Gottfried Benn
(1886 - 1956)
Reisen
Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?
Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?
Bahnhofstraßen und Ruen,
Boulevards, Lidos, Laan -
selbst auf den Fifth Avenuen
fällt die Leere Sie an -
Ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.
Rue: Straße (franz.)
Boulevard, Avenue: Prachtstraße
(Paris), (New York)
Lido: Strandpromenade
Laan: Straße (holl.)
Quelle: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg., 1996):
1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen.
Dritte Auflage. Insel Verlag, Frankfurt am Main
und Leipzig. hier: Band 6, Von Georg Trakl
bis Gottfried Benn.
Dort finden sich (ausnahmsweise) gleich zwei
Interpretationen bzw. Erfahrungsberichte
(Dieter E. Zimmer - besonders lesenswert -
und Horst Krüger). |
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Gottfried Benn
* 02.05. 1886, Mansfeld
† 07.07. 1956, Berlin
Dichter (Lyrik, Prosa, Essays) und praktischer Arzt
BENN schrieb das Gedicht "Reisen" ins einer letzten Schaffensperiode.
Er ahnte bereits die Entwicklung des Tourismus voraus. Wie die meisten
modernen Dichter tritt er als Mahner auf. Reisen hält er für
eine Flucht nach außen, die keine Erlösung von innerer Leere
bringen kann.
LITERARISCHE und DIDAKTISCHE ASPEKTE
Das Gedicht beginnt mit einer Frage. Die Sprechweise klingt wie bei
einer alltäglichen Unterhaltung.
Die zweite Strophe greift die Frage noch einmal auf. Sie bringt eine
Steigerung. Der Text hebt sich durch Rhythmus und Wortwahl stärker
von der Alltagssprache ab. Dann eine Reihung von Substantiven (substantivischer
Stil) als Ausdruck von Hektik und Stress, - und die Antwort fällt
apodiktisch aus: ... fällt Sie die Leere an.
Die Hinwendung zum reizüberfluteten Großstadtleben befreit
den Menschen nicht aus seiner „Wüstennot".
Die vierte Strophe wirkt im Rhythmus beruhigt und getragen. Nur in
der Stille, im engen Umkreis seines unmittelbaren Lebensbereiches findet
der Mensch seine Selbstverwirklichung. Reisen ist für den Dichter
ein Übel, aber doch ein notwendiges; denn nur über das Fahren
kommt man zum Erfahren.
Das Gedicht wirkt durch die Aussage gegen die Meinung der Allgemeinheit
sehr spannungsgeladen und fordert zunächst zum Widerspruch heraus.
Der überlegenen Kunst des Dichters gelingt es, diesen Gegensatz immer
mehr abzubauen und schließlich Einverständnis zu erreichen.
Dieser Aufbau des Gedichtes bildet die Grundlage für die unterrichtliche
Erschließung.
"Ach, vergeblich das Reisen", - wenn solche Benn-Zitate auch der jüngeren
Generation bisweilen noch über die Lippen kommen, dürfte dies
wohl ein (ironisch gebrochener) Reflex der ungebrochenen Benn-Begeisterung
ihrer Eltergeneration aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sein. Und
wie immer bei großen Dichtern (zu denen Gottfried Benn 'trotz allem'
gehört) macht es Sinn zu fragen, welche Seiten von Biografie oder
Werk auf dem Weg zum Ruhm vergessen, verschwiegen oder verloren wurden
(werden mussten).
Denn es ist schon erstaunlich, dass dieser Nihilist und Bürgerschreck
des Jahres 1911, der Sensationsautor des Frühexpressionismus (immerhin
neben Georg Heym oder Georg Trakl), der sich in der Weimarer Republik als
radikal-ungemütlicher Konservativer neu zu positionieren suchte und
dann (wenn auch nur für kurze Zeit) mit der NSDAP sympathisierte,
zum weithin akzeptierten und zitierten Klassiker der frühen Bundesrepublik,
von den späten vierziger bis zu den frühen sechziger Jahren,
werden konnte.
Tatsächlich hat Benn mit den Nationalsozialisten nicht nur sympathisiert,
sondern sich rückhaltlos zu ihnen bekannt und Texte verfasst, über
die humanistische Zeitgenossen je nach Temperament buchstäblich schäumten
- oder weinten. Nach der unvermeidbaren Enttäuschung durch die Pöbelnazis
verstand Benn sich als "Innerer Emigrant" und konservierte diese Haltung
auch nach 1945 - und gerade damit, das heißt im Ausblenden oder "kommunikativen
Beschweigen" (wie man später sagte) der eigenen Vergangenheit und
Verstrickung passte er prächtig in die Adenauer-Zeit hinein, die im
Großen und Ganzen dasselbe tat. Unverwechselbar und unwandelbar war
er wohl nur in der Zuneigung zu seiner Stadt Berlin und - "Würzburger
Hofbräu zwei..." heute noch - ihren Kneipen.
Grundlage von Benns 'zweitem Ruhm' war der Lyrikband Statische Gedichte
(1947) sowie die Rede Probleme der Lyrik (1951) die gern als eine horazische
Ars poetica der Bundesrepublik bezeichnet wurde. Vor allem das einflussreiche
Buch des Romanisten Hugo Friedrich zur Struktur der modernen Lyrik (seit
1956 in mehreren hunderttausend Exemplaren verbreitet) kanonisierte Benns
späte Modernität. Hinzu kam, dass man Benns Texte als Gegenentwürfe
zu den Werken und zur Poetologie von Bertolt Brecht lesen konnte, mit dem
er seit den zwanziger Jahren in gepflegter Feindschaft verbunden war; also:
"Abendland" gegen "Bolschewismus", "Kunst" gegen "Politik".
Was zeigt der Blick zurück? Gemessen an der Experimentierfreudigkeit
der (bis heute unterschätzten) Bennschen Prosa (die sogenannten "Rönne"-Geschichten,
ab 1916, oder Roman des Phänotyp, 1947) verblassen die Gedichte der
späten Phase. Und die frühexpressionistischen Großstadt-Gedichte
der ersten Sammlung Morgue (1912), verfasst zu einer Zeit, als es möglich
schien, der Lyrik und der Literatur überhaupt eine ganz neue Richtung
zu geben, haben bis heute eine einmalige Schärfe bewahrt.
Im diffusen Licht der Postmoderne erscheint der Verfasser von "zwei
Selbstdarstellungen" mit dem bezeichnenden Titel Doppelleben (1950) in
einer angemessen doppelten oder auch paradoxen Rolle: als ein Wegbereiter
der klassischen Moderne vor dem Ersten und als nachholender oder eher noch
bremsender Spätmodernist nach dem Zweiten Weltkrieg.
Wichtige Schriften:
o Morgue und andere Gedichte (1912)
o Gehirne (1915), auch bekannt als Rönne-Komplex
o Statische Gedichte (1947)
o Probleme der Lyrik (1951)
o Doppelleben. Zwei Selbstdarstellungen (1950)
Sekundärliteratur:
1. H. Brode: Benn-Chronik. Daten zu Leben und Werk, München 1978.
2. H. Ridley: Gottfried Benn. Ein Schriftsteller zwischen Erneuerung
und Reaktion, Opladen 1990.
3. H. Steinhagen (Hg.): Gedichte von Gottfried Benn - Interpretationen,
Stuttgart 1997.
Teilweise aus: http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/benn.htm |