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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Georg Heym 

Der Gott der Stadt
 
Georg Heym, 

Der Gott der Stadt

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. 
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. 
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit 
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal, 
Die großen Städte knien um ihn her. 
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl 
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten - Tanz dröhnt die Musik 
Der Millionen durch die Straßen laut. 
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik 
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen. 
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt. 
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen 
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. 
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt 
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust 
Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.

1. Die Strophen des Gedichts umgreifen e i n 
großes Bild. Betrachte zunächst die einzelnen 
Bildelemente.
Einige Hilfen: 
- Baal ist ein semitischer Sturm- und Fruchtbarkeitsgott, 
dessen Kult von den Propheten Israels scharf bekämpft 
wurde. Seitdem gilt seine Verehrung im Bereich der 
jüdischen und christlichen Kultur als Inbegriff 
widerwärtigen, abstoßenden Götzendienstes. 
- Korybanten sind dämonische Gestalten, die die 
kleinasiatische Göttin Kybele ekstatisch umtanzen.

Suche weitere religiöse Zeichen oder Verehrungsweisen 
in Heyms Gedicht und stelle ihre Herkunft fest.
Aus welchen Bereichen stammen die anderen Bildelemente?
2. Erörtert das Ergebnis eurer Feststellungen im Hinblick 
auf die Wirkung des Gedichts auf den Leser.
3. Betrachte die Form des Gedichts (fünfhebige Verse). 
Bestätigt sie die aus 1. gewonnenen Ergebnisse?
4. Wie ist Vers 6 zu erklären?

Interpretation
Arbeitsblatt
Tafelbild1
Tabellarische Darstellung

Beobachtungen zum Text

Die erste Strophe setzt sogleich mit dem Entwurf einer grotesken Szenerie ein: Er, zunächst nur vom Titel her als "Gott der Stadt identifizierbar, ruht in offenbar überdimensionaler Größe - worauf Zeile 2 hindeutet - auf einem Häuserblock: er dominiert, so szenisch anschaulich gemacht, die Stadt, die er vollständig zu überblicken vermag (Z. 3/4). Details der Großstadt werden nur insoweit herangezogen, als sie auf ihn bzw. seine Wahrnehmungspespektive bezogen sind. 
Die zweite Strophe verzerrt die Größenverhältnisse der Szenerie noch weiter: der 'Gott der Stadt', jetzt mit dem neuen Namen Baal benannt, ist im Zentrum einer Anzahl größerer Städte um ihn herum dargestellt. Deren Haltung gegenüber dem Baal - in anthropomorphisierender Weise als 'Knien' der Städte bezeichnet erzeugt die Vorstellung einer Art 'religiöser' Beziehung zwischen Stadt und Baal, die sich in einer kultischen Handlung äußert.

Erneut werden Details der Stadtwirklichkeit, hier die Kirchenglocken, in ihrer Anzahl überdimensional, auf den Baal bezogen dargestellt. (Vergl. Strophe 1)

Die Vorstellung eines religiösen Kultes führt Strophe drei weiter:
- der Lärm der Stadt erscheint in dieser Beleuchtung, indem er mit der kultischen Begleitmusik des phrygischen Kybele - Kultes verglichen wird
- hier wird sogar die gesamte Bevölkerung der Stadt als an der Kultausübung beteiligt dargestellt - die Zahlenangabe "Millionen" verstärkt dabei den Eindruck der Größenverhältnisse und führt damit den überdimensionalen Charakter der erzeugten Vorstellungen weiter - s. a. Z. 6 f. - doch ca. 2 Millionen Einwohner hatte Berlin damals doch schon!
- der Rauch der Fabriken erscheint so als Produkt eines kultischen Opfers mit dem Ziel, den Gott freundlich zu stimmen; der Vergleich (Z. 12) stellt ausdrücklich die religiöse Beziehung her
- die Elemente der Stadtwirklichkeit wie "Der Schlote Rauch" und die "Fabrik" sind in dieser Darstellungsweise funktional eingebettet in die Vorstellung eines kultischen Vorgangs und dienen nicht etwa einfach der Wirklichkeitsbeschreibung.

Von der vierten Strophe an verändert sich die Szenerie: Details der Stadt, die bisher in der eben beschriebenen Einbettung in die Kultvorstellung vorgekommen sind, fehlen jetzt ganz, der Text konzentriert sich auf die Beschreibung des Baal:
- er gewinnt noch an überdimensionaler Größe, indem die Stürme von seinem "Haupthaar" ausgehen
- seine Gestalt signalisiert Bedrohung für die Stadt, der ungewöhnliche Vergleich der Stürme mit Geiern verstärkt diesen Eindruck; dem Opfer (Str. 2/3) scheint eine Beruhigung seines Zornes nicht zu gelingen.

Die fünfte Strophe bringt die Zerstörung:
- Allein die drohende Gebärde des überdimensionalen Gottes genügt, um die Zerstörung einzuleiten.
- Die eine Straße, auf die hier im Text die Zerstörung noch beschränkt ist (vergl. dagegen Heyms Gedicht "Die Dämonen der Städte"), wird durch die Beschreibung umgeformt in ein Chaos des Feuers, von dem nichts verschont wird.

Zu bedenken wäre auch die sprachliche Eigenart des Textes:
Neben Wendungen, die die Wirklichkeit verfremden (z. B. Z. 6 - s. o.), fallen neuartige Wortbildungen (z. B. Z. 12), semantisch ungewöhnliche Aussagen (Z. 1/13 f.) oder Brüche der normalen Grammatik (Z. 16) auf. Merkmale expressionistischer Sprache können so ermittelt werden, doch kann in diesem Zusammenhang hierauf nicht weiter eingegangen werden.
Mit dem Entwurf eines mythischen Wesens, das als 'Gott der Stadt' diese dominiert, bietet dieser Text ein Stadtbild ganz eigener Art, das sich deutlich abhebt von den früheren Bestrebungen, Wirklichkeit genau widerzuspiegeln.
Wirklichkeitselemente sind hier vielmehr funktional eingebunden in das visionäre Bild, das das Leben in der großen Stadt als Götzenkult interpretiert. Die Wirklichkeit, die im Verlauf wissenschaftlich / technischer Entwicklung dem Menschen zunehmend analysierbar und verfügbar geworden ist, wird somit in Heyms Gedicht wieder dämonisiert.
Das Leben in der Stadt Heyms ist nicht bestimmt durch soziale Differenzierung, es erzeugt weder Faszination noch Bedrückung bei den Bewohnern, alle scheinen vielmehr gleichermaßen beteiligt an einem irrationalen Treiben, das schließlich Untergang und Tod zur Folge hat. Im Bild der Verehrung eines dämonischen Wesens, das zunehmend an überdimensionaler Größe gewinnt, bis es voller Zorn für den Menschen den Tod bringt, entlarvt Heym die "zerstörerischen Kräfte moderner Zivilisation und Großstadtwelt". Die Stadt wird so als Ort von Zerstörung und Tod mit Hilfe der mythologischen Bildhaftigkeit anschaulich gemacht - zugleich spiegelt sich darin auch die Zeitstimmung vor Ausbruch 1. Weltkriegs wider.

Zusammenfassung wichtiger Aspekte
- das Bild des Baal und seine Veränderung
- Darstellung der Beziehung Stadt - Baal als kultische Anbetung
- Integration der die Realität der Stadt beschreibenden Elemente in das visionäre Bild, das der Text entwirft
- Deutung der Zerstörung der Stadt durch den Baal 
- Sprache des Textes

[Bearbeitet nach: Deutsch. Unterrichtsmaterialien, Freising (Stark Verlag)]c


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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