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Ilse Aichinger
Spiegelgeschichte
1 Vorbemerkung
„Diese Erzählung, an der sie eineinhalb Jahre gearbeitet hatte,
sollte Ilse Aichinger berühmt machen.” (Reichensperger, S. 88) Im
Mai 1952 las die Autorin die Spiegelgeschichte bei der Tagung der Gruppe
47 in Niendorf an der Ostsee und wurde dafür mit dem Preis der Gruppe
ausgezeichnet.
„Die Veristen, handwerklich - gute Erzähler, lasen aus ihren Romanen.
Dann plötzlich geschah es. Ein Mann namens Paul Celan (niemand hatte
den Namen vorher gehört, begann, singend und sehr weltentrückt,
seine Gedichte zu sprechen; Ingeborg Bachmann, eine Debutantin, die aus
Klagenfurt kam, flüsterte, stockend und heiser, einige Verse; Ilse
Aichinger, brachte, wienerisch - leise, die Spiegelgeschichte zum Vortrag.
Damals, sieben Jahre nach dem Ende des Krieges, entfaltete sich, einsetzend
schon mit Nossacks Untergang (1943), die junge deutsche Literatur der Moderne
...“ (Walter Jens)
2 Was wird erzählt
Erzählt wird die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die an einer
Abtreibung stirbt, kein origineller, eher ein trivialer Stoff.
Die Stationen dieses kurzen Lebens
werden mehr angedeutet als ausgemalt:
• Geburt und Kindheit,
• früher Tod der Mutter,
• Aufwachsen mit jüngeren Brüdern,
• Schulzeit,
• Bekanntschaft mit einem jungen Mann,
• Liebe und Schwangerschaft,
• eine verpfuschte Abtreibung,
• ein qualvolles Krankenlager,
• Tod im Spital und Begräbnis.
Die Figuren der Geschichte bleiben
ohne Namen, sind mehr Rollen als Personen: die Brüder, der Vater,
die Alte, der Vikar; selbst der Geliebte wird nur durch die Mütze
und die verlegene Geste, mit der er sie dreht, bestimmt (als Person und
in seiner sozialen Rolle!); den Namen der jungen Frau erfahren wir nicht.
Die Zeit der Handlung: eine diffuse
Gegenwart, ohne historische Markierungspunkte, eine vage Datierung ins
20. Jahrhundert lässt sich festmachen nur an der Szenerie eines Industriehafens
mit Schiffssirenen, Kranen und Kailagern.
Ähnlich vage ist die Topographie:
die Kindheit an einem Fluss mit weißen Schindeldächern, das
Treffen des Paares in dem verrufenen Haus am Meeresstrand, der Gang zur
Engelmacherin in der Hafengasse.
Offensichtlich geht es der Autorin nicht um eine „sozialkritische Komponente”,
auch nicht um eine realistische Schilderung im Sinne einer Motivierung
der einzelnen Ereignisse. Statt deren Abfolge aus dem Milieu oder der Figurenpsychologie
zu erklären, liefert sie nur „Fakten [...] und die alltäglich
- zwanghafte Ordnung dieser Fakten in der Zeit”. Gerade dadurch, dass keine
Begründungen gegeben werden, scheinen die Ereignisse unausweichlich.
Und doch setzt Aichinger die Ordnung außer Kraft, sie nimmt den Fakten
ihren Alltags- und Zwangscharakter, verfremdet sie in einer Spiegelung.
3 Wie wird erzählt
Erzählt wird im Rückwärtsgang
- aber nicht einfach so, als ob ein Film zurückgespult würde.
Genaue Lektüre zeigt, dass die Spiegelung nicht mit der Eingangssituation
- im Krankenhaus entsetzt. Zunächst wird in der korrekten Chronologie
- die als nächstes zu erwartende Situation, das Begräbnis, antizipiert,
erst dann beginnt die Uhr in umgekehrter Reihenfolge zurückzulaufen.
Dass diese Umkehrung mehr als ein Erzähltrick ist, zeigt sich daran,
dass sie immer wieder kommentiert, begründet, gerechtfertigt wird:
als die einzig richtige Richtung. Der Vikar hat dem leidtragenden jungen
Mann gratuliert, statt ihm zu kondolieren - deshalb wird die Tote wieder
heimgeschickt; die alte Frau soll das Kind wieder lebendig machen; der
unerträgliche Schmerz soll aufhören; die Aufgabe, den Brüdern
die Mutter zu ersetzen, ist zu schwer - deshalb gibt es keine andere Lösung
als den Weg zurück.
Zentrale Chiffre für diese Revision ist der (blinde) Spiegel
im Haus der Alten. Es gibt weitere, nicht voll ausdeutbare Chiffren: der
grüne Himmel für die Hoffnung, die gelben Narzissen (als Totenblumen?
- sie sind in die Grabkränze gewunden, stehen an den Fenstern der
Straße durch die der Leichenzug geht, und am Kamin der Engelmacherin),
die Kinder (stellvertretend für das eine Kind, das nicht leben sollte?),
die heulenden Schiffe.
4 Wer spricht?
Erzählt wird nicht im epischen Präteritum, nicht in der 3.
Person Singular, sondern in einem futurischen Präsens, in der 2. Person
Singular, in einem Appellgestus:
„Wenn einer dein Bett aus dem Saal schiebt, wenn du siehst, dass der
Himmel grün wird, und wenn du dem Vikar die Leichenrede ersparen willst,
so ist es Zeit für dich, aufzustehen, leise, wie Kinder aufstehen,
wenn am Morgen Licht durch die Laden schimmert, heimlich, dass es die Schwester
nicht sieht — und schnell!” (539)
Das lässt sich deuten als Monolog einer
Sterbenden („Form einer Selbstanrede”, als ein „gespiegeltes”,
reflektiertes Ich. Oder spricht hier eine fremde
Stimme aus dem Off, die Partei für die junge Frau ergreift,
die Gerechtigkeit wieder herstellt durch eine Revision? (Gisela Lindemann
scheint den Text als eine Art Grabrede auf eine Verstorbene zu interpretieren,
vgl. Lindemann, S.76. )
Gegenläufig zu dieser Rede drängt immer wieder die Wirklichkeit
des Todeskampfes herein, viermal wird die Stimme unterbrochen durch andere
Stimmen, die wohl den Pflegerinnen im Krankenhaus gehören sollen.
„ ‚Die Fieberträume lassen nach’, sagte eine Stimme hinter dir, ,der
Todeskampf beginnt.‘ " (542)
Aber alle diese Einwürfe werden abgewehrt: „Ach die! Was wissen
die?” (542) - und sie dürfen auch nicht das letzte Wort behalten:
„Es ist zu Ende - sagen die hinter dir, „sie ist tot!’ Still! Lass sie
reden!” (549)
5 Was ist der künstlerische Sinn des Verfahrens?
Erzählt wird gegen die Erfahrungen des Lesers, die er mit der
Literatur gemacht hat. Der Kunstgriff der Autorin gibt dem allzu bekannten
Stoff eine neue Spannung: Denn was ist der künstlerische Sinn des
Verfahrens? Es bricht die dem Stoff vielleicht innewohnende Sentimentalität.
Es macht das alltägliche Leben so fremd und unvertraut wie möglich.
(Jaussi, S. 192)
Erzählt wird gegen die Erfahrungen des Lesers, die er mit der
Wirklichkeit gemacht hat. Die Naturgesetze werden außer Kraft gesetzt,
das Leben führt vom Tode zur Geburt, Einwände gelten nicht: „[...]
der Widersinn erweist sich als Sinn - was gemeinhin als Tod, Sterben verstanden
wird, ist hier nicht akzeptiert” (Schafroth, S.5).
Erzählt wird bis an die Grenze möglicher Erfahrung „Still!
Laß sie reden!” - Ist das ein Rückzug ins Unbenennbare, von
dem „die” nichts „wissen” und nichts „reden” können? Aber vielleicht
ist „Rückzug" auch ein falsches, ein „schlechtes Wort"? Was wissen
wir?
[Bearbeitet nach: Schule machen im Saarland.
Lehrplan Leistungskurs Deutsch, Jahresprogramm 2000 / 2001. Gymnasium.
Gesamtschule. Jahrganssstufe 13 Saarland, Saarbrücken 1999] |