| Hilde Domin
Lied zur Ermutigung II
Lange wurdest du um die türelosen
Mauern der Stadt gejagt.
Du fliehst und streust
die verwirrten Namen der Dinge
hinter dich.
Vertrauen, dieses schwerste
ABC.
Ich mach ein kleines Zeichen
in die Luft,
unsichtbar,
wo die neue Stadt beginnt,
Jerusalem,
die goldene,
aus Nichts.
Hilde Domin |
Hans - Georg Gadamer
über
LIED ZUR ERMUTIGUNG II
von Hilde Domin
Kein Wort ist einzeln. Kein Wort beginnt mit sich selbst. Man hat immer
schon zugehört. Man hat immer schon etwas gesagt. Man hat immer noch
etwas zu sagen. Auch die Worte eines Gedichts sind nicht eine reine Information,
die zur Aufzeichnung .gelangt ist. Sie sind wie Zeichen und Winke, die
ins Weite deuten. Wenn die knappen Zeilen, die wir hier lesen, nicht von
anderen Liedern zur Ermutigung begleitet wären — sie kämen dennoch
nicht allein. Sie gehören in einen Zusammenhang von Sinn, der fast
so etwas wie ein einheitliches Thema hat. Freilich ist es ein dichterischer
Zusammenhang. Bildhaftes, Gebärdenhaftes, Metaphern (was wir so nennen)
sind nebeneinandergesetzt, als ob sie aufeinander folgten. In Wahrheit
gravitieren sie gegeneinander und bilden das Feld einer Erfahrung. Die
Zeile, die diese Erfahrung nennt, steht in der Mitte des Gedichts: »Vertrauen,
dieses schwerste ABC.«
Man fragt sofort: Muss man Vertrauen erst lernen? Kann man es lernen,
wie man schreiben lernt? Als ob einer ohne Vertrauen überhaupt leben
könnte. Ist nicht all unser Sprechen von Vertrauen getragen: in den
anderen, der einen versteht, in die Worte, die alle kennen, in die Welt,
die in ihnen da ist? Und doch, hier wird Vertrauen als etwas genannt, das
man lernen muss, ganz von Anfang an. Wie muss es verlorengegangen sein,
dies Einfachste, das allem Bleiben im Leben, aller bleibenden Rede zugrunde
liegt, das ABC. Kann man es einfach wieder lernen? Wie etwas noch nicht
Gekanntes oder wie etwas Verlerntes? Sind nicht die Mauern, die entlang
man sucht, ohne Türen? In der Tat: es ist das schwerste ABC - das
man immer wieder vergisst, das man immer wieder verliert. Wie soll man
es lernen?
Den Verlust des Vertrauens beschreibt der erste Teil des Gedichts. Den
Beginn der Rückkehr des Vertrauens der zweite Teil. Der erste Teil
gebraucht die Du - Form, der zweite Teil die Ich-Form - sicher nicht zufällig.
Es ist dasselbe lyrische Ich, das erst sich selbst anredet wie einen anderen
- ist es denn nicht ein anderer als ich, immer, dem das Vertrauen zum Leben
verlorengeht? - und das sich dann selber etwas - leise - gesteht und damit
beginnt, wieder mit sich selbst einig zu sein.
Das Bild, das das Gedicht eingangs evoziert, das Gejagtsein (bei dem
man noch nidit redit weiß, von wem), weckt eine der großen
furchtbaren Szenen der Ilias, wie Achill den von Todesangst gepackten Hektor
um Trojas Mauern herumjagt, und kein rettendes Tor nimmt ihn auf. Die verzweifelte
Flucht dieses Tapfersten ist in den Eingangsversen da, aber sogleich verwandelt
und gesteigert. Das erste Stutzen kommt einem bei der Wendung von den türelosen
Mauern. Es sind nicht Mauern, deren Tore unerreichbar verschlossen bleiben,
sondern Mauern; die entlang du Türen suchst und nicht findest, dich
ein und aus gehen zu lassen in der Stadt des Vertrauens, in der vertrauten
Welt. Und ein zweites: Hier tritt kein hilfreich scheinender Freund dem
Fliehenden zur Seite, so dass er seiner Angst Herr wird und sich zum Kampfe
stellt — hier ist kein sichtbarer Feind, den man stellen und dem man sich
stellen .kann: Wer hier flieht, hat alle Waffen von sich geworfen. Denn
er hat die Namen der Dinge hinter sich geworfen, weil sie verwirrt sind
und nicht mehr taugen. Das gibt dem ganzen Bild der Flucht erst seinem
radikalen Sinn. Die Verwirrung der Namen der Dinge bedeutet die größte
Gefahr und die äußerste Wehrlosigkeit. Wir wissen nicht nur
von Laotse, dass er mit der Richtigstellung der Namen beginnen wollte,
wenn er zu herrschen hätte, und nicht nur, dass Thukydides die Zersetzung,
die das von der Pest heimgesuchte Athen befiel, am dem Bedeutungswandel
von Worten beschreibt — wir kennen die ungeheuerliche Verfälschung
der Begriffe, die die Volksverführer aller Zeiten bewirken. Und vielleicht
ist das noch zu partikulär gesehen: dass sich die Namen der Dinge
verwirren, dass die Worte ohnmächtig werden, die ehedem galten, ist
wohl immer die Erfahrung, die den Zusammenbruch eines Vertrauens begleitet.
Der versteht die Welt nicht mehr, den die Schutzwehr der vertrauten Worte
nicht mehr umgibt.
Das ist der Sinn der homerischen Metapher dieser Verse: Die Stadt des
Vertrauens, in der es sich allein bleiben und leben lässt, ist unzugänglich
geworden — ja, gibt es sie überhaupt noch hinter den Mauern der Zurückweisung,
um die wir gejagt werden?
Man schenkt dem Wechsel des Tempus Beachtung. Die Jagd erscheint in
Vergangenheitsform, eingeleitet durch »Lange«, das des Gedichts,
das sogleich auf die Wandlung deutet, die sich anbahnt. Und doch geht es
im Präsens weiter, das Fliehen und Wegwerfen der Namen. Nicht nur,
meine ich, um die verzweifelte Jagd ganz gegenwärtig erscheinen zu
lassen, sondern weil diese Fluchtbewegung des Lebens, diese Jagd von Enttäuschung
zu Enttäuschung, nicht mit einem Schlag zu Ende ist. Sie dauert fort,
wo immer Verständigung und Vertrauen misslingt.
Umgekehrt darf man nicht fragen, wie das Gedicht plötzlich auf
das Lernen von Vertrauen kommt. Es kommt nicht plötzlich darauf. Vertrauen
ist immer da, immer notwendig. Selbst wo es zerrüttet ist, ist es
da, als das, was man neu zu lernen versuchen muss. Ebenso gilt aber auch:
Das Wiederlernen von Vertrauen ist kein unschuldig - zuversichtlicher Neuanfang,
der schrittweise Buchstaben des Vertrauens zu lernen beginnt, nachdem alle
Enttäuschungen erfahren, alle Verzweiflung aus-gekostet ist - Vertrauen
ist ein Wagnis, heimlich, unmerklich, uneingestanden. Es gilt, Vertrauen
zu fassen - diese Wendung unserer Sprache enthält alles, was das Gedicht
sinnlich evoziert; was einem beständig vergeht, worin man sich ständig
getäuscht sieht, wobei man immer wieder versagt, leise kehrt es dennoch
wieder. Es gibt niemals Beweise, auf die sich Vertrauen berufen kann. Es
ist nicht ein bekannter Buchstabe und eine Folge von Buchstaben, die alle
kennen, womit das Wiederlernen von Vertrauen beginnt. Es sind Zeichen in
der Luif, niemand anderem kenntlich, nicht vorzeigbar kaum einem selbst
bewusst - und doch sind diese ins Flüchtigste gewagten Zeichen voller
Bezug, voller Beginn, voll ersten Bleibens.
Dass die neue Stadt des Vertrauens ,,aus nichts« gebaut ist, versteht
sich, wenn anders Vertrauen Vertrauen sein soll und nicht wohlbegründete
Sicherheit. Dass sie im goldenen Schimmer einer ewigen Erwartung glänzt,
ein himmlisches Jerusalem, gibt der Wahrheit, die in diesen Versen liegt,
ihr letztes Siegel: man kann nicht leben ohne Vertrauen, ohne Vertrautheit
ringsum und ohne jene letzte Vertraulichkeit mit sich selbst, die einen
,,Ich" sagen und ,,Ich" sein lässt.
[Aus: Fischer Taschenbuch, Doppelinterpretationen, S. 149ff.]
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