchten sie? Und warum bedeckten sie ihre Körper – trugen sie ein Geheimnis auf der Haut, einen Liebeszauber? 

Lieber lotet er fünfmal zu viel als einmal zu wenig

Christophorus Columbus, den die Spanier Cristóbal Colón nennen, hatte schon seit Jahrzehnten gewollt, was er jetzt mit seinen drei Schiffen Niña, Pinta und Santa María erreicht zu haben meinte: westwärts um die halbe Weltkugel zu fahren und Indien zu erreichen. An eine Scheibe glaubte schon seit der Antike niemand mehr, der aufs Meer gesehen und begriffen hatte, dass das »Versinken« von entfernten Inseln oder Schiffen hinter der Kimm nur durch eine gleichmäßige Krümmung der Erdoberfläche zu erklären war, also durch deren Kugelform. 
Im Moment zweifelten weder er noch seine Mannschaft, auf eine Inselwelt östlich von Indien und südlich von China und Japan gestoßen zu sein. Von diesem Teil der Welt (und seinem Reichtum) wusste man aus den Reiseberichten Marco Polos, der ihn gut zwei Jahrhunderte früher auf dem Landweg erreicht hatte. Noch brauchte Kolumbus nicht einzusehen, dass sich zwischen ihm und Indien ein auf dem Seeweg undurchdringlicher Landriegel befand, und die Frage, ob die von Marco Polo einst geschilderten Reiche und Zustände noch existierten, kam ihm gar nicht in den Sinn. Im Oktober 1492, auf der Insel Guanahani, der er den Namen des Heiligen Erlösers gab, San Salvador, fühlte er sich glücklich und seinem Ziel ganz nahe. 
Das Bordbuch von Colóns erster Reise gibt, trotz aller Ungewissheit der Unternehmung, jenes Entdeckerglück wieder, dem zuvor und danach allerhand mutige Männer verfallen sind wie einer Sucht. Da waren die Aussicht auf Lob, hohen Lohn und Reichtümer, der Stolz, etwas im Namen der Menschheit erstmals zu durchqueren, zu betreten oder zu besteigen, da waren atemraubend schöne Küsten und die immer fröhlich mitreisende Utopie: Ein neues Zeitalter, eine bessere Zukunft konnten sich auftun. Vor allem begeisterte das Entdecken selbst. Es bestand ja nicht nur im Aufzeichnen von Küstenlinien, sondern aus der ständigen Prüfung, wofür das Vorgefundene sich verwenden ließ. »Als ich gegen das Gebirge hinsah«, notierte Colón, »bemerkte ich große, wunderschöne Nadelbäume, von denen ich ohne Übertreibung behaupten kann, dass sie kerzengerade und von unheimlicher Dicke und Höhe waren. Dabei erfreute mich der Gedanke, dass man also auch hierzulande Balken, Bretter und Mastbäume verfertigen könne…«
Was er denn auch tat, und so bediente sich Europa am Sonntag, dem 25. November 1492, zum ersten Mal nennenswert aus den überseeischen Ressourcen: Die Karavelle Niña bekam einen neuen Besanmast und eine neue Raa für ihr Lateinersegel.
Seeleute sind aus gutem Grund der Überzeugung, man dürfe nicht zwei Bordbücher nebeneinander führen, ein wahres und ein gelogenes. Ein Kapitän, der das tue, werde irgendwann verrückt oder sterbe schon vorher. Kolumbus zog es also vor, nur ein einziges Buch zu führen. Aber er ließ niemanden darin lesen! Seine Mannschaft wurde nämlich immer ängstlicher, je weiter sie von zu Haus entfernt war. Ostwinde herrschten vor – wie würden sie also jemals Kastilien wiedersehen? Kolumbus ahnte zwar längst, dass man nur weit genug nach Norden fahren musste, um den Westwind für eine zügige Heimfahrt aufzufangen. Aber er nannte vorsichtshalber seinen Leuten, seitdem die letzten Inseln der bekannten Welt, die Kanaren, außer Sicht waren, stets nur etwa zwei Drittel der zurückgelegten Strecke. Getreulich trug er täglich beide Zahlen ein, die richtige und die falsche. Das Bordbuch sollte, das verraten einige etwas schönfärberische Passagen, zur Rechtfertigung Colóns dienen, seine Geldgeber erfreuen und sie zu weiteren Zuschüssen ermuntern, allen voran das spanische Königspaar. 
Dieses Bordbuch, wie auch andere Quellen, zeigen einen sorgfältigen Kapitän und aufmerksamen Navigator. Kolumbus hatte einen guten Instinkt für Stürme und Gefahren, bewegte sich in Küstennähe äußerst vorsichtig, lotete lieber fünfmal zu viel als ein einziges Mal zu wenig. Er entdeckte durch genaue Beobachtung die Missweisung der Magnetnadel und erhärtete die bereits vorhandenen Vermutungen über das Windsystem des Atlantiks. Er konnte die Breitenposition einigermaßen anhand von Sternhöhen über dem Horizont bestimmen (mit einem einfachen Peilgerät, einem frühen Vorläufer des Sextanten), die Länge hingegen nur sehr ungenügend durch Geschwindigkeitsmessungen mit Logscheit und Sanduhr (letztere fand er unzuverlässig, er maß die Zeit lieber anhand des eigenen Pulsschlags). Er war seemännisch erfahren und ein guter Schätzer, dennoch fielen seine Berechnungen und Annahmen hin und wieder erschütternd falsch aus – wie bei allen Kapitänen damals. 
Und wie alle Schiffe hatten auch die seinen mit Teredo navalis zu kämpfen, dem Schiffsbohrwurm. Diese rattengroße, Holz fressende Muschel, die sich in Bohlen und Planken bohrt und sie destabilisiert, ist fast unsichtbar, selbst wenn die Spanten schon mehr aus diesen Lebewesen denn aus Holz bestehen. Teredo navalis war einer der größten Gegner des Seefahrers; früher oder später kollabierten seine Schiffe, etwa bei der leichten Berührung einer Sandbank.
Auf dem Westweg Indien erreichen. Dass er das wollte, war niemandem verborgen geblieben, der je mit ihm gesprochen hatte. Aber wie kam ausgerechnet dieser eine und einzige Mensch dazu, es zu wollen? Zahlreiche Zeitgenossen, unter ihnen mutige Seeleute, hielten es längst auch für möglich, aber sie wollten und taten es nicht, einfach weil niemand es von ihnen verlangte.
Wir feiern den 500. Jahrestag seines Todes am 20. Mai auch aus der Verlegenheit, das Datum seiner Geburt nicht zu kennen. Wir wissen, wo er starb, in Valladolid, aber wir wissen nicht einmal genau, wo er geboren wurde? War es wirklich Genua, die ligurische Metropole? Es gab mehrere Orte dieses Namens in der damaligen Welt. Seit kurzem versucht man, sich durch DNA-Tests Gewissheit zu verschaffen, wo Cristoforo Colombo eigentlich herkam. War er überhaupt Italiener? Er sprach und schrieb offenbar nie Italienisch, und wo sein Latein Fehler aufweist, sind es typisch spanische. Ein spanischer oder auch portugiesischer Jude, dessen Vorfahren aus Italien eingewandert waren? Oder war seine Familie vor der spanischen Judenverfolgung nach Italien ausgewichen? Nein, außer seinem Lebensziel ist bei Kolumbus wenig sicher.

Ein Hauptfinanzier der Reise ist Sklavenhändler

Manches gilt immerhin als sehr wahrscheinlich: dass seine Familie gewöhnlich knapp bei Kasse war, dass er zunächst das Handwerk der Wollweberei erlernte, auf Schiffen anheuerte und so viel wie möglich über Navigation, Geografie, Astronomie und Kartografie las, um dereinst Großes zu vollbringen, reich und mächtig zu werden. Solch rasende Autodidaktik war für Leute aus einfachen Verhältnissen bis dahin gar nicht vorstellbar gewesen – ohne die Vervielfältigungskunst des Buchdrucks hätte es keinen Kolumbus gegeben. Wie im Fieber arbeitete er sich durch zahllose Werke und strich besonders alle Stellen an, wo von der möglichen Kugelgestalt der Erde die Rede war und – von Gold! 
Was nicht bedeutet, dass es ihm so speziell um Gold gegangen wäre. Es war wohl anders. Das Ziel stand schon früh fest, aber er suchte stets und immer weiter nach Argumenten, mit denen sich für seine Expedition bei geizigen, an Geografie gähnend desinteressierten Magnaten Geld lockermachen ließ. Und das gehört zu der imponierenden Vorgeschichte seiner Reise: wie er unermüdlich alles dafür getan hat, um sie überhaupt zu unternehmen. 
Als es ihn 1476 nach Portugal verschlagen hatte, versuchte er alsbald dem Hof näher zu kommen – seine Ehe mit einer nicht mehr ganz jungen Dame von Adel, Felipa de Perestrello e Moniz, entsprang möglicherweise der Liebe, führte aber jedenfalls auch dazu, dass er das königliche Kartenarchiv betreten und die berühmte Weltkarte Toscanellis studieren konnte. Diese zeigt einen »Oceanus occidentalis«, der im Osten von Europa und Afrika und im Westen von Japan, China und Indien begrenzt ist. Die angegebene Distanz schien überwindbar. 
Als Ehemann einer Aristokratin war er so etwas wie hoffähig, durfte Johann II. in der Audienz sein Anliegen vortragen und versuchen, eine königliche Expertenkommission zu überzeugen. Er hatte letztlich keinen Erfolg. Portugal war vor allem an den Goldschätzen und am Sklavenhandel des (weitgehend vom Islam beherrschten) afrikanischen Kontinents interessiert und suchte schon deshalb sein Indien lieber in dieser Richtung. 
Die Zurückweisung tat weh, aber Aufgeben kam Kolumbus nicht in den Sinn. Selbst-, ja Sendungsbewusstsein hatte er genug: Seinen Namen Christophorus nahm er wörtlich, »Träger Christi« – er fühlte sich berufen, Gott den Herrn über den Ozean zu tragen. Ferner unterschrieb er seine Briefe nicht wie ein normaler Mensch, sondern mit einer penetrant heiligmäßigen Buchstabenpyramide. 
1485, nach dem frühen Tod seiner Frau, zog er mit dem kleinen Sohn von Portugal nach Spanien, in ein Hafenstädtchen, um mit der Hilfe dort lebender Verwandter von vorne anzufangen. Wen konnte er überzeugen? Wer hörte überhaupt einem Mann zu, der offensichtlich nur eine einzige Himmelsrichtung kannte? 
Er versprach jedem etwas anderes, dem Staatsmann Gold und die Chance, den Islam in einen Zweifrontenkrieg zu verwickeln, dem Pfaffen die Bekehrung der »Indianer« und die Finanzierung eines großen, allerletzten und erfolgreichen Kreuzzugs zur Befreiung des Heiligen Grabes in Jerusalem. Dem Sklavenhändler deutete er an, brauchbares Material sei gewiss auch jenseits des Ozeans zu finden, den Portugiesen sagte er, dass sie durch ihn zur bedeutendsten Macht aufsteigen könnten (er hatte damit völlig Recht, und sie haben es verpasst), den Spaniern, dass sie Portugal überflügeln könnten, falls… (sie taten es). Und wenn es die Reformation schon gegeben hätte, wer weiß, ob er nicht protestantischen Bankiers eine garantiert papstfreie Zone in Zipangu (Marco Polos Japan) schmackhaft gemacht hätte. »Sacro egoismo« nennen das die Italiener durchaus anerkennend. 
Es passieren ja Wunder. Man braucht lediglich auf einer Fußreise (Kolumbus’ Sohn war mit dabei) in einem Kloster um Trank und Wegzehrung zu bitten, nach einer ersten Stärkung von seinem großen Thema anzufangen und in einem der freundlichen franziskanischen Zuhörer einen Menschen mit Vorstellungskraft zu finden, der zufällig(?) auch der alte Beichtvater der Königin Isabella von Kastilien ist, ein bescheidener Mann von beträchtlichem Einfluss – ist es wirklich so gewesen?
Plötzliche Wunder geschehen in Legenden, wirkliche Wunder brauchen meist länger, und das Leben ist kurz. Trotz der wichtigen Begegnung im Kloster La Rábida musste Kolumbus wieder die Ochsentour durchlaufen: antichambrieren, Demütigungen einstecken, endlos auf eine Audienz beim Königspaar Isabella und Ferdinand warten. Sie waren mit anderem beschäftigt: die Mohammedaner ganz von der Iberischen Halbinsel zu drängen, also Granada zu erobern. Und endlich auch alle Juden zu vertreiben, die keine Christen werden wollten.
Dieser Kolumbus, den Isabella sich immerhin angehört hatte, mochte noch seine Chance bekommen, sein Vorhaben passte in ihre Weltherrschaftsträume. Nur stellte er die gleichen Forderungen wie in Portugal: Er wollte Vizekönig der entdeckten Gebiete, wollte am Gewinn beteiligt und überdies geadelt werden. Keinen Millimeter wich er davon ab! Ein Mann, der unbedingt vollbringen wollte, worum ihn niemand gebeten hatte, und der auch noch darauf bestand, dass man ihn bat. Unverschämt war das, und eindrucksvoll.
Die Belagerung zog sich hin. Königin Isabellas Hemd wurde, weil sie gelobt hatte, es nicht vor dem Fall Granadas zu wechseln, immer »isabellenfarbiger«. Der Portugiese Bartolomeo Diaz hatte längst das Kap der Guten Hoffnung umrundet, während Kolumbus wartete, brummte und sich mit Gelehrtenkommissionen zankte wie üblich. Die Zeit lief ihm davon, er war nicht mehr jung, und es war abzusehen, dass die Portugiesen früher oder später Indien berühren würden. Er verlor schließlich die Hoffnung auf Spanien und zog los, um in Frankreich vorstellig zu werden. Da, im Januar 1492, sozusagen schon hinter dem Rücken des bekümmert davontrottenden Kolumbus, fiel Granada. 
Und es geschah schon wieder ein Wunder: Der Leiter der königlichen Vermögensverwaltung, ein getaufter Jude namens Luis de Santangel, beschwor seine Königin, Kolumbus zurückholen zu lassen und ihm die große Reise zu ermöglichen. Das Entscheidende: Er war bereit, dazu eigenes Geld beizusteuern. Ein Vertrag mit der Krone, der alle Forderungen des Kolumbus erfüllte, wurde noch im Hauptquartier Santa Fé geschlossen. 
Der größte Geldgeber war nicht die Krone, sondern Santangel. Schon der zweitgrößte Teil der Finanzierung kam, neuen Forschungen zufolge, von Gianotto Berardi, Repräsentant des Hauses Medici und Sklavenhändler zu Sevilla. Da der italienische Handel im östlichen Mittelmeer durch das Vordringen des Islams zurückgegangen war, wandten sich einige große Handelshäuser nach Westen und beteiligten sich am lukrativen Geschäft mit schwarzen Sklaven. Nimmt man das alles als gegeben, lesen sich im Bordbuch Colóns manche Passagen über die vertrauensvollen und gut lenkbaren Indianer etwas anders. 
Es steht nirgends geschrieben, dass Leute, die neue Inseln oder sogar Kontinente finden, zwangsläufig moralische Vorbilder sind – auch wenn wir das gern so hätten. Mit Christoph Kolumbus begann in der Karibik etwas, das die Portugiesen an Afrikas Westküste bereits vorgemacht hatten: das Herfallen über Eingeborene, deren Versklavung und Ausbeutung. Kolumbus war unfähig zum Widerstand, er wurde vielmehr schon im Verlauf seiner ersten Reise, mehr noch auf der zweiten bis vierten nicht etwa zum Gegner dieses Menschheitsverbrechens wie später Las Casas, sondern allmählich zum Mittäter. 
Sein Niedergang begann damit, dass er den selbst gewählten Auftrag vergaß, aus den liebenswürdigen Tainos Christenmenschen zu machen. Als er nicht genug Gold für seine Finanziers gefunden hatte, ging er zum Menschenraub über. Gewiss waren seine Kumpane bald noch brutaler, doch das entschuldigt ihn nicht. Wankelmütig, halbherzig nur ahndete er Vergewaltigung und Mord, schlimmer noch, es fielen ihm Rechtfertigungen für solches Wüten ein! Die Schuld an seinem moralischen Verfall, seinem Scheitern schob er, wie üblich, anderen zu, in diesem Fall den »Wilden« selbst, deren Gefügigkeit er vordem so begeistert beschrieben hatte. Jetzt erklärte er die Tainos, nur weil sie endlich begannen, sich zu wehren, gleich zu Verbrechern und Menschenfressern.

Königin Isabella verliert das Vertrauen in seine Fähigkeiten als Bekehrer

Isabella durchschaute das, sie hatte kein Vertrauen mehr in die politischen und missionarischen Fähigkeiten des Kapitäns. Denn sie, die »katholische Königin«, war gegen Sklavenhandel und für die energische Bekehrung zum Christentum. Letztere bis hin zum Terror: Auch die Enteignung und Vertreibung der ungetauften spanischen Juden, zufällig beginnend mit dem Tag von Colóns Abreise 1492, gehört zur Schande des Abendlandes, nicht anders als die vom Hass regierte Zerstörung der hochentwickelten muslimischen Kultur Andalusiens. Isabella selbst war nicht nur die gute Seele, die ihrem Visionär Kolumbus die Treue hielt, wie Jugendbücher es gern darstellen. Sie war machtbewusst, mitleidlos und ohne jede Toleranz, extrem rückwärts gewandt, und sie sorgte mit dafür, dass die Vitalität der Renaissance Spanien nie ganz erreicht hat.
Am 500. Todestag des Christophorus Columbus geniere ich mich nicht dafür, über seinen Ruhm etwas länger geschrieben zu haben als über seine Schande. Oder über sein wahnhaftes Beharren darauf, dass er Indien erreicht habe, selbst noch nach seinen weiteren drei Reisen, auf denen er bis zu den Küsten Mittel- und Südamerikas vorgestoßen ist. All das mindert ja nicht seinen Triumph: den Marathonsieg gegen Zweifel und Widerstände, den Mut, nach Westen und ins Ungewisse aufgebrochen zu sein, und, ganz nebenbei, die Tatsache, dass er angekommen ist. 
Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Berlin. International bekannt wurde er durch seinen Roman »Die Entdeckung der Langsamkeit«. Zuletzt erschien 2003 der »Ullsteinroman«.

©  DIE ZEIT, 11.05.2006
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