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Lyrik

Heinrich Heine || Daniel 5

Belsazar [Nutzungshinweis]
 
Daniel - Text ==>>
.... [...]
H. Heine
Belsatzar
 
Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert’s, da lärmt des Königs Tross.

Dort oben in dem Königssaal
Belsatzar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn,
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reißt der Mut ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech, und lästert wild;
Der Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis zum Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund,
und er rufet laut mit schäumendem Mund:

Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn -
-Ich bin der König von Babylon!

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward’s heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam’s hervor wie Menschenhand.

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da saß,
Mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut,
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsatzar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

[Sie differierende Schreibweise]


[Text gelesen von Wagenstein]

Belsazar, National Gallery London
[ Rembrandt: Belsazar sieht die Flammenschrift]
[ Von Rembrandt in (unrichtige) hebräische Lettern gesetz]

[ National Gallery London]
[ Von: http://www.spanvis.nl/Rembrand/index.htm ]

 
 
 
 
 
 
 
 

 

Der Prophet Daniel
König Belsazars Vermessenheit und das göttliche Gericht
5. Kapitel

1 Der König Belsazar veranstaltete für seine tausend Großen ein prächtiges Mahl und trank Wein vor den Tausend. 2 Und während er sich den Wein schmecken ließ, befahl Belsazar, man solle die goldenen und silbernen Gefäße herbeibringen, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen hatte, damit der König samt seinen Großen, seinen Frauen und seinen Nebenfrauen daraus trinken könne. 3 Da wurden die goldenen Gefäße herbeigebracht, die man aus dem Tempel, aus dem Haus Gottes in Jerusalem, weggenommen hatte, und der König trank daraus samt seinen Großen, seinen Frauen und seinen Nebenfrauen. 4 Sie tranken Wein und priesen die Götter aus Gold und Silber, aus Erz, Eisen, Holz und Stein. 5 Im selben Augenblick erschienen Finger einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand des königlichen Palastes; und der König sah die schreibende Hand.. 6 Da verfärbte sich das Gesicht des Königs, und seine Gedanken erschreckten ihn, und alle Kraft wich aus seinen Gliedern, und seine Knie schlotterten. 7 Der König schrie mit lauter Stimme, man solle die Wahrsager, Chaldäer und Zeichendeuter holen. Und der König begann und sprach zu den Weisen von Babel: „Derjenige, welcher diese Schrift lesen und mir sagen kann, was sie bedeutet, der soll mit Purpur bekleidet werden und eine goldene Kette um seinen Hals tragen und als Dritter im Königreich herrschen!“ 8 Und alle Weisen des Königs kamen herbei, aber sie konnten weder die Schrift lesen noch ihre Bedeutung dem König erklären. 9 Da wurde der König Belsazar sehr bestürzt, und sein Gesicht verfärbte sich, und seine Großen waren ganz verwirrt. 10 Auf Wunsch des Königs und seiner Großen kam die Königin[-Mutter] in den Trinksaal. Die Königin begann und sprach: O König, mögest du ewig leben! Deine Gedanken sollen dich nicht erschrecken, und dein Aussehen verändere sich nicht! 11 Es gibt einen Mann in deinem Königreich, in dem der Geist der heiligen Götter ist und bei dem in den Tagen deines Vaters Erleuchtung, Verstand und Weisheit gleich der Weisheit der Götter gefunden worden ist, so dass dein Vater, der König Nebukadnezar, ihn zum Obersten der Traumdeuter, Wahrsager, Chaldäer und Zeichendeuter bestimmt hat — ja, dein Vater, o König! —, 12 ganz allein deshalb, weil bei ihm ein vortrefflicher Geist, Verstand und Scharfsinn gefunden wurde zur Deutung von Träumen, zur Erklärung von Rätseln und zur Auflösung von Knoten, nämlich bei Daniel, dem der König den Namen Beltsazar gab. So lasse man nun Daniel rufen; der wird dir die Deutung sagen! 13 Sobald nun Daniel vor den König hineingeführt worden war, ergriff der König das Wort und sprach zu ihm: Bist du Daniel, einer der Weggeführten von Juda, die mein Vater, der König, aus Juda hergebracht hat? 14 Ich habe von dir gehört, dass der Geist der Götter in dir sei und dass Erleuchtung und Verstand und außerordentliche Weisheit bei dir gefunden werden. 15 Nun sind die Weisen und Wahrsager vor mich geführt worden, um diese Schrift zu lesen und mir ihre Bedeutung mitzuteilen; sie waren aber nicht imstande, die Bedeutung der Worte zu erklären. 16 Und von dir habe ich gehört, dass du Deutungen geben und Knoten auflösen könnest. Wenn du nun diese Schrift lesen und mir ihre Bedeutung erklären kannst, so sollst du mit Purpur bekleidet werden und eine goldene Kette an deinem Hals tragen und als Dritter im Königreich herrschen! 17 Da antwortete Daniel und sprach vor dem König: Deine Gaben mögen dir verbleiben, und gib deine Geschenke einem anderen! Jedoch die Schrift will ich dem König lesen und erklären, was sie bedeutet. 18 O König! Gott, der Allerhöchste, hat deinem Vater Nebukadnezar das Königtum, die Majestät, die Ehre und die Herrlichkeit verliehen; 19 und wegen der Majestät, die Er ihm gab, zitterten und bebten vor ihm alle Völker, Stämme und Sprachen; denn er tötete, wen er wollte, und ließ leben, wen er wollte; er erhöhte, wen er wollte, und erniedrigte, wen er wollte. 20 Da sich aber sein Herz erhob und sein Geist übermütig wurde bis zur Vermessenheit, wurde er von seinem königlichen Thron gestürzt, und seine Würde wurde ihm genommen; 21 man verstieß ihn von den Menschenkindern, und sein Herz wurde den Tieren gleich; er wohnte bei den Wildeseln, und man fütterte ihn mit Gras wie die Ochsen, und sein Leib wurde vom Tau des Himmels benetzt, bis er erkannte, dass Gott, der Allerhöchste, Macht hat über das Königtum der Menschen und darüber setzt, wen er will. 22 Du aber, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du das alles wusstest, 23 sondern du hast dich über den Herrn des Himmels erhoben; und man hat die Gefäße seines Hauses vor dich gebracht, und du und deine Gewaltigen, deine Frauen und Nebenfrauen, ihr habt Wein daraus getrunken, und du hast die Götter aus Gold und Silber, aus Erz, Eisen, Holz und Stein gepriesen, die weder sehen noch hören noch verstehen; den Gott aber, in dessen Hand dein Odem und alle deine Wege sind, hast du nicht geehrt! 24 Infolgedessen wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift geschrieben. 25 So lautet aber die Schrift, die geschrieben steht: „Mene, mene, tekel upharsin!“ 26 Und das ist die Bedeutung des Spruches: „Meine“ bedeutet: Gott hat die Tage deines Königtums gezählt und ihm ein Ende bereitet! 27 „Tekel“ bedeutet: Du bist auf einer Waage gewogen und zu leicht erfunden worden! 28 „Peres“ bedeutet: Dein Königreich wird zerteilt und den Medern und Persern gegeben werden! 29 Sogleich befahl Belsazar, dass man den Daniel mit Purpur bekleiden und ihm eine goldene Kette um den Hals legen und von ihm ausrufen solle, dass er der dritte Herrscher im Königreich sein solle. 30 In derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, umgebracht. ======================================================
Belšazar wird in der Bibel als Sohn des Nebukadnezar II. genannt, dem eine geisterhafte Schrift an der Wand seines Palastes erscheint. Belšazar lässt sofort seine Schriftgelehrten herbeirufen, die jedoch den Sinn der Worte nicht verstehen. Die biblische Bezeichnung Belšazar, Sohn des Nebukadnezar ist historisch widerlegt, da Nabuna'id der Vater von Belšazar war. Ebenso ist die Behauptung, dass mit dem Tod von Belšazar das babylonische Reich beendet war, historisch unwahr. Nabu-na'id regierte nach seiner Rückkehr noch weitere drei Jahre. Auch war Belšazar zu keinem Zeitpunkt König von Babylon, sondern als Prinz stellvertretender Herrscher. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass ein historischer Bezug besteht und Belšazar tatsächlich von der Marduk-Priesterschaft umgebracht wurde. Letztmalig wird er als Stellvertreter im 13. Regierungsjahr des Nabuna'id genannt, den er seit dem 4. Regierungsjahr vertrat. Nach Rückkehr des Babylonierkönigs aus Tayma wurde Belšazars Name auch in anderen Dokumenten nicht mehr erwähnt.
Das Wortspiel mene mene tekel u-pharsin ist höchstwahrscheinlich ein Rebus und stellt eine Ableitung der akkadischen Worte manû šiqlu parsu dar, die als Bezeichnungen im Zusammenhang von Gewichtseinheiten benutzt wurden. Vor diesem Hintergund ist klar, warum niemand von den Anwesenden den Sinn dieser Worte erklären konnte, obwohl die Begriffe zur Umgangssprache gehörten. Der Autor des Daniel-Buches macht hieraus ein Wortspiel in aramäischer Sprache, dessen wörtliche Übersetzung heute wie damals unklar bleibt.
Deutungsversuch:
Die hebräische Schriftsprache (wie auch die arabische) bestand ursprünglich, d.h. auch im Alten Testament aus Konsonanten ohne Vokale. Demnach: mn tkl prs
• Das erste mn (mene) war ein Partizip Passiv von aramäisch menah - zählen eine Mine (Gewicht, Münze), ein Schekel (auch Gewicht und Münze) von aramäisch tikla (hebr. sekel) und Halbminen.
• Das zweite mn hatte nach Konsonanten- und Vokalbestand ebenfalls ein Partizip Passiv und hatte nicht nur den Wert einer Mine, sondern sollte gelesen werden gezählt. Dann bedurfte es nur noch der Subjekte Gott und Reich, um zum Ausdruck zu bringen: Gott, der Herr, hat dein Reich gezählt
• Es bedurfte nur noch des Wortes haslem =vollständig machen (dein Reich)
• Das Wort tkl bedeutet zunächst sekel, konnte aber auch tekil = gewogen besagen. Daniel ergänzt sinngemäß: "du wurdest gewogen". Das Wort tkl hat noch eine weitere Bedeutung. Daniel leitet es vom Wortstamm kll ab und liest tekal = leicht. Er ergänzt: du bist leicht.
• In gleicher überraschender Weise entnimmt Daniel dem Wort prs eine doppelte Bedeutung: peres Singular: parsin d.h. Teil- oder Halbmine. Daniel aber liest peris, Partizip Passiv = gebrochen, weggebrochen, losgerissen. Daniel ergänzt diese Worte zu einem Satz: Es wurde losgerissen dein Königtum von dir. Der weitere Sinn des prs deutet auf paras hin, also auf Persien.
[Bearbeitet nach:
http://de.wikipedia.org/wiki/Belsazar und
http://de.wikipedia.org/wiki/Buch_Daniel#Dan_1-6]


Hintergrundgrafik: Heinrich Heine [Wikipedia] - Gemeinfreiheit - public domain
Bildunterschrift: "So sah ich aus heute Morgen, den 6ten April 1829

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