| GOTTFRIED BENN,
ENGLISCHES CAFÉ
Das ganze schmalschuhige Raubpack,
Russinnen, Jüdinnen, tote Völker, ferne Küsten,
schleicht durch die Frühjahrsnacht.
Die Geigen grünen. Mai ist um die Harfe.
Die Palmen röten sich. Im Wüstenwind.
Rahel, die schmale Golduhr am Gelenk
Geschlecht behütend und Gehirn bedrohend:
Feindin! Doch deine Hand ist eine Erde:
süßbraun, fast ewig, überweht vom Schoß.
Freundlicher Ohrring kommt. In Charme d'Orsay.
Die hellen Osterblumen sind so schön:
breitmaulig gelb, mit Wiese an den Füßen.
O Blond! O Sommer dieses Nackens! O
diese jasmindurchseuchte Ellenbeuge!
Oh, ich bin gut zu dir. Ich streichle
dir deine Schultern. Du, wir reisen:
Tyrrhenisches Meer. Ein frevelhaftes Blau.
Die Dorertempel. In Rosenschwangerschaft
die Ebenen. Felder
sterben den Asphodelentod.
Lippen, verschwärmt und tiefgefüllt wie Becher,
als zögerte das Blut des süßen Orts,
rauschen durch eines Mundes ersten Herbst.
O wehe Stirn! Du Kranke, tief im Flor
der dunklen Brauen! Lächle, werde hell:
Die Geigen schimmern einen Regenbogen. |
Der Lyriker und Essayist Gottfried Benn wurde 1886 geboren und starb im
Jahre 1956. Er arbeitete als Hautarzt in Berlin, was durch die Fachsprache
in vielen seiner Gedichten zum Ausdruckt kommt. Er ist ein die Tragik des
Nihilismus auf sich nehmender Dichter, der im Sinne Nietzsches das Dasein
als ästhetisches Phänomen, als vom Künstler geistgeschaffene
Ausdruckswelt gerechtfertigt sieht. Er war Expressionist. Zu seinen lyrischen
Werken gehören Morgue 1912, Statische Gedichte 1948, Fragmente 1951
und Destillationen 1953. Zur Prosa zählen die Werke Gehirne 1916,
Der Ptolemäer 1949, Doppelleben. Zwei Selbstdarstellungen 1950. Die
von ihm verfassten Essays lauten Fazit der Perspektiven 1930, Nach dem
Nihilismus 1932, Ausdruckswelt 1949, Probleme der Lyrik 1951.
In Englisches Café beschreibt der Autor in acht Strophen verschiedene
Schauplätze. Das englische Café ist in einem heißen Land,
denn die Palmen röten sich. Im Wüstenwind.. Möglicherweise
ist es Indien, eine englische Kolonie. In der ersten Strophe gewinnt man
den Eindruck, Benn hätte gewisse Vorbehalte gegen die von ihm genannten
Völker, was durch die Bezeichnung schmalschuhiges Raubpack deutlich
wird. Die zweite Strophe ist ziemlich wirr, und voll von Personifikationen
und unverständlichen Metaphern.
Die dritte Strophe handelt von einer bestimmten Frau Rahel, die aus
einem fremden Land stammt. Es könnte sein, da der Autor sie deshalb
Feindin nennt, weil sein eigenes Land, Deutschland sich im Kriegszustand
oder kurz davor befindet und es bekannt ist, dass Benn zwar nur zu Beginn
des dritten Reiches mit den Nationalsozialisten sympathisierte, aber er
tat es vielleicht noch zu der Zeit, als er dieses Gedicht verfasste.
Mit „freundlicher Ohrring kommt“, beginnt der Autor die vierte Strophe
seines Gedichts mit einer Personifikation. Hier hat ein Ortswechsel auf
eine Wiese stattgefunden und der Autor wird eindeutig romantischer, wie
er die Wiese und die Blumen beschreibt. In der fünften Strophe kommt
zu seinen romantischen Gefühlen dann noch ein leicht sexueller Aspekt.
In der darauffolgenden siebten Strophe werden die romantischen Gefühle
der fünften Strophe von eindeutig sexuellen Gefühlen überlagert.
Gottfried Benn schreibt hier ein eher untypisches Gedicht. Im Gegensatz
zu diesem Gedicht, handeln die übrigen meist von morbiden, abstoßenden
Gegebenheiten.
[Gekürzt nach: http://www.herder-forchheim.de/faecher/deutsch/lk97-99/kollma.htm]
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