Gottfried Benn
(1886 - 1956)
Einsamer nie
Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde - im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?
Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?
Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist. |
BEOBACHTUNGEN
Aufbau/Form:
• Ohne eigentlichen Titel
• 3 Strophen zu je vier Versen,
• Vierhebige Trochäen mit Auftakt (außer I,1) und teilweise
nicht gefülltem Endtakt (I,1 und 4; II,1 und 4; III,1 und 4),
• Ausnahmen vom trochäischen Versfuß:
I,1: Einsamer
I.3 goldenen
II.4 vertretenen
• Kadenzen: m w w m in allen drei Strophen
• Umarmender Reim: a b b a usw.
• Gedankenstriche in I.2 und III.3
• Doppelpunkt in I.1
• Erste und zweite Strophe enden mit einem Fragezeichen.
Sprache:
Eigenwillige Wortwahl, die z.T. etwas gespreizt wirkt:
Erfüllungstunde
deiner Gärten Lust
Siegsbeweis
Gegenglück
Eigenwillige Syntax in II.2:
Die Äcker rein und glänzen leise
Das zweimalige „doch“ in I.4 und II.3 leitet einen Gegensatz ein, signalisiert
Umschlag.
Inhalt:
Zunächst ist die Natur der Ausgangspunkt, dann wird das Innere
des Menschen dargestellt; es geht also um das Verhältnis des Ichs
zur Wirklichkeit, ein Verhältnis, das inhaltlich gegensätzlich
(antithetisch) als Entfremdung und Ausgeschlossenheit erfahren wird.
=>Entfremdung ist der Grund für die Einsamkeit.
ANSÄTZE ZUR VERKNÜPFUNG DER BEOBACHTUNGEN - DEUTUNG
1. Gegensatz und Spannung zwischen:
• Form und Inhalt,
• Natur und menschlichem Inneren,
• Glück und Gegenglück
2. Gottfried Benn:
"Statik ... heißt Rückzug auf Maß und Form ...,es
heißt auch Resignation" (zitiert nach Klett A 11)
Gottfried Benn: "Unsere Ordnung ist der Geist, sein Gesetz heißt
Ausdruck, Prägung, Stil. Alles andere ist Untergang." (Zitiert nach
Klett A 11)
3. Kennzeichen der statischen Gedichte:
Sie sind formvollendet, klar, von rhythmisch-klanglicher Faszinationskraft.
Unter „Artistik“ versteht Benn einen "Versuch der Kunst, innerhalb
des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selbst als Inhalt zu erleben
und aus diesem Erlebnis einen Stil zu bilden" (zitiert nach KLL 18, 7800). |
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