| Günter Eich
Die Häherfeder
Ich bin, wo der Eichelhäher
zwischen den Zweigen streicht,
einem Geheimnis näher,
das nicht ins Bewusstsein reicht.
Es presst mir Herz und Lunge,
nimmt jäh mir den Atem fort,
es liegt mir auf der Zunge,
doch gibt es dafür kein Wort.
Ich weiß nicht, welches der Dinge
oder ob es der Wind enthält.
Das Rauschen der Vogelschwinge,
begrift es den Sinn der Welt?
Der Häher warf seine blaue
Feder in den Sand.
Sie liegt wie eine schlaue
Antwort in meiner Hand.
Aus: Reclam, Moderne deutsche Naturlyrik,
S. 119/120
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Günter Eich
(1908 - 1972)
Die Häherfeder
Inhalt und
Aufbau
1. Strophe:
Das lyrischie Ich ist an einem Ort, wo es einen Eichelhäher zwischen
Zweigen weiß, einem Geheimnis näher. Dieses Geheimnis fühlt
der Sprecher. es bleibt aber im Unbewussten.
2. Strophe:
Der Sprecher spürt Beengung des Atems und körperliche Bedrohung;
er meint, das Geheimnis benennen zu können, stellt jedoch fest, dass
es dafür kein Wort gibt.
3. Strophe
Er weiß nicht, in welchem Ding das Geheimnis enthalten ist, er
vermutet, im Wind. Dann fragt er, ob das ,Rauschen der Vogelschwinge" den
Sinn der Welt begreife. — Hier wird also das Geheimnis genannt; nicht eindeutig
ist, ob dieses gleich dem Sinn der Welt gesehen werden soll oder ob nur
die Möglichkeit einer Erkenntnis des Weltsinnes gesucht wird. (Die
Mehrdeutigkeit entsteht dadurch, dass nach einer Reihe von Aussagen über
das Geheimnis, wo es sich befindet und was es bewirkt, erwartet wird, dass
das ,,Rauschen" diese Reihe fortführt. Syntaktisch überraschend
— vgl. die neue Bedeutung von ,,es" —wird das Geheimnis thematisch angedeutet:
Sinn der Welt, gleich mit der Möglichkeit des Erkennens verbunden,
die Erkenntnis jedoch in paradoxer Bildlichkeit an den akustischen Eindruck
angehängt.)
4. Strophe:
Die Überlegungen des Sprechers brechen hier ab. Erzählt wird
von einem Häher. der seine Feder abgeworfen hat. Die Feder — damit
ist der Bezug zur Überschrift hergestellt —liegt zuletzt auf der Hand
des Sprechers; er meint damit ,,eine schlaue/Antwort" auf seine Fragen
der ersten drei Strophen in der Hand zu haben.
Form
Traditionelle Liedform;
vier
Strophen zu je vier Zeilen mit Kreuzreim; abwechselnd weibliche und männliche
Kadenz. Die Verse sind dreihebig, gleichmäßig alterierend (so
V. 5, 7, 14, 15), meist jedoch mit einer zweisilbigen Senkung pro Vers.
In der Nähe der daktylischen Fügung finden sich Hochtonwörter,
die auch als Schlüsselwörter des Gedichts gesehen werden können,
z. B.:
V. 1 bin wo der Eichelhäher
V. 2 zwischen den Zweigen (durch Alliteration verstärkt)
V. 3 einem Geheimnis
V. 4 nicht ins Bewusstsein
V. 6 jäh mir den Atem
V. 16 Antwort in meiner
In Vers 12 liegt eine schwebende Betonung auf ,,es". dadurch wird die
Frage noch zweifelnder und die neue Beziehung von ,,es" unterstrichen:
,,begréift ès den Sínn der Wélt"
In den ersten drei Strophen fallen Syntaxgrenze und Versende zusammen
(außer V. 1/2, Zeilensprung verdeutlicht die streichende Bewegung
des Hähers). ein gleichmäßiger, den Reflexionen angemessener
Rhythmus ist erreicht.
Überraschend sind die Zeilensprünge V. 13/14 und 15/16: Die
Trennung von Adjektiv und Substantiv wirkt hart, der Reim verstärkt
die Stockung. Die Wörter ,,blau" und ,,schlau" bekommen eine klanglich
hervorragende Stellung (s. unter Sprache).
Sprache
Trotz der Natur als Thema. verdeutlicht
durch Begriffe und Bilder (Eichelhäher, Zweige,
Wind, Vogelschwinge. Feder, Sand),
überwiegen die Substantive aus dem menschlichen Bereich des
Sprechers (Geheimnis, Bewusstsein, Herz. Lunge, Zunge, Atem, Wort, Ding,
Sinn der Welt, Antwort, Hand). Zusammen
mit (dem plakativ und als Behauptung gesetzten ,,Ich bin") zeigt
das die dominierende Rolle des menschlichen Ich gegenüber der Natur
und ein betont subjektiv gesteuertes Verhalten.
Formulierungen in poetisch hohem
Stil erinnern an ältere Lyrik. so z. B.:
V. 1/2 vgl. ,,Die Mainacht" von Hölty
1774: ,,Wenn der silberne Mond durch die Gesträuche blickt ...". In
diesem Gedicht werden ebenfalls Vögel (Nachtigall und Tauben) parallel
zur Empfindung des Sprechers gesetzt.
V. 11 vgl. ,,Mondnacht" von Eichendorff,
1837: ,,Es rauschten leis die Wälder ...Und meine Seele spannte /
weit
ihre Flügel aus / .../ als flöge sie nach Haus."
vgl. ,,Möwenflug" von C. F. Meier,
1881: ,,Möwen ... auf gespannter Schwin-
ge schweben bleibend Der Flug der
Möwen und ihr Spiegelbild im Wasser
verunsichern den Sprecher und veranlassen
ihn zu Fragen über sich selbst.
Daneben finden sich geradezu banale
Ausdrücke, wie ,,Herz und Lunge", die durch den Reim auf die Redensart
,,Es liegt mir auf der Zunge" noch besonders betont sind (V. 5 f.). Noch
erheblicher ist der Stilbruch in der letzten Strophe: Es ist sicher
berechtigt, von der ,,blauen Feder" eine Verbindung
herzustellen zur ,,blauen Blume" der Romantik.
In "Heinrich von Ofterdingen" ist sie der
Schlüssel zur magischen Naturerfahrung und Erkenntnis. Die Wirkung
ist jedoch aufgehoben durch die Reimverbindung mit ,,schlau": ein
unlyrisches, weil Alltagsverhalten bezeichnendes Wort mit negativer
Nebenbedeutung. Der genaue Wortsinn meint ,,wissend, dieses Wissen
jedoch zurückhaltende bzw. nur zum eigenen Vorteil verwendend". Die
,,schlaue Antwort" wäre dann so zu verstehen, dass die Feder
zwar Erkenntnis enthält d. h. das Geheimnis der Natur schon offenbaren
könnte, aber nur, wenn sie einen Vorteil darin sähe. (Verstärkend
könnte man hier noch anfügen, dass der Häher im Volksglauben,
vielleicht wegen seines Geschreis, als Symbol für Hohn und
Spott gilt, vgl. Kluge, Etymologisches Wörterbuch)
Die syntaktischen Fügungen
folgen dem Aufbau: In den ersten beiden Strophen sind sie überschaubar.
V. 1 - 4: Hauptsatz mit zwei erklärenden Relativsätzen. V. 5
- 8: parallele kurze Hauptsätze. In der dritten Strophe verraten der
zweiteilige (Wort- und Satzfrage) abhängige Nebensatz und das vorweggenommene
Subjekt (V. 11) die Unsicherheit des Sprechers, analog dem in V. 8 angekündigten
Unvermögen, das Geheimnis zu nennen.
Der abrupte Übergang mit Tempuswechsel
ohne eine Erklärung zur kurzen Handlung des Hähers wirkt fast
wie eine plötzliche, märchenhafte Erscheinung. die den Sprecher
mit einem Geschenk zurücklässt. das zwar Erkenntnis verheißt.
ihm aber seine Unzulänglichkeit demonstriert.
Selbstverständnis
des lyrischen Ich
Der Text zeigt eine Projektion der
subjektiven Empfindungen und Erwartungen des lyrischen Ich auf die Natur.
Der Häher steht als pars pro toto für Naturerfahrung
allgemein. Diese Haltung ist typisch für die Epoche des Sturm und
Drang (Die Äußerungen im Faust - Monolog sind durchaus
damit zu vergleichen.) Die humanistische Weitsicht des beginnenden 19.
Jahrhunderts und die Einvernahme der Natur durch die Romantik erweitern
diese Sicht bis in den metaphysischen Bereich. Zur Erläuterung vgl.
Novalis:
"Die Welt
muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.
Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung Indem ich dem
Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen,
dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen
Schein gebe, so romantisiere ich es." (5. 134).
Diese Stelle zitiert auch Peter Furth
in Phänomenologie der Enttäuschungen", wo er die Entwicklung
des Ästhetizismus im l9. Jahrhundert, allerdings auf die politischen
Auswirkungen bezogen, nachzeichnet. Er schreibt dieser Haltung ein Enttäuschungspotenzial
zu, das auch in dem Gedicht zum Ausdruck kommt. Neben den traditionellen
Formen (Metrum, Vergleiche mit Flug) der subjektiven, Sinn findenden Annäherung
an die Natur relativieren die Stilbrüche und die Verwendung des Bildes
vom Häher die an Wunder grenzende, erwartete Offenbarung der Natur. |
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