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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Georg Heym 

Der Abend
 
Georg Heym, 

Der Abend

Versunken ist der Tag in Purpurrot, 
Der Strom schwimmt weiß in ungeheurer Glätte. 
Ein Segel kommt. Es hebt sich aus dem Boot 
Am Steuer groß des Schiffers Silhouette.

Auf allen Inseln steigt des Herbstes Wald 
Mit roten Häuptern in den Raum, den klaren. 
Und aus der Schluchten dunkler Tiefe hallt 
Der Waldung Ton, wie Rauschen der Kitharen.

Das Dunkel ist im Osten ausgegossen, 
Wie blauer Wein kommt aus gestürzter Urne. 
Und ferne steht, vom Mantel schwarz umflossen, 
Die hohe Nacht auf schattigem Kothurne.

Der Abend ist immer die Tageszeit der subjektiven Erlebnislyrik gewesen. Der Abend löst die scharfen Konturen der Landschaft auf. Himmel und Erde verlieren ihren Kontrast. Das menschliche Ich fühlt sich in den naturhaften Verschmelzungsprozeß einbezogen. Was der Tag durch sein unbarmherziges Licht trennt, führt Hesperus zusammen. So hat Hugo von Hofmannsthal die Wirkung des Abends umschrieben.
Auch Georg Heym bevorzugt das Motiv des Abends vor allen anderen Tageszeiten. Aber er erlebt den Abend nicht als Verschwimmen und Verschmelzen, sondern meist als kosmisch - dramatischen Vorgang, etwa als Machtwechsel von Tag und Nacht. Tag und Nacht werden häufig personifiziert, im Extrem können Sonne und Mond zu kosmischen Ungeheuern stilisiert werden:

Kata 
Ein roter Donner. Und die Sonne tost, 
ein Purpurdrachen. Sein gezackter Schwanz 
Peitscht hoch herauf der weiten Himmel Glanz,

Musik, Musik. Ein göttlicher Choral. 
Das offne Maul der Sonne stimmt ihn an, 
das Echo dröhnt vom weiten Himmelssaal. 

Und ruft hervor der dunklen Nacht Tyrann, 
den Mond, Tetrarchen, der im Wolkental 
Schon seltsam lenkt das fahle Viergespann.

Im Vergleich mit der hyperbolischen Expressivität dieses Gedichts wirkt „Der Abend“ (entstanden am 2 7. 9. 19 10, also ein halbes Jahr vor „Kata“) geradezu klassisch - harmonisch. Dennoch ist auch hier die polare Grundstruktur unverkennbar. Der Spannungsbogen reicht von der ersten bis zur letzten Zeile:
„...Versunken ist der Tag ... 
Und ferne steht ... Die hohe Nacht auf schattigem Kothurne."

Allerdings erscheint die Nacht hier nicht als Tyrann, sondern als Dramenprotagonist. Durch die Spannweite des Bildes - der Blick wird vom äußersten westlichen zum fernen östlichen Horizont gelenkt - entsteht der Eindruck ungeheurer Erstreckung in der Horizontalen. Zudem wird die vertikale Dimension in allen drei Strophen durch alternierende Blicklenkung in die Höhe und die Tiefe betont:

1. Strophe: "versunken - hebt sich"
2. Strophe: "steigt in den Raum - der Schluchten dunkle Tiefe"
3. Strophe:"ausgegossen/gestürzter Wein - hohe Nacht/Kothurn"

Ein explizites lyrisches Ich wäre in dieser global dimensionierten Landschaft deplaziert, da deren Weite ("Auf allen Inseln", 5. Z.) reale Beobachtungsmöglichkeiten übersteigt. Dennoch ist wenigstens ein imaginäres Beobachtungszentrum angedeutet: "Ein Segel kommt." (3. Z.) impliziert Bewegung zum Sprecher hin (wenn auch nicht direkt und geradlinig auf den Sprecher zu). Wenn der Schiffer als "Silhouette" (4. Z.) gesehen wird, so ist damit seine räumliche Relation zum imaginären Beobachter gegeben. Der Schiffer muß sich zwischen Beobachter und westlichem Abendhimmel befinden. Auch die letzte Strophe enthält Ortsangaben, die räumliche Relation zu einem Beobachtungsstandpunkt suggerieren - "ferne" und "Osten". Beide Angaben werden absolut, d. h. ohne Vergleichsgröße (fern von .., im Osten von ...") gesetzt. In einem solchen Fall wird normalerweise der Ort des Sprechers als Bezugspunkt betrachtet.
Durch derartige Relationsangaben wird dem Landschaftsbild die dritte Dimension der räumlichen Tiefe hinzugefügt.
Der Gegensatz von Tag und Nacht hat seine Entsprechung nicht nur in der polaren Raumstruktur, sondern auch in der Farbgebung. In der ersten Hälfte des Gedichts dominiert ein ungebrochenes Rot - in der ersten Zeile zu "Purpurrot" potenziert. In seiner Umgebung finden sich die Lichtwerte "weiß" (2. Z.) bzw. "klar" (6. Z.). Sie dienen dazu, die Farbigkeit des Rot voll zur Wirkung zu bringen. In der zweiten Gedichthälfte tritt das Dunkel seine Herrschaft an: "dunkler" (7. Z.) - "Dunkel" (9. Z.) "schwarz" (11. Z.) - "schattigem" (12. Z.). Selbst die Farbe des Vergleichsbildes muß sich entsprechend anpassen: Rotwein verdunkelt sich zu "blauer Wein" (10. Z.).
Die Monumentalität des Bildes wird mit dadurch bewirkt, daß mit Ausnahme des Segelbootes alles Singuläre bzw. Akzidentielle ausgeklammert ist. Sprachliches Anzeichen dafür ist die Dominanz des generalisierenden bestimmten Artikels. Dadurch ergibt sich der Eindruck überzeitlicher Gültigkeit. Dieser wird verstärkt durch die archaisierenden Vergleiche bzw. Metaphern, die wiederum als Reimwörter besonders hervorgehoben sind: "Kitharen" (8. Z.) - "Urne" (10. Z.) - "Kothurne" (12. Z.). Dazu kommen feierliche Archaismen in Form des vorangestellten Genitivattributs: "des Schiffers Silhouette" (4. Z.) - "der Schluchten dunkle Tiefe" (7. Z.) - "des Herbstes Wald" (5. Z.) -"Der Waldung Ton" (8. Z.).
Wie oben schon bemerkt sticht unter den generalisierenden oder Kollektivität ausdrückenden Begriffen ("der Tag" - "die Nacht" - "alle Inseln" usw.) das singuläre "ein Segel" (3. Z.) hervor. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf die einzige menschliche Figur im Gesamtbild des Gedichts. Indem sich aber diese Erscheinung "groß" ... "aus dem Boot hebt", gewinnt sie wiederum übermenschliche Dimension. Dadurch daß sie nur als gesichtslose schwarze Silhouette sichtbar wird, erscheint sie als unpersönliches, fast nichtmenschliches Wesen - wie so manche der überdimensionalen Gestalten, die Heym in abendliches Gegenlicht zu stellen liebt. So etwa in Printemps:

„... Ein Ackerer geht groß am Himmelsrand. 
Davor, wie Riesen schwarz, der Stiere Paar,
Ein Dämon vor des Himmels tiefer Glut."

In einem Gedicht, das gleichfalls 1910 entstanden ist, findet sich ein dem Abend sehr verwandtes Bild:

„... Ein großer Kahn zieht in der Wasser Tal. 
Er leuchtet düster, wenn das Dunkel weicht. 
Ein Fährmann lenkt ihn, dessen Antlitz fahl 
Und tot wie Stein hoch in die Wolken reicht." (106)`

Während der "Fährmann" in dem zitierten Text unübersehbare Ähnlichkeit mit dem mythischen Charon, dem Fährmann der Toten, aufweist, läßt sich die Gestalt des "Schiffers" in Der Abend kaum als symbolisch interpretieren. Man kann nur sagen, daß etwas Fremdartig - Überindividuelles von ihr ausgeht und daß die späteren archaisierenden Bilder auch bei dem "Schiffer" an eine entsprechende antike Herkunft denken lassen. Alle weiteren Festlegungen wären Spekulation.

Die syntaktische und die metrische Struktur des Gedichts sind von einem derart strengen Gleichmaß bestimmt, wie man es von einem Werk des Expressionismus nicht erwartet und etwa bei dem jungen Benn nie finden würde. Für Heym jedoch ist dieser Formwille charakteristisch. Der Reim alterniert durchgehend. Er enthält keinerlei Unreinheiten. Besondere Klangwirkung erzielt Heym, indem er (wie Rilke mitunter) die gewichtigsten drei Reimpositionen an den Strophenenden mit Fremdwörtern besetzt. Sie sind noch nicht durch lange Reimtradition abgenutzt wie "Herz" und "Schmerz" und können daher ihren fremdartigen Klangreiz voll entfalten. Außerdem dienen sie - vom Wortinhalt her - dazu, durch archaisierende Verfremdung eine Aura numinoser Feierlichkeit zu erzeugen.

Die Sätze sind - abgesehen von einer poetischen Verbumstellung in der drittletzten Zeile - durchaus grammatisch gebaut. Die syntaktischen Bezüge lassen sich immer ganz eindeutig feststellen (im Gegensatz etwa zu Trakls verschwimmender Syntax). Mit einer Ausnahme in der dritten Zeile, umfassen die Sätze regelmäßig zwei Zellen.
Die jambischen Verse fließen - in klassischer Fünfhebigkeit angeordnet - ohne jede Unregelmäßigkeit dahin und spiegeln durch ihr ruhiges unaufhaltsames Dahingleiten die Großräumigkeit des Gesamtbildes. 


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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