Auf eine Weise
des
Joseph Freiherrn von Eichendorff
In meinem Knochenkopfe
da geht ein Kollergang 1,
der mahlet meine Gedanken
ganz außer Zusammenhang.
Mein Kopf ist voller Romantik,
meine Liebste nicht treu -
Ich treib in den Himmelsatlantik
und lasse Stirnenspreu.
Ach, wär ich der stolze Effendi 2
,
der Gei- und Tiger hetzt,
Wenn der Mond, in statu nascendi 3 ,
seine Klinge am Himmel wetzt!-
Ein Jahoo 4, möcht' ich lallen
lieber als introvertiert
mit meinen Sütterlin 5- Krallen
im Kopf herumgerührt.
Ich möcht am liebsten sterben
im Schimmelmonat August -
Was klirren so muntere Scherben
in meiner Bessemer 6- Brust?!
Peter Rühmkorf
1. Kollergang: Mahlwerk
2. Effendi oder Efendi: frühere türkische
Anredeform für hochgestellte Personen.
3. in statu nascendi: Im Entstehen,
d. h. hier bei zunehmendem Mond.
4. Jahoo oder Yahoo: In "Gullivers Reisen"
von Swift eine primitive Menschengattung
mit tierähnlichen Zügen.
5. Sütterlin: alate deutsche Schreibschrift,
um 1915 von dem Berliner Graphiker
I. Sütterlin geschaffen.
6. Bessemer: Henry bessemer (1813-1898),
britischer Ingenieur, der ein Verfahren zur
Stahlerzeugung mit Hilfe eines birnenförmigen
Gefäßes - der sog. Bessemerbirne - erfand.
Struktur
Interpretation I (Walter Hinck)
Tafelbild |
AUF EINE WEISE DES
JOSEPH FREIHERRN VON EICHENDORFF
Von Dieter E. Zimmer
Nicht nur ein und ein viertel akzeleriertes Jahrhundert
trennt den Freiherrn Joseph Karl Benedikt von Eichendorff von Peter Rühmkorf.
Auch was beider geistigen Habitus anbelangt, so ist Gegensätzlicheres
schwerlich vorstellbar. Der eine ein frommer Katholik, jeden Morgen geht
er zur Messe, der ein harmonisches Ineinander von Glauben, Liebe, Poesie
anstrebt; der andere mit allen Zweifeln seiner Epoche geschlagen und zumindest
was den Glauben angeht längst jenseits des Zweifels. Der eine ein
Kind der freien Natur und ein Dichter der Weite, auch in der Großstadt,
die er nicht vermeiden kann, umgibt er sich zum Trost gerne mit kleinen
Tieren; der andere unverkennbar ein Mann der Großstadt, vor noch
nicht so allzu ferner Zeit wäre er als »Asphaltliterat«
denunziert worden. Dem einen geht die Begeisterung, die ihn über das
laue Philistertum hinausheben soll, über alles; der andere hat das
Misstrauen gegen alle hehren Aufschwünge der Seele zu seinem Lebens-
und Stilprinzip gemacht. Wo der eine »Ehrfurcht« und »Reinheit«
gesagt hätte, redet der andere, eher ein Nachfahr Heines, der Respektlosigkeit
und Skepsis und Gebrochenheit das Wort.
Der eine ein Klassiker geworden, ein Lesebuchautor,
eine Autorität und, nicht zuletzt dank der Musik, die Robert Schumann
und Hugo Wolf zu seinen Worten gesetzt haben, ein ferner, schmerzlich schöner,
auch noch den Antipoden betörender Klang; der andere einer, der sich
dem nicht einfach zu entziehen willens ist, sondern die Notwendigkeit verspürt,
sich dazu nun irgendwie zu verhalten, damit irgend etwas anzufangen: die
Herausforderung anzunehmen.
Es wäre indessen grundfalsch, Peter Rühmkorf
die Absicht zu unterstellen, er wolle mit seiner Variation auf eine
Weise des Joseph Freiherrn von Eichendorff den illustren Dichtervorfahr
lächerlich machen - oder, in anderen seiner Verse, Brockes oder Hölderlin
oder Klopstock oder Claudius. Obwohl er den Begriff Parodie im Hinblick
auf diese seine Kontrafakturen selber nicht verschmäht, fehlt ihnen
doch das wichtigste Merkmal der eigentlichen Parodie sich im Bezug zu ihrem
Objekt zu erschöpfen. Der Zweck richtiger Parodie ist die Polemik:
Ein Vorbild soll mit seinen eigenen Mitteln geschlagen
werden, und zwar gewöhnlich durch Übertreibung einzelner Züge.
Rühmkorfs wahrer Gegenstand dagegen ist nicht ein bestimmtes Gedicht
von Eichendorff, es ist nicht Eichendorff überhaupt und auch nicht
das, was unter dem Begriff romantischer Poesie zusammengefasst wird - es
ist das Bewusstsein von Peter Rühmkorf. Indem es sich an dem einen
und anderen Vorbild misst, sich in Vergleich setzt zur Überlieferung,
auf ihre Appelle reagiert, versucht es, sich selbst zu definieren.- Sich
selbst auszudrücken durch die Feststellung nicht dessen, was man ist,
sondern dessen, was man nicht ist, was man nicht mehr sein kann, was man
sich zu sein verbieten muss - das ist hier und in anderen Versen Rühmkorfs
Methode.
Für belangloses privates Geplänkel wird
das nur halten, wer wohl den lyrischen Schmerz über eine verlassene
Geliebte für echt und ernst und literaturwürdig halten kann,
nicht aber den Schmerz über den Verlust der Selbstverständlichkeit
der Sprache (einen Schmerz, der sich, seinem Prinzip zufolge, niemals als
solcher etikettieren würde), nicht die Erfahrung der Relativität
des Stils und der sich in ihm bekundenden Lebensform.
Wie nun verfährt Rühmkorf? Indem die äußere
Form des Originals bewahrt und einige seiner Formulierungen entweder zitiert
oder durchschaubar variiert werden, klingt dieses in Rühmkorfs Gegengedicht
sozusagen mit, ist in ihm mittelbar - als Vergleichsbasis - vorhanden.
Welche Eichendorffsche Weise hier gemeint ist, liegt zutage: Es ist Das
zerbrochene Ringlein, das, in der Vertonung von Glück und dem
Satz von Silcher von Schul- und Männerchören zu Tode gesungen,
anhebt: »In einem kühlen Grunde...« Nicht so offenkundig
dürfte es sein, dass Eichendorff selber in diesem seinem Lied nicht
nur allgemeine Volksliedmotive aufgriff, nicht nur allgemein den Volksliedton
zu treffen bemüht war, sondern dass In einem kühlen Grunde...
eine
Variation auf ein ganz bestimmtes Volkslied darstellt. Es steht in Des
Knaben Wunder-horn, heißt Müllers Abschied,
und seine
zweite mittlere Strophe lautet:
Da unten in jenem Tale
Da treibt das Wasser ein
Rad,
Das treibet nichts als
Liebe
Vom Abend bis wieder an
Tag;
Das Rad, das ist gebrochen,
Die Liebe, die hat ein
End,
Und wenn zwei Liebende
scheiden,
Sie reichen einander die
Händ.
Eichendorff hat die »Handlung«, die diese
Ballade erzählt. nicht unwesentlich geändert: Das Volkslied spricht
von
eines Müllers Liebe zu einem schönen adeligen Fräulein,
einer Liebe, der die Unterschiede des Standes entgegenstehen, von dem resignierenden
Abschied des Müllers. Diese sozialen Implikationen hat Eichendorff
getilgt, wie er auch anderes Konkrete (Namen) beseitigt hat; er hat die
metrischen Unebenheiten geglättet, er hat das Motiv so weit stilisiert,
dass ein Gedicht übriggeblieben ist, welches den reinen, den zeit-
und ortlosen Schmerz dessen zum Schwingen bringen will, dem die Geliebte
die Treue gebrochen hat, dem darüber die Welt fremd geworden und der
Wille durcheinandergeraten ist.
Formal folgt Rühmkorfs Gegengesang dem aufs
genaueste; das gleiche Metrum, die gleiche Reimstellung, der gleiche Strophenbau,
die gleiche Strophenzahl. Aber schon äußerlich nimmt sich Rühmkorfs
Kunststück viel nervöser aus: Statt der blockartigen Zeilen des
Vorbildes gibt es Enjambements und statt Eichendorffs ruhiger und schlichter
Reime solche höchst ausgefallener und gar nicht klangvoller Art (-antik,
-endi, -etzt).
Dass ein so unfeierlicher und spottlustiger Mann
wie Rühmkorf das nicht gehaltene Eheversprechen einer Mehlmüllers-tochter
für einen recht abstrusen lyrischen Anlass halten muss, liegt auf
der Hand. Von diesen Akzidenzien ist in seiner Um-dichtung denn auch nichts
übriggeblieben - kein kühler Grund, keine Müllerin, kein
märchenhafterweise gesprungener Ring. Das alles ist abgeschafft, um
Raum zu geben für die Auseinandersetzung mit der Gemütsverfassung,
die dort in jenem kühlen Grunde laut wurde.
Ja - und wie hat man sich das nun vorzustellen: Wem
erteilt Rühmkorf das Wort? Ist er selber es, ein eifriger Leser auch
Eichendorff s, dem der Kopf voller Romantik steckt und der sich davon befreien
will? Oder lässt er Eichendorff sprechen - einen Eichendorff, der
sich überlebt hätte und hundertdreißig Jahre später
Abstand von sich nähme? Eindeutig ist es nicht auszumachen; aber die
Pointe besteht vielleicht gerade darin, dass es auch nicht nötig ist,
sich auf das eine oder andere festzulegen. Wichtig ist nur der Vorgang
der Brechung an sich, dieses Rencontre zweier Bewusstseinslagen, wobei
die spätere die ältere in Anführungsstriche setzt, mit Fragezeichen
versieht und widerlegt, und das - es sei wiederholt - nicht hochmütig
und selbstgewiss in kritisch-polemischer Absicht, sondern in einem Versuch,
zu sich selbst zu kommen, indem der Riss, das dissonante Verhältnis
zur Tradition, artikuliert wird.
Eichendorffs wehmütig-idyllische Bilder (die
Wassermühle, der reisende Spielmann, das Lagerfeuer in dunkler Nacht),
die wohl schon zu seiner Zeit mehr einem rückgewandten Wunschdenken
als irgendeiner konkreten Erfahrung entsprangen, werden durch moderne ersetzt:
Die Lagerfeuerromantik wird von jenseits Karl Mays aus gesehen (der Effendi
»unter Geiern« - eigentlich ergäbe sich »Geigern«
- und Tigern), der trauliche Mond als eine am Himmel sich bedrohlich wetzende
Klinge, die Brust als eine Bessemerbirne (das Bild allerdings führt
nicht weit, denn dass in der »Brust« metaphorischer »Stahl«
erzeugt werde, wird der der Labilität aller Verhältnisse so bewusste
Rühmkorf gewiss nicht behaupten wollen). Vor allem aber wird das romantische
Lebensgefühl ausdrücklich angesprochen: Es stellt sich hier nun
nicht mehr als ein Absolutes dar, sondern als eine Möglichkeit
unter vielen, und zwar eine fragwürdige Möglichkeit, als der
konfuse »Koller« eines »Knochenkopfes« (gemeint
ist bestimmt nicht der »verknöcherte« Kopf, sondern das
anatomische Faktum), der sich gehen und treiben lässt in ein Vages,
Weites, Kosmisches, dabei die irdischen Realien aus dem Blick verliert
(»Ich treib in den Himmelsatlantik«) und seinen Schmerz doch
als Poesie genießt (»muntere Scherben«). Letzteres tut
zwar auch der Gegensänger, aber er ist sich dessen aufs klarste bewusst.
Die für meine Begriffe schwächste Strophe
dabei ist die vorletzte, nicht nur ihrer etwas verworrenen Syntax wegen,
sondern weil die Stichelei gegen Eichendorffs Handschrift (die übrigens
keine krallige Sütterlin war: die wurde erst 1915 eingeführt)
unter dem Niveau des Gedichtes bleibt und die Swift - Allusion (Jahoo)
in einer Auseinandersetzung mit der Romantik reichlich unvermittelt erscheint,
obwohl ihr hier programmatischer Wert zukommt: Dem romantischen Ich, welches
sich und seine Gefühle so wichtig nimmt, dass ihm die ganze Welt und
auch der Krieg zur Staffage gerät, setzt Rübmkorf des Misanthropen
Swift erbärmlichen Jahoo gegenüber.
Es ist nicht auszudenken, wie Rühmkorfs Gegengesänge
in abermals hundertfünfundzwanzig Jahren gelesen werden:
wenn der Abstand zwischen Gesang und Gegengesang
zusam-mengeschrumpft ist und die Bessemerbirne so antiquiert wirkt wie
heute das Mühlrad. Das aber braucht Rühmkorfs Angelegenheit nicht
zu sein.
[Aus: Doppelinterpretationen, FiTb,
S. 242f.]
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