| Sarah Kirsch
Der Himmel
schuppt sich
Ach, Schnee, sag ich, hier siehst du Eine vor dir
die kalte Füße hat und es satt, hilf Winter-Uhr
Gleichmacher, weißer Fliegentanz, kommst
auf Gerechte und Ungerechte Jahr für Jahr
Schnei ihn ein, Schnee, fall aus allen Wolken
bring Nacht, Mauern aus Eis, teil
deine Flocken ohn Unterlaß, roll ihn in Hochlandlawinen
Er hat was nicht schlägt als Herz in der Brust
Hat schöne gläserne Augen, mit denen sieht er nicht
Hat zwei Ohren, mit denen hört er nicht
Hat einen Mund den kenn ich nicht
Du Schnee, weiße Federtiere, Reimwort auf Weh
du bist Lava, kochender Stahl verglichen mit ihm
Tau ihn auf. Er magert mich ab |
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Analyse und Interpretation des Gedichtes
Thema des Gedichtes:
Das Gedicht verknüpft ein Naturmotiv
mit dem Liebesmotiv. Eine winterliche Szene ist Anlass für dass lyrische
Ich, seine Situation - Verzweiflung und Wut als Folge einer Beziehungskrise
- zu beklagen und den Schnee um Heilung zu bitten.
Form und Rhythmus
Die äußere Gestalt des Gedichts
entspricht einem Sonett, allerdings fehlt die Reimbindung; die Verse sind
unterschiedlich lang und lassen kein festes Metrum erkennen. Fehlende Satzschlusszeichen,
ungewöhnliche Zeilensprünge sowie besondere Betonung der Schlüsselwörter
und häufige Hebungen am Versende erzeugen einen drängenden, aber
nicht fließenden Rhythmus. Die parallel gebauten Verse der dritten
Strophe, die durch Anapher und Epipher gekennzeichnet ist, unterstreichen
diesen Eindruck.
Wortwahl
Zum einen prägen eine Vielzahl
von Nomen sowie zahlreiche Imperative die Sprache des Gedichts. Zum andern
ist ein Nebeneinander von umgangssprachlichen Wendungen, biblischen Anklängen
sowie überraschender Metaphorik zu beobachten.
Aufbau
Die traditionell dialektische Struktur
des Sonetts ist nur in Ansätzen zu erkennen. Während in den Quartetten
der Schnee und das lyrische Ich im Mittelpunkt stehen, bezieht sich das
erste Terzett ausschließlich auf den Mann und im zweiten Terzett
werden die drei Beteiligten zusammengeführt.
Der eigentliche Aufbau entspricht aber
eher einem Bittgebet:
Strophe I: Anrufung des Schnees,
verbunden mit der Situation des Ichs als Bittstellerin
Strophe II.1-3: drängende
Bitten an den Schnee
Strophe II.4-III.3: Begründung
für die Forderungen des Ichs
Strophe IV: Verstärkung
der Bitte, verbunden mit einer weiteren Begründung
I:
Das lyrische Ich, das sich eindeutig
als Frau ("Eine") bestimmen lässt, wendet sich klagend an den Schnee
in der Hoffnung auf Hilfe. Bereits in der Überschrift wird in einem
ungewöhnlichen Bild die Vorstellung von Winter und fallendem Schnee
evoziert. Die beklagte Situation, Enttäuschung, vielleicht auch Überdruss
wegen des langen Wartens, wird sprachlich überraschend durch die Verbindung
zweier umgangssprachlicher Wendungen durch Zeugma entwickelt (I,2). Die
nachfolgenden metaphorischen Umschreibungen des Schnees enthalten zum einen
die Naturwahrnehmungen des lyrischen Ichs - "Winter-Uhr", "weißer
Fliegentanz" -, verweisen aber auch bereits auf eine besondere Eigenschaft
des Schnees, und zwar die Tendenz auszugleichen -"Gleichmacher" -, was
ihn in die Rolle eines möglichen Helfers bringt. Die bildhafte Vorstellung,
dass der Schnee die Landschaft mit einer Decke überzieht und so Höhen
und Tiefen ausgleicht, wird über das rein Äußerliche hinaus
auf den menschlichen Bereich ausgedehnt. Mit einer biblischen Wendung (3f.)
und der Formel "Jahr für Jahr" (4) bekräftigt die Sprecherin
gleichsam beschwörend die Zuverlässigkeit des Schnees im Ausgleichen.
Die Unmittelbarkeit des Sprechens, die Gebet und Hilferuf kennzeichnet,
ist gebrochen durch den Einschub "sag ich". Diese Formulierung betont die
subjektive Perspektive, die Anwesenheit des lyrischen Ichs im Gedicht;
sie verweist aber auch auf eine gewisse Distanz der Sprecherin.
II, 1-3:
In den folgenden drei Versen fordert
das Ich den Schnee auf, einen Mann zu bestrafen oder zu vernichten, wobei
drei bildhafte Formulierungen einen bis ins Unendliche gesteigerten Schneefall
evozieren: die im eigentlichen Wortsinn gebrauchte Redewendung "aus allen
Wolken fallen": die Vorstellung von Dunkelheit und Erstarrung durch die
Menge der Schneeflocken; das Bild der ständigen Vermehrung der Flocken
durch Zellteilung. Fünf Imperative unterstreichen den Vernichtungswillen
der Sprecherin, die den Schnee als Rächer betrachtet. Die Intensität
der Bitten wird durch Alliteration (II,1) sowie die rhythmische Hervorhebung
bestimmter Wörter, nämlich "bring Nacht; Mauern; ohn Unterlaß",
gesteigert.
II,4 - III, 3:
Die letzte Zeile der zweiten Strophe
liefert eine erste Erklärung für die Forderungen der Sprecherin:
die Herzlosigkeit des Mannes. Dieser Befund ist der zentrale Punkt der
Klage und wird sprachlich durch den bildhaften Wortsinn veranschaulicht
sowie akzentuiert durch Satzumstellung und die zentrale Stellung dieser
Zeile im Gedicht. Die dritte Strophe setzt die Begründungen fort,
indem sie den Mann als empfindungslos charakterisiert. In Anlehnung an
Bibelzitate wird ihm das Fehlen der Sensibilität vorgeworfen. Die
Attribuierung der Augen, "schöne gläserne", verweist auf die
Gefühlskälte des Mannes. Der dritte Vers unterbricht die erwartete
analoge Weiterführung der parallelen Sätze durch die Formulierung
"den kenn ich nicht". Hier beklagt die Sprecherin das Verhalten des Mannes,
dessen Nähe sie nicht erfährt.
IV:
In der vierten Strophe werden die drei
Beteiligten in einem ungewöhnlichen Vergleich zusammengeführt.
Das lyrische Ich wendet sich in direkter Anrede an den Schnee und fordert
seine Unterstützung: "Tau ihn auf." Vorbereitet ist diese Bitte durch
einen Vergleich von Mann und Schnee, die in einem hyperbolischen Kontrast
aufeinander bezogen werden: Gemessen an der Kälte des Mannes ist der
kalte Schnee "Lava", "kochender Stahl", - eine Gleichsetzung, die dem Schnee
paradoxerweise die Merkmale Rot und Feuer zuspricht und so im selben Atemzug
dem Mann Leidenschaft abspricht. Während in der zweiten Strophe eher
das Moment der Rache, Vernichtung im Vordergrund steht, hofft das Ich hier
auf die Hilfe des Schnees. Begründet wird die Bitte durch den Hinweis
auf die Notlage der Sprecherin, die nicht nur psychisch, sondern auch physisch
leidet. Mit dem unüblichen transitiven Gebrauch des Verbs in der Wendung
"Er magert mich ab" ist auf die Nymphe Echo angespielt, die sich aus unerwiderter
Liebe vor Gram verzehrt, bis nur noch die Stimme übrigbleibt. Das
Fehlen eines Satzschlusszeichens am Ende des Gedichts sagt, dass der Prozess
des Abmagerns noch nicht abgeschlossen ist. Wie Echo nur die Stimme bleibt,
so bleibt auch dem unglücklich liebenden Ich in dieser Liebe nur die
Stimme - zu klagen, zu wüten, zu bitten. Ungewöhnliche Bilder,
die unerwartete Bitte sowie der pointierte Schluss verdeutlichen den Jammer
der Sprecherin, die Paradoxie des Vergleichs zeigt aber auch die Aussichtslosigkeit
der Situation. Wie bereits in der ersten Strophe wird auch in der vierten
die Unmittelbarkeit des Sprechens aufgehoben; die Kennzeichnung des Schnees
als "Reimwort auf Weh" stellt einen Wechsel auf die Metaebene dar, sodass
trotz aller Betroffenheit eine gewisse Distanz gewahrt bleibt
Während in traditionellen Naturgedichten
Parallelen und Kontraste zu Gefühlen und Empfindungen gezeigt werden,
soll hier die Natur gleichermaßen als Rächer und Helfer in den
Dienst des lyrischen Ichs treten. In einer Mischung aus Bittgebet und Selbstgespräch
will die Sprecherin die Kräfte der Natur für ihre Liebesbeziehung
nutzen. Zorn - "Schnei ihn ein" - und Hoffnung - "Tau ihn auf." - stehen
nebeneinander. Neben der subjektiven Perspektive und der Emotionalität
ist der Kunstcharakter des Textes überall deutlich spürbar. Sonettform,
biblische Zitate, literarische Anspielungen, reiche Metaphorik unterstreichen
das Artifizielle; individuelle Chiffren, etwa in der Apostrophierung des
Schnees, verweisen auf subjektives Erleben der Natur.[Saarländische
Abiturprüfung 1999] |