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Fachbereich Deutsch
Lyrik

August Stramm 

Kriegsgrab, Patrouille, Schwermut
 
AUGUST STRAMM, 

Kriegsgrab 

Stäbe flehen kreuze Arme 
Schrift zagt blasses Unbekannt 
Blumen frechen Staube schüchtern 
Flimmer 
tränet 
glast 
Vergessen 

AUGUST STRAMM, 
Patrouille 

Die Steine feinden 
Fenster grinst Verrat 
Äste würgen 
Berge Sträucher blättern raschlig 
gellen 
Tod
 

AUGUST STRAMM, 
Schwermut 

Schreiten Streben 
Leben sehnt 
Schauern Stehen 
Blicke suchen 
Sterben wächst 
das Kommen 
schreit! 
Tief 
stummen 
wir. 

August Stramm, 
Patrouille, 
Kriegsgrab, 
Schwermut 
 
Um die einfache Oberfläche der Wirklichkeit zu durchbrechen, sollte nicht eine übersteigerte Ästhetik oder tradierte Normen für den Expressionismus ausschlaggebend sein, vielmehr stand für diese Epoche der eigene Antrieb des Künstlers und der subjektive Ausdruck von unbewältigten Erfahrungen, der Überfülle des Erlebten, im Vordergrund. Eine Absage an die Übermacht der Vernunft ebnete den Weg für den emotionalen Moment, der sich besonders in der expressionistischen Lyrik niederschlug. Vor allem die nach einer Zeitschrift benannte "Sturmtruppe", der auch Georg Heym angehörte, sah in neuen stilistischen Mitteln, wie der Abstraktion, die Möglichkeit die menschliche Not auszudrücken.
August Stramm (1874 -1915) versuchte seelische Zustände und Emotionen besonders durch Erweiterung der grammatikalischen Möglichkeiten zum Ausdruck zu bringen.
In der Lyrik von August Stramm spiegelt sich seine eigene Erfahrung während des ersten Weltkriegs wider. Zwar wurde es ihm erspart, die grausamen Materialschlachten , die ab 1916 begannen, selbst zu erleben, doch seine Gedichte drücken deutlich Bedrohung, menschliche Angst , Isolation und schließlich die Zerstörung jeglicher Existenz aus.

Das sechsversige Gedicht „Patrouille", wohl das am meisten bekannte, führt durch eine klare Negation an die konventionelle Grammatik zu einer Absage an das saturierte wilhelminische Zeitalter, an überholte bürgerliche Normvorstellungen , und an den Krieg als Resultat des Obrigkeitsstaates. In diesem Gedicht werden nur Dinge genannt: "Steine", "Fenster", "Äste", "Sträucher". Von allen geht Bedrohung aus, sei es als Andeutung an ehemals von Menschen Erbautes, das nun zu Trümmern zerschlagen, keinen Schutz vor Zerstörung mehr bietet, sondern dem Betrachter nur noch Feindseligkeit entgegenbringt. Das Fenster als Symbol der Kommunikation von Außen - und Innenwelt stand in der Tradition der Lyrik stets als unantastbare Metapher, die in sich für den subjektiv-seelischen Konflikt die Möglichkeit der Hoffnung trug, wie noch Rilke im "Bildnis einer Dame in den 80er Jahren" anklingen lässt:... "dass einmal jemand durch das Fenster winkte". Die Hoffnung, aus der inneren Isolation auszubrechen, existiert für August Stramm nicht mehr. Vielleicht hatte er hier zerschossene Fensterscheiben vor Augen, doch wichtig ist nur der Ausdruck der Assoziation, der Schrei aus der menschlichen Not heraus. Das symbolträchtige "Fenster" verliert seine eigentliche Bedeutung und wird aus der Stellung einer Auswegsfunktion heraus zu einem Irrweg, der in den " Tod" (letzte Zeile) führt. Er wird durch seine isolierte Position in der Schlusszeile, verstärkt durch den unmittelbar folgenden einzigen Punkt in der letzten Zeile, zum Absolutem, dem Finale, vor dem es kein Entrinnen gibt . Die Natur als Zufluchtsort, wie sie noch viele Lyriker des 20. Jahrhunderts gesehen haben ,wie etwa Hermann Hesse, wird ihrer ursprünglichen Bedeutung entfremdet , die eigentlichen Emotionen, die einem lyrischen Ich zugesprochen wären, werden auf "Äste" übertragen. Der Mensch, abgestumpft durch den Krieg, fehlt in den Werken von Stramm als Träger von Gefühlen. Seine Wahrnehmungen werden nicht direkt angesprochen, nur das was die Patrouille in prägenden Momentaufnahmen aus den Blickwinkeln auffängt, Assoziationen, die nur eines verkünden, den Tod.

Auch das „Kriegsgrab" gibt als Ganzes den Ausdruck der Zerstörung wieder, doch hier ist es vielmehr das Stille Resignative, das Stramm anspricht. Neologismen wie in der ersten "Stäbe flehen kreuze Arme", oder in der dritten Zeile "Blumen frechen" sprechen die Notwendigkeit einer neuen Sprachform an, die sich nach Verfall aller Werte auch dem veränderten emotionalen Ausdruck der Menschen anpasst. Besonders "Blumen frechen" verleiht diesem Gedicht nachhaltig Wirkung. Der Mensch erfährt , wie schon in "Patrouille" kein Sterben in Ruhe und Würde, sondern nur zynischen Hohn der entfremdeten Natur über die vergängliche menschliche Existenz, die im Krieg kein Individuum mehr ist, sondern nur noch Teil eines gigantischen Heeres, anonym, auch im Tod. Stramm mag vielleicht bei der zweiten Zeile "Schrift zagt blasses Unbekannt", ein Massenkriegsgrab vor Augen gehabt haben. Doch auch, wenn überhaupt, ein Name an einem einzelnen Grab auftaucht, bleibt keine Erinnerung an den Menschen, der im Krieg von Anfang an zum Sterben verdammt wurde. In der Verschmelzung von "Arme" und "kreuze", was an das Kreuz als religiöses Symbol für Tod und Auferstehung zugleich erinnert, wird der körperliche Tod vorweggenommen, der jedoch in kein ewiges Leben führt, sondern im "Vergessen" endet. Kurze Augenblicke werden in den letzten vier Zeilen angeführt. Isolierte Momentaufnahmen ziehen vor dem ausgesparten lyrischen Ich vorüber, nur kurz wird um den Menschen getrauert, der auch nur in absoluter Abstraktion erscheint, dann versiegt auch der letzte Gedanke an die gebrechliche menschliche Existenz ("glast"), und mündet im lautlosen Vergessen.

“Schwermut" drückt die Machtlosigkeit, Verwirrung und Leere in Form eines lautlosen Schreies aus. Das Paradoxon zu Beginn "Schreiten Streben" bringt Chaos und Ratlosigkeit der Kriegsbevölkerung zum Ausdruck. Einerseits hält sie die Sehnsucht nach Leben (Leben sehnt, 2. Zeile) aufrecht, doch in dieser Zeit, in der nur Zerstörung regiert, bleibt dieses Sehnen unerfüllt. Machtlos (Schauern Stehen) muss der Einzelne dem kommenden Leid, einer unvorstellbar tosenden Welle aus Schmerz, Trauer, und Hilflosigkeit, entgegensehen, unaufhaltsam das Ende bringend. Die nutzlosen Versuche, gemeinsam mit anderen die erdrückende zehrende seelische Not auszudrücken, sie "hinauszuschreien", schlägt fehl. Zwar werden Blicke gesucht (3. Zeile), doch auch in den vor Resignation leeren Augen der anderen finden sich keine Antworten auf Linderung gegen die brennende Narbe des tief verwurzelten Schwermutes.
Dem bewusst gesetzten Ausrufezeichen nach "Das Kommen schreit!" , Ausdruck der bedrohlichen, unaufhaltsamen, endgültigen Zerstörung, steht ein finaler Punkt gegenüber, der das kollektive regungslose Schweigen der Menschen, die ihre eigene Ohnmacht mit Entsetzten zu verstehen beginnen, (Tief stummen wir. ) abwürgt. 

(Interpretation: Julia Büttner)
http://www.herder-forchheim.de/faecher/deutsch/lk97-99/buettn.htm


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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