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INGEBORG BACHMANN

Die große Fracht

FORM

  • Feste Gedichtform, drei gleichgebaute Strophen
  • Verzahnung der Strophen untereinander

  • * I 1/3: Grundthema, Rahmenstruktur
    * 2 + 3: Rahmenverse für II und III
    * Neugestaltung der Binnenverse in II und III
  • Umschließende Reime; abba, bccb, bddb
  • Fünfhebiger Jambus: Festigkeit und Ruhe
BILD - und MOTIVstruktur und poetische Formmerkmale
  • Bilder: Schiff, Hafen, Möven, sonne, Meer, Schiffsladung {Gallionsfiguren, Fracht des Sommers} = Ansatzpunkt für metaphorische Bezüge
  • Keine abstrakten, gedanklich - theoretischen Aussagen, sondern Verwandlung in Bilder
EINZELANALYSE
  • I

  • 1/4: Anklang an Herbstgedicht: Ertrag des Sommers als "große Fracht". 
    Häufing dunkler Vokale => Ruhe, Gelassenheit
    2: 
    a) Sonnenschiff: Mythologische Anspielung: Himmelsozean (s. ägyptische Mythologie), Anklang an die Dimension Licht, Sonne, s. Steigerung dieser Dimension in der letzten Strophe
    b) Hafen: Ausgangspunkt, nicht bergender Endpunkt der Reise (s. Kontrast zu Barockgedichten)
    => a + b) Verweis der Bildelemente auf ihre metaphorische Assoziationsbreite
    => Akustisches und kinetisches ("liegt bereit" - "ist verladen") Mittelglied zwischen I,1 und I,3
    3. 
    * Möven (häufig auch als Totenvögel) im kinetischen und akustischen Aufruhr ("Stürtzt", "schreit"): wilde Bewegung im Gegensatz zur Vorstellung vom friedlichen und fruchtbaren Herbst
    * Unruhe, Aufruhr hinter dem Rücken des Menschen, s. Gegensatz zur Unverhülltheit in II, 3
    * Direkte Anrede an den Leser => Unmittelbare Bezugaufnahme, Betroffenheit bewirkend
    * Häfung heller Vokale, schrill
    => größte akustische und kinetische Dissonanz zu I, ¼
  • II

  • 1: 
    * Wiederaufnahme des akustischen und kinetischen ("liegt - bereit") Mittelgliedes als Rahmen
    2/3: 
    * Plötzlicher Umschwung des Vertrauten, zunächst Geborgenheit assoziierenden Bildes ins Unheimliche
    * Verwandlung des Sonnenschiffes in das Totenschiff
    * Unverhülltes (s. dagegen I, 3), schadenfrohes, hämisches Gelächter der umherirrenden Totengeister, 
    * Hervortreten des sonst Verborgenen; Bilder des Heils, der Hoffnung, des Glücks werden transparent (Galionsfiguren => Lächeln der Lemuren), auch ihr eigentliches Wesen ist der Tod
    => Hervorhebung durch Verlebendigung (Personifizierung?) und Alliteration
  • III.

  • 1. Höhepunkt des Unheimlichen, Wilden (als Rahmen)
    2. 
    * Befehl: von außen, anonym, einer höheren Instanz kommend
    * "sinken": im Seekrieg nur in Situationen der äußersten Bedrohtheit gegeben
    * "Westen": Bereich der untergehenden Sonne, Naturverhaftetheit, Naturgesetzlichkeit des Untergehens, der Todesverfallenheit
    3. * Gegensätzlichkeit, Sprung in "doch"
    * dialektische Aufhebung des "sinken" im "ertrinken" ==>> Dialektik zwischen Steigerung des Ausdrucks (signifiant) und Steigerung des Inhalts (signifiée): "im Licht": Synästhesie (optisch, haptisch)
    * "offnen Augs": Bedingung ("wenn") für Erfahrung der Überfülle des Lichtes; realistische Sichtweise, volle Bewusstheit
    * Extreme Kontrastierung zwischen III, 1 / 4 und III, 3: Aufhebung der hellen, schrillen Vokale, der Unruhe und des Aufschreis in der realistischen Einschätzung und der bewussten Annahme der Bipolarität des Seins, dass auch in der höchsten Lebensfülle der Tod sein hämisches Gesicht verbirgt, des "Seins zum Tode"
BOTSCHAFT: Bekenntnis zur Fülle und Schönheit des Lebens trotz Bewusstheit, bewusster Wahrnehmung der Todesverfallenheit, des Durchwirktseins alles Lebendigen vom Tode, trotz Verzahnung von Leben und Tod (s. Gesamtstruktur) große Gelassenheit und Ruhe (s. Metrum) als Grundbefindlichkeit.
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