Kraniche, Vogelzüge,
deren ich mich entsinne,
das Gerüst des trigonometrischen Punkts.
Hier fiel es mich an,
vor der dunklen Wand des hügeligen Gegenufers,
der Beginn der Einsamkeit,
ein Lidschlag, ein Auge,
das man ein zweites Mal nicht ertrüge,
das Taubenauge mit sanftem Vorwurf,
als das Messer die Halsader durchschnitt,
der Beginn der Einsamkeit,
hier ohne Boote und Brücken,
das Schilf der Verzweiflung,
der trigonometrische Punkt,
Abmessung im Nichts,
während die Vogelzüge sich entfalten,
Septembertag ohne Wind,
güldene Heiterkeit, die davonfliegt,
auf Kranichflügeln, spurlos. |
1. DIE ÜBERSCHRIFT: reale geographische Angabe (See in Pommern zwischen
Stargard und Neu-Stettin, heute polnisch besetztes Gebiet). Das Gedicht
wird durch sie 'fixiert'. Es wird zugleich gekennzeichnet als GESTALTUNG
EINER ERINNFRUNG (Vgl. 2 und 4).
2. DIE TEMPUS -- VERHÄLTNISSE bestätigen den Erinnerungscharakter
2: Die Vergangenheit wird gegenwärtig. In 4, 10, auch in 8 (als Konjunktiv)
wirklich Präteritum; Erfahrungen. der Vergangenheit. 16 und 18: die
finiten Verben im Präsens; die Erinnerung ist ganz gegenwärtig
geworden.
3. Zu dieser „Gegenwärtigkeit“ trägt auch das Verhältnis
von Nomina und Verben bei: über viele Zeilen Verzicht auf finite Verben;
NOMINALSTIL; Reihung von Substantiven (1; 3; 5/7; 11/15; 17/19): ein Sprachphänomen,
das (hier!) die Wirkung der Vergegenwärtigung und der Entzeitlichung
hat. Bezeichnend weiter: von den sechs finiten Verben fünf nur in
Gliedsätzen (meist attributiven Relativsätzen) und nur eins (4)
im Hauptsatz; das Verb bleibt weitgehend attributives Anhängsel zum
Nomen. Das einzige finite Verb im Hauptsatz (fiel es mich an) bezieht sich
auf Beginn der Einsamkeit. Ein Abstraktum also entfaltet aktive Kraft:
die Einsamkeit überfällt einen Menschen. Alle andern genannten
Nomina des Gedichts ruhen in sich, sind Ausdruck eines Zustandes.
4. Das BILD DER LANDSCHAFT in den Nomina gestaltet. Sie werden abrupt
auswählend nebeneinander gesetzt: Kraniche, Vogelzüge (1); das
Gerüst des trigonometrischen Punkts (3), - dies wenige als Ausdruck
für Weite, Einsamkeit; es verbindet sich mit der Vorstellung 'See',
die von der Überschrift her gegeben ist.
5. ZWEI CHIFFREN: Vogelzüge am Himmel und das menschengeschaffene
Zeichen der Landvermessung, ein Zeichen, das in einsamer, unberührter
Landschaft auffällt. Mit diesen beiden Chiffren zwei Dimensionen angesprochen:
die Weite des Himmels und die schwer überschaubare Weite der Erdoberfläche.
Ein weiteres Landschaftselement erst in 5: vor der dunklen Wand des
hügeligen Gegenufers.
6. SCHLÜSSELWORT (6): der Beginn der Einsamkeit, in diese sparsame
Skizzierung von Weite und unbewohnter Landschaft hineingesetzt. Die Wirkung
auf den erfahrenden Menschen vielfältig herausgehoben:
a) In der genitivischen Verbindung, die das Abstraktum Einsamkeit wie
eine Kraft erscheinen lässt, die Menschen überfällt.
b) b) Herausgehoben auch im Satzbau (4/6): dem unbestimmten „es“, dem
aktiven „fiel... mich an“, dem retardierend eingeschobenen Vers 5, durch
den der Bildhintergrund in der Höhe der Horizontlinie abgegrenzt wird.
All dem nachgestellt das Schlüsselwort (6), das intensivierend wiederholt
wird (11).
c) Zwischen Vers 6 und 11 eingebettet: Metaphern (aus ganz anderem
Bereich) für die Erfahrung der Einsamkeit. 7/8: Lidschlag, Auge. Anders
als bei Stifter (Nr. 26: "Naturauge") steht Auge hier nicht für die
Wesenheit der Natur selbst, sondern für eine Ich - Erfahrung: die
Einsamkeit sieht den Menschen an; er erkennt, ihr gegenüberstehend,
die Unendlichkeit dieses Zustands, dem das Ich ausgesetzt ist.
d) 9 /10: neue Assoziation: der Ausdruck, den ein Tierauge im Augenblick
des Sterbens hat; ein wehrloser, leidender Blick mit sanftem Vorwurf. In
den Metaphern (7/8) Einsamkeit als das Übergroße, dessen Erkenntnis
kaum zu ertragen ist. 9/10 als das, was wie eine Schuld erfahren wird;
ein Zustand, in den der Mensch eintritt, wenn und weil er schuldig geworden
ist.
7 DER SCHLUSSTEIL DES GEDICHTES (12/I9) wohl Landschaftsbild (See,
Vogelzüge, Schönheit des Herbsttages), zugleich aber ständig
Erfahrungen, die aus der Einsamkeit erwachsen: Verzweiflung, Verlorenheit
im Nichts, Vergänglichkeit. Die Landschaft bei aller Knappheit der
Aussage deutlicher und realer gesehen als etwa bei Trakl (Nr. 83). Zugleich
aber ständig ein Bild seelischen Erlebens. Landschaftserfahrung und
Einsamkeitserfahrung von Zeile zu Zeile sprachlich eng verbunden. Die Züge
der Landschaft sind zugleich real, aber auch Metaphern für das seelische
Erleben:
In 12: ein Zug dieser Landschaft (zugleich auch ein Zustand des Menschen
selbst). - 13: In unmittelbarer sprachlicher Verbindung: Schilf der Verzweiflung
= Einheit von Realität und Abstraktum. - 14/15: Der reale Zug dieser
Landschaft, gedeutet als Metapher für das Erlebnis der Einsamkeit;
Fixpunkte des Menschen sind zwar Hilfen, aber doch bedeutungslos vor dem
Unmessbaren. - 16/18: Dingliche Aussage für Weite (16), Schönheit
und Ruhe des Herbsttages (17/18), gipfelnd in „güldene Heiterkeit“
(das altertümliche Adjektiv steht für die unwirkliche Verzauberung
der Welt); die davonfliegt (18) = Umbruch; plötzlicher Bezug auf das
Ich. Schönheit entfaltet sich als Vergänglichkeit (in starker
dreifacher Aussage: davonfliegt; auf Kranichflügeln; spurlos).
8. RHYTHMISCHE FORM: ohne festes Metrum, aber ein ausgewogener und sinnvoller
Wechsel von Zweihebigkeit bis zur Fünfhebigkeit. - Intensität
zweihebiger Zeilen, für die Grunderfahrung (Einsamkeit) (4, 6, 11);
für die Einführung der Metapher Auge (7); für die Bilder,
die vom Naturleben zur Ich-Aussage hinüberführen (13, 15)- -
Dreihebige Zeilen (1, 2, 12, 14, 17, 19) von großer Stille und Geschlossenheit,
wenn es um ruhige Aussage des Gesehenen geht. - Vierhebige Zeilen: nur
vier, abschließend oder Vorgänge bezeichnend (8, 9, 10, 18).
- Zwei fünfhebige: Zeichnung des Hintergrundes (5) und Darstellung
der weit fortführenden Bewegung (16).
Die Abfolge dieser verschiedenen Zeilenformen gibt dem gesprochenen
Gedicht Ruhe und Bewegung zugleich: der Grundbestand an dreihebigen (schildernden)
Zeilen durchsetzt es ganz; sie tragen den Anfang (1/2) und im Wechsel den
Schlussteil. Die Mitte (4/10) bedient sich der schweren zweihebigen Zeilen
und drängender vierhebiger und fünfhebiger Zeilen. Die Ausdruckswerte
von zwei-, drei-,-vier- und fünfhebigen Zeilen sind an diesem Gedicht
gut zu erkennen. Ihre Verwobenheit ergibt ein rhythmisch schönes Gefüge.
[Aus: Klett Lesebuch A10, Lehrerheft, S. 88, Stuttgart
1977]
|
|