Else Lasker-Schüler
Ein Lied der Liebe
Seit du nicht da bist,
Ist die Stadt dunkel.
Ich sammle die Schatten
Der Palmen auf,
Darunter du wandeltest.
Immer muß ich eine Melodie summen,
Die hängt lächelnd an den Ästen.
Du liebst mich wieder -
Wem soll ich mein Entzücken sagen?
Einer Waise oder einem Hochzeitler,
Der im Widerhall das Glück hört.
Ich weiß immer,
Wann du an mich denkst -
Dann wird mein Herz ein Kind
Und schreit.
An jedem Tor der Straße
Verweile ich und träume;
Ich helfe der Sonne deine Schönheit malen
An allen Wänden der Häuser.
Aber ich magere
An deinem Bilde.
Um schlanke Säulen schlinge ich mich
Bis sie schwanken.
Überall steht Wildedel,
Die Blüten unseres Blutes.
Wir tauchen in heilige Moose,
Die aus der Wolle goldener Lämmer sind.
Wenn doch ein Tiger
Seinen Leib streckte
Über die Ferne, die uns trennt,
Wie zu einem nahen Stern.
Auf meinem Angesicht
Liegt früh dein Hauch.
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Das Gedicht "Ein Lied der Liebe" von Else Lasker-Schüler weist,
was das Formale betrifft, keine eindeutig festzulegende Struktur auf, sowie
auch viele andere lyrische Werke des Expressionismus. Es ist gegliedert
in 16 "Strophen" zu je zwei Versen, mit Ausnahme der zweiten Strophe, wo
man eine Aneinanderreihung von drei Versen vorfindet. Die Metrik wird von
der Dichterin völlig unberücksichtigt gelassen, da sie ihren
Schwerpunkt nicht etwa auf einen harmonisierenden Rhythmus legt, sondern
vielmehr auf die Aussage des Gedichtes. Zudem verwendet Lasker-Schüler
mit Vorliebe Wörter, deren Symbolkraft die Sätze bildnerisch
unterstreicht und die insofern eine Art Ersatz für das Fehlen von
Metrik und Reim darstellen, wie z. B. "Schatten" in Vers 3, "Glück"
in Vers 11 oder aber die "Wolle goldener Lämmer" im 26. Vers.
Auch auf die Einbindung zahlreicher Stilmittel, seien es Klangfiguren
oder Gedankenfiguren, legt die Dichterin nicht soviel Wert wie die Poeten
vergangener Epochen. Zu finden sind lediglich eine Personifikation "Dann
wird mein Herz ein Kind" (Vers 14), zwei Assonanzen "Die hängt lächelnd
an den Ästen" / "Die Blüten unseres Blutes" (Vers 7 und 25) und
einige Enjambements, die dadurch entstehen, das Else Lasker-Schüler
jede Strophe aus nur einem Satz bildet und damit fast zwangsweise Zeilensprünge
auftreten.
Deutlicher kommt die Bedeutung des lyrischen Ich zur Geltung, das in
kaum einer Strophe des Gedichtes unerwähnt bleibt. Denn es stellt
nicht nur das Gerüst für dieses Werk dar, sondern ist auch dafür
verantwortlich, dass der Leser bis ins Detail über den Seelenzustand
dieser Person informiert wird und ihre Gefühlsregungen versteht. Nun,
da Rhythmus und Reim, aus denen man in früheren Epochen auch die Stimmung
des lyrischen Ich erschließen konnte, hier vollkommen vernachlässigt
werden, ist der Leser also auf die Orientierung an dieser Erzählperson
angewiesen. Dabei fällt auf, dass Lasker-Schüler die ersten elf
Strophen in der ersten Person Singular verfasst hat, ab der elften Strophe
jedoch schreibt sie vorwiegend in der Pluralform: "Die Blüten unseren
Blutes" (Vers 25) "Wir tauchen in heilige Moose", "die Ferne, die uns trennt"
usw.. Vorher heißt es "Ich sammle die Schatten", "Ich weiß
immer" (Vers 3 und 12). Nur in der ersten Strophe schreibt die Dichterin
"Seit du nicht da bist , / Ist die Stadt dunkel." Dieser Gedankengang wird
nun in der letzten Strophe wieder aufgenommen: "Auf meinem Angesicht /
Liegt früh dein Hauch." Diese vier Verse sind in einer anderen Person
formuliert als die darauffolgenden bzw. die vorherigen Verse. Dadurch verstärkt
das lyrische Ich beim Leser den Eindruck, dass hier der Grundgedanke, die
ganze Aussage fast, in diesen vier Zeilen liegt, die nun die Übrigen,
welche ihrerseits nur eine Verdeutlichung und Ausarbeitung dieses Gedankens
darstellen, hiervon abgrenzen und umrahmen.
"Ein Lied der Liebe" weist auch reichlich Merkmale auf, die für
die Epoche des Expressionismus kennzeichnend sind. Der "Eindruck von außen",
wie er z.B. im Impressionismus geschildert wurde, hat Lasker-Schüler
nun durch den "Ausdruck von innen" ersetzt. Ausführlich lässt
sie das lyrische Ich seine Gefühlsregungen beschreiben, wie z.B. in
der 6 Strophe: "Dann wird mein Herz ein Kind / Und schreit." Auch die Behauptung,
Expressionisten seien Subjektivisten, wird hier bestätigt, denn die
Erzählperson legt keinen Wert darauf, sich mit der Wirklichkeit, außerhalb
des eigenen Ich auseinanderzusetzen, sondern sie baut sich vielmehr ihre
eigene "kleine Welt", eine bessere Wirklichkeit also. Das erkennt man z.B.
auch an der vierten Strophe. Denn obwohl eine Zukunft mit dem Geliebten
anscheinend noch "in den Sternen geschrieben" steht, worauf auch seine
Abwesenheit schließen lässt, heißt es hier: "Du liebst
mich wieder - / Wem soll ich mein Entzücken sagen?". An diesem Satz
bemerkt der Leser auch den utopischen, typisch expressionistischen Charakter
des Gedichtes.
"Wir wollen, bei lebendigem Leibe, ins Paradies.". So lautet einer
der Grundsätze der Expressionsten. Bei Lasker-Schüler wird dieser
Satz etwas verändert, aber doch vom Sinn her gleichbleibend, in Vers
28-31 genannt: "Wenn doch ein Tiger / Seinen Leib streckte // Über
die Ferne, die uns trennt, / Wie zu einem nahen Stern." Hier formuliert
das lyrische Ich den Wunsch beim Geliebten zu sein, bei dem Ursprung seines
Glücks, sprich, im "Paradies". Kennzeichnend für den Expressionismus
war aber auch die Wiederentdeckung des Menschen als eines Ich, das sich
stets verwirklichen will; seine Selbstentfremdung sollte wieder aufgehoben
werden. So auch in Lasker-Schülers Gedicht. "Aber ich magere / An
deinem Bilde" heißt es in der neunten Strophe. Das lyrische Ich sehnt
sich nach dem Mann seines Herzens, denkt stets an ihn und wünscht
sich nichts mehr als bei ihm zu sein.
Doch schon das Leitthema allein lässt auf die Epoche des Expressionismus
schließen: Der Mensch. Er steht auch hier im Mittelpunkt, von Ängsten
geplagt, auf Erneuerung hoffend und um Mitmenschlichkeit suchend. All diese
Gefühle sind aus nur einem einzigen Satz herauszulesen: "Dann wird
mein Herz ein Kind / Und schreit."
"Seit du nicht da bist, / Ist die Stadt dunkel". Mit dieser Formulierung
gibt Else Lasker-Schüler dem Leser schon im ersten Satz eine Antwort
auf die Fragen, die der Titel des Gedichtes bei ihm mit großer Wahrscheinlichkeit
hervorgerufen hat. Denn hinter den Worten "Ein Lied der Liebe" kann sich
viel verbergen. Sicher ist zwar, dass es sich um Gefühle handeln muss,
doch der Begriff "Liebe" beschreibt mehr als Geborgenheit, Hingabe oder
Glücklichsein. Liebe bedeutet auch allzu oft Abschied, Kummer und
Tränen. So auch in den ersten beiden Versen. Das lyrische Ich stellt
eine Veränderung seiner Welt, und zwar eine negative, fest: Die Stadt
ist "dunkel" , der Geliebte ist nicht mehr da. Der Leser hat den Eindruck,
dass es ihn sehr vermisst, denn in der zweiten Strophe heißt es:
"Ich sammle die Schatten / Der Palmen auf, / Darunter du wandeltest". Sie
klammert sich also an die Erinnerung an ihn, sammelt alle Schatten auf,
hält sie fest, um ihren Schmerz über das Alleinsein zu mildern.
Gleichzeitig ist dieses "Aufsammeln" wohl ein bildhafter Versuch, die "dunkle
Stadt" von ihrer Düsterheit zu befreien und eine Andeutung auf die
schwärmerische Liebe, die das lyrische Ich für seinen Geliebten
hegt, denn was sind Schatten anderes als der Abklatsch von hellem klarem
Licht an den Palmen der Stadt.
Auch der Satz im Vers 6 "Immer muss ich eine Melodie summen" deutet
auf eine Erinnerung an den Geliebten, die diese Person zusammen mit ihm
erlebt hat, und nun geht er ihr nicht mehr aus dem Kopf, ebenso wie diese
Melodie, mit der sie wohl traute Zweisamkeit verbindet, denn "Die hängt
lächelnd an den Ästen.".
Im achten Vers äußert das lyrische Ich eine Feststellung:
"Du liebst mich wieder", was vielerlei versteckte Gefühle zum Vorschein
bringt. Denn dieser Satz weist den Leser nicht nur darauf hin, dass schon
einmal eine Liebesbeziehung zwischen den beiden Personen bestanden hat,
sondern lässt auch die Angst hervor treten, die, vielleicht auch nur
unbewusst, hinter diesen Worten liegt: Die Angst, ihn wieder zu verlieren,
nach all dem, was geschehen ist, neu enttäuscht zu werden und wieder
allein zurückzubleiben, aber auch Zweifel, ob denn ein Neuanfang nicht
falsch gewesen sei. Doch all das tritt wieder in den Hintergrund, denn
in den folgenden zwei Versen lässt die Dichterin den Leser erahnen,
dass dem lyrischen Ich alles gleichgültig ist, solange es nur glücklich
ist. Es ist egal, wem es sein "Entzücken" erzählt, "Einer Waise
oder einem Hochzeitler", wie es im neunten Vers heißt. Doch der elfte
Vers, ein Hochzeitler, "Der im Widerhall das Glück hört" lässt
wiederum Neid erahnen, denn dieser Mensch erfährt auch Gegenliebe,
was dem lyrischen Ich nicht vergönnt ist, denn der Geliebte ist ja
weit weg. Es ist ein Wechselbad der Gefühle.
Auch die siebte Strophe ist vieldeutig gestaltet: "Dann wird mein Herz
ein Kind / Und schreit" heißt es hier. Doch warum "schreit" es, muss
sich der Leser fragen. Ist es die Freude, weil er an sie denkt, wie es
im vorigen Vers angedeutet wird? Oder ist es die Trauer, weil er nicht
da ist und sie ihn so sehr vermisst? Oder ist es vielmehr das Wissen darüber,
warum er nicht da ist? Die Dichterin lässt zwar unklar, was der Anstoß
zu diesem Gedanken war, doch lässt sie vermuten, dass eine tiefere
Wahrheit in dieser Aussage liegt, eine Wahrheit, die dem Leser verborgen
bleibt. Doch klar wird, dass das lyrische Ich seinen Partner in einem helleren
Licht darstellt, als er vielleicht wirklich ist, denn in der neunten Strophe
heißt es dementsprechend: "Ich helfe der Sonne deine Schönheit
malen / An allen Wänden der Häuser".
Deutlich aber ist der Grundgedanke, der Rahmen dieses Gedichtes, zu
erahnen: Der Wunsch, beim Geliebten zu sein. Dieser Gedanke zieht sich
durch alle Verse, sei es "Seit du nicht da bist / Ist die Stadt dunkel"
in Vers eins und zwei oder "Dann wird mein Herz ein Kind / Und schreit.",
in der siebten Strophe, oder aber "Aber ich magere / An deinem Bilde" in
der zehnten Strophe. Das lyrische Ich wünscht sich nichts sehnlicher,
als dass er bei ihr oder doch wenigstens nicht weiter als einen Katzensprung
entfernt sei. "Wenn doch ein Tiger / Seinen Leib streckte", heißt
es in Vers 28-31, "Über die Ferne, die uns trennt, / Wie zu einem
nahen Stern.". Und doch folgt auf all diese Sinneseindrücke und tiefen
Gefühle nur das kalte Erwachen: "Auf meinem Angesicht / Liegt früh
dein Hauch.".
(Interpretation von Bettina Bappert)
http://www.herder-forchheim.de/faecher/deutsch/lk97-99/bapper.htm |
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