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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Günter Kunert 

Laika
 
Günter Kunert, 

Laika

In einer Kugel aus Metall, 
Dem besten, das wir besitzen,
Fliegt Tag für Tag ein toter Hund
Um unsre Erde
Als Warnung,
Dass so einmal kreisen könnte
Jahr für Jahr um die Sonne,
Beladen mit einer toten Menschheit,
Der Planet Erde,
Der beste, den wir besitzen.

[Aus: Reclam, 
Moderne deutsche Naturlyrik, S. 215]

 
 

Rainer Maria Rilke

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein. 

Vergleich: 
Rilke, Der Panther - Kunert, Laika

Weist Rainer Maria Rilkes „Das Karussell“ durch die beschleunigte Kreisbewegung auf eine Spirale hin, kann man bei einem weiteren seiner Dinggedichte schon von einer Spiralstruktur sprechen: „Der Panther“. Durch sein Hinundherlaufen und den dabei nach außen gerichteten Blick scheint sich dem Panther die Welt außerhalb des Käfigs zu drehen. Indem er geschmeidig die Wendungen zu Kurven macht, läuft er regelrecht im Kreis, und in einem engen Käfig wird das zu einer Drehung um sich selbst. Diese enger werdende Spirale findet Steigerung und Höhepunkt, indem das aufgenommene Bild der Außenwelt auf seinem Weg in die Innenwelt des Panthers verfolgt wird, wo es zunächst den ganzen Körper wie in einem Kreis durchläuft, um im Ziel - zu vergehen. Die streng alternierenden fünhebigen Jamben, der regelmäßige Wechsel klingender und stumpfer Kadenzen und die Enjambements unterstützen rhythmisch den Eindruck des fließenden Kreisens, das dann allerdings in der letzten, um eine Hebung verkürzten Verszeile ausschwingt - oder, der Aussage entsprechend, erstirbt. Derart unabgeschlossen, wird die Bewegung auf der semantischen Ebene jedoch in Gang gehalten, indem der die Bewegung motivierende Blick1  Anfang und Ende des Gedichtes zum sich weiter drehenden Kreislauf fortwährender Wiederholungen verbindet. Der thematische Mittelpunkt, der Gegensatz von Mitleid und Bewunderung des Betrachters, wird in der mittleren Strophe mit dem „betäubt[en] große[n] Wille[n]“ direkt benannt, und mit den Wörtern „Kreis“ und „Mitte“ genau im Zentrum des Gedichtes wird überdeutlich auf den Mittelpunkt der Spirale hingewiesen, die mit dem „Herzen“ zwar ihren innersten Höhe-, besser Tiefpunkt, aber nie diese Mitte erreicht. 

Rilkes melancholische Hommage an einen Panther verkehrt Günter Kunert 1963 zu einer schrillen, weil disharmonische Widersprüchlichkeiten aufzeigenden Warnung an die Menschheit: „Laika“. Der imponierende, aber seelisch ertaubende Panther im Käfig aus Eisengittern wird ersetzt durch den wirklich toten Hund in der Weltraumkapsel, „einer Kugel aus Metall“. Beiden gemeinsam ist jedoch, daß sie zugleich Opfer menschlicher ‘Vergewaltigung’ wie Projektion menschlichen Seins beziehungsweise der in diesem Sein angelegten Gefahr sind. Auch Kunerts Gedicht kreist gleichzeitig formal und inhaltlich um eine Achse, die allerdings auch als Spiegel funktioniert: „als Warnung, / daß so einmal kreisen könnte“. Die beiden Kernbegriffe, „Warnung“ und „kreisen“ im Zentrum drücken nicht nur den Widerspruch gegen Rilkes Mittelpunkt „geschmeidig[er] [...] Tanz von Kraft um einen großen Willen“ aus, sie markieren auch den Wendepunkt im Gedicht. Mehrere Wiederholungen bilden ineinander verschachtelte Rahmen: Der sinnlos kreisende Metallsarg korrespondiert mit dem Sarg-Planeten Erde, der tote Hund mit der toten Menschheit, die Erde als Mittelpunkt (‘Nabel der Welt’) mit der Sonne als Zentrum. Daß aus „Tag für Tag“ „Jahr für Jahr“ wird, daß sich die Umlaufbahn des Satelliten zum Kreis (eigentlich Ellipse) des Planeten um die Sonne weitet, bedeutet nicht nur eine Steigerung des Verderbens („toter Hund“ wird zu „tote[n] Menschheit“) in kosmische Dimensionen2 , sondern verweist im Gegensatz zum „Panther“ nicht auf eine Konzentrierung der Spirale auf einen Mittelpunkt, sondern auf Ausweitung ins Unendliche, auf den Tod. Der äußerste Rahmen bewirkt in der letzten Zeile durch seine Parodie der wissenschaftlichen Optimismus und Stolz auf technische Potenz verkündenden Parolen eine Pointe, die wie beim Panther Höhe- und Endpunkt einer Entwicklung ist (in der Mitte beider Gedichte wörtlich als Kreisen thematisiert): Es ist „der Planet Erde“ nicht nur „der beste, den wir besitzen“, sondern der einzige! Der Spiegel, den Kunert dem Titan Mensch des ersten Teils im zweiten Teil des Gedichtes entgegenhält, macht aus ihm eine Last: „beladen mit einer toten Menschheit“. Der Schöpfer wird zur Last der Schöpfung, zugleich im Sinne von Belastung wie als Last einer Fuhre ohne Ziel. Diese paradoxe Wende erfährt eine weitere Steigerung in dem Paradoxon „tote Menschheit“, denn „Menschheit“ als das Überindividuell-Dauernde und „tot“ schließen sich aus. Allerdings kann mit „tot“ auch moralische ‘Verkommenheit’, Pervertierung und damit in übertragenem Sinne Tötung des Menschlichen assoziiert werden. In Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ wird dieses apokalyptische Bild - paradoxerweise als „Apotheose“ bezeichnet - im Endpunkt der Entwicklung Güllens ähnlich dargestellt: „[...] die Güllener, Frauen und Männer in Abendkleidern und Fräcken, zwei Chöre bildend, denen der griechischen Tragödien angenähert, nicht zufällig, sondern als Standortbestimmung, als gäbe ein havariertes Schiff, weit abgetrieben, die letzten Signale 3.“  Daß Günter Kunert warnen will, das heißt retten zu können glaubt, mag wie der Irrealis („könnte“) auf ein noch optimistisches gesellschaftliches Engagement (1963) deuten. Die erste Person Plural deutet allerdings schon auf eine Solidarität, die sich von der Einstellung Dürrenmatts nicht unterscheidet: „Die Welt ist größer denn der Mensch, zwangsläufig nimmt sie bedrohliche Züge an, die von einem Punkt außerhalb nicht bedrohlich wären, doch habe ich kein Recht und keine Fähigkeit, mich außerhalb zu stellen.“ (DÜRRENMATT, Theaterprobleme) 
 

Günter Kunerts „Laika“ ist ein Warngedicht

- Thema: 

Laika 1963 Bezug zur Wirklichkeit: Ironisierung der Fortschrittseuphorie
(nicht nur im Sozialismus)

- Mittelpunkt im doppelten Sinn des Wortes

Warnung an die Menschheit: Last („beladen“) für die Erde, tödliche Gefahr

- Angemessenes Mittel: 

  • disharmonische Widersprüchlichkeiten, 
  • Ironie (Planet Erde = der „beste, den wir besitzen“ - aber: der einzige!)


- Entsprechungen  ? bedrohlich wachsend:
Inhalt:

heute 
toter Hund 
Kugel aus Metall 
Kreisen des Satelliten 
um die Erde: Tag 
Zukunft
tote Menschheit
Planet Erde
Kreisen der Erde
um die Sonne: Jahr
Form (Wiederholungen = Kreisen) und Inhalt (Kreisen): 
- Aufbau:  4 - 2 - 4 (Zeilen)
- Sprache:  Präp. „um“ (= Kreisen), Wiederholung (= Kreisen) dieser Präposition, Verb „kreisen“

„Warnung“ und „kreisen“ als Mittelpunkt (s.o.)

Anapher (Z. 2,6,9,10)
Rahmung (s. Skizze) durch: Parallelismus (Z. 2 u. 10) und „wir“
- Disharmonischer Widerspruch:  - toter Hund, der fliegt 
- Ironische Pointe:  das beste Metall, das wir besitzen  ? dem besten Planeten, den wir besitzen

Aber: der einzige Planet, den wir [noch] besitzen!

1.   „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / [...]“ und „Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, / [...]“ - In „Camera obscura“ läßt Kunert statt des Widerscheins, des „Bildes“, den Fotografierten selbst „hineingehen“, und zwar in den Apparat und in das auf die Platte fixierte Bild, wo auch er „aufhört zu sein“. Das heißt: Da sie endgültig ‘fixiert’ sind, steht für den ins Bild Gebannten wie für den Panther die Zeit still, beide leben eigentlich nicht mehr (vgl.: „Du sollst dir kein Bildnis machen...“) - In dem Gedicht (Fernseh-)“Programm“ beklagt Kunert, daß wir durch die unzähligen Wiederholungen in Geschichte und Gegenwart abgestumpft und weder zu Mit-Leid noch zu Selbstkritik fähig sind: „Denn unsern Blick trifft nichts mehr. Nichts.“ 
2. Auch hier wird die Verwandtschaft mit Dürrenmatt deutlich: „Die Physiker“ enden 1962 mit einer negativen Utopie (Epilog Möbius): „[...] und irgendwo um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern kreist, sinnlos, immerzu, die radioaktive Erde.“ Kunert berichtet, daß er in der DDR der 60er Jahre Dürrenmatt noch nicht lesen konnte, aber die Fernseh-Aufführungen sah. 1964 erschienen „Die Physiker“ (mit Therese Giese) als Fernsehspiel. „Laika“ (1963) ist also nicht Gebrauch eines aufgenommenen Bildes sondern ähnliche (fast identische) ‘Vorstellung’ ähnlicher Wirklichkeit durch ähnliches Denken.
3Nietzsches „Gott ist tot.“ meint diese Situation, und von ihm könnte schon Dürrenmatt das Bild der Erde als vom Halt der Sonne gelöstes havariertes Schiff übernommen haben. Daß mit dem Tod Gottes eigentlich der Tod des Menschlichen gemeint sein könnte, wird dadurch angedeutet, daß bei Nietzsche der Philosoph (der Kyniker Diogenes) als „Der tolle Mensch“ bei Tag mit brennender Laterne Gott (statt eines Menschen) sucht (vgl. auch Kunerts „Eins plus eins gleich eins“): „[...]Was taten wir, als wir diese Erde von der Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? [...]“ (Friedrich Nietzsche: „Die fröhliche Wissenschaft“, 1886)
[Die Interpretation wurde freunlicherweise zur Verfügung gestell von Dr. Werner Trömer. Sie ist entnommen aus dessen Promotionsschrift: Polarität ohne Steigerung. Eine Struktur des Grotesken im Werk Günter Kunerts (1950-1980), St. Ingbert 1997]

 
 
 
 
 
 
 
 

 

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