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Lyrik

Heinrich Heine

Abenddämmerung
Mein Kind, wir waren Kinder...
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Interpretation [2 Seiten]
H. Heine
Abenddämmerung
 
Am blassen Meerestrande
Saß ich gedankenbekümmert und einsam.
Die Sonne senkte sich tiefer und warf
Glührote Streifen auf das Wasser,
Und die weißen, weiten Wellen,
Von der Flut gedrängt,
Schäumten und rauschten näher und näher -
Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen,
Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen,
Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen -
Mir war, als hört' ich verschollene Sagen,
Uralte, liebliche Märchen,
Die ich einst als Knabe
Von Nachbarskindern vernahm,
Wenn wir am Sommerabend
Auf den Treppenstufen der Haustür
Zum stillen Erzählen niederkauerten,
Mit kleinen horchenden Herzen
Und neugierigen Augen,
Während die großen Mädchen
Neben duftenden Blumentöpfen
Gegenüber am Fenster saßen,
Rosengesichter,
Lächelnd und mondbeglänzt.


Mein Kind, wir waren Kinder

Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen ins Hühnerhäuschen,
Versteckten uns unter das Stroh.

Wir krähten wie die Hähne,
Und kamen Leute vorbei -
"Kikereküh!" sie glaubten,
Es wäre Hahnengeschrei.

Die Kisten auf unserem Hofe,
Die tapezierten wir aus,
Und wohnten drin beisammen,
Und machten ein vornehmes Haus.

Des Nachbars alte Katze
Kam öfters zum Besuch;
Wir machten ihr Bückling' und Knickse
Und Komplimente genug.

Wir haben nach ihrem Befinden
Besorglich und freundlich gefragt;
Wir haben seitdem dasselbe
Mancher alten Katze gesagt.

Wir saßen auch oft und sprachen
Vernünftig, wie alte Leut',
Und klagten, wie alles besser
Gewesen zu unserer Zeit;

Wie Lieb' und Treu' und Glauben
Verschwunden aus der Welt,
Und wie so teuer der Kaffee,
Und wie so rar das Geld! ---

Vorbei sind die Kinderspiele,
Und alles rollt vorbei -
Das Geld und die Welt und die Zeiten,
Und Glauben und Lieb' und Treu'.


[Auszug gesungen von Zupfgeigenhansel:1., 2.
und letzte Strophe]
["Mein Kind'" ohne Interpretation]

Für Heinrich Heine waren seine Fabeln und „Märchen aus alten Zeiten“ keine Fingerübungen, sondern Ausdruck einer tiefen Überzeugung. „Unser Leben in der Kindheit ist so unendlich bedeutend, in jener Zeit ist uns Alles gleich wichtig, wir hören Alles, wir sehen Alles, bey allen Eindrücken ist Gleichmäßigkeit, statt daß wir späterhin ... an Lebensbreite gewinnen, was wir an Lebenstiefe verlieren.“ (Reisebilder, Teil 1, Die Harzreise)
[http://www.dtv.de/_pdf/sonstige/heine_mag_web.pdf]


 
 
 
 
 
 
 
 

 

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Hintergrundgrafik: Des Knaben Wunderhorn [Wikipedia] - Gemeinfreiheit - public domain
© H. Kerber 1994 | 1996 | 2008



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