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Fachbereich Deutsch
Lyrik

Elisabeth Langgässer 

In den Mittag gesprochen
 
Elisabeth Langgässer

In den Mittag gesprochen

Schläfriger Garten. Gedankenlos
wie der Daume über dem Daume.
Sage, wer trägt die Birne im Schoß,
den Apfel, die Eierpflaume.

Breit auseinander setzt Schenkel und Knie’,
weil schon Spilling und Mirabelle
höher sich wölben voll Saft und Magie,
die Natur auf der Sommnerschwelle.

Bis an den Umkreis der Schale erfüllt
sind die Früchte nur mit sich selber,
und in die flimmernden Lüfte gehüllt,
überläuft es sie blauer und gelber.

Pochender Aufschlag. Was trägt und enthält,
ist das Ganze von allen geboren.
Innen ward außen. Was ungepflückt fällt,
geht wie Traum an das Ganze verloren.

Scharren im Laube. Ein brütendes Huhn
sitzt getrost auf zerbrochenem Rade.
Zeit, wohin fließest du? Nach Avalun ...
Süßes, wie heißest du? Kern in den Schuhn
purpurblaun, gelben? Du wirkendes Ruhn?
Und ein jegliches antwortet: Gnade!

Tafelbild / Gehalt
Tafelbild / Struktur

Das Gedicht entstammt der Sammlung "Der Laubmann und die Rose" (1947). Der erstere repräsentiert das dionysisch - vitale Prinzip der Pan - Natur, die letztere demgegenüber das Prinzip der Vergeistigung der Natur, das Gegenteil der "Natur", die wir vorfinden, nämlich die Natur, der der Dichter durch sein Wort erst zu ihrem Sein verhilft. [...] die Natur des Laubmann ist erlösungsbedürftig, sie lebt wie unter einem Bann, insofern als sie in sich selbst kreist. Das verwandelnde und erlösende Werk an der Natur tut der Dichter. 

Das Gedicht zeigt deutlich Spuren der Herkunft aus Rilkescher Ding - Mystik: Die Naturdinge sind ganz bei sich selbst. Sie ruhen nicht nur aus in der (empirischen) Mittags - Trägheit, sondern als Teile des magischen Natur - Raumes Pans. Zeitenthoben sind die Früchte nur "mit sich selber erfüllt". Der Prozess der Reifens wird durch einzelne Lexeme und Bildvorstellungen erotisiert: "Breit auseinander setzt Schenkel und Knie". Birnen, Pflaumen, Mirabelle und Spilling (eine Art Zierstracuh, Pfaffenhütchen; Evonysmus) wölben sich gleichermaßen nach demselben Gesetz, im einzelnen ist das Ganze anschaubar. Die traumhafte, von Menschen nicht berührte und in sich reifende Natur ist das Ergebnis eines ideologischen Konzepts von Naturlyrik: ein angenommenes heiles (Natur-) Innen soll durch die Transformation in dichterische Sprache nach außen gebracht werden.

In diesem Gedicht Elisabeth Langgässers zeigt sich die verquollene Natur - Theologie ästhetisch zugleich als Nähe zum Kitsch. Nicht nur dass die Eierpflaume (die Brecht - Biermann - Bedeutung war 1947 wohl noch nicht hinreichend bekannt) und das brütende Huhn eher skurrile Details als überzeugende Zeichen der Mittags - Reife sind, auch die Integration von Romantismen (Avalun, das Feenreich) und von theologischen Begriffen (Gnade) bewirken keine Veranschaulichung der Natur als "wirkende(n) Ruhn(s)". Schließlich ist das zerbrochene Rad wohl nur deshalb zum Nistplatz der brütenden Henne ausersehen, weil es sich als Symbol für das Rad der Zeit eignet, das hier stillgelegt wurde.

Die Struktur:


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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