"Ein großer Herre, wie man weißt,
Ist nicht wie unsereiner –
Wenn unsre Seele weiterreist
Drob kümmert sich wohl keiner –
Ein Schnuppen, den ein Großer klagt,
Wird in der Welt herumgesagt."
So kess tönt der Schiller von 1783, noch deutet nichts darauf hin,
dass die gleiche Feder 14 Jahre später dazu imstande sein wird, Balladenhit
auf Balladenhit zu landen. Hit – ein Begriff aus der Pop-Kultur, den ich
mit Bedacht nutze, wobei ich mich auf jemanden berufen kann, der noch am
Ende des 20. Jahrhunderts so kühn war, Balladen nicht nur zu bedenken,
sondern auch zu verfassen, nämlich auf Peter Hacks: »Unter Schlagern
sind solche, die balladeske Züge aufweisen. Jede Ballade aber will
und sollte ein Schlager sein.«
Schiller hat mindestens fünf solcher Schlager gelandet, fünf
absolute smash hits unter jenen lediglich elf regelrechten Balladen,
die er fast alle 1797 und 1798
verfasst hat. Goethe und er betrachteten ihr Balladenprojekt als Gemeinschaftsunternehmen,
jeder bestrebt, den anderen zu stützen und zu befördern, wobei
Goethe sich beim Korrigieren und Initiieren besonders hervortut. Kann man
Gedichte verbessern? Für Goethe und Schiller war das keine Frage –
geradezu exemplarisch wird ihre Einstellung durch die Entstehungsgeschichte
einer der bekanntesten Schiller-Balladen belegt: Die
Kraniche des Ibykus.
Ein antiker Stoff, den ursprünglich Goethe
behandeln wollte. Am 26. Juni 1797 schickt ihm Schiller
seinen Ring des Polykrates zu und nennt ihn »ein Gegenstück
zu Ihren Kranichen«. Innerhalb eines Monats aber scheint der Stoff
seinen Bearbeiter gewechselt zu haben, da Schiller am 21. Juli meldet,
er werde nun sein »Glück an den Kranichen versuchen«.
Am 17. August schreibt Schiller: »Endlich erhalten
Sie den Ibykus. Möchten Sie damit zufrieden sein.« Am
22. August bereits antwortet Goethe: »Die Kraniche
finde ich sehr gut geraten« – doch nach solchem Pauschal-Lob
steigt er tief in die Detailkritik: »Nun auch
einige Bemerkungen: die Kraniche sollten, als Zugvögel, ein ganzer
Schwarm sein, die sowohl über den Ibykus als über das Theater
wegfliegen, sie kommen als Naturphänomen und stellen sich so neben
die Sonne und andere regelmäßige Erscheinungen. Auch wird das
Wunderbare dadurch weggenommen, indem es nicht eben dieselben zu sein brauchen,
es ist vielleicht nur eine Abteilung des großen wandernden Heeres,
und das Zufällige macht eigentlich, wie mich dünkt, das Ahndungsvolle
und Sonderbare in der Geschichte.«
Tags darauf fügt Goethe hinzu: »Ich
wünschte, da Ihnen die Mitte so gelungen ist, daß Sie auch noch
an die Exposition mehrere Verse wendeten, da das Gedicht ohnehin nicht
lang ist. Meo voto würden die Kraniche schon von dem wandernden Ibykus
erblickt, sich, als Reisenden, verglich er mit den Vögeln, sich, als
Gast, mit den Gästen, zöge daraus eine gute Vorbedeutung, und
rief alsdann unter den Händen der Mörder die schon bekannten
Kraniche, seine Reisegefährten, als Zeugen an…«
Bereits am 30. August bedankt sich der ornithologisch unerfahrene Schiller
für die nützlichen Tipps (»mir sind
Kraniche nur aus Gleichnissen bekannt«), und das Ergebnis
weist ihn als ebenso lernfähigen wie verbesserungsbereiten Dichter
aus:
Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
die
auf Korinthus’ Landesenge
der
Griechen Stämme froh vereint,
zog
Ibykus, der Götterfreund.
Ihm
schenkte des Gesanges Gabe,
der
Lieder süßen Mund Apoll;
so
wandert er an leichtem Stabe
nach
Rhegium, des Gottes voll.
Schon
winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth
des Wandrers Blicken,
und
in Poseidons Fichtenhain
tritt
er mit frommem Schauder ein.
Nichts
regt sich um ihn her; nur Schwärme
von
Kranichen begleiten ihn,
die
fernhin nach des Südens Wärme
in
graulichtem Geschwader ziehn.
Schiller hat alle Anregungen aufgegriffen, und nach der ausgefeilten
Exposition kann die Ballade Fahrt aufnehmen. Zwei Mörder stellen sich
dem Sänger in den Weg:
Und schwer getroffen sinkt er nieder,
da
rauscht der Kraniche Gefieder.
Er
hört, schon kann er nicht mehr sehn,
die
nahen Stimmen furchtbar krähn.
„Von
euch, ihr Kraniche dort oben,
wenn
keine andre Stimme spricht,
sei
meines Mordes Klag’ erhoben!“
Er
ruft es, und sein Auge bricht.
Lassen wir die Frage unberücksichtigt, ob Kraniche »furchtbar
krähen« – die Vogelbücher sprechen übereinstimmend
von »trompetenden Rufen« –, überspringen wir den Beginn
der Festspiele, den Auftritt des Chors der Eumeniden und deren Verfluchung
des bisher noch unentdeckten Mörders, werden wir Zeuge, wie er sich
selbst verrät:
Da hört man auf den höchsten Stufen
Da hört man auf den höchsten Stufen
auf einmal eine Stimme rufen:
„Sieh da, sieh da, Timotheus,
die Kraniche des Ibykus!“
Und finster plötzlich wird der Himmel,
und über dem Theater hin
sieht man in schwärzlichem Gewimmel
ein Kranichheer vorüberziehn.
Wegen dieses unbedachten Ausrufs schöpfen die Umstehenden Verdacht,
die beiden Mörder ereilt die Strafe in der letzten Strophe, wobei
der Dichter sich einer Ökonomie befleißigt, die er selber am
besten zu begründen weiß: »Die wirkliche
Entdeckung der Tat, als Folge jenes Schreies, wollte ich mit Fleiß
nicht umständlicher darstellen, denn sobald nur der Weg zur Auffindung
des Mörders geöffnet ist, (und das leistet der Ausruf, nebst
dem darauf folgenden verlegenen Schrecken), so ist die Ballade aus, das
andere ist nichts mehr für den Poeten.«
[Robert Gernhardt, in: DIE ZEIT 2/05, 04.01.2005] |