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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Wolfgang Bächler 

Blätterfall
 
Wolfgang Bächler, 

Blätterfall

Es können gar nicht genug Blätter fallen.
Ich liebe den Anblick des Fallens.
des Abfallens von den schwarzen Ästen,
des Schwebens zwischen Wipfel und Wurzel,
zwischen Sommer und Winter,
liebe den Wind, der die Bäume beutelt,
den Nebel, der die Bäume drosselt,
bis sie das letzte Blatt hergeben,
ich liebe den Fall auf die Erde.

Und ich trete auf die gefallenen Blätter,
als wären es meine Manuskripte,
die zerrissenen Seiten meiner Bücher,
stampfe darauf, wate hindurch,
genieße das Knistern, das Rauschen,
wate von Baum zu Baum,
umarme die nackten Gestalten.

Da sind keine Blumen mehr, keine Pilze.
Da liegen nur Blätter am Boden.
Da sitzt kein Gott in den Bäumen,
kein Mädchen, kein Kind, kein Tier.
Auch die Vögel sind fort 'ms Warme geflogen.
Da steten nur die kahlen Äste
In den verschlossenen Himmel,
die nackten Zweige, die nackten Gedanken,
schmucklos und scharf konturiert.

Quelle. In diesem Lande leben wir, 
Deutsche Gedichte der Gegenwart
Hrsg. von Hans Bender, März 1989, Fischer Verlag

Thema
Das Gedicht schildert die Wirkung des herbstlichen Blätterfalls auf das lyrische Ich. Dessen Beobachtungsperspektive und äußerst negative Bewertung dieses Naturvorgangs erklärt sich aus einer dichterischen, existentiellen Krise.

Aufbau und Inhalt
Das reimlose Gedicht umfasst drei Strophen, wobei die erste und letzte Strophe jeweils neun, die zweite jedoch sieben Verse aufweist; inhaltlich ist diese zweite Strophe eine Gelenkstelle. Die erste Strophe zeigt eine vordergründig positive emotionale Beziehung des Ichs zum herbstlichen Blätterfall, einem Vorgang, der teilweise gewaltsam abläuft. Das Ich begrüßt dieses Geschehen   den Grund dafür nennt die zweite Strophe. Dort werden die gefallenen Blätter mit den zerstörten Blättern eigener dichterischer Tätigkeit verglichen. Im Mittelpunkt der Strophe zwei steht die aktive körperliche Reaktion des Ichs, das eine analoge Situation in Natur und eigenem Leben so aggressiv handeln lässt. Auffällig ist die Satzstruktur der beiden ersten Strophen, nämlich zwei weit gespannte Satzbögen, die sich deutlich von der Struktur der letzten Strophe unterscheiden, in der einige Ein – Satz - Zeilen mit Punkt abschließen, was einen apodiktisch konstatierenden Eindruck hinterlässt. Die asyndetische Folge der Aussagen reflektiert die innere angespannte Situation des Ichs, das, in ernüchternder Bewertung des  Naturvorgangs, seine eigene Schaffenskrise gespiegelt sieht. Während die Strophen eins und zwei von rhetorischen Mitteln wie Personifikationen, Alliterationen und Metaphern sowie von emotional und dynamisch wirkenden Verben geprägt sind, überwiegen in der letzten Strophe Anaphern sowie statische Verben und Partizipialkonstruktionen, die den Stillstand und das Vergehende dichterischer Phantasie schmerzlich und doch rational konstatieren.

Interpretation
Der Titel „Blätterfall“, der eine melancholische Stimmung angesichts einer vergehenden Natur erwarten lässt' erfährt in der ersten Verszeile eine trotzig verbitterte Zustimmung. Dieser Strophenbeginn, eine mit einem Punkt abgeschlossene Parataxe, stellt den Grundakkord des gesamten Gedichts dar. Die positive Bewertung des Fallens wird in der folgenden Zeile fortgesetzt, doch anschließend löst die Farbe Schwarz in Verbindung mit dem nun abgewandelten Wort „Abfallen“ die Vorstellung von Ver - Fall aus. Die attributive Bindung „Anblick des Abfallens“ wirkt wie eine korrigierte Sicht zum Rationalen hin, während im folgenden Vers eine poetisch verklärende Schilderung gegeben wird. Aus dem Fallen ist ein Schweben geworden, das durch örtliche und zeitliche Eingrenzung (4f.) wie in einen Bildrahmen gefasst und somit zeitentrückt erscheint. Alliterationen der weichen Konsonanten „sch“ (schwarz, schweben) und „w“ (Wipfel, Wurzel, Winter ) untermalen die gefühlvolle Wahrnehmung des Naturvorgangs. Das emotional positive Erleben setzt sich in der sechsten Zeile in der Wendung „liebe den Wind“ zunächst noch fort, wird in der gleichen Zeile aber durch das Verb beuteln semantisch zurückgenommen; als ebenso aggressiv und zerstörerisch wie der Wind ist der Nebel gesehen, „der die Bäume drosselt“ (7), sodass diese aus der gewaltsamen Begegnung mit den beiden personifizierten elementaren Kräften als entblößt hervorheben. Als Besiegte erscheinen sie, wenn sie „das letzte Blatt hergeben“ (8); gleichsam resignierend liefern sie ihre eigenen Geschöpfe an stärkere Kräfte aus. Die fast refrainartig anmutende letzte Zeile der ersten Strophe wird durch diesen Kontext ihres vordergründig positiven emotionalen Gehaltes beraubt, denn nun wirkt die Abwärtsbewegung der Blätter nicht mehr als sanftes Schweben, sondern als schwerer „Fall“, der, angedeutet schon in Vers drei, nicht als das Resultat einer Beobachtung erscheint, sondern eher als Äquivalent zur eigenen dichterischen und existentiellen Situation  - und allein aus diesem Grunde geliebt.

An das Gewaltsame der ersten Strophe (6f.) knüpft die zweite an, die ein aufgewühlt aggressives Verhalten des Ichs gegenüber den gefallenen Blättern zeigt. Da das Ich in ihnen seine eigenen, für wertlos erachteten Blätter sieht (11f.), löst der Anblick eine körperliche und seelische Bewegung aus, in der sich lustvoll Aggression, Selbstzerstörung und Selbstmitleid mischen. Die eigenen poetischen Blätter trifft das Ich, wenn es, darin ähnlich aggressiv wie Wind und Nebel, auf die Blätter der Natur tritt, stampft, sie durchwatet (11 - 13). Die dabei entstehenden Geräusche „Knistern“ und „Rauschen“ genießt das Ich deshalb, weil das Vergehende, das Verfallende sie auslöst. Die von den Blättern entblößten Bäume werden als liebgewonnene Personen umarmt, die Leere ihrer äußeren Erscheinung gibt dem Ich das Gefühl der Seelenverwandtschaft.

Während die beiden ersten Strophen von dynamischen Bildern und starken Emotionen geprägt sind, herrscht in der letzten Strophe ein anderer Grundton.
Er entsteht aus einer kühlen und nüchtern konstatierenden Sprache, die aber nur vordergründig der emotionalen Teilhabe entkleidet ist. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem nüchternen Sprechen ein Schmerz, der in Trostlosigkeit wurzelt. Die Strophe thematisiert den Verlust: sechsmal erscheint das Indefinitpronomen kein auf engstem Raum, zweimal das Adjektiv nackt, hinzukommen kahl, verschlossen und schmucklos. Im Bild einer toten Natur - keine Blumen, keine Pilze, entschwundene Zugvögel, kahle Äste und ein verschlossener Himmel wird eine arme' abweisende Welt dargelegt ohne Wärme und auch ohne transzendentalen Trost (19). Dieses Bild weist über sich hinaus auf die Schaffenskrise des Ichs, die mit Erstarrung und Phantasielosigkeit einhergeht. Das Naturbild wird zur Chiffre. Das leisten vornehmlich die im Strophenbeginn genannten „Blätter am Boden“, die, aus Strophe zwei mit metaphorischer Bedeutung aufgeladen, den Kontext nun metaphorisch färben. So liegt in der Feststellung „Da sitzt kein Gott in den Bäumen! kein Mädchen, kein Kind, kein Tier.“ das schmerzvolle Eingeständnis, keines dieser Themen künstlerisch befriedigend gestalten zu können. So verweist der verschlossene Himmel nicht nur auf die atmosphärische Eigenschaft des Herbstes, sondern auch auf die Unmöglichkeit, zu einer poetisch phantasievollen Gedankenwelt zu kommen. Es verbleibt eine Welt, die nur unpoetisch, rational nüchtern  - „die nackten Zweige, die nackten Gedanken“ - betrachtet werden kann, eben „schmucklos und schart konturiert“. Gerade das Schmucklose, Öde wird stilistisch durch Parallelismus der Sätze und Anaphern (17 - 19) unterstrichen, ebenso durch Wortwiederholungen und asyndetische Reihungen sehr einfach gehaltener Parataxen. Diese Gestaltungsmittel lassen aber auch den Schmerz des Ichs aufscheinen.

Schriftliche Abiturprüfung 2000, Saarland


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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