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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Georg Heym 

Die Stadt
 
Georg Heym, 

Die Stadt

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein 
Zerreißet vor des Mondes Untergang. 
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang 
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt, 
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein. 
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein 
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei, 
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei, 
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand, 
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand 
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.
 

Aus: [Heym: [Ausgewählte Gedichte]. S. 126 ff. 
Digitale Bibliothek Sonderband: Meisterwerke 
deutscher Dichter und Denker, S. 20391 
(vgl. Heyrn-DuS Bd. 1, S. 452 ff.)]

Form, Aufbau und Inhalt

Das Gedicht verrät bereits im Titel eines der typischen Themen und Motive des Expressionismus. Die Stadt ist der Fluchort und verkörpert auch hier die Vorstellung einer drohenden Gefahr.

Das Gedicht ist in Sonettform aufgebaut. Als Metrum herrscht ein regelmäßiger fünfhebiger Jambus vor, Abweichungen lassen sich in den Versen sechs, acht und zehn jeweils im ersten Takt feststellen. Jeder Vers endet mit einer männlichen Kadenz. Betont werden somit durch Endstellung im Vers wiederholt Substantive, die negativ belegt sind. Die vorwärtsdrängende Bewegung, die das Metrum zum Ausdruck bringt, steht im Einklang mit der Wirkung des auffallenden Enjambements zwischen dem ersten und zweiten Vers. In den Quartetten liegt ein umarmender Reim vor, in den Terzetten je ein Reimklang.

Gedichtform und Reimschema stehen in ihrer Geschlossenheit und formalen Strenge im Gegensatz zur inhaltlichen Aussage und können als Versuch aufgefasst werden, das als bedrohlich Empfundene durch künstlerische Mittel zu bewältigen.

"Sehr weit" (1), so wird durch Inversion zu Beginn der ersten Strophe hervorgehoben, ist die Nacht, was räumlich als allumfassend oder auch zeitlich als weit fortgeschritten verstanden werden kann. Die Nacht ist nicht sternenklar oder, wie man es in einer Stadt erwarten würde, lichterhell, es entsteht vielmehr der Eindruck einer tiefen, dunklen Nacht. Der Himmel ist wolkenverhangen, "Wolkenschein" (1), ein letzter Lichtschimmer, "zerreißet" (2) und verschwindet mit dem Untergang des Mondes (2). Selbst die "tausend Fenster" (3) der Stadt zeugen nicht von Leben und Lebendigkeit, sondern sie "stehn die Nacht entlang" (3), passiv in der Dunkelheit. Das einzige Licht, ein Schimmern vielmehr, scheint aus verschlossenen Läden zu kommen, aber es wirkt lediglich wie ein Blinzeln mit den Lidern (4), mit offenbar halb geschlossenen und entzündeten Lidern, was die Adjektive "klein" und "rot" (4) nahe legen. Dieses bedrohliche Eigenleben von Naturerscheinungen und Dingen in der finsteren Nacht, der "Wolkenschein" (1), der "zerreißet" (2), die "Fenster" (3), die "blinzeln" (4), prägt das Bild der Stadt.

Auf die angedeutete Bedrohung folgt in der zweiten Strophe ein weiterer beklemmender Aspekt. Das eintönige, dumpfe Leben der Menschen in der Stadt wird in anschaulichen Bildern dargestellt. Das "Aderwerk" (5) der Straßen ist nur auf den ersten Blick positiv zu bewerten, als belebend zu betrachten; im Zusammenhang mit dein folgenden Vers jedoch bleibt die negative Grundstimmung bestehen. Als verzweigt wie ein menschliches Aderwerk, als unüberschaubar, als chaotisch werden die Straßen der Stadt beschrieben, in denen die Menschen wie in (Abwasser-) Kanälen 'ein- und ausschwemmen'. Paradox wirkt die Personifizierung der Straßen ("gehn", 5), während die Menschen untätig, vielleicht auch unfähig zu eigenen Bewegungen, mit dein Strom schwimmen oder vielmehr mitgeschwemmt werden. Dieses stumpfsinnige Dasein wird nicht nur von einer eintönigen Bewegung bestimmt, sondern ebenso von immer gleich bleibenden stumpfen Tönen begleitet (7). Noch deutlicher wird die Sinnlosigkeit des Lebens in der Stadt in dem durch Wortwiederholung (stumpf) und Endstellung betonten Ausdruck "von stumpfem Sein" (7). Das ganze Dasein der Menschen ist bedeutungslos, auch in Zukunft scheint es keine Hoffnung zu geben ( ... ewig", 7). Die Eintönigkeit (8) des menschlichen Daseins ist übermächtig, Stumpfsinn allgegenwärtig. Der einzige Ton, der in der "Stille" (8) der Stadt überhaupt zu hören ist, ist nicht nur stumpf, sondern außerdem "matt" (8), ohne Leben, ohne Energie.

Das erste Terzett steigert diesen Eindruck von Monotonie und Sinnlosigkeit durch die dreigliedrige Aufzählung der Substantive "Gebären, Tod, gewirktes Einerlei" (9), die im folgenden Vers entfaltend fortgeführt wird: "Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei" (10). Leben und Sterben, alles einerlei (9). Ob es sich um Geburt oder Tod handelt, die Ereignisse sind so unbedeutend in ihrem schnellen, "blinden Wechsel" (11) wie das ganze menschliche Dasein, das von Passivität geprägt ist. Nichts in dieser Stadt ist von Bedeutung, alles geht vorbei, ohne die Menschen aus ihrer Monotonie und Lethargie reißen zu können. Nirgendwo ist ein subjektiver Wille zu erkennen, nur bewusstloses Getriebensein der Masse.

Das zweite Terzett greift auf das Naturbild des Anfangs zurück und entwirft die Vision einer bevorstehenden Vernichtung von Stadt und Mensch, vielleicht auch des Menschen durch die Stadt. "Feuer, Fackeln rot und Brand" (12) "drohn" (13) dem Menschen, kündigen den Untergang an. Die drohende Gefahr wird durch die Wiederaufnahme der Farbe Rot (4, 12) betont, ist übermächtig, steht hoch oben ("hoch", 14), ist unausweichlich, droht "mit gezückter Hand" (13). Während in der ersten Strophe noch von "Wolkenschein" (1) die Rede ist, so verdeutlicht nun das Bild "von dunkler Wolkenwand" (14) die Vorstellung von Vernichtung und Lebensende.

Sprache

Charakteristisch für Heym ist, dass auch hier, wie in der Mehrzahl seiner Gedichte, das lyrische Ich fehlt, als wolle er den Eindruck bloßer Subjektivität gar nicht erst aufkommen lassen.

Die parataktischen Fügungen in den Quartetten verstärken die beunruhigende Wirkung, die bereits durch das Metrum entsteht. Auch die Wortwahl trägt dazu bei. Über "zerreißet" (2) und "Untergang" (2) in der ersten Strophe wird diese gefährliche Stimmung gesteigert bis zu einer Aufzählung in der dritten Strophe (9, 10), die durch die ausgesparten Konjunktionen die Hektik der Großstadt betont. Die Wirkung dieser asyndetischen Reihung wird durch den Nominalstil (9, 10, 12) verstärkt. Die Ereignisse in der Stadt sind für den Menschen nicht greifbar, das Leben ist verkürzt auf Geburt und Tod (9). Selbst die Geburt eines Kindes erhält durch die Abwertung der mütterlichen Schmerzensschreie in ein "Lallen" (10) eindeutig negativen Charakter. Und sofort darauf folgt ein langer Sterbeschrei" (10). Zum Leben scheint keine Zeit zu sein, das Sterben dagegen erscheint als ein "langer" (10) Prozess. Die Wiederholung des Adjektivs "stumpf" (7) und das sinnverwandte Adjektiv "dumpf" (11) bringen das Verhalten der Menschen zum Ausdruck. Niemand ist in der Lage, sich aus der ausweglosen Situation, der Monotonie der Großstadt, zu befreien. Im Gegenteil: Man wird nicht nur mitgeschwemmt (6), man ist nicht einmal mehr fähig, seinen Schmerz und sein Leiden zu äußern. Lediglich "matt[e]" (8) Stimmen sind noch zu vernehmen, längst von der Sinnlosigkeit des Alltags unterdrückt und abgestumpft. Einen Ausweg gibt es nicht; "ewig" (7) scheint dieses eintönige (8) Leben den Menschen in seiner Gewalt zu haben.

Das letzte Terzett macht schließlich die bisher eher latent bedrohliche Situation offenkundig. Im zwölften Vers wird nur allzu deutlich, wie nahe die drohende Vernichtung bereits gekommen ist. "Feuer" und "Brand" (12) drohen zwar zunächst noch "im Weiten" (13), aber das Bild der "Fackeln" (12) in "gezückter Hand" (13) lässt die zerstörerische Kraft erkennen, der das Individuum ohnmächtig gegenübersteht.

Bereits vom zweiten Vers an betonen Personifikationen das bedrohliche Eigenleben von Natur und Stadt. "Wolkenschein/Zerreißet" (1/2), "Fenster stehn" (3), und zwar "tausend" (3), was die Eintönigkeit der Stadt unterstreicht sie "blinzeln mit den Lidern" (4), Straßen "gehn", (5) und die Gefahr droht schon "mit gezückter Hand" (13). Die Stadt hat menschliche Eigenschaften angenommen, sie lebt, wie der Vergleich "Wie Aderwerk" (5) zeigt, und sie steht mit all ihren Gefahren hoch über dem Menschen ("Und scheinen hoch", 14) und seiner Lebensangst. Der Mensch dagegen ist ermattet, betäubt, unbedeutend, ohnmächtig. Seine stumpfe, sinnlose Existenz wird durch dunkle, lange Vokale und Diphthonge betont ("unzählig", "aus und ein", 6; "ewig stumpfer Ton von dumpfem Sein", 7; "eintönig", 8; "Gebären", "Tod", "Einerlei", 9; "Wehen", 10). Im deutlichen Kontrast dazu stehen die 'spitzen', eher bedrohlich wirkenden Assonanzen, die Heym zur Darstellung der Stadt und ihrer Übermacht wählt ("blinzeln" ' "Lider", 4; "Im blinden Wechsel", 11). Die Bedrohung kulminiert schließlich in dem Gedanken an das Weltende, der im letzten Vers deutlich wird. Die bewusst an den Schluss gesetzte Vision "von dunkler Wolkenwand" (14) liest sich wie die Prophezeiung des Weltuntergangs. Gerade schien die Bedrohung noch "im Weiten" (13) zu sein, nun endet das Gedicht apokalyptisch.

Deutung

Die einzelnen Bilder von Ohnmacht, Erstarrung in Passivität und Hilflosigkeit einerseits sowie von Bedrohung und Vernichtung andererseits ergeben ein Gesamtbild vom Weltende, das sowohl als Prophetie des drohenden Ersten Weltkrieges als auch als Darstellung der allgemeinen zeitgenössischen Situation damals gesehen werden kann.
Die Krise vor dem Ersten Weltkrieg, die Heym in zahlreichen, den Schrecken veranschaulichenden Gedichten darstellt, wird auch hier, trotz des zunächst in eine andere Richtung weisenden Titels, spürbar. Die Umorientierung der Werte in einer durch Industrialisierung geprägten Welt wird überdeutlich, der Stadt ist nichts Positives mehr abzugewinnen. Stattdessen steht sie als Symbol für Leiden, Sinnlosigkeit und Chaos, für Monotonie und Lebensangst.
Wie in vielen Stadtgedichten Heyms wird die Stadt nicht realistisch dargestellt, sie ist ein Lebewesen, ein Mensch. Der Mensch dagegen geht unter in der anonymen Masse und ist ohnmächtig den zerstörerischen Elementen der Zivilisation ausgesetzt. Der Mensch steht als Opfer in dieser dekadenten Welt, aber ist er nicht auch ihr Verursacher?

Schriftliche Abiturprüfung Deutsch 2002
Fach: Deutsch
Prüfungsart: 3. Prüfungsfach

DieStadt_int.doc

 
 
 
 
 
 
 
 

 

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