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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Günter Eich 

Der große Luebbe - See
 
Kraniche, Vogelzüge,
deren ich mich entsinne,
das Gerüst des trigonometrischen Punkts.
 

Hier fiel es mich an,
vor der dunklen Wand des hügeligen Gegenufers,
der Beginn der Einsamkeit,
ein Lidschlag, ein Auge,
das man ein zweites Mal nicht ertrüge,
das Taubenauge mit sanftem Vorwurf,
als das Messer die Halsader durchschnitt,
der Beginn der Einsamkeit,
hier ohne Boote und Brücken,
das Schilf der Verzweiflung,
der trigonometrische Punkt,
Abmessung im Nichts,
während die Vogelzüge sich entfalten,
Septembertag ohne Wind,
güldene Heiterkeit, die davonfliegt,
auf Kranichflügeln, spurlos.

1. DIE ÜBERSCHRIFT: reale geographische Angabe (See in Pommern zwischen Stargard und Neu-Stettin, heute polnisch besetztes Gebiet). Das Gedicht wird durch sie 'fixiert'. Es wird zugleich gekennzeichnet als GESTALTUNG EINER ERINNFRUNG (Vgl. 2 und 4). 

2. DIE TEMPUS -- VERHÄLTNISSE bestätigen den Erinnerungscharakter 2: Die Vergangenheit wird gegenwärtig. In 4, 10, auch in 8 (als Konjunktiv) wirklich Präteritum; Erfahrungen. der Vergangenheit. 16 und 18: die finiten Verben im Präsens; die Erinnerung ist ganz gegenwärtig geworden. 

3. Zu dieser „Gegenwärtigkeit“ trägt auch das Verhältnis von Nomina und Verben bei: über viele Zeilen Verzicht auf finite Verben; NOMINALSTIL; Reihung von Substantiven (1; 3; 5/7; 11/15; 17/19): ein Sprachphänomen, das (hier!) die Wirkung der Vergegenwärtigung und der Entzeitlichung hat. Bezeichnend weiter: von den sechs finiten Verben fünf nur in Gliedsätzen (meist attributiven Relativsätzen) und nur eins (4) im Hauptsatz; das Verb bleibt weitgehend attributives Anhängsel zum Nomen. Das einzige finite Verb im Hauptsatz (fiel es mich an) bezieht sich auf Beginn der Einsamkeit. Ein Abstraktum also entfaltet aktive Kraft: die Einsamkeit überfällt einen Menschen. Alle andern genannten Nomina des Gedichts ruhen in sich, sind Ausdruck eines Zustandes.

4. Das BILD DER LANDSCHAFT in den Nomina gestaltet. Sie werden abrupt auswählend nebeneinander gesetzt: Kraniche, Vogelzüge (1); das Gerüst des trigonometrischen Punkts (3), - dies wenige als Ausdruck für Weite, Einsamkeit; es verbindet sich mit der Vorstellung 'See', die von der Überschrift her gegeben ist.

5. ZWEI CHIFFREN: Vogelzüge am Himmel und das menschengeschaffene Zeichen der Landvermessung, ein Zeichen, das in einsamer, unberührter Landschaft auffällt. Mit diesen beiden Chiffren zwei Dimensionen angesprochen: die Weite des Himmels und die schwer überschaubare Weite der Erdoberfläche.
Ein weiteres Landschaftselement erst in 5: vor der dunklen Wand des hügeligen Gegenufers.

6. SCHLÜSSELWORT (6): der Beginn der Einsamkeit, in diese sparsame Skizzierung von Weite und unbewohnter Landschaft hineingesetzt. Die Wirkung auf den erfahrenden Menschen vielfältig herausgehoben:
a) In der genitivischen Verbindung, die das Abstraktum Einsamkeit wie eine Kraft erscheinen lässt, die Menschen überfällt. 
b) b) Herausgehoben auch im Satzbau (4/6): dem unbestimmten „es“, dem aktiven „fiel... mich an“, dem retardierend eingeschobenen Vers 5, durch den der Bildhintergrund in der Höhe der Horizontlinie abgegrenzt wird. All dem nachgestellt das Schlüsselwort (6), das intensivierend wiederholt wird (11).
c) Zwischen Vers 6 und 11 eingebettet: Metaphern (aus ganz anderem Bereich) für die Erfahrung der Einsamkeit. 7/8: Lidschlag, Auge. Anders als bei Stifter (Nr. 26: "Naturauge") steht Auge hier nicht für die Wesenheit der Natur selbst, sondern für eine Ich - Erfahrung: die Einsamkeit sieht den Menschen an; er erkennt, ihr gegenüberstehend, die Unendlichkeit dieses Zustands, dem das Ich ausgesetzt ist.
d) 9 /10: neue Assoziation: der Ausdruck, den ein Tierauge im Augenblick des Sterbens hat; ein wehrloser, leidender Blick mit sanftem Vorwurf. In den Metaphern (7/8) Einsamkeit als das Übergroße, dessen Erkenntnis kaum zu ertragen ist. 9/10 als das, was wie eine Schuld erfahren wird; ein Zustand, in den der Mensch eintritt, wenn und weil er schuldig geworden ist.
7 DER SCHLUSSTEIL DES GEDICHTES (12/I9) wohl Landschaftsbild (See, Vogelzüge, Schönheit des Herbsttages), zugleich aber ständig Erfahrungen, die aus der Einsamkeit erwachsen: Verzweiflung, Verlorenheit im Nichts, Vergänglichkeit. Die Landschaft bei aller Knappheit der Aussage deutlicher und realer gesehen als etwa bei Trakl (Nr. 83). Zugleich aber ständig ein Bild seelischen Erlebens. Landschaftserfahrung und Einsamkeitserfahrung von Zeile zu Zeile sprachlich eng verbunden. Die Züge der Landschaft sind zugleich real, aber auch Metaphern für das seelische Erleben:

In 12: ein Zug dieser Landschaft (zugleich auch ein Zustand des Menschen selbst). - 13: In unmittelbarer sprachlicher Verbindung: Schilf der Verzweiflung = Einheit von Realität und Abstraktum. - 14/15: Der reale Zug dieser Landschaft, gedeutet als Metapher für das Erlebnis der Einsamkeit; Fixpunkte des Menschen sind zwar Hilfen, aber doch bedeutungslos vor dem Unmessbaren. - 16/18: Dingliche Aussage für Weite (16), Schönheit und Ruhe des Herbsttages (17/18), gipfelnd in „güldene Heiterkeit“ (das altertümliche Adjektiv steht für die unwirkliche Verzauberung der Welt); die davonfliegt (18) = Umbruch; plötzlicher Bezug auf das Ich. Schönheit entfaltet sich als Vergänglichkeit (in starker dreifacher Aussage: davonfliegt; auf Kranichflügeln; spurlos).

8. RHYTHMISCHE FORM: ohne festes Metrum, aber ein ausgewogener und sinnvoller Wechsel von Zweihebigkeit bis zur Fünfhebigkeit. - Intensität zweihebiger Zeilen, für die Grunderfahrung (Einsamkeit) (4, 6, 11); für die Einführung der Metapher Auge (7); für die Bilder, die vom Naturleben zur Ich-Aussage hinüberführen (13, 15)- - Dreihebige Zeilen (1, 2, 12, 14, 17, 19) von großer Stille und Geschlossenheit, wenn es um ruhige Aussage des Gesehenen geht. - Vierhebige Zeilen: nur vier, abschließend oder Vorgänge bezeichnend (8, 9, 10, 18). - Zwei fünfhebige: Zeichnung des Hintergrundes (5) und Darstellung der weit fortführenden Bewegung (16).
Die Abfolge dieser verschiedenen Zeilenformen gibt dem gesprochenen Gedicht Ruhe und Bewegung zugleich: der Grundbestand an dreihebigen (schildernden) Zeilen durchsetzt es ganz; sie tragen den Anfang (1/2) und im Wechsel den Schlussteil. Die Mitte (4/10) bedient sich der schweren zweihebigen Zeilen und drängender vierhebiger und fünfhebiger Zeilen. Die Ausdruckswerte von zwei-, drei-,-vier- und fünfhebigen Zeilen sind an diesem Gedicht gut zu erkennen. Ihre Verwobenheit ergibt ein rhythmisch schönes Gefüge. 

[Aus: Klett Lesebuch A10, Lehrerheft, S. 88, Stuttgart 1977]

 
 
 
 
 
 
 
 

 

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