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Lyrik

Else Lasker-Schüler 

Dem Barbaren
 
Else Lasker-Schüler
 
Dem Barbaren

Ich liege in den Nächten 
Auf deinem Angesicht.

Auf deines Leibes Steppe 
Pflanze ich Zedern und Mandelbäume.

Ich wühle in deiner Brust unermüdlich 
Nach den goldenen Freuden Pharaos.

Aber deine Lippen sind schwer, 
Meine Wunder erlösen sie nicht.

Hebe doch deine Schneehimmel
Von meiner Seele -

Deine diamantnen Träume 
Schneiden meine Adern auf.

Ich bin Joseph und trage einen süßen Gürtel 
Um meine bunte Haut.

Dich beglückt das erschrockene 
Rauschen Meiner Muscheln.

Aber dein Herz lässt keine Meere mehr ein. 
O du!

Aus: Oldenbourg Interpretationen. 
Gedichte des Expressionismus, interpretiert von 
Reinhard Meurer, München 1988, S. 38 - 43)

1912 wurde die dreiundvierzigjährige Dichterin (1869-1945) durch die Morgue-Gedichte auf den 17 Jahre jüngeren Gottfried Benn aufmerksam. In einem Brief an den Verleger C. Wolff nennt sie ihn einen "Herkulesdichter". Nach zwei gescheiterten Ehen ohne feste Bindung, immer auf der Suche nach menschlichen und künstlerischen Kontakten, näherte sie sich dem jüngeren mit der für sie bezeichnenden Direktheit. Wie weit Benn ihrem Werben entgegengekommen ist, bleibt ungewiss. In dem Gedicht Drohungen (Erstveröffentlichung 25.6.1913) spricht Benn die Dichterin an:

"Du bist Ruth. Du hast Ähren an deinem Hut. 
Dein Nacken ist braun von Makkabäerblut. 
Deine Stimm ist fliehend: Du sahst so lange 
Über die Mandeln nach Boas aus. 
Du trägst sie wie ein Meer, dass nichts Vergossenes 
Im Spiel die Erde netzt."

Er spielt damit an auf ihre jüdische Abstammung, die sie selbst immer hervorhob und zu einem phantastischen genealogischen Mythos stilisierte: Sie behauptete, sie sei die Reinkarnation des alttestamentarischen Josef. Der Ährenhut verweist auf ihre orientalisierende exotische Kostümierung (die sie sich selbst schneiderte), speziell auf ihren Lieblingshut. Der befremdliche Meer - Vergleich bezieht sich auf ihre metaphorische Selbstdeutung, z. B. in dem an Benn gerichteten Gedicht "Nur Dich":

11... Immer muss ich wie der Sturm will,
Bin ein Meer ohne Strand". 

Benns Gedicht spricht zwar von Liebe:

„... Meine Liebe weiß nur wenig Worte:
Es ist so schön an deinem Blut -"

Aber es ist nicht die personale partnerbezogene Art von Beziehung, die Else Lasker-Schüler anstrebte, sondern jener orgiastisch - dionysische Kult der Ich-Auflösung im animalischen Rausch, den Benn in vielen Gedichten dieser Epoche verherrlicht.:

„.. Ich bin Affen-Adam
... Ich treibe Tierliebe" 

In einem weiteren Gedicht reagiert Benn auf ein entsprechendes poetisches Bekenntnis der Else Lasker - Schüler. „Ich bin dein Wegrand" - so definiert sie in dem 1913 entstandenen Gedicht „Höre“ die Beziehung. Aber selbst diesen bescheidenen Rest von Gemeinsamkeit beseitigt Benn unzweideutig in dem Antwortgedicht „Hier ist kein Trost“ (Erstveröffentlichung 10. 10. 1913):

„.. Keiner wird mein Wegrand sein!' (70)

Das vorliegende Gedicht „Dem Barbaren“ entstand nach dem oben zitierten „Höre“, aber vermutlich vor dem 10. 10. 1913. Es ist das vorletzte eines aus 17 Gedichten bestehenden Zyklus „Gottfried Benn" (entstanden 1913, veröffentlicht 1917). Else Lasker - Schüler pflegte alle Freunde mit phantastischen Decknamen zu versehen. Gottfried Benn bedenkt sie mit einer ganzen Reihe von sprechenden Namen, in denen jeweils die aus ihrer Sicht markanten Persönlichkeitsaspekte hervorgehoben werden. So überschreibt sie mehrere Gedichte des genannten Zyklus mit „Giselheer dein Heiden ... .. Giselheer dem Knaben ... .. Giselheer dem König", „Giselheer dein Tiger", womit sie anspielt auf Benns Alter (Giselheer war der jüngste der drei Nibelungen), seine germanische Herkunft, seinen Atheismus und seinen Elan vital (der allerdings nur seine Gedichte, nicht sein reales Leben kennzeichnet). Schließlich widmet sie zwei Gedichte „Dem Barbaren“ . In dem vorliegenden Gedicht repräsentieren der Barbar einerseits und Joseph anderseits zwei verschiedene Welten, zwischen denen eine Verbindung letztlich nicht denkbar ist.

Das Thema wird in neun schlicht gebauten Zweizeilern variiert. Sie bestehen vorwiegend aus je einem Hauptsatz von unterschiedlicher Länge. Reim fehlt ebenso wie ein durchgehendes Taktscherna. Eine gewisse Rhythmisierung, die poetisches von alltäglichem Sprechen abhebt, entsteht durch die relativ regelmäßige Folge von Betonung und Nichtbetonung. Auf eine betonte Silbe folgen meist entweder eine oder zwei unbetonte Silben; in normaler Prosa kommen hingegen längere Ketten von unbetonten Silben vor. Die jeweils ersten Zeilen umfassen drei bis fünf Takte, die jeweils zweiten schwanken in ihrer Länge stärker zwischen fünf Takten in Strophe 3 und einem Takt in der Schlussstrophe. Insgesamt wirken die Zeilen formal wenig durchkonstruiert; vielmehr spiegeln sie den spontanen Impetus, aus dem heraus sie entstanden sind. Trotz des fehlenden Reimes eignet der Sprache jedoch eine durchgängige Musikalität, die sie ebenfalls von der Prosa abhebt. Sie wird bewirkt durch häufige Alliterationen ("meiner Muscheln" (Z. 16)) anderweitige Anklänge von Vokalen oder Konsonanten ("süßen Gürtel" (Z. 14), "erschrockene Rauschen" (Z. 15) Vor allem die regelmäßige inhaltliche und klangliche Korrespondenz von "meine" und "deine" trägt zu dieser Wirkung bei.
Der Aufbau des Gedichts ist gekennzeichnet durch inhaltliche und grammatische Parataxe. Eine gewisse Binnengliederung ergibt sich dadurch, dass die Strophen 4 und 9 jeweils eine Abrundung enthalten: Während alle anderen Strophen asyndetisch aufgereiht sind, werden diese beiden durch ein einleitendes "Aber" hervorgehoben. Zudem enthalten sie im Gegensatz zu allen anderen Strophen jeweils eine Negation. Die Vergeblichkeit aller Annäherungsbemühungen wird in diesen beiden Strophen so explizit und betont zum Ausdruck gebracht.
Das Gedicht lebt ganz und gar - wie die gesamte lyrische Produktion der Else Lasker - Schüler - von seiner Bildhaftigkeit, einer kühnen, ja bizarren Metaphorik, die zur Verselbstständigung vom realen Substrat tendiert. Allerdings ergibt sich dabei keine Verkettung von Metaphern zu einer zusammenhängenden Allegorie, sondern ein Feuerwerk von surreal anmutenden Bildarrangements, die zum Teil nicht einmal mehr visuell realisiert werden können (Beispiel: "Deine diamantnen Träume/schneiden meine Adern auf" (Z. 11 f.))
Die ersten vier Strophen werden noch durch eine gewisse Konsistenz des Bildfeldes zusammengehalten: Das "Du" wird durch Nennung von Körperteilen vergegenwärtigt ("Angesicht" "Leib" - "Brust" - "Lippen") und wirkt hier durchgehend erdhaft - unbeweglich, ja leblos ("deines Leibes Steppe", "deine Lippen sind schwer"). Das "Ich" hingegen erschöpft sich in letztlich fruchtlosen Aktivitäten, die auf Belebung der Beziehung abzielen. Schon die groteske Diskrepanz der Dimensionen und der semantischen Kopplungen lässt die Aussichtslosigkeit des Tuns und das Inferioritätsgefühl des "Ich" erkennen.
Den Höhepunkt an semantischer Gewagtheit bringen die beiden zentralen Strophen 5 und 6. Zunächst fällt auf, dass das Verhältnis von Aktivität und Passivität sowie die Zuordnung von oben und unten ohne Übergang ins Gegenteil verkehrt ist. Das "Du", das vorher als schlafender Gulliver erschien, hat nun aktive Verfügungsgewalt über "Schneehimmel", die auf dem "Ich" lasten - während es in der ersten Strophe noch hieß: "Ich liege ... auf deinem Angesicht."
Von den "Schneehimmeln" spannt sich eine Assoziationsbrücke bis zu den "diamantnen Träumen", einem Oxymoron, das noch dadurch verschärft wird, dass die "diamantnen Träume" in Antithese zu den Lebensadern des "Ich" gestellt werden. In diesem Zusammenhang wird zusätzlich zu den Konnotationen "durchsichtig, funkelnd", die "diamantnen" mit "Schneehirnmel" verbinden, die Konnotation "hart, schneidend" aktiviert. 
Während in den ersten 4 Zweizeilern die unzugängliche Körperlichkeit des "Du" gezeigt wurde, betonen die Strophen 5 und 6 die lebensbedrohende Dominanz des "Du" im geistig - seelischen Bereich. In der 7. und 8. Strophe versucht das "Ich" demgegenüber seine eigenen Qualitäten ins Feld zu führen, um wenigstens einen, wenn auch bescheideneren Selbstwert zu behaupten.
Die späte Selbstvorstellung "Ich bin Joseph" nimmt die orientalisierenden Metaphern der Eingangsstrophen wieder auf. Damit ist auch ein Rückbezug auf eine frühere dichterische Gestaltung erfüllter Liebe im Palmenlied (dem zwölften Gedicht des Benn - Zyklus) gegeben:

„... O du Süßgeliebter,
Dein Angesicht ist mein Palmengarten,
Deine Augen sind schimmernde Nile
Lässig um meinen Tanz..."

Liebesfreuden versprechen indirekt auch der "süße Gürtel" und die "bunte Haut (eine Bildkontamination mit dem bunten Rock des alttestamentarischen Joseph). Der folgende Hinweis auf "meine Muscheln" (Z. 16) könnte zwar auch in diese Reihe gestellt werden, insofern die Muschel als Emblem der Venus aufgefasst werden mag. Aber vermutlich steht hier die akustische Qualität ("Rauschen") im Vordergrund - eine singuläre Erscheinung in diesem ganz auf optische Elemente aufgebauten Gedicht. Zudem wird das "Rauschen" als einzige Tätigkeit des "Ich" dargestellt, die dem "Du" eine positive Reaktion entlockt. Somit liegt es nahe, diese Chiffre eher auf die poetische Leistung der Else Lasker - Schüler zu beziehen, die Benn ja immer vorbehaltlos und begeistert anerkannt hat. 
Die Schlussstrophe erweitert das Bildfeld. Das Meer ist bei Else Lasker - Schüler eine konstante Ich - Chiffre, wie sich aus vielen Gedichten und Briefen belegen ließe. "Meer" meint bei Else Lasker - Schüler nicht etwa Lebensfülle im Sinne Tonio Krögers, sondern das Fehlen von festen Grenzen und überschaubarem Lebensrahmen, Heimatlosigkeit und grenzenlose Wandelbarkeit des Ich. Der positive Gegenpol zu diesem besonderen Aspekt des Meeres ist das Festland bzw. Ufer oder Strand. Von daher ergibt auch die auf den ersten Blick paradoxe Aussage in dem Gedicht an Adalbert v. Maltzahn, „Dem Herzog von Leipzig“, einen Sinn:

„.. Deine Augen sind gestorben:
Du warst so lange auf dem Meer.
Aber auch ich bin Ohne Strand."

Der Bildkomplex "Meer - Muscheln" ist übrigens schon in einem früheren Gedicht des Benn - Zyklus vorgeprägt:

Immer muss ich, wie der Sturm will,
... Bin ein Meer ohne Strand.
Aber seit du meine Muscheln suchst, Leuchtet mein Herz ..."

In „Dem Barbaren“ wird das Bild ins Groteske überzeichnet dadurch, dass dem Herzen des "Du" die räumliche Kapazität und die personale Entscheidungsfähigkeit zugesprochen wird, Meere in sich einzulassen oder auszuschließen. Ferner impliziert das Bild die Vorstellung von personifizierten Meeren, die ihren natürlichen Ort und damit ihre Identität aufzugeben wünschen. Am meisten befremdet allerdings, dass dem eisigen "Du" - Phantom der ersten 6 Strophen ein Herz (und sei es ein nunmehr verschlossenes) zuerkannt wird.
Man mag es vom ästhetischen Standpunkt bedauern, dass die Dichterin nach dem eindrucksvollen Bild der sechsten Strophe nicht den Schlussstrich gezogen hat. Aber der spontane Ausdruck ihres momentanen Gefühls war ihr immer vorrangig gegenüber ästhetischen Rücksichten. So scheut sie sich nicht, das Gedicht mit der trivialen Emphase des "0 du" ausklingen zu lassen.
Ähnliche Bildbrüche sind für Else Lasker - Schülers Gedichte geradezu charakteristisch. Ein eklatantes Beispiel dafür bietet das vierte Gedicht des Benn - Zyklus:

„Ich fürchte mich
Vor der schwarzen Erde.
Wie soll ich fort?

Möchte in den Wolken
Begraben sein, überall, wo Sonne wächst,..."

Unmittelbar auf derart gültige und Zeit überdauernde Bildprägungen, die an Celans Todesfuge gemahnen, folgt ein sprachlich ungestaltetes Telegramm:

„... Liebe dich so!
Du mich auch?
Sag es doch ---"


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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