| Keilschriftzylinder
Auf braunen Tonzylindern winden sich die Zeilen
Weiser Schrift, im Feuer erprobt, im Ofen gebacken;
In Spiralen ein Gedränge von Keilen,
Die wie Schnäbel nach dem Weltsinn hacken.
Am Ende winden sie sich in das Leere
Auf unsichtbaren Wendeltreppen weiter.
Aus Tiefer und Höher trifft an jeder Kehre
Ein Reim sich auf der schiefen Himmelsleiter
Das Berghorn schreibt sich ein aus Nebelbrauen,
Der Wildgansflug klatscht an mit offnen Fächern,
Und in die letzten Riesenreihen tauen
Die Demantkeile von den Himmelsdächern. -
Vergessen der Segen, den unten die Zeichen erbaten, -
Der Schatten der Bäume zog viele Zirkel im Rasen.
Vergessen der Zauber, den die Zylinder geraten,
Das Heilkraut - Pulver in Apothekervasen
Verfallen der Ofen, seine Ziegel zerbrochen,
Längst verzogen der Qualm seiner Scheiter.
Verwest die Schreiber, zerstaubt ihre Knochen -
Von selbst dichtet die Welt sich weiter. |
Die Naturchiffre als die für die "Naturmagier"
charakteristische Form der sprachlichen Umsetzung verfügt über
die Fähigkeit, über das Gedicht hinaus auf die Dinge zu verweisen.
Was Chiffre bedeutet und was Chiffren im Naturgedicht leisten sollen, wird
sehr treffend deutlich
in Loerkes Gedicht "Keilschriftzylinder"
im Zyklus "Das Lager" aus dem Buch
Der längste Tag (1926).
Der Text setzt in der ersten Strophe sehr "gegenständlich" ein.
Das Gedicht beschreibt Tonzylinder mit Keilschriftzeichen. Flüchtiger
Sprache wurde vor 2000 bis 3000 Jahren Dauerhaftigkeit verliehen, indem
sie in weichen Ton eingeritzt, gebrannt und getrocknet wurde. Dem Lyriker
erscheint diese Keilschrift rätselhaft. Die keilförmigen Zeichen
sind wie ,"Schnäbel, die nach dem Weltsinn hacken". Der Keil wird
zur Chiffre. Sowohl seine Spitze wie die offenen Schenkel weisen über
sich hinaus in einen "sprachlosen" Bereich. Der zielende Schnabel des Vogels
ist Vergleich für die nach dem "Sinn" zielende Keilfigur. Der Lyriker
weist diesen Tonzylindern die Funktion zu, Ausgangsbasis für dasjenige
zu sein, was er in der Natur zeigen will: dass alle Dinge wie "Keilschriftzeichen"
unzugänglich sind, in einen sprachlich kaum zugänglichen Sinnbereich
verweisen, der sich der Deutbarkeit verschließt. Die Keilschriftzeichen
ziehen sich spiralförmig um den Tonzylinder herum und stoßen
schließlich über die Randgrenze hinaus ins Leere, wo sie sich
unsichtbar ins Unendliche zu verlängern scheinen. Dort beginnt die
rätselhafte Sprache der Natur.
Die Figur des Keils findet sich im Gedicht in der
dritten
Strophe wieder: im keilförmigen Bergkegel, in der Keilfigur
des Vogelflugs und in den rätselhaften "Demantkeilen" des
Himmels, schließlich auch in der keilförmigen Figur des
Baumsehattens,
der im Wechsel des Sonnensrands um den Baum herumwandert.
Dem Gedicht kommt nur die Markierung von Ansatzpunkten
für Verlängerungen über den Text hinaus zu: "Von selbst
dichtet die Welt sich weiter". Zum modernen schriftmagischen Ansatz der
Naturlyriker gehört also auch dieser Aspekt: das "Ding" kann nur bruchstückhaft
in Sprache angegangen werden, da seine rätselhafte Schrift nicht übersetzbar
ist. Das Wort im Gedicht ist demnach nicht sicheres Mittel des Zugriffs,
sondern es verweist in der Form der Chiffre auf die Dinge der Natur.
,,Keil" und ,,Wirbel" finden sich als Chiffren
für die Verweisfunktion der naturlyrischen Sprache immer wieder
in den Gedichten und Essays von Loerke. Die progressive und transzendierende
Qualität, die in diesen Figuren zum Ausdruck kommt, zeigt einerseits,
dass Totalität im Gedicht nicht erreichbar ist, da die Chiffren des
sich öffnenden Keils und des sich erweiternden Wirbels ins Unendliche
auslaufen. Auch das Einzelgedicht ist als solcher ,,Wirbel"
zu verstehen, die Keilchiffre als die poetische Flächenprojektion
des Wirbels, der nach Loerke als vitale Kraft die Natur bewegt:
Der Alldenker dringe, so sagt Loerke, als Wirbel
Leben mit seinen Gestaltungen aus sich selber. Im Schnittpunkt der beiden
Schenkel des Keils auf der Horizontalen entsteht das Gedicht als
das auf sichtbare und hörbare Natur bezogene Sprachgebilde. In den
nach oben auseinander strebenden Schenkeln der Keilfigur in der Vertikalen
verweisen Linien zu den Dingen hin. Für Loerke ist die Keil - Chiffre
figürlich als ein ,,auf der Spitze stehender, oben breit geöffneter
Winkel" darstellbar. Der Keil ist als die Projektion des Spiralwirbels
der Natur in die Fläche des Gedichts zu sehen. So wird das Gedicht
selbst zur Projektion des Schöpferischen. Die zeitlich - rhythmische
Dynamik der Natur kann nicht real in das Gedicht einbezogen werden, sondern
immer nur in ihrem ,,Querschnitt" wie Loerke sagt. Die ,,Spirale" liegt
in der zyklischen Struktur der Gedichte verborgen. Sie ist als besonderes,
überthematisches Geflecht auch im zyklischen Gesamtwerk der sieben
Gedichtbücher Loerkes vertreten.
Modernität: Wir haben Loerke und andererseits
kritische Umweltlyriker mit dem gleichen Vorzeichen versehen. Dennoch zeigen
sich gerade im Sprachverständnis und in der Poetik Differenzen. Lehmann
und Loerke greifen — wie auch später Krolow - auf einen festen Naturbestand
zurück, wenn auch die Umsetzung als Problem gesehen und beachtet wird. |
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