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Ilse Aichinger

Schlechte Wörter
 
 
 
 
 
 

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Ilse Aichingers
Schlechte Wörter

 
 
 
Ilse Aichinger

SCHLECHTE WÖRTER

Texte von Ilse Aichinger, erschienen 1976.
Die im Band Schlechte Wörter enthaltenen Texte Ilse Aichingers unterscheiden sich grundlegend von der früheren Schreibweise der Autorin (vgl. Die größere Hoffnung; Meine Sprache und ich). 
Im Titel - Essay Schlechte Wörter entwickelt Ilse Aichinger einen programmatischen poetologischen Ansatz, der den ästhetischen Anspruch und das Wahrheitspostulat der Dichtung radikal in Frage stellt: „Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr. ›Der Regen, der gegen die Fenster stürzt.‹ Früher wäre mir da etwas ganz anderes eingefallen. Damit ist es jetzt genug.“ An die Stelle des in der abendländischen Tradition verankerten Kohärenzprinzips tritt ein Experimentieren mit Wortfragmenten, deren Auswahl und Gruppierung willkürlich erscheint: „Niemand kann von mir verlangen, dass ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind.“ Gerade aus dieser provokanten Negation leitet sich jedoch ein engagierter Anspruch des Schreibens ab: Aufgabe des Schriftstellers ist es, „Ausfälle“ zu produzieren, subversive Sprachkritik zu üben. Die Texte des Bandes, der sich in drei Teile gliedert, legen davon ein beredtes Zeugnis ab. 
In der ersten Gruppe finden sich Erzählungen, die, ausgehend von losgelösten Namen und Begriffen, Assoziationsgeflechte herstellen, die auf nichts als sich selbst verweisen. Indem die Sprache hier buchstäblich beim Wort genommen wird, öffnet sich der Blick auf Abseitiges, Unsinniges, Verschwiegenes, Ungewöhnliches. Dass die Verfremdung der Sprache zugleich eine eigentlich wahre Dimension aus sich entbindet, zeigen Assoziationstexte wie Dover; Privas; Albany, in denen eine unverstellte Sprache des Wahnsinns geradezu programmatisch ins Recht gesetzt wird.
Eine zweite Gruppe bilden die von Ilse Aichinger selbst so bezeichneten Prosagedichte, die sich um visionäre Figuren (Hemlin; Galy Sad; L. bis Muzot) und Ereignisbilder (Surrender; Bergung) entspinnen. Die Tendenz zum fragmentarischen und unzusammenhängenden Sprechen zeigt sich in diesen Texten in äußerster Verknappung: Die einzelnen Prosagedichte erscheinen durch die Strophenform wie zerstückelt; die jeweils neu ansetzende, abrupte Rede treibt die Sprache in eine fundamentale Indifferenz, die auf die Leere „zwischen den Zeilen“ verweist:
Auf einen solchen Zielpunkt der Leere und des „Zwischenraums“ richtet sich das Hörspiel Gare Maritime, das im dritten Teil den Band beschließt. Die Atemlosigkeit, die insgesamt den Band Schlechte Wörter durchzieht (H. F. Schafroth), wird hier auf die Spitze getrieben und – umgewendet im buchstäblichen Sinn – zum Programm erhoben: 
Joe und Joan, zwei heimatlose, gejagte Randexistenzen, deren materielle Gestalt im Text unfasslich bleibt, erklären das Aussetzen des Atems zur Bedingung des Überlebens.
Am Ende, nachdem beide von einem Museumswärter in Stücke zerrissen werden, artikuliert sich im äußersten Rand des Todes und des Verstummens eine Hoffnung: 

 „Joan: Und kommen wir voran / Joe: Es näßt mich Zwischen deinen Rippen hindurch tränt es auf meinen Doch doch Joan Ich glaube wir kommen voran“
Die Kompromisslosigkeit und Schärfe, die in einer solchen Poetologie der Zerstörung am Werk ist, kennt in der zeitgenössischen Dichtung wohl kaum ihresgleichen.
[Bearfbeitet nach Kindlers neues Literaturlexikon CD-ROM 1999 Systhema Verlag GmbH]

 
 
 
 
 
 
 

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