| Gerrit Engelke,
Stadt
Zehntausend starre Blöcke sind im Tal errichtet,
Aus: Stein auf Stein um Holz- und Eisenroste hochgeschichtet;
Und Block an Block zu einem Berg gedrückt,
Von Dampfrohr, Turm und Bahn noch überbrückt,
Von Draht, der Netz an Netze spinnt.
Der Berg, von vielen Furchen tief durchwühlt:
Das ist das große Labyrinth,
Dadurch das Schicksal Mensch um Menschen spült.
Fünfhunderttausend rollt im Kreis das große
Leben
Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben:
In Kaufhaus, Werkstatt, Saal und Bahnhofshalle,
In Schule, Park, am Promenadenwalle,
Im Fahrstuhlschacht, im Bau am Krahn,
Treppauf und ab, durch Straßen über Plätze,
Auf Wagen, Rad und Straßenbahn:
Da schäumt des Menschenstrudels wirre Hetze.
Fünfhunderttausend Menschen rollt das große
Leben
Durch alle Rinnen fort und fort in ungeheurem Streben.
Und karrt der Tod auch Hundert täglich fort,
Es braust der Lärm wie sonst an jedem Ort.
Schleppt er vom Hammer - Block den Schmied,
Schleppt er vom Kurven - Gleis den Wagenleiter:
Noch stärker brüllt das Straßenlied:
Der Wagen fährt - der Hammer dröhnt weiter. |
Vorbemerkung
Der Text des 1890 geborenen Gerit Engelke, 1921 veröffentlicht,
soll noch betrachtet werden, weil er den Gedanken der Zerstörung der
Individualität durch das Leben in der großen Stadt aufgreift.
Beobachtungen zum Text
Der Text entwirft in der ersten Strophe eine Stadtszenerie, die geprägt
ist von technischen Begriffen, die sogar den Herstellungsprozess der Häuser
mit einschließen. Dabei erfolgen jedoch weder Angaben exakter geografischer
Anordnungen noch differenzierte Beschreibungen der technischen Details
in ihren Relationen zueinander. Entscheidend ist auch hier nicht die naturalistische
Wiedergabe von Realität, sondern die Ausdruckswirkung des Arrangements:
- die Häuser erscheinen aufgrund ihrer Anzahl und ihrer einheitlichen
Form als zusammengeballte Masse
- ihre Benennung als "Blöcke" akzentuiert sie als technische Gebilde
- und nicht als menschliche Behausung
- ihre Lage "im Tal" engt den vorgestellten Raum ein
- das Arrangement technischer Details (Z. 4) hat die Funktion, die
Vorstellung gitterartiger Linien zu erzeugen, die den Stadtkomplex überdecken
- eine Vorstellung, die in der folgenden Zeile explizit bezeichnet wird
- solch Gitterraster prägt auch die Struktur der Stadt: indem
dies Raster aber als 11 von ( ... ) Furchen ( ... ) durchwühlt" beschrieben
wird, erscheint der Stadtbau nicht planvoll - übersichtlich
- er stellt sich vielmehr als "Labyrinth" (Z. 7) dar, in dem der Mensch
zwangsläufig untergeht.
Vom Individuum ist daher im folgenden gar nicht die Rede: der Mensch
in der großen Stadt erscheint als anonymes Objekt, das austauschbar
ist (Z. 8).
Das Kollektiv, in dem der einzelne untergeht, ist in der folgenden
Strophe durch die jeweils voranstehende große Zahl gekennzeichnet.
Die Bewegung der Menschen ist gleichförmig fremdbestimmt durch die
Stadt (Z. 9); obwohl die einzelnen Örtlichkeiten städtischen
Lebens variieren (Z. 11-15), bleibt sich das Verhalten der Menschen gleich.
Die dritte Strophe führt diesen Gedanken drastisch noch weiter aus:
- die Wiederholung der Verszeilen aus Strophe zwei nimmt zunächst
dies gleichförmige Verhalten des Menschenkollektivs auf
- akustische Elemente unterstützen und intensivieren (Z. 20/23)
die Vorstellung städtischen Lebens
- auch der Tod ist in dieser Stadtszenerie zu einem kollektiven Ereignis
geworden (Z. 19) - ohne Bedeutung jedoch für den Fortgang des Stadtlebens
- selbst wenn die Perspektivität des Textes doch noch einmal individuell
bezeichnete Gestalten erfasst (Z. 21 f.), so ist die Konsequenz für
die Frage individuellen menschlichen Wertes in der Stadt umso deprimierender:
die Funktionen dieser Menschen werden nahtlos weiter ausgeführt, das
Leben in der Stadt ist nicht beeinträchtigt.
Zusammenfassung wichtiger Aspekte
- Art und Funktion der Stadt
- Darstellungsweisen des menschlichen Kollektivs
- Individualitätsverlust im Großstadtleben
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