| Gustav Sack,
Der Schrei
Aus dieser Stein gewordenen Not,
aus dieser Wut nach Brunst und Brot,
aus dieser lauten Totenstadt,
die sich mir aufgelagert hat
härter als Erz, schwerer als Blei,
steigt meine Sehnsucht wie ein Schrei
quellend empor nach Meeren und Weiten
und ungeheuren Einsamkeiten,
aus all dem Staub und Schmutz und Gewimmel
nach einem grenzenlosen Himmel.
..
Interpretation |
Grund und Ziel dieser Sehnsucht wird an der Bewegungsrichtung, die sich
in den einzelnen Strophen entfaltet, anschaulich:
- den Ausgangspunkt der Sehnsucht beschreiben die beiden ersten Strophen,
die mit dem anaphorischen "aus ( ... )" den Ort angeben, von dem das Ich
sich abwenden will und der die Motivation für die Sehnsucht entstehen
lässt
- die dritte Strophe formuliert die sich ausbildende Intensität
und Richtung der Sehnsucht als ein 'Aufsteigen' (mit alliterierender Bindung
der Bedeutung tragenden Begriffe durch das 's')
- die vierte Strophe nimmt diese Bewegungsrichtung mit dem „(...) empor
nach ( ... )" auf und beschreibt das Ziel der Sehnsucht
- die fünfte Strophe stellt Ausgangs- und Zielpunkt noch einmal
unmittelbar nebeneinander und greift dazu die Bezeichnungen, die den Eindruck
einer Bewegungsrichtung hervorrufen ("aus [ ... ] nach") erneut auf.
Die Artikulation der Sehnsucht des Ich durchzieht somit thematisch den
Text und bestimmt mit dem Aufbau der Bewegung 'von ... weg' - 'nach' seine
Struktur.
Der Satzbau (nur ein Satz!) unterstreicht die Spannung auf das Ziel
der Sehnsucht hin.
Die Motivation für die Gefühlsartikulation des Ich bildet
seine negative Erfahrung der Stadt. Stadtwirklichkeit greift der Text dabei
in keinerlei Detaildarstellung auf, sondern deutet sie nur an (Z. 1 und
3). Charakteristisch ist dabei, wie Aussagen der subjektiven negativen
Gefühlserfahrung anderes durchdringen und überlagern:
- Das Häusermeer ("stein (...)“) der Stadt wird so zum zeichenhaften
Ausdruck individueller "Not", die in der folgenden Zeile als emotionales
und ökonomisches Defizit gekennzeichnet wird.
'Stadt' wird somit anschaulich einzig als Stätte der Erfahrung
von zwischenmenschlicher Kälte und Mangel - eine Erfahrung, die über
die subjektive Aussage des Ich hinaus als generalisierbare Erfahrung der
Menschen in der Großstadt verstanden werden kann.
- Mit dem 'Lärm' (Z. 3) deutet der Text erneut ein Detail der
Stadt an, transformiert es dann aber in die subjektive Perspektive, indem
die - zusätzlich negativ konnotierte - Stadt sinnfällig als Bedrückung
für das Ich ("aufgelagert") ausgesagt wird, eine Bedrückung,
die durch die Vergleiche in Zeile 5 zusätzlich an Intensität
gewinnt.
- Von der Klanggestaltung her unterstreichen die häufigen dunklen
Vokale den Eindruck der Bedrückung.
Das Ziel der Sehnsucht beschreibt die vierte Strophe in räumlichen
Vorstellungen, die den Eindruck der Grenzenlosigkeit erzeugen und für
das Ich gegenüber den Bedrückungen durch die Stadt das Gefühl
der Freiheit implizieren:
- die in Z. 8 genannten "ungeheuren Einsamkeiten" sind hier als überdimensionale
Fülle positiv zu verstehen und müssen von einem Mangel an zwischenmenschlicher
Beziehung (s. o./s. u.) deutlich unterschieden werden
- die dominierenden langen e- und ei - Laute dienen hier zur Unterstützung
der Vorstellung.
Kontrastiv stellt die letzte Strophe die Erfahrung der Stadt und das
Ziel der Sehnsucht gegenüber:
- Die Stadt wird lediglich gesehen in ihrer Hässlichkeit und als
Stätte der Vermassung, in der der Einzelne untergeht (vgl. dagegen
auch die Erwartung ungeheurer Einsamkeiten" - s. o)
- dagegen gestellt ist das Ziel der Entgrenzung des Ich, das - metaphorisch
in die Aussage vom "grenzenlosen Himmel" gefasst - allerdings ähnlich
wie die Zielvorstellung in der voranstehenden Strophe weniger anschaulich
erscheint als die Darstellung der Stadterfahrung des Ich, die seinen Sehnsuchtswunsch
motiviert hat.
Die Großstadt, so ließe sich zusammenfassen, erscheint in
diesem Text als Ort vielfachen Mangels, der Enge, Bedrückung und der
Hässlichkeit. Dabei werden diese Vorstellungen der Stadtwirklichkeit
jedoch nicht, wie im Naturalismus, durch Beschreibungen des Details erzeugt,
sondern sie entstehen eingebunden in die subjektiven Gefühlsäußerungen
eines Ich, das seine Sehnsucht, sich von der Stadt lösen zu können,
artikuliert. |
|