| Alfred Wolfenstein
Städter
Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, dass die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.
Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, ihre nahen Blicke baden
Ineinander, ohne Scheu befragt.
Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Unser Flüstern, Denken ... wird Gegröle ...
- Und wie still in dick verschlossner Höhle
Ganz unangerührt und ungeschaut
Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.
1. Wohin führt die erste Strophe das Auge des Lesers,
wohin die zweite? (Zur Erklärung der zweiten:
Bei den ganz alten Straßenbahnwagen gab es nur
zwei lange Sitzbänke entlang den Längswänden.)
Was verbindet die beiden Strophen?
Vergleiche die einzelnen Bildelemente.
2. Prüfe, was die beiden ersten Strophen
(die Quartette) sagen. Finde dafür einen Satz.
Prüfe ebenso die beiden Terzette. Entdeckst
du eine Beziehung?
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Beobachtungen zum Text
Das Gedicht folgt vom Aufbau her der traditionellen Sonettform:
- das erste Quartett beschreibt Details der Stadt
- das zweite Quartett konzentriert sich auf Menschen, hier in einer
speziellen Situation in der Straßenbahn dargestellt
- die folgenden Terzette führen in guter Sonett-Tradition gedanklich
weiter, indem sie an die gegebenen Beschreibungen Reflexionen über
die Auswirkung städtischer Lebensbedingungen auf das Ich anstellen.
Inhalt und sprachliche Betrachtung zeigen jedoch schon im ersten Quartett
Neues: die Stadt-Szenerie wird lediglich durch die Elemente "Fenster",
"Häuser" und "Straßen" angesprochen: die mangelnde Detailfülle
wird jedoch ersetzt durch Konzentration auf die Veranschaulichung der Beengtheit,
die eindringlich gestaltet wird:
- der Vergleich (Z. 1) reduziert die Größenverhältnisse
der Stadt und macht dadurch die Enge der Häuser plastisch
- die Elemente der Stadtszenerie werden in anthropomorphisierender
Gestaltung in Bewegung gesetzt und erzeugen so den Eindruck von Beengtheit
und sogar tödlicher Bedrohung
- die Häuser 'fassen sich an'- zusätzlich zu dieser Verkettung
wird die Beengtheit zweimal genannt (Z. 2/3)
- bedrohlich wirkt sich dies hier zunächst auf andere Elemente
der Szenerie aus: den Straßen werden die eigentlich menschlichen
Reaktionen auf den 'Würgegriff zugeordnet.
Während die Szenerie so in beengende Bewegung versetzt wird, erscheinen
die Menschen, auf deren Beschreibung sich das zweite Quartett konzentriert,
fast leblos:
- in der Straßenbahn, wo sie gefahren werden, sitzen die Menschen
unbeweglich einander gegenüber (Schülern müsste hier gesagt
werden, dass Straßenbahnsitze früher tatsächlich so gestaltet
waren)
- mit der Bezeichnung "Fassaden" werden in Umkehrung des Verfahrens
der ersten Strophe Begriffe aus dem Bereich des Unbeweglich-Materiellen
auf die Menschen übertragen
- auch hier herrscht Enge, jedoch kommt dieser Eindruck zustande durch
die dichte Unbeweglichkeit der sich gegenübersitzenden Menschenreihen:
sie sitzen 'ineinandergehakt'!
- aufgehoben wird der Eindruck der Beengung und Leblosigkeit durch
die Beschreibung der "Blicke" und "Begierde".
Doch führt dies im Text nicht zu einem lebhaften menschlichen Miteinander;
besonders durch die - schon als einzelner Begriff negativ konnotierte -
Nennung der "Begierde" wird nun die Vorstellung einer aggressiven Spannung
erzeugt, die die Grenzen der Privatheit des Ich zu durchdringen sucht.
Die folgenden Strophen formulieren reflektierend die Folgerungen aus
den beschriebenen Situationen:
- Enge und Bedrückung betreffen unmittelbar das jetzt explizit
genannte Ich in seiner personalen Existenz
- sie zerstören den privaten Raum und ersetzen ihn durch allgegenwärtige
Indiskretion der Umwelt
- das Ich ist nicht in der Lage, sich abzuschirmen,
- die hierfür als unzulänglich bezeichneten "Wände"
(Z. 9) beziehen sich sowohl im Anschluss an Strophe eins auf die Lebenssitutation
des Ich,
- sie meinen aber auch die physische/psychische Konstitution des Individuums
und setzen damit die 'materialistische' Redeweise vom Menschen aus Strophe
zwei fort - gerade der zugefügte Vergleich "dünn wie die Haut“
akzentuiert dies letztere Verständnis
- einzige Möglichkeit der Selbstbewahrung des Ich ist die Distanz
von den Menschen, der Rückzug auf sich selbst
- Konsequenz ist die völlige Isolation
Die Stadt erscheint somit im Text Wolfensteins als Ort der Beengung,
der physischen und psychischen Bedrückung des Individuums. Das Leben
in der großen Stadt zerstört jegliche Privatheit und lässt
dem Menschen nur noch den Rückzug in die Isolation.
Die verfremdete sprachliche Gestaltungsweise unterstreicht die Gefahr
der Ich - Zerstörung: die eigentlich leblose materielle Umwelt wird
in der Selbstdarstellung 'dynamisiert‘ und bedroht so das Ich, die Menschen
selbst werden in 'versteinerter' Leblosigkeit beschrieben.
Zusammenfassung wichtiger Aspekte
- verfremdende Darstellung der Stadtszenerie
- Darstellung menschlichen Verhaltens
- Auswirkungen der Stadt auf das Individuum
[Nach: Deutsch. Unterrichtsmaterialien, Freising
(Stark - Verlag) ] |
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