HOME SUCHE DEUTSCH RELIGION KONTAKT IMPRESSUM © 2006 H. Kerber
http://www.kerber-net.de
Standort:
Fachbereich Deutsch
Lyrik

Gottfried Benn 

Einsamer nie
 
Gottfried Benn
(1886 - 1956)

Einsamer nie 

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde - im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?

Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

BEOBACHTUNGEN

Aufbau/Form: 

• Ohne eigentlichen Titel
• 3 Strophen zu je vier Versen,
• Vierhebige Trochäen mit Auftakt (außer I,1) und teilweise nicht gefülltem Endtakt (I,1 und 4; II,1 und 4; III,1 und 4),
• Ausnahmen vom trochäischen Versfuß: 
I,1: Einsamer
I.3  goldenen
II.4 vertretenen
• Kadenzen: m w w m  in allen drei Strophen
• Umarmender Reim: a b b a  usw.
• Gedankenstriche in I.2 und III.3
• Doppelpunkt in I.1
• Erste und zweite Strophe enden mit einem Fragezeichen.

Sprache:

Eigenwillige Wortwahl, die z.T. etwas gespreizt wirkt:
             Erfüllungstunde
             deiner Gärten Lust
             Siegsbeweis
             Gegenglück

Eigenwillige Syntax in II.2: 
Die Äcker rein und glänzen leise

Das zweimalige „doch“ in I.4 und II.3 leitet einen Gegensatz ein, signalisiert Umschlag.

Inhalt:
Zunächst ist die Natur der Ausgangspunkt, dann wird das Innere des Menschen dargestellt; es geht also um das Verhältnis des Ichs zur Wirklichkeit, ein Verhältnis, das inhaltlich gegensätzlich (antithetisch) als Entfremdung und Ausgeschlossenheit erfahren wird.
=>Entfremdung ist der Grund für die Einsamkeit.

ANSÄTZE ZUR VERKNÜPFUNG DER BEOBACHTUNGEN - DEUTUNG

1. Gegensatz und Spannung zwischen:
• Form und Inhalt,
• Natur und menschlichem Inneren,
• Glück und Gegenglück
2. Gottfried Benn: 
"Statik ... heißt Rückzug auf Maß und Form ...,es heißt auch Resignation" (zitiert nach Klett A 11)
Gottfried Benn: "Unsere Ordnung ist der Geist, sein Gesetz heißt Ausdruck, Prägung, Stil. Alles andere ist Untergang." (Zitiert nach Klett A 11)
3. Kennzeichen der statischen Gedichte:
Sie sind formvollendet, klar, von rhythmisch-klanglicher Faszinationskraft.
Unter „Artistik“ versteht Benn einen "Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selbst als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen Stil zu bilden" (zitiert nach KLL 18, 7800).


 
 
 
 
 
 
 
 

 

Deutsche | Lyrik