| Gottfried Benn
Schöne Jugend
Der Mund eines Mädchens
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach,
war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die k leinen Schnauzen quietschten!
Isotopie - Ebenen |
1. Textsorte und allgemeine Charakteristik
• „Schöne Jugend“ = Teil einer Gedichtsfolge unter dem Titel „Morgue“
(Leichenschauhaus“;
textbestimmendes Merkmal: formales Prinzip der Gegensätzlichkeit
• Prosahafte Diktion des Textes, ohne feststellbares Versmaß,
reimlos, aus zwölf Zeilen bestehend, kann in vier Abschnitte zu je
drei Versen gegliedert werden.
2. Struktur
a) Inhaltllich
Vier Abschnitte:
Vers 1 – 3: Aussage über Mund und Brust des Mädchens
Vers 4 – 6: Bestimmung des Aufenthaltsortes junger Ratten, nicht der
Tod des Mädchens, sondern der Tod eines Ratten – Schwesterchens ist
interessant.
Vers 7 – 9: Bestimmung von Leben und Lebensqualität der jungen
Ratten.
Vers 10 – 12: Tod der Ratten („schön und schnell“)
b) Sprachlich – semantisch
Kontrastierung zweier Isotopie – Ebenen
b 1) Lyrisch stark besetzte Begriffe, assoziationskräftige Wörter:
Mund, Brust, Laube, Nest, schöne Jugend
b 2) Unlyrische Fachausdrücke aus der Anatomie: Speiseröhre,
Zwerchfell, Leber, Niere, kaltes Blut.
b 3) Unlyrische Wörter aus dem Bereich des Verfalls, des Vergänglichen:
angeknabbert, löschrig, warf
=> Methode: Desillusionierende Verfremdung lyrisch besetzter Begriffe
/ Klischees
=> Enttäuschung der Lesererwartung
Mund – angeknabbert
Brust – löschrig
Laube – junge Ratten
schöne Jugend – schöner und schneller Tod
schöne Jugend (Titel => junges Mädchen) - Ratten
b 4) Zuordnung
1) der desillusionierten, entzauberten
Ausdrücke zu Mädchen: Mund, Brust, Laube
2) der affektgeladenen Ausdrücke
zu Ratten: kleines Schwesterchen, schöne Jugend,
Ach …!
= sentimental affektiert.
3. Einstellung des Autors zum lyrischen Gegenstand
a) distanzierte, nüchterne Beschreibung dem Mädchen gegenüber,
kein Anflug von Mitgefühl
b) Übertriebener Affekt den Ratten gegenüber:
=> der Mensch ist absichtlich aus dem Mittelpunkt gerückt; an
seine Stelle treten auf makabre Weise die Ratten, für die der Körper
des Menschen (äußere Jugendlichkeit, Schönheit) Heimat
wird. Der Handlungsträger bleibt anonym; wird dreimal als „man“ bezeichnet.
4. Gesamtaussage, Intention
Desillusionierende Verfremdung überkommener Realitätsvorstellungen;
Neubestimmung des Menschen, wie er sich in der Welt erlebt, neue Erfahrung
von Wirklichkeit, in der Grauen und Ekel Erregendes, Tod, Zerstörung
und verwesung die Haupterfahrung bilden. Verzweifelte, zynisch distanzierte
Grundstimmung
5. Literaturhistorische, biographische Einordnung
Im Unkreis expressionistischer Lyrik (1910 – 1925).
Benn war Militärarzt in beiden Weltkriegen, seit 1918 Facharzt
für Haut- und Geschlechtskrankheiten.
Benn zum Stil: „Der Stil der Zukunft wird ein Roboterstil sein, Montagekunst.
Der bisherige Mensch ist zu Ende, Biologie, Soziologie, Familie, Theologie,
alles verfallen und ausgelaugt, alles Prothesenträger. |
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