| Wolfgang Bächler,
Blätterfall
Es können gar nicht genug Blätter fallen.
Ich liebe den Anblick des Fallens.
des Abfallens von den schwarzen Ästen,
des Schwebens zwischen Wipfel und Wurzel,
zwischen Sommer und Winter,
liebe den Wind, der die Bäume beutelt,
den Nebel, der die Bäume drosselt,
bis sie das letzte Blatt hergeben,
ich liebe den Fall auf die Erde.
Und ich trete auf die gefallenen Blätter,
als wären es meine Manuskripte,
die zerrissenen Seiten meiner Bücher,
stampfe darauf, wate hindurch,
genieße das Knistern, das Rauschen,
wate von Baum zu Baum,
umarme die nackten Gestalten.
Da sind keine Blumen mehr, keine Pilze.
Da liegen nur Blätter am Boden.
Da sitzt kein Gott in den Bäumen,
kein Mädchen, kein Kind, kein Tier.
Auch die Vögel sind fort 'ms Warme geflogen.
Da steten nur die kahlen Äste
In den verschlossenen Himmel,
die nackten Zweige, die nackten Gedanken,
schmucklos und scharf konturiert.
Quelle. In diesem Lande leben wir,
Deutsche Gedichte der Gegenwart
Hrsg. von Hans Bender, März 1989, Fischer Verlag
Schriftliche Abiturprüfung 2000, Saarland
Interpretation |