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Friedrich von Schiller:
Die Kraniche des Ibykus
 
"Ein großer Herre, wie man weißt,
Ist nicht wie unsereiner –
Wenn unsre Seele weiterreist
Drob kümmert sich wohl keiner –
Ein Schnuppen, den ein Großer klagt,
Wird in der Welt herumgesagt."

So kess tönt der Schiller von 1783, noch deutet nichts darauf hin, dass die gleiche Feder 14 Jahre später dazu imstande sein wird, Balladenhit auf Balladenhit zu landen. Hit – ein Begriff aus der Pop-Kultur, den ich mit Bedacht nutze, wobei ich mich auf jemanden berufen kann, der noch am Ende des 20. Jahrhunderts so kühn war, Balladen nicht nur zu bedenken, sondern auch zu verfassen, nämlich auf Peter Hacks: »Unter Schlagern sind solche, die balladeske Züge aufweisen. Jede Ballade aber will und sollte ein Schlager sein.«

Schiller hat mindestens fünf solcher Schlager gelandet, fünf absolute smash hits unter jenen lediglich elf regelrechten Balladen, die er fast alle 1797 und 1798 verfasst hat. Goethe und er betrachteten ihr Balladenprojekt als Gemeinschaftsunternehmen, jeder bestrebt, den anderen zu stützen und zu befördern, wobei Goethe sich beim Korrigieren und Initiieren besonders hervortut. Kann man Gedichte verbessern? Für Goethe und Schiller war das keine Frage – geradezu exemplarisch wird ihre Einstellung durch die Entstehungsgeschichte einer der bekanntesten Schiller-Balladen belegt: Die Kraniche des Ibykus
Ein antiker Stoff, den ursprünglich Goethe behandeln wollte. Am 26. Juni 1797 schickt ihm Schiller seinen Ring des Polykrates zu und nennt ihn »ein Gegenstück zu Ihren Kranichen«. Innerhalb eines Monats aber scheint der Stoff seinen Bearbeiter gewechselt zu haben, da Schiller am 21. Juli meldet, er werde nun sein »Glück an den Kranichen versuchen«. Am 17. August schreibt Schiller: »Endlich erhalten Sie den Ibykus. Möchten Sie damit zufrieden sein.« Am 22. August bereits antwortet Goethe: »Die Kraniche finde ich sehr gut geraten« – doch nach solchem Pauschal-Lob steigt er tief in die Detailkritik: »Nun auch einige Bemerkungen: die Kraniche sollten, als Zugvögel, ein ganzer Schwarm sein, die sowohl über den Ibykus als über das Theater wegfliegen, sie kommen als Naturphänomen und stellen sich so neben die Sonne und andere regelmäßige Erscheinungen. Auch wird das Wunderbare dadurch weggenommen, indem es nicht eben dieselben zu sein brauchen, es ist vielleicht nur eine Abteilung des großen wandernden Heeres, und das Zufällige macht eigentlich, wie mich dünkt, das Ahndungsvolle und Sonderbare in der Geschichte.« 
Tags darauf fügt Goethe hinzu: »Ich wünschte, da Ihnen die Mitte so gelungen ist, daß Sie auch noch an die Exposition mehrere Verse wendeten, da das Gedicht ohnehin nicht lang ist. Meo voto würden die Kraniche schon von dem wandernden Ibykus erblickt, sich, als Reisenden, verglich er mit den Vögeln, sich, als Gast, mit den Gästen, zöge daraus eine gute Vorbedeutung, und rief alsdann unter den Händen der Mörder die schon bekannten Kraniche, seine Reisegefährten, als Zeugen an…«
Bereits am 30. August bedankt sich der ornithologisch unerfahrene Schiller für die nützlichen Tipps (»mir sind Kraniche nur aus Gleichnissen bekannt«), und das Ergebnis weist ihn als ebenso lernfähigen wie verbesserungsbereiten Dichter aus:

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
die auf Korinthus’ Landesenge 
der Griechen Stämme froh vereint,
zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
der Lieder süßen Mund Apoll;
so wandert er an leichtem Stabe
nach Rhegium, des Gottes voll.

Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken,
und in Poseidons Fichtenhain
tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her; nur Schwärme
von Kranichen begleiten ihn,
die fernhin nach des Südens Wärme
in graulichtem Geschwader ziehn.

Schiller hat alle Anregungen aufgegriffen, und nach der ausgefeilten Exposition kann die Ballade Fahrt aufnehmen. Zwei Mörder stellen sich dem Sänger in den Weg:

Und schwer getroffen sinkt er nieder,
da rauscht der Kraniche Gefieder.
Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
die nahen Stimmen furchtbar krähn.
„Von euch, ihr Kraniche dort oben,
wenn keine andre Stimme spricht,
sei meines Mordes Klag’ erhoben!“
Er ruft es, und sein Auge bricht.

Lassen wir die Frage unberücksichtigt, ob Kraniche »furchtbar krähen« – die Vogelbücher sprechen übereinstimmend von »trompetenden Rufen« –, überspringen wir den Beginn der Festspiele, den Auftritt des Chors der Eumeniden und deren Verfluchung des bisher noch unentdeckten Mörders, werden wir Zeuge, wie er sich selbst verrät:

Da hört man auf den höchsten Stufen
Da hört man auf den höchsten Stufen
auf einmal eine Stimme rufen:
„Sieh da, sieh da, Timotheus,
die Kraniche des Ibykus!“
Und finster plötzlich wird der Himmel, 
und über dem Theater hin
sieht man in schwärzlichem Gewimmel
ein Kranichheer vorüberziehn.

Wegen dieses unbedachten Ausrufs schöpfen die Umstehenden Verdacht, die beiden Mörder ereilt die Strafe in der letzten Strophe, wobei der Dichter sich einer Ökonomie befleißigt, die er selber am besten zu begründen weiß: »Die wirkliche Entdeckung der Tat, als Folge jenes Schreies, wollte ich mit Fleiß nicht umständlicher darstellen, denn sobald nur der Weg zur Auffindung des Mörders geöffnet ist, (und das leistet der Ausruf, nebst dem darauf folgenden verlegenen Schrecken), so ist die Ballade aus, das andere ist nichts mehr für den Poeten
[Robert Gernhardt, in: DIE ZEIT 2/05, 04.01.2005] 

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