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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Georg Heym 

Das Fieberspital
 
Georg Heym, 

Das Fieberspital 

Die bleiche Leinwand in den vielen Betten 
verschwimmt in kahler Wand im Krankensaal. 
Die Krankheiten alle, dünne Marionetten, 
spazieren in den Gängen. Eine Zahl 

hat jeder Kranke. Und mit weißer Kreide 
sind seine Qualen sauber aufnotiert. 
Das Fieber donnert. Ihre Eingeweide 
brennen wie Berge. Und ihr Auge stiert 

zur Decke auf, wo ein paar große Spinnen 
aus ihrem Bauche lange Faden ziehn. 
Sie sitzen auf in ihrem kalten Linnen 
und ihrem Schweiß mit hochgezognen Knien. 

Sie beißen auf die Nägel ihrer Hand. 
Die Falten ihrer Stirn, die rötlich glüht, 
sind wie ein graugefurchtes Ackerland, 
auf dem des Todes großes Frührot blüht. 

Sie strecken ihre weißen Arme vor, 
vor Kälte zitternd und vor Grauen stumm. 
Schon wälzt ihr Hirn sich schwarz von Ohr zu Ohr 
in ungeheurem Wirbel schnell herum. 

Dann gähnt in ihrem Rücken schwarz ein Spalt, 
und aus der weißgetünchten Mauerwand 
streckt sich ein Arm. Um ihre Kehle ballt 
sich langsam eine harte Knochenhand. 

Betrachtet man die sprachlichen Mittel in Georg Heyms Gedicht "Das Fieberspital", so fällt sofort auf, dass sehr viele Farben verwendet werden. So tauchen zum Beispiel die Wörter "weiß", "grau", "schwarz" und "rot" auf, die allesamt an ein Krankenhaus erinnern, denn schwarze, graue und weiße Töne sind die Hauptfarben in Hospitälern. Darüber hinaus muss man bei "schwarz" sofort an Dunkelheit und Bedrohung denken und, in Verbindung mit einem Krankenhaus, auch an Tod. Ebenso wird der Leser bei der Farbe "rot" unweigerlich an Blut erinnert und Blut wird wiederum mit Tod assoziiert.
Doch neben den zahlreichen Farbbeschreibungen sind auch viele andere Adjektive zu finden, wobei die meisten abschreckend wirken und Ungemütlichkeit vermitteln. Beispiele hierfür sind " die bleiche Leinwand in den [...] Betten" (Z.1), "die kahle Wand im Krankensaal" (Z.2) und das "[kalte] Linnen" (Z.12). 
Aber auch die Eigenschaftswörter, die in Verbindung mit den Kranken gebraucht werden, erzeugen Unbehagen, wie das Sitzen "mit hochgezogenen Knien" (Z.12) oder die Tatsache, dass sie "vor Kälte zitternd und vor Grauen stumm" (Z.18) sind. 
Noch dazu fällt auf, dass der Autor sehr viel mit Personifikationen arbeitet, wenn er die Qualen der Kranken beschreibt. Denn wenn "das Fieber donnert" (Z.7) und "ihre Eingeweide [...] wie Berge [brennen]" (Z.7-8) sind die Leiden der kranken Menschen fast von einem selbst zu spüren. Genauso ist dies in Zeile 9 zu bemerken, wo sich das Gehirn von Ohr zu Ohr wälzt, was unverzüglich an starke Kopfschmerzen denken lässt.
Außerdem sind einige Vergleiche bei der Beschreibung von Körperteilen der Kranken zu finden. So [brennen] ihre Eingeweide [...] wie Berge" (Z.7-8) und "Falten ihrer Stirn [...] sind wie ein graugefurchtes Ackerland" (Z.14.15). Doch es sind auch Synästhesien erkennbar, wie das "frührot" in Zeile 16 und das "graugefurchte Ackerland" in Zeile 15, die möglicherweise das Aufsehen des Lesers erregen sollen.
Sonst ist noch auffällig, dass meist Parataxe herrscht, was dem ganzen Gedicht zusätzlich einen unfreundlichen, abschreckenden Charakter gibt. Eben dieses Ziel könnten auch die Wiederholungen der Wörter "die" und "sie" am Satzanfang verfolgen. Doch auch die Tatsache, dass es so gut wie keine überleitenden Wörter zwischen den Sätzen gibt verdeutlicht das düstere, ungemütliche Wesen des Gedichts zusätzlich.
In Heyms Gedicht "Das Fieberspital" sind die Gedanken des Expressionismus ganz deutlich zu spüren. So erkennt man in diesem Werk zum Beispiel die Absicht des Autors dem Menschen die Dinge so zu zeigen wie sie wirklich sind und daher lässt er Beschönigungen gänzlich weg. Also wird von Heym knallhart die Schrecklichkeit des Krankenhausalltags beschrieben. Er zeigt das Leid und die Qualen der Kranken und beschreibt deren Schmerzen mit Hilfe von Vergleichen und Personifikationen so, dass der Leser schon glaubt diese selbst zu spüren.
Auch vor der Erwähnung des Todes macht der Autor nicht halt, im Gegenteil. Er schildert sogar ziemlich anschaulich der dauernde Anwesenheit des Todes in einem Krankenhaus und beschreibt auch die Angst, welche in Hospitälern vor dessen Ankunft herrscht.
Außerdem zeigt Heym ekelhafte und abstoßende Dinge, die in einem Krankenhaus vorhanden sind, und von denen gesunde Menschen eigentlich nicht gerne hören. Auch dies ist ein typisches Kennzeichen des Expressionismus, da es sich um Zivilisationskritik handelt und ein Tabu, nämlich die Widerlichkeit eines Hospitals, verletzt wird. Denn diese Stilrichtung wollte mit Häßlichem schockieren, sie wollte den Alltag von all seinen Seiten zeigen. Hierbei wurden jedoch vor allem die Schattenseiten beschrieben, was als gefühlsmäßige Reaktion auf unbewältigte Erfahrungen mit der neuen Zeit gesehen werden kann.
Auch bei Heyms Gedicht liegt es sehr nahe, dass er dem Ekel, den er gegenüber einem Krankenhaus verspürte, Luft machen wollte und sich diese Gefühle von der Seele geschrieben hat. Denn die abschreckende Wirkung jener Anstalten wird an vielen Stellen von "Das Fieberspital" äußerst deutlich, wie zum Beispiel bei der Beschreibung der Spinnen, die an der Decke sitzen, der verschwitzten Betten oder des Todes, der "langsam eine harte Knochenhand" (Z.24) um die Kehlen der Todkranken legt. Somit sieht man also, dass der Expressionist Heym den Krankenhausalltag so dargestellt hat, wie er persönlich diesen gesehen hat. Daher hat er nicht nur irgendeine Situation beschrieben, sondern auch seine eigenen Gefühle in Bezug auf dieses Thema ausgedrückt.
Aber man sollte auch beachten, dass das in diesem Gedicht beschriebene Unvermögen der Menschen nicht nur in Bezug auf ein Krankenhaus gesehen werden sollte, sondern entsprechend dem Expressionismus ebenfalls die Welt außerhalb des Hospitals beherrscht.So symbolisieren die Kranken nicht nur Individuen, die dem Tod geweiht sind, sondern stehen für die gesamte kränkelnde Menschheit, welche keinerlei Hoffnung auf Besserung oder Erlösung hat. Eine Menschheit, die früher oder später an fürchterlichen Qualen wie Krieg oder Krankheiten wie AIDS zu Grunde gehen wird. Daher prophezeit Heym in seinem Gedicht in gewisser Weise den Untergang der Menschheit, da diese es einfach nicht schafft sich aufzuraffen und sich selbst zu heilen. 

(Interpretation: Kristina Heidner)
http://www.herder-forchheim.de/faecher/deutsch/lk97-99/heidne.htm


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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