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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Jakob von Hoddis 

Morgens
 
Jakob van Hoddis

Morgens

Ein starker Wind sprang empor. 
Öffnet des eisernen Himmels blutende Tore. 
Schlägt an die Türme. 
Hellklingend laut geschmeidig über die eherne Ebene der Stadt. 
Die Morgensonne rußig. Auf Dämmen donnern Züge. 
Durch Wolken pflügen goldne Engelpflüge. 
Starker Wind über der bleichen Stadt. 
Dampfer und Kähne erwachen am schmutzig fließenden Strom. 
Verdrossen klopfen die Glocken am verwitterten Dom. 
Viele Weiber siehst du und Mädchen zur Arbeit gehn. 
Im bleichen Licht. Wild von der Nacht. Ihre Röcke wehn. 
Glieder zur Liebe geschaffen. 
Hin zur Maschine und mürrischem Mühn. 
Sieh in das zärtliche Licht. 
In der Bäume zärtliches Grün. 
Horch! Die Spatzen schrein. 
Und draußen auf wilderen Feldern 
Singen Lerchen.

Aus: „Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe". 
Hg. v. Regina Nörtemann. Zürich: Arche Vetlag 1987

Thema, Aufbau und Intention

Das Gedicht führt eine morgendliche Industriestadt vor Augen, deren Menschen der Entfremdung ausgesetzt sind. Der Text bestehlt aus achtzehn unterschiedlich langen Versen und ist teils in Reimbindung, teils in freier Rhythmisierung verfasst. Durch seine Einstrophigkeit, seine eigenwillige Bildsprache und den konsequenten Reihungsstil wirkt er gleichermaßen provozierend und modern. Er ist wohl aus vier Strophen hervorgegangen, was ein Blick auf die thematische Makrostruktur bestätigen kann. Der erste Teil schildert die Dynamik des Windes und seine Wirkung auf Natur und Stadt (V. I-4), im zweiten wird die technisierte Umwelt beschrieben ( V. 5-9), der dritte zeigt durch Mechanisierung entfremdete Menschen ( V. 10-13); der letzte Teil verweist auf den Naturraum als möglichen Fluchtpunkt (V. 14-18). Das Gedicht will dem Leser verdeutlichen, dass angesichts mechanisierter Arbeits- und Lebensbedingungen die Natur Trost und Zuversicht bieten kann.

Sprachliche Gestaltung

Verse 1-4

Sollte der Leser, eingestimmt durch den Gedichttitel, die Schilderung einer harmonischen Morgenstimmung erwarten, so wird er bereits durch die befremdlich wirkende Bildwelt und den Stakkatostil der ersten vier Zeiten gründlich desillusioniert. Der "starke Wind", der die dynamische Seite der Natur vertritt, greift verändernd in Naturraum und Stadtraum ein. Drei personifizierende Verben - emporsteigen, öffnen, schlagen - lassen den Wind als Gestalt auftreten, die mit ihrer Gewalt nicht nur das Erscheinungsbild des Himmels beeinflusst, sondern auch Bauten angreift. Das kraftvolle Fegen des Windes wird durch die hellen i- und e- Laute nachempfunden (4). Schon in diesen Anfangszeilen ist eine eigentümliche zweifache Verbindung von Natur und Stadt evoziert, die in den fünf Schlusszeilen wieder aufgegriffen ist. einerseits Annäherung und gewisse Ähnlichkeit beider Räume, andererseits Kontrast. Ähnlichkeit wird in den Anfangszeilen gestiftet durch die Adjektive eisern und ehern, einmal der Naturerscheinung Himmel beigefügt, einmal der Stadt, mag man nun "Ebene" konkret als Raumangabe oder als Metapher für Gleichförmigkeit auffassen. Beide Adjektive vermitteln gleiche Vorstellungen hinsichtlich Materialität und Farbe. Kontrast entsteht, indem ein Nomen aus dem Bereich Natur mit einem Adjektiv aus dem semantischen Feld der Technik verknüpft wird: eiserner Himmel (ähnlich übrigens "Morgensonne rußig"), als verbänden sich Natur und Technik zu einem widerspruchsvollen Ganzen. In der mehrdeutigen Gesamtmetapher [Der] Wind ... öffnet des eisernen Himmels blutende Tore." verschmelzen Natur, Technik und Apokalypse zu neuen Bildvisionen, in denen Morgenröte, aber auch Aufbruch (öffnen), Krieg (eisern, blutend) und endzeitliche Strafe (Himmel, Tor, blutend) Gestalt annehmen. Wie in Vers sechs entstehen durch das Beziehungsgeflecht heterogener Elemente ungewohnte Bilder von hoher Intensität.

Verse 5-9

Auch das Bild "Durch Wolken pflügen goldne Engelpflüge."(6), überraschend eingebettet in die Schilderung der Industriestadt, bindet divergierende Vorstellungen aus Natur, Jenseits und Technik zusammen und spinnt Textfäden weiter. Mit dem Nomen Pflug ist die Materialität aus den Zeilen zwei und vier aufgegriffen, die Wörter Wolke und Engel knüpfen an Himmel an. Die Farbe golden verstärkt die Dimension des Metaphysischen. Man kann in dem Bild aber auch eine Abwandlung des mythischen Motivs Sonnenwagen sehen. In Farbe und Stimmung ist das Bild ein Fremdkörper in dem Textteil, der die "bleiche Stadt" entfaltet - eine industrialisierte Großstadt mit rußigem Dunst, Lärm, verschmutztem Gewässer. Als Zeichen der Industriewelt werden Züge, Dampfer und Kähne benannt, die auf eine aggressive (5), gewaltige (8) und belebte (8) Dingwelt verweisen. Die technisierte Umwelt ist als bedrückend empfunden, das zeigt die Häufung negativ geladener Adjektive wie rußig, bleich, schmutzig, verdrossen. Die Alliteration in "Dämme(n) donnern" unterstreicht diese Sicht. Lautmalerische Klänge fangen die Stadtatmosphäre ein: Dumpfe a- und o- Laute verdeutlichen den Arbeitslärm (8); o- Laute bilden Anklänge an das Glockengeläut, malen aber auch die Stimmung von Missmut, Monotonie und Lethargie. Die Personifikation "Verdrossen klopfen die Glocken" bewirkt eine Intensivierung der Atmosphäre; der Missmut in der Industriestadt ist so penetrant, dass er selbst die aus alter Zeit stammenden Dinge erfasst.

Verse 10-13

Nach den belebten Dingen rücken nun Menschen, Frauen, ins Blickfeld. Sie sind im "bleichen Licht" gesehen, befremdlich objekthaft. Aus selbstbestimmtem Bereich der Leidenschaft (11) und der Liebe (12) kommend, werden sie hingezwungen in die technisierte und somit entfremdende Arbeitsweit. "Hin zur Maschine und mürrischem Mühn." (13) Richtungsweisung, Inversion, verblose Ellipse, Alliteration und Assonanz (ü) verleihen der Aussage überschweres Gewicht. Die Arbeit der Frauen erhält den Charakter eines fremdgesteuerten , mühseligen Tuns. Passende Folie für die mit dieser Art Beschäftigung einhergehende Lustlosigkeit und Depersonalisierung ist das Bleiche von Stadt und Licht.
Die in den Zeilen 1-13 angeordneten Sätze und Satzfragmente verstärken durch die asyndetische Reihung und durch die ausschließliche Verwendung des Punktes als Satzschlusszeichen das Drängende und Disharmonische; sie evozieren eine Dichte und hämmernde Dynamik, der sich der Leser kaum zu entziehen vermag (5-8, 11ff.). Durch den Verzicht auf sinnstiftende Satzverknüpfung und Enjambement wird der Leser dazu gezwungen, die dargestellte Welt als disparat und alogisch zu empfinden. Das Weglassen der Verben bewirkt einerseits eine starke Konzentration und somit Eindringlichkeit der Bildgestaltung und andererseits eine Offenheit der Aussage. Die teilweise Aufrechterhaltung des Endreims - es treten drei Reimklänge auf, zwei davon in männlicher Kadenz - wirkt in ihrer Willkürlichkeit eher beunruhigend, als dass sie auf eine ästhetische und inhaltliche Ordnung der Welt verweist. Der Reim als Hinweis auf sinnvolle Zusammenhänge scheint ausgedient zu haben. Angesichts dieses Befundes erscheint um so bedeutungsvoller die Reimbindung in 13/15, wirft sie doch, verknüpft mit kontrastierenden Adjektiven, einen Schimmer von Hoffnung auf die Trostlosigkeit der Arbeitswelt (mürrischem Mühn / zärtliches Grün).

Verse 14-18

Die Doppelstruktur Annäherung und Kontrast der Seinsbereiche Natur und Stadt prägt auch den Schluss des Gedichtes. In diesen letzten fünf Versen ist ein anderer Ton angeschlagen. Nicht mehr stakkatohaft und somit hart und drängend ist der Duktus, sondern weicher, fast zart. Selbst in dein bleichen Lebensraum der Stadt könnte man zärtliches Licht, zärtliches Grün und das Geschrei der Spatzen wahrnehmen, also Natur als Gegenwelt erleben. Zu den optischen und akustischen Wahrnehmungen fordern zwei Imperative auf (14/16). Jeder ruft zu intensiver Sinnesbetätigung auf. Denn wer horcht, hört aufmerksam zu, wartet auf Geräusche und Laute, öffnet sich ihnen, und wer in etwas sieht, muss genau sehen und kann folglich mehr sehen als der, der nur etwas sieht. Insofern ist in beiden Appellen die Aufforderung mit enthalten, von sich selbst abzusehen, da erst die Aufhebung der Selbstbefangenheit die Voraussetzung ist für das Wirksamwerden dessen, was man sieht und hört. 
- An wen richten sich die Appelle? An das in Zeile zehn erwähnte Du, das gleichermaßen als lyrisches Ich, als unpersönliches Man wie auch als Leser aufzufassen ist? Doch wohl eher an die in Entfremdung, Mühsal und Lethargie Gefangenen, da sie des Trostes bedürfen. Die bekräftigende Wiederholung des Adjektivs zärtlich leistet dreierlei; sie mildert das Moment des Gewaltsamen, das den Text durchzieht (1,3,5,11); sie vermittelt der Aussage Nachdruck; und sie verspricht dem, der dem Appell folgt, Linderung für die im industriellen Alltag zugefügte Versehrung.

Die beiden letzten Zeilen darin weiten diesen in der Stadt liegenden Hoffnungsraum, indem sie einen fast utopisch anmutenden Naturraum imaginieren - sprachlich gestaltet durch anknüpfende Kontrastierung. Dem harten Schreien der Spatzen, das dein bleichen Lebensraum der Stadt zuzuordnen ist, wird das melodiöse Singen der Lerche gegenübergestellt; dem gemeinen, als alltäglich angesehenen Vogel der 'kostbarere', mit dem man Neubeginn assoziiert, dem Einengenden der Stadt ein "draußen"; dem durch Mechanisierung Gezähmten und Normierten das Ursprüngliche, die "wilderen Felder". Der Ausweitung des Blicks und der angedeuteten Sinnstiftung entspricht das einzige Enjambement im Gedicht, insofern es über den Raum der Zeile ausgreift und zudem einen Sinnzusammenhang schafft.

Expressionismus

Das Gedicht von Jakob van Hoddis, entstanden um 1910, lässt sich in die Phase des Frühexpressionismus einordnen und weist wesentliche thematische und stilistische Merkmale des Expressionismus auf. Im Sinne eines Bruchs mit den traditionellen ästhetischen Darstellungsweisen werden Wahmehmungsveränderung und Orientierungsverlust des modernen Menschen in neuer Form zum Ausdruck gebracht. Die transzendentale Sinnkrise und das Gefühl der Disparatheit manifestieren sich im Aufbrechen grammatischer Strukturen, in ungewohnten Sprachbildern sowie Farbsymbolik. Ausbruch und Aufbruch, nämlich aus Konventionen und festgelegten Bedeutungen, werden zu Schlagwörtern der Epoche. Missbehagen und Untergangsstimmung prägen das Bewusstsein der Künstler. Diese allgemeinen Epochenmerkmale sind in dem Gedicht greifbar, jedoch noch nicht in der Radikalität späterer Werke.

Thematik: Die Großstadt

Das Gedicht gehört in den Kreis der expressionistischen Großstadtlyrik. Radikal neue ästhetische Kategorien lassen sich an der Wahrnehmung und Darstellung des Lebensraumes Großstadt besonders vielschichtig ausmachen. Hier werden die wachsenden Spannungen zwischen fortschreitender Entwicklung zur Industriegesellschaft und den nicht mehr tragfähigen kulturellen Werten seismographisch empfunden und dargestellt. Die skeptische und sarkastische Weltsicht äußert sich in einer Ästhetik des Hässlichen, im Zerbrechen der harmonischen Form, in Provokation und Schock. Ambivalente Welterfahrung und widersprüchliche Wahrnehmung der Großstadt manifestieren sich in Angst und Orientierungslosigkeit. Technisierung und Verstädterung werden als negativ dargestellt, kontrastieren aber mit Elementen des Schönen und Pathetischen.
Schriftliche Abiturprüfung Deutsch 2002
Prüfungsart: 1./2.Prüfungsfach


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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