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  Berthold Brecht (1898 - 1956) 

Über das Frühjahr (1928)

1. Gedanklicher Aufbau

Innere Gliederung in zwei Sinneinheiten (1-14; 15-22), sowohl syntaktisch als auch durch den Wechsel der Perspektive ("Wir", "Volk") erschließbar.

- Einleitend (1-4) wird die Änderung der Frühlingssituation thematisiert: 
In der Vergangenheit, bevor "wir" die Natur bedenkenlos ausgebeutet und der Technik unterworfen hatten, gab es "in jedem Jahr/die Zeit der [...] grünenden Bäume. 

- Die beiden folgenden Sinnabschnitte (5-9; 10-14) verdeutlichen an Beispielen, wie "wir alle" selbst (eigene Erinnerung/5-9) und wie andere Menschen ("lesen wir in Büchern"/10-14) früher den Frühling sinnlich erlebt und gefeiert haben. Uns, dem "Volk" in der technischen Zivilisation, ist dies sinnliche Erlebnis nicht mehr möglich. 

- Zwei mittelbare Weisen der Frühlingswahrnehmung, der durch Technik verstellt, aber auch durch Technik erfahrbar ist, werden im letzten Sinnabschnitt (15 - 22) genannt: "sitzend in Eisenbahnen", durch "Unsere Antennen" fällt dem "Volk das Frühjahr auf" in den Ebenen; elementare Naturgewalten ("Stürme" "in großer Höhe") gehen in der täglichen Informationsflut von Rundfuk- und Fernsehnachrichten, im "Antennen" - "Dickicht der Städte" unter, berühren nicht mehr das sinnliche Erleben "des Volkes". 

2. Formale und sprachlich stilistische Gestaltungsmittel in ihrer Aussagenfunktion

- Zweiundzwanzig reimlose Verse von unterschiedlicher Länge bilden das Gedicht ohne strophische Gliederung. Der vierte Vers unterstützt durch seine ausufernde Länge die "unaufhaltsam" und kraftvoll sich entfaltende Frühlingsnatur.
Dem gegenüber betonen die folgenden kurzen Verse (5,6,7,8,) die bruchstückhaften, fragmentarischen Erinnerungen an vergangene Frühlingstage.

- Häufung von Enjambements, wiederholt fehlende Zeichensetzung und Inversionen (2,10,12-14,15f.) kennzeichnen seinen Stil. 

- Alliterationen (1,3,7,16) dienen der Aussageverstärkung und erinnern an archaisches Sprechen. 

- Die Bildlichkeit traditioneller Lyrik ist nicht mehr vorhanden und selbst dort, wo Vergangenes festgehalten wird, ist die Anschaulichkeit durch die Indirektheit der Komparativ - Wendungen (6f.) und Abstraktion (8) gestört. 

- Nach dem inhaltlichen Einschnitt (14/15) verstärkt sich die Tendenz zur Distanzierung
   * Die Syntax wird kurzatmiger,
   * der Stil noch prosaischer: das Frühjahr "fällt auf"(16), "Stürme [...] gehen".

3. Interpretamente 

3.1 Formal und sprachlich - stilistisch

- Obwohl das Gedicht weder einen strophischen Aufbau noch Reimbindung oder ein bestimmtes Metrum aufweist, zeugt es vom gesamten Sprachduktus her von einem eher distanzierten, rational- expositorischen Sprechen (Aussagesätze). 

- Die semantische Ebene unterstützt diese Tendenz: Die entsprechenden Wörter und Syntagmen bei Brecht zeigen diesw an:

"berühmte Schwärme der Vögel", "Frühjahr" (2x), "Jahreszeit", "große Höhe", "Ebenen", "grü- nende Bäume","Luft", "Stürme".

Bei Brecht erscheint durch die semantische Kodierung das unmittelbare Erleben der Natur ("Frühling", "Frühjahr") verstellt. Lediglich in der Erinnerung kann es aufgerufen und nur aus zweiter Hand ("Bücher", "Antennen") nachvollzogen werden.
Das individuelle Erlebnis des lyrischen Ich erscheint zudem bei Brecht kollektiviert ("Wir", "das Volk" mit möglicherweise pejorativer Bedeutung) und wird so im unförmigen Kollektiv verwässert. Die Sprache unmittelbaren Erlebens wird verdrängt durch Ausdrücke sachlicher, rational expositorischer Betrachtungsweise und angereichert mit Versatzstücken der (gewaltanwendenden) technischen Zivilisation: "Erdöl", "Eisen", Ammoniak", "Eisenbahnen", "Antennen".

3.2 Inhaltlich - gehaltlich (Schlussfolgerungen)

- Die Wahrnehmung der Natur geschieht indirekt und kollektiv ("wir", "das Volk"), eine zeitliche (Erinnerung und Lektüre) eine räumliche ("in Eisenbahnen", "In großer Höhe") und eine mediale ("Eisenbahnen", "Antennen") Distanz liegt zwischen Mensch und Natur. 

- Die Betrachter bleiben untätig ("sitzend") in Eisenbahnen, sie bewegen sich in der Ferne an der Natur vorbei, haben sich durch Technisierung der Natur selbst entfremdet. 

Vgl. auch: Eichendorff: "Vöglein, in den sonn'gen Tagen."