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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Georg Trakl 

Kaspar Hauser Lied
 
Georg Trakl

Kaspar Hauser Lied
Für Bessie Loos

Er wahrlich liebte die Sonne, die purpurn den Hügel hinabstieg, 
Die Wege des Walds, den singenden Schwarzvogel 
Und die Freude des Grüns.

Ernsthaft war sein Wohnen im Schatten des Baums 
Und rein sein Antlitz. Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen: 
O Mensch!

Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend; 
Die dunkle Klage seines Munds: 
Ich will ein Reiter werden.

Ihm aber folgte Busch und Tier, 
Haus und Dämmergarten weißer Menschen 
Und sein Mörder suchte nach ihm.

Frühling und Sommer und schön der Herbst
Des Gerechten, sein leiser Schritt
An den dunklen Zimmern Träumender hin.
Nachts blieb er mit seinem Stern allein;

Sah, dass Schnee fiel in kahles Gezweig 
Und im dämmernden Hausflur den Schatten des Mörders.

Silbern sank des Ungebornen Haupt hin.

Georg Trakl: Die Dichtungen, Otto Müller Verlag. Salzburg 1938; 
13.Auflage (Revidiert nach dem Text der historisch - kritischen Ausgabe), S. 109.

Interpretation

Paraphrase

Vorbemerkung
Besonders Gedichte verleiten oft dazu, den "verdichteten" Inhalt in eigner Sprache wiederzugeben und sich so des Verstehens zu vergewissern. Dabei besteht allerdings besonders bei schwierigen Bildern und Metaphern die Gefahr, dass man entweder nur das im Text schon Vorliegende wiederholt oder aber durch andere, nicht weniger schwierige Bilder und Metaphern ersetzt. Nur selten gelingt es, eine Prosaumschreibung zu erstellen, die dem im Text Gemeinten so nahe kommt, dass man von "Verstehen" sprechen kann. Oft entsteht eine banalisierende Nacherzählung, nicht selten auch eine einfache Wiederholung.

Er liebte die Sonne, die Wege des Walds, die Vögel: am Anfang steht das Bild der schuldlosen Natur, in einfachen Sätzen. Dort ist sein Ursprung, dort wohnte er, sein Blick war rein; und als eine sanfte Flamme - nicht als verzehrende - würdigte ihn Gott des Ansehens. Diese ersten Zeilen begründen seine Heimat, eine Heimat freilich, die er als verloren beklagen wird. Nicht nur die Heimat des historischen Hauser ist hier gemeint, der aus dem dunklen bayrischen Wald sich plötzlich in die nie gesehene Stadt verschlagen fand; auch nicht nur die Erinnerung an die Kindheit des Dichters, die immer wieder in stillen Bildern anklingt. Das "O Mensch“ Gottes richtet sich an den Menschen, und dieses Gedicht spricht von ihm, wie alle Gedichte Trakls den Menschen in dieser Weit zum eigentlichen Gegenstand haben. In dieser Welt. die hier als Stadt am Abend uns entgegentritt: wir werden noch sehen, dass [ ... ] die Stadt und die steinernen Mauern besondere Bedeutung haben. Ihr Bereich ist feindlich, kalt und fremd. und der überlieferte Wunsch Kaspar Hausers, dass er Soldat zu Pferde werden wollte. gewinnt einen sehnsüchtigen Sinn: die dunkle Klage um Freiheit und Weite. Zunächst fand Kaspar in Nürnberg, in der Welt, liebevolle Aufnahme; man hatte Mitleid mit dem so rätselhaft der Natur Entrissenen, ja es schien, als ob er eine Heimat haben werde. Da wird die sanfte Folge der Verse durch das unerbittliche "Und sein Mörder suchte nach ihm" unterbrochen. Er weiß nichts davon, aber schon ist ihm ein Mörder bestimmt, ist schon irgendwo auf der Suche nach dem erkorenen Opfer. Nicht lange nach der Ankunft in der Stadt traf, wie die Geschichte berichtet, den Kaspar Hauser der erste Dolchstoß von der Hand eines Unbekannter, noch nicht tödlich. Noch sind Frühling, Sommer und Herbst schön. Dann kommt der Winter. Als Kaspar Hauser in den verschneiten Garten ging, nach Jahren, traf ihn, wieder von unbekannter Hand, der tödliche Stich. Noch ehe er wirklich herangewachsen war, verschied er und nahm das Geheimnis seines Ursprungs mit sich und ist nie in die Freiheit gekommen. [...]

Walter Killy: Über Georg Trakl. Vandenhoeck & Rurprecht. Gottingen 21960, S. 6f.

Besonderheiten, die zu beachten sind

Die Interpretation folgt dem Text Zeile für Zeile und "kommentiert" gewissermaßen einzelne Teile. Dabei dient die Paraphrase der Herstellung und Aufrechterhaltung des Gesamtzusammenhangs, innerhalb dessen dann einzelne Erläuterungen zu sehen sind. Bisweilen greift die Paraphrase auch voraus, um so Zusammenhänge und übergreifende Strukturen offenzulegen, die im Text selbst nicht unbedingt auf der semantischen Ebene hergestellt werden. Gelegentlich ist es unumgänglich, den Wortlaut des Textes aufzunehmen und in die eigenen Sätze "einzubauen". Problematisch wird die Paraphrase besonders dann, wenn sich der zu interpretierende Text einer historischen Figur oder eines historisch auszumachenden Ereignisses bedient. Man sollte sich davor hüten, historische Details mit der Paraphrase von Textelementen zu vermischen. Historische Elemente, so weit sie nicht im Text vorhanden sind, sollten nicht ungeprüft als Interpretationshilfen herangezogen werden. 
 

Gedichtform - Textaufbau
Vorbemerkung
Die meisten Gedichte tragen deutliche Merkmale einer äußeren Gliederung: Sie bestehen aus Strophen, die voneinander abgesetzt sind. Weitere Untergliederungen können bestimmte Reimbindungen leisten:
Der Paarreim (aabb) bindet zwei Zeilen aneinander, der umarmende Reim (abba) fasst vier Zeilen deutlich zusammen, der Schweifreim kann bestimmte Zeilen rückbinden, kann aber auch über Strophengrenzen hinweg Verbindungen schaffen.
Meist ist mit der Strophengliederung eine Sinngliederung gegeben. Läuft der Sinn über das Strophenende hinaus, so ist das von besonderer Bedeutung.
Auch die Zeile (der Vers) stellt eine gewisse Sinneinheit dar, die allerdings nicht so deutlich abgeschlossen ist. Syntaktisch geht man davon aus, dass mit dem Zeilenende auch eine syntaktische Schwelle erreicht ist. Ist dies nicht der Fall, geht also der Satz über das Zeilenende hinaus, so spricht man vom Enjambement. Besonders unter rhythmischen Gesichtspunkten wird diese Frage interessant. Es können sich zusätzliche Spannungen ergeben.
 

Gesamtaufbau und Bildstruktur

In der Figur des Kaspar Hauser führt Georg Trakl einen Menschen vor, der seine bisherige Natur/Umgebung verlässt und in die "Stadt der Menschen“ zieht, dort zunächst auch aufgenommen wird, dann aber letztendlich doch zerbricht.
Das Gedicht stellt den Menschen dar, der zunächst gewissermaßen im "paradiesischen" Zustand lebt, sich in Einklang befindet mit Gott und seiner Umgebung, dem auch der Tod noch keine Schrecken bereithält, der dann aber diesen paradiesischen Zustand aufgibt und versucht, sich ins soziale Gefüge menschlicher Gesellschaft einzupassen, dabei aber scheitert, im Übertritt unschuldig schuldig wird und zugrunde gehen muss. Einzig durch die Tatsache, dass er seinen bisherigen "Stand" aufgibt, verliert er den Status der Unschuld und wird empfänglich sowohl für das Leid des Lebens als auch für den Schrecken des Todes.
Der thematische Aufbau folgt dem "Werdegang" des Menschen Kaspar: 
Die ersten beiden Strophen gelten seinem Sein vor dem Eintritt in die Gesellschaft, vor seinem Gang hin zu den Menschen in die Stadt. Diese Phase des Daseins wird bestimmt vom Einklang Mensch - Natur und Mensch - Gott. 
Die zweite Phase stellt den Übergang dar. Dieser Übergang erfolgt als ein Wollen, allerdings ohne das Wissen. Bisherige Verhaltensweisen werden beibehalten. Das wird deutlich im "still" aber auch im Bild des ihm folgenden "Busch und Tier“. Ein erster Missklang, die "dunkle Klage" wird bereits hörbar, und wenn auch Elemente des bisherigen Daseins mit übernommen werden, so deutet sich doch jetzt bereits die Bedrohung als eine unabwendbare an: "Sein Mörder suchte nach ihm." 
Die dritte Phase - im Text die fünfte Strophe - wird bestimmt durch den Wechsel der Jahreszeiten: Frühling, Sommer und Herbst. Kaspar ist nach wie vor der Gerechte. Er bleibt draußen, wird von außen verfolgt. Das Ende der Strophe macht deutlich: Kaspar Hauser bleibt in der Isolation, und so kann sich in der letzten Phase die Zeit vollenden: Der noch Ungeborene muss sterben.
Die einzelnen Phasen werden bestimmt durch die Bildlichkeit, wobei einzelne Bilder über die Grenzen hinwegreichen, gewisse Veränderungen mitmachen und dadurch sowohl Verbindungen herstellen als auch das je Unterschiedliche ins Bewusstsein rücken. Die Bilder der ersten Phase vergegenwärtigen das Dasein Kaspars in einem zeitlosen, gleichzeitig aber auch "ernsthaften" Raum. Bestimmt wird dieses Dasein durch Sonne, Wald, Grün und auch durch das Bild des Schwarzvogels, der Amsel also, die als der Repräsentant des Todes gelten mag. Die Natur also bestimmt das Leben Kaspars. Der Einklang, der besteht zwischen ihm und dem ihn Umgebenden umschließt sowohl das Werden als auch das Vergehen. Der Tod ist ein integraler Bestandteil dieser Harmonie, die die menschliche Existenz ernsthaft und gleichzeitig rein sein lässt. Auch mit Gott weiß sich dieser Mensch in Einklang. Er ist offen für die "sanfte Flamme", die ihn als Menschen anspricht. 
Die Bilder der Phase des Übergangs kündigen bereits den Untergang an. Er findet die Stadt "am Abend", sein Sprechen wird als "dunkle Klage" dargestellt. Aber auch bisherige Verhaltensweisen werden beibehalten: Sein Schritt ist noch "still", und zentrale Momente aus der ersten Phase begleiten ihn: "Ihm aber folgte Busch und Tier“, während sich die Entmenschlichung bereits ankündigt im Mörder, der nach ihm sucht.
In der dritten Phase zeichnet sich zunächst eine gewisse Dauer ab: Frühling, Sommer und Herbst als Jahreszeiten repräsentieren das Geschehen im Ablauf der Zeit. Der "Gerechte" ist noch aufgehoben im Jahreskreis, der eine Rückbindung an die erste Phase erlaubt, zumindest aber Erinnerungen zulässt. Noch immer sind die Verhaltensweisen zurückhaltend, sein "leiser Schritt" vermag nicht einzutreten. Er bleibt draußen, vor allem nachts bleibt er einsam, ausgeschlossen und muss so die "Vollendung der Zeit", die sich im Schnee andeutet, zur Kenntnis nehmen, eine Vollendung, die kaum etwas Positives mit sich bringt. Während der Herbst noch als "schön" empfunden wird, fällt nun Schnee in "kahles Gezweig". So werden die Bilder der vierten Phase, die das Ende markieren, bestimmt durch die Merkmale Isolation, Kälte und Bedrohung. Gerade die Bedrohung wird besonders deutlich in der "Umwertung der Werte". Lebte früher der Gerechte "ernsthaft im Schatten des Baumes", so sieht er nun im dämmernden Hausflur den "Schatten des Mörders". Was er ursprünglich wollte mit dem Übergang, nämlich eine Rolle in der Gesellschaft übernehmen, bleibt ihm versagt. Er wird nicht in die Gesellschaft hineingeboren, bleibt "ungeboren" und muss sterben, ehe er in der Gesellschaft Fuß fassen konnte.
Kaspar Hauser, von Gott einst als Mensch angesprochen, suchte den Weg in die Gesellschaft, verbrachte eine Zeit in der Gesellschaft, ohne ihr Mitglied werden zu können, blieb der Gerechte, der er war, blieb leise, wurde so immer mehr gefährdet, bis er schließlich in seiner Isolation zusehen musste, wie das einzige, das von außen zu ihm vordrang, der Schatten seines Mörders war.
Es scheint nach Trakl also nicht möglich, die individuelle Unschuld zu bewahren und gleichzeitig den Weg in die Gesellschaft zu gehen. Dieser Weg bedeutet immer schon ein Sich - Entfernen vom eigentlichen Idealzustand, eine Entfremdung, die zur Schuld wird und an deren Ende keineswegs die "Aufnahme in die Gesellschaft' stehen muss, zumal dann nicht, wenn die Verwurzelung im ursprünglichen Zustand zu stark war.

Gliederung der Interpretation

1 Textwiedergabe
1.1 Skizzierung der Thematik des Textes
1.2 Hypothese zur Bedeutung des Textes

2 Der Textaufbau
2.1 Die erste Phase: Der Urzustand Kaspars
2.2 Die zweite Phase: Der Übergang
2.3 Die dritte Phase: Vergehen der Zeit
2.4 Die vierte Phase: Das Ende

3 Die Bilder und Bildzusammenhänge
3.1 Die Bilder der ersten Phase: Thema: Harmonie/Einklang zwischen Kaspar und Natur | Gott
3.2 Die Bilder des Übergangs: Schuld und Unschuld
3.3 Die Jahreszeiten
3.4 Das Ende: Isolation und Tod des "Ungeborenen"

4 Deutungsansätze

Besonderheiten, die zu beachten sind

Zeichnet sich im Text die Darstellung einer Entwicklung ab, so können die einzelnen Phasen dieser "Entwicklung" den thematischen Aufbau bestimmen. Bei der Untersuchung wird man dann sowohl nach den (eigenständigen) Inhalten dieser Phasen als auch nach den Zusammenhängen (Veränderungen und ihre Ursachen, Kontinuitäten usw.) fragen.
Bei der Bestimmung der Bildbedeutungen wird man Gruppierungen vornehmen und nach gleichen oder unterscheidenden Merkmalen fragen. Ausgangspunkt einer semantischen Bestimmung ist immer die außertextliche Bedeutung eines Wortes bzw. Bildes. Im zweiten Schritt aber muss nach der im Kontext sich herstellenden Bedeutung gefragt werden. Beim Deutungsversuch sollte man äußerst behutsam vorgehen und sich vor isolierenden Einzeldeutungen einzelner Motive hüten.
Bearbeitet nach: F. Schardt, Grundbegriffe: Interpretationsaufsatz. Sekundarbereich I und II, Hannover (Schroedel) 1991
Kaspar_Hauser_int.doc


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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