| Gottfried Benn
Verlorenes Ich
Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären,
Opfer des Ion: - Gamma - Strahlen .- Lamm -,
Teilchen und Feld: - Unendlichkeitschimären
Auf deinem grauen Stein von Notre - Dame.
Die Tage gehen dir ohne Nacht und Morgen,
die Jahre halten ohne Schnee und Frucht
bedrohend das Unendliche verborgen -,
die Welt als Flucht.
Wo endest du, wo lagerst du, wo breiten
Sich deine Sphären an -, Verlust, Gewinn -:
Ein Spiel von Bestien. Ewigkeiten,
an ihren Gittern fliehst du hin.
Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
Der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
Hinab den Bestienschlund.
Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten
Und was die Menschheit wob und wog,
Funktion nur von Unendlichkeiten,
die Mythe log.
Woher, wohin -, nicht Nacht, nicht Morgen,
kein Evoë, kein Requiem,
du möchtest dir ein Stichwort borgen -,
allein bei wem?
Ach, als sich alle einer Mitte neigten
Und auch die Denker nur den Gott gedacht,
sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,
wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,
und alle rannen aus der einen Wunde,
brachen das Brot, das jeglicher genoss -,
oh ferne zwingende erfüllte Stunde,
die einst auch das verlorene Ich umschloss.
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II. Syntax / Rhythmisches Gefüge
1. Str. I - VI:
• Kurze Ausrufeformen, häufiges Fehlen der Verben
? harter, hastender, oft von Intervallen in der versmitte gebrochener
Rhythmus ( Herkunft Benns aus der Spätstufe des llyrischen Expressionismus)
Funktion: Ausrufe, nicht Reflexion dessen, der die Welt als Flucht
erfährt.
2. Sr. VII / VIII:
• Lang ausschwingende Sätze
? getragener, weicher Rhythmus
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III. Strophenweise Erschließung des Textgegenstandes „Verlorenes
Ich“
1. Strophe: Dimension: Mensch und Welt (Unendlichkeit)
„Verloren“: Spitzenstellung ? vom Ganzen abgerissen, ziellos umherirrend,
angstvoll und verzweifelt suchend
„Ich“: ist noch anwesend, mehrfach angesprochen als Gegenüber
(II,1; III,1,2,4; VI,3); Ich spricht sich selbst als Du an ? Selbstgespräch,
Isolierthiet, Verlorenheit (s. bes. auch: VI,3,4)
Ich - Welt - Relation
„Ich“ = verloren, zersprengt, Opfer ... Lamm, Teilchen und Feld
Welt = Ion, Stratosphären, Gamma - Strahlen, Unendlichkeitschimären
? Explikation der Unendlichkeiten durch technisch - wissenschaftliche
Bezeichnungen (im Großen und im Kleinen)
Kommentar: Das Ich ist herausgerissen (zersprengt) aus einer Welt vertrauter
Maße, vertrauten Daseins (unendliche Größe)
Ion, Gammastrahlen: Ich begreift sich nur noch als Opferlamm, seit
es um die ungeheuren Vernichtungskräfte, „Todesstrahlen“ dieser kleinsten
Materieteilchen weiß, es ist selbst nur noch Teilchen, aber gleichzeitig
auch „Feld“ (magnetisches) für andere ? wird selbst willenlos, nach
geheimen Kräften bewegt und bewegt selbst andere
Dieser Zustand = Schimären der Unendlichkeit ? Polysem:
a) Dieser Zustand 0 fratzenhafte Widerspiegelung / Demaskierung des
menschlichen Größen-, Unendlichkeitswahns
b) Versuch des Menschen, das dämonisch Unheimliche und Bedrohende
der Welt durch Transformation in wissenschaftliche Formeln zu bannen (s.
Funktion mittelalterlicher Chimären an gotischen Kathedralen): das
ist unser Notre - Dame = Symbol der Überschaubarkeit, Geborgenheit,
religiös sinnerfüllten Mitte der Welt)
Wissenschaft als neue Relikgion? Gleichzeitig Demaskierung dieser Ersatzform
(s. Str. VII / VIII), die „Unendlichkeiten“ sind das Grauenhafte, Entsetzliche,
Dämonische, das das Ich bedrohend umlauert.
2 . Strophe: Dimension Zeit
Zeit erscheint anaphorisch (Sinnbetonung) am Anfang der Verse, aufgesplittert
in „Tage“, „Jahre“
Kommentar:
Tage: nicht mehr vertrauter, sinnerfüllter Wechsel von Tätigkeit,
Aufbruch (Moargen) und Ruhe, Erholung (Nacht). Nacht und Morgen sind bedeutungslos
geworden.
Jahre: nicht mehr durch natürlichen Rhythmus der Aufeinderfolge
der Jahreszeiten und der ihnen zugeordneten vertrauten Lebenserscheinungen
der Natur bestimmt, sondern nur noch vorüberfliehende Zeiteinheiten.
? dem sich als verloren empfindenden Ich ist die zeit als geordnetes,
organisches maß im Daseinsverlauf gestört ? das Unendliche lauert
dahinter. Welt als Schauplatz ruheloser Flucht: feste Gegebenheiten (von
Raum und Zeit) sind aufgehoben.
3. Strophe: Dimension Lebensaufgabe
Das Bewusstsein des Verlusts zeitlicher Lebensordnungen wird erweitert
auf das Räumliche.
Dreimal die Frage: „Wo?“, aber ohne Antwort, weil Welt selbst Flucht
ist, gibt es keinen Ort mehr, wo das Fliehen endet, das Ich einen Ruhepunkt
finden könnte, Verlust und Gewinn ist hämisches Spiel von Bestien
(s. Chimären), nicht mehr sinnerfüllte Aufgabe in sinnerfüllter
Welt (s. Relikgion Str. VII / VIII) möglich.
Kontrast: Ewigkeiten - Gitter, trotz der Unendlichkeit von Raum und
Zeit ist das Ich gefangen.
4. Strophe: Dimension Mensch in Welt und Geschichte
Anaphorische Stellung: Bestienblick, Dschungeltod, Expressive Sprachhaltung
(Ausrufe?), Wortblöcke ohne syntaktische Form; fast ausnahmslos Substantive
= Statik
Kommentar: Sterne nicht mehr Zeichen der Hoffnung, sondern die Eingewide
(Kaldaunen) der Unendlichkeiten, Untergang des Menschen im Unentwirrbaren
(Dschungeltod) ist einziger Daseinsgrund (s. dagegen biblische Schöpfungsgeschichte)
Der Mensch, seine geschichtlichen Taten (Katalaunen, 451 n. Chr. =
Rettung des Abendlandes vor den Hunnen) sind sinnlos
5. Strophe: Dimension Mensch und Sinnentwürfe, Existenzdeutung
Mitte des Gedichts = „Die Welt zerdacht“ = Spitzenstellung; zer = zerstörendes
Auseinanderreißen von etwas Gefügtem, Ganzem;
Kommtentar: Alliteration, Assonanz in „wob und wog“: menschlliche Sinnentwürfe,
Existenzdeutungen (Mythos) sind ersetzt durch mathematisch - physikalische,
chemische oder biologische formeln, alles Geschehen ist nur noch funktion,
nach wissenschaftlichen Gesetzen ablaufende Reaktionen, ein dahinter stehender
Sinnzusammenhang wird nicht mehr sichtbar.
6. Strophe: Dimension Ich - Existentialien
Doppelfrage. Vergangenheit - Zukunft
Wiederaufnahme von II.
Ohne Gewissheit um Herkunft und Zukunft, ohne festen Ort im zeitlichen
Koordinatensystem, ohne emotionale Stabilisierung, ohne Einbindung in Lebensdeutung
durch religiöse Entwürfe: Dionysos = Lebensfreude (Evoë),
christlich abendländischer Gott = Lebensverneinung/ Trauer (Requiem)
Gegensatzbildung, vierfache Verneinung, Begriffe aus dem Mythos, der
Religion
Sehnsucht nach einer zugemessenen Rolle (Stichwort), nach einem Ansatz
zu einer Antwort,
aber: Frage!!!
Strophen 7 / 8
Syntaktische Einheit beider Strophen, Enjambements
Beginn mit Ausruf des Schmerzes, Rückwendung in Vergangenheit
„Mitte“ = Gegensatz zu „zer -„ (zersprengt, zerdacht), Hinordnung auf
eine Mitte, eine Ganzheit
Denker sehen in allem Gott am Werk, Hirte und Lamm als Bild des Behütet-
und Bewahrtseins, Gegensatz zu I,2; das ich war umschlossen und wusste
sich geborgen
„brache ...Brot“: alliteration, Archaismus, Sprachhöhe, gemeinsame
Kommunikation, Mitteilung untereinander (s. VI,4)
Ausruf in VIII,3: erfüllte Stunde ? Tage ohne Nacht und Morgen
/ Jahre ohne Schnee und Frucht
Gestaltungsmittel
1. Wissenschaftlich - technische Fachausdrücke als Ausdruck, Spiegel
des tatsächlichen Weltzustandes: „Stratosphären“, „Gamma - Strahlen“,
„Ion“, „Teilchen und Fald“
2. Assonanzen und Sinn betonende Lautfolgen: „Opfer des Ion“, „Gamma
- Strahlen - Lamm“, wob und wog“, „Ach, als sich alle“
3. (Kern-) Begriffe europäischer Kulturgeschichte und Geistestraditin:
Notre - Dame, Mythe, Evoë, Requiem = Kontrast zu 1, Verdeutlichung
4. Bilder des Nichts in biologischen Vorstellungsbereichen („Bestie“,
„Bestienschlund“, „Kaldaunen“, „Dschungeltod“), Vergegenwärtigung
des Bedrohenden, des Unausweichlichen, des Unentwirrbaren
5. Mit mythischen Vorstellungen besetzte Begriffe: „Opfer - Lamm“,
„Blut“, „Brot brechen“, „erfüllte Stunde“
Äußere Formen, in denen der Mythos überliefert wurde,
angemessene Sprachform der „erfüllten Stunde“
Gegensatz zu I: wissenschaftlich - technische Sprache = entmythologisierte
Sprache (s. V,4), angemessene Sprachform der „Zersprengung des Ich, der
Welt, der Zeit, des Raumes
Biographischer Bezug: Herkunft Benns aus dem Expressionismus, kompromissloser
biologisch - nihilistischer Standpunkt, Umschlossenheit in der christlichen
Heilsbotschaft nur noch traurig - wehmütige Erinnerung für ihn.
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