HOME SUCHE DEUTSCH RELIGION KONTAKT IMPRESSUM © 2006 H. Kerber
http://www.kerber-net.de
Standort:
Fachbereich Deutsch
Lyrik

Gustav Sack 

Der Schrei
 
Gustav Sack, 

Der Schrei

Aus dieser Stein gewordenen Not, 
aus dieser Wut nach Brunst und Brot,

aus dieser lauten Totenstadt, 
die sich mir aufgelagert hat

härter als Erz, schwerer als Blei,
steigt meine Sehnsucht wie ein Schrei

quellend empor nach Meeren und Weiten 
und ungeheuren Einsamkeiten,

aus all dem Staub und Schmutz und Gewimmel 
nach einem grenzenlosen Himmel.
..
 Interpretation

Grund und Ziel dieser Sehnsucht wird an der Bewegungsrichtung, die sich in den einzelnen Strophen entfaltet, anschaulich:

- den Ausgangspunkt der Sehnsucht beschreiben die beiden ersten Strophen, die mit dem anaphorischen "aus ( ... )" den Ort angeben, von dem das Ich sich abwenden will und der die Motivation für die Sehnsucht entstehen lässt
- die dritte Strophe formuliert die sich ausbildende Intensität und Richtung der Sehnsucht als ein 'Aufsteigen' (mit alliterierender Bindung der Bedeutung tragenden Begriffe durch das 's')
- die vierte Strophe nimmt diese Bewegungsrichtung mit dem „(...) empor nach ( ... )" auf und beschreibt das Ziel der Sehnsucht
- die fünfte Strophe stellt Ausgangs- und Zielpunkt noch einmal unmittelbar nebeneinander und greift dazu die Bezeichnungen, die den Eindruck einer Bewegungsrichtung hervorrufen ("aus [ ... ] nach") erneut auf.

Die Artikulation der Sehnsucht des Ich durchzieht somit thematisch den Text und bestimmt mit dem Aufbau der Bewegung 'von ... weg' - 'nach' seine Struktur.

Der Satzbau (nur ein Satz!) unterstreicht die Spannung auf das Ziel der Sehnsucht hin.

Die Motivation für die Gefühlsartikulation des Ich bildet seine negative Erfahrung der Stadt. Stadtwirklichkeit greift der Text dabei in keinerlei Detaildarstellung auf, sondern deutet sie nur an (Z. 1 und 3). Charakteristisch ist dabei, wie Aussagen der subjektiven negativen Gefühlserfahrung anderes durchdringen und überlagern:

- Das Häusermeer ("stein (...)“) der Stadt wird so zum zeichenhaften Ausdruck individueller "Not", die in der folgenden Zeile als emotionales und ökonomisches Defizit gekennzeichnet wird.
'Stadt' wird somit anschaulich einzig als Stätte der Erfahrung von zwischenmenschlicher Kälte und Mangel - eine Erfahrung, die über die subjektive Aussage des Ich hinaus als generalisierbare Erfahrung der Menschen in der Großstadt verstanden werden kann.
- Mit dem 'Lärm' (Z. 3) deutet der Text erneut ein Detail der Stadt an, transformiert es dann aber in die subjektive Perspektive, indem die - zusätzlich negativ konnotierte - Stadt sinnfällig als Bedrückung für das Ich ("aufgelagert") ausgesagt wird, eine Bedrückung, die durch die Vergleiche in Zeile 5 zusätzlich an Intensität gewinnt.
- Von der Klanggestaltung her unterstreichen die häufigen dunklen Vokale den Eindruck der Bedrückung.

Das Ziel der Sehnsucht beschreibt die vierte Strophe in räumlichen Vorstellungen, die den Eindruck der Grenzenlosigkeit erzeugen und für das Ich gegenüber den Bedrückungen durch die Stadt das Gefühl der Freiheit implizieren:

- die in Z. 8 genannten "ungeheuren Einsamkeiten" sind hier als überdimensionale Fülle positiv zu verstehen und müssen von einem Mangel an zwischenmenschlicher Beziehung (s. o./s. u.) deutlich unterschieden werden
- die dominierenden langen e- und ei - Laute dienen hier zur Unterstützung der Vorstellung.

Kontrastiv stellt die letzte Strophe die Erfahrung der Stadt und das Ziel der Sehnsucht gegenüber:

- Die Stadt wird lediglich gesehen in ihrer Hässlichkeit und als Stätte der Vermassung, in der der Einzelne untergeht (vgl. dagegen auch die Erwartung ungeheurer Einsamkeiten" - s. o)
- dagegen gestellt ist das Ziel der Entgrenzung des Ich, das - metaphorisch in die Aussage vom "grenzenlosen Himmel" gefasst - allerdings ähnlich wie die Zielvorstellung in der voranstehenden Strophe weniger anschaulich erscheint als die Darstellung der Stadterfahrung des Ich, die seinen Sehnsuchtswunsch motiviert hat.

Die Großstadt, so ließe sich zusammenfassen, erscheint in diesem Text als Ort vielfachen Mangels, der Enge, Bedrückung und der Hässlichkeit. Dabei werden diese Vorstellungen der Stadtwirklichkeit jedoch nicht, wie im Naturalismus, durch Beschreibungen des Details erzeugt, sondern sie entstehen eingebunden in die subjektiven Gefühlsäußerungen eines Ich, das seine Sehnsucht, sich von der Stadt lösen zu können, artikuliert.


 
 
 
 
 
 
 
 

 

Deutsche | Lyrik