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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Georg Trakl 

Die schöne Stadt
 
Georg Trakl

Die schöne Stadt

Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus dem Brunnen.
Blütenkrallen drohn aus Bäumen.
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen.
Durch der Gärten Blätterrahmen
Schwirrt das Lachen schöner Damen.
Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
Durch die Blumen an den Fenstern.

Aufgaben:
Erläutern Sie die verschiedenen Aspekte von Schönheit, 
die in diesem Gedicht sinnlich erfahrbar werden. 
Wie wird „Schönheit“ für den Leser vermittelt?

Auf welche Weise wird das scheinbar vorherrschende 
Bild einer schönen Idylle im Text in Frage gestellt? 
Erklären Sie das Vorgehen des Dichters an einem Beispiel!
Formulieren Sie eine Gesamtaussage dieses Gedichtes.

Ein Bildgedicht in 7 Strophen, durchgehend trochäisch und in umfassendem Reim, wobei das Reimwort in jedem 4. Vers das des ersten wieder aufnimmt. 
In I/IV und VI jeweils ein Enjambement, 
in VII deren zwei. 
Die Strophen werden in sich eng verfügt und ergeben eine Reihe von Bildern: 
I. Plätze in der Sonne, 
II. Kirchen, 
III. Brunnenplatz am Abend, 
IV. am Abend Mädchen am Tor; 
in V und VI treten zu den optischen Eindrücken akustische, auch diese harmonisch. 
VII lässt in 1 und 2 die Düfte hinzutreten und klingt in optische Eindrücke aus. 
Diese sieben kleinen Bilder aus Farben, Klängen und Düften schaffen das Bild der schönen Stadt (vermutlich Salzburg) in schlichter Sprache. 
Das traumhaft Vage, Leise ist besonders deutlich erkennbar an der Fülle der Adjektive.

Ungewöhnlich nur - und Beweis der Traklschen Sensibilität -:III 2. 
Hier wird der Zauber, der über dem ganzen Gedicht liegt, durchbrochen, und zwar aus einer Sphäre, aus der sonst keine Störung erwartet wird: Blütenkrallen drohn aus Bäumen. 
Ganz rein und ohne das Bewusstsein ständiger Bedrohung ist das Anschauen des Schönen für diesen Dichter nicht: Grauen kann selbst in der Form der Blüten lauern. jedoch das Letzte, was von der "schönen Stadt" bleibt, ist das Bild der Blumen, das den Menschen (müde Lider = pars pro toto) in den Schlaf geleitet.

Nach: Klett, Lesebuch A9, Lehrerheft, S. 60 (Stuttgart 1977)


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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