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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Oskar Loerke 

Keilschriftzylinder
 
Keilschriftzylinder

Auf braunen Tonzylindern winden sich die Zeilen
Weiser Schrift, im Feuer erprobt, im Ofen gebacken;
In Spiralen ein Gedränge von Keilen,
Die wie Schnäbel nach dem Weltsinn hacken.

Am Ende winden sie sich in das Leere
Auf unsichtbaren Wendeltreppen weiter.
Aus Tiefer und Höher trifft an jeder Kehre
Ein Reim sich auf der schiefen Himmelsleiter

Das Berghorn schreibt sich ein aus Nebelbrauen,
Der Wildgansflug klatscht an mit offnen Fächern,
Und in die letzten Riesenreihen tauen 
Die Demantkeile von den Himmelsdächern. - 

Vergessen der Segen, den unten die Zeichen erbaten, -
Der Schatten der Bäume zog viele Zirkel im Rasen.
Vergessen der Zauber, den die Zylinder geraten,
Das Heilkraut - Pulver in Apothekervasen

Verfallen der Ofen, seine Ziegel zerbrochen,
Längst verzogen der Qualm seiner Scheiter.
Verwest die Schreiber, zerstaubt ihre Knochen - 
Von selbst dichtet die Welt sich weiter.

Die Naturchiffre als die für die "Naturmagier" charakteristische Form der sprachlichen Umsetzung verfügt über die Fähigkeit, über das Gedicht hinaus auf die Dinge zu verweisen. Was Chiffre bedeutet und was Chiffren im Naturgedicht leisten sollen, wird sehr treffend deutlich in Loerkes Gedicht "Keilschriftzylinder" im Zyklus "Das Lager" aus dem Buch Der längste Tag (1926). Der Text setzt in der ersten Strophe sehr "gegenständlich" ein. Das Gedicht beschreibt Tonzylinder mit Keilschriftzeichen. Flüchtiger Sprache wurde vor 2000 bis 3000 Jahren Dauerhaftigkeit verliehen, indem sie in weichen Ton eingeritzt, gebrannt und getrocknet wurde. Dem Lyriker erscheint diese Keilschrift rätselhaft. Die keilförmigen Zeichen sind wie ,"Schnäbel, die nach dem Weltsinn hacken". Der Keil wird zur Chiffre. Sowohl seine Spitze wie die offenen Schenkel weisen über sich hinaus in einen "sprachlosen" Bereich. Der zielende Schnabel des Vogels ist Vergleich für die nach dem "Sinn" zielende Keilfigur. Der Lyriker weist diesen Tonzylindern die Funktion zu, Ausgangsbasis für dasjenige zu sein, was er in der Natur zeigen will: dass alle Dinge wie "Keilschriftzeichen" unzugänglich sind, in einen sprachlich kaum zugänglichen Sinnbereich verweisen, der sich der Deutbarkeit verschließt. Die Keilschriftzeichen ziehen sich spiralförmig um den Tonzylinder herum und stoßen schließlich über die Randgrenze hinaus ins Leere, wo sie sich unsichtbar ins Unendliche zu verlängern scheinen. Dort beginnt die rätselhafte Sprache der Natur. 
Die Figur des Keils findet sich im Gedicht in der dritten Strophe wieder: im keilförmigen Bergkegel, in der Keilfigur des Vogelflugs und in den rätselhaften "Demantkeilen" des Himmels, schließlich auch in der keilförmigen Figur des Baumsehattens, der im Wechsel des Sonnensrands um den Baum herumwandert. 
Dem Gedicht kommt nur die Markierung von Ansatzpunkten für Verlängerungen über den Text hinaus zu: "Von selbst dichtet die Welt sich weiter". Zum modernen schriftmagischen Ansatz der Naturlyriker gehört also auch dieser Aspekt: das "Ding" kann nur bruchstückhaft in Sprache angegangen werden, da seine rätselhafte Schrift nicht übersetzbar ist. Das Wort im Gedicht ist demnach nicht sicheres Mittel des Zugriffs, sondern es verweist in der Form der Chiffre auf die Dinge der Natur.
,,Keil" und ,,Wirbel" finden sich als Chiffren für die Verweisfunktion der naturlyrischen Sprache immer wieder in den Gedichten und Essays von Loerke. Die progressive und transzendierende Qualität, die in diesen Figuren zum Ausdruck kommt, zeigt einerseits, dass Totalität im Gedicht nicht erreichbar ist, da die Chiffren des sich öffnenden Keils und des sich erweiternden Wirbels ins Unendliche auslaufen. Auch das Einzelgedicht ist als solcher ,,Wirbel" zu verstehen, die Keilchiffre als die poetische Flächenprojektion des Wirbels, der nach Loerke als vitale Kraft die Natur bewegt: 
Der Alldenker dringe, so sagt Loerke, als Wirbel Leben mit seinen Gestaltungen aus sich selber. Im Schnittpunkt der beiden Schenkel des Keils auf der Horizontalen entsteht das Gedicht als das auf sichtbare und hörbare Natur bezogene Sprachgebilde. In den nach oben auseinander strebenden Schenkeln der Keilfigur in der Vertikalen verweisen Linien zu den Dingen hin. Für Loerke ist die Keil - Chiffre figürlich als ein ,,auf der Spitze stehender, oben breit geöffneter Winkel" darstellbar. Der Keil ist als die Projektion des Spiralwirbels der Natur in die Fläche des Gedichts zu sehen. So wird das Gedicht selbst zur Projektion des Schöpferischen. Die zeitlich - rhythmische Dynamik der Natur kann nicht real in das Gedicht einbezogen werden, sondern immer nur in ihrem ,,Querschnitt" wie Loerke sagt. Die ,,Spirale" liegt in der zyklischen Struktur der Gedichte verborgen. Sie ist als besonderes, überthematisches Geflecht auch im zyklischen Gesamtwerk der sieben Gedichtbücher Loerkes vertreten.
Modernität: Wir haben Loerke und andererseits kritische Umweltlyriker mit dem gleichen Vorzeichen versehen. Dennoch zeigen sich gerade im Sprachverständnis und in der Poetik Differenzen. Lehmann und Loerke greifen — wie auch später Krolow - auf einen festen Naturbestand zurück, wenn auch die Umsetzung als Problem gesehen und beachtet wird. 


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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