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Lyrik

Friedrich Hölderlin

Abendphantasie [Nutzungshinweis]
 
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Interpretation [2 1/2 Seiten]
Friedrich Hölderlin
Abendphantasie
 
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
  Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
   Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
    Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch,
  In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
   Geschäft’ger Lärm; in stiller Laube
    Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
  Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh
   Ist alles freudig; warum schläft denn
    Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
  Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
   Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
    Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! -
  Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
   Der Zauber; dunkel wird’s und einsam
    Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
  Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
   Du ruhelose, träumerische!
    Friedlich und heiter ist dann das Alter.



[Siehe: Struktur
und Form]


 
 
 
 
 
 
 
 

 


Biographische Notiz:
Hölderlin (1770-1843) findet nach schwerer Jugend und einem Theologiestudium (er besucht die Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn, wo er 1790 das Magisterexamen ablegt, das er aber 1793 verlässt) 1794 durch die Vermittlung Schillers einen Hofmeisterposten bei Charlotte von Kalb in Weimar, den er bereits im folgenden Jahr aufgibt. In diese Zeit fällt die erste geistige Krise seines Lebens. 1796 tritt er eine Hauslehrerstelle bei dem Frankfurter Bankier Gontard an, mit dessen Frau Susette ihn bald eine tiefe Zuneigung verbindet. Als es 1798 zum Bruch mit den Gontards kommt, stehen die folgenden Jahre unter dem Zeichen rastloser Wanderschaft und innerer Unruhe. Nach einer kurzfristigen Tätigkeit als Hofmeister in Sankt Gallen und Bordeaux kehrt Hölderlin 1802 (32 Jahre) auf einer strapaziösen Fußwanderung aus Frankreich nach Hause zurück, und es zeigen sich erste Anzeichen seiner später ausbrechenden Gemütskrankheit. Sein Zustand bessert sich nur noch zeitweilig. 1807 wird Hölderlin nach einjährigem Aufenthalt in der Tübinger Heilanstalt als unheilbar entlassen und fristete die restlichen vier Jahrzehnte seines Lebens in der Abgeschiedenheit des Tübinger (heute so genannten) „Hölderlinturms” unter der Obhut einer ortsansässigen Tischlerfamilie. Hölderlin starb am 7. Juni 1843 in Tübingen.
Während die Orientierung an antiken Vorbildern Hölderlins Nähe zur Klassik demonstriert, weist seine Subjektivität auf die Romantik.

Existenzielle Notiz:
„Der Zerrissenheit der ersten und der Isolation von Hölderlins zweiter Lebenshälfte entsprechen in gewisser Weise viele Positionen seines […] dichterischen Schaffens, das bestimmt ist von dem als schmerzlich erfahrenen Widerspruch zwischen Ideal und Realität („Nah ist und schwer zu fassen der Gott”, heißt es in der Hymne Patmos). Der lyrisch-hymnische Tonfall seiner Dichtungen lässt das Vorbild der Oden Pindars erkennen und kreist thematisch immer wieder um die „ganze dürftige Sterblichkeit” der menschlichen Existenz und die permanente Suche nach Möglichkeiten, dieses Trauma zu kompensieren.“
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Hintergrundgrafik: Friedrich Hölderlin [Wikipedia] - Gemeinfreiheit - public domain
© H. Kerber 1994 | 1996 | 2008



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