Fachbereich Deutsch
 
Prosa
Außerhalb der Frames 
mit "Reload" neues Menu laden!

Ilse Aichinger

Spiegelgeschichte
 
 
 
 
 
 

.
 
 
 
 

.
 

 

 
 
Ilse Aichingers
Spiegelgeschichte

 
 
 
 
 
 
 
 
Sich selbst misstrauen
Ilse Aichinger erhielt den Preis für Toleranz in Denken und Handeln

Im Rahmen der Wiener Buchwoche wurde der Schriftstellerin Ilse Aichinger der Preis für Toleranz in Denken und Handeln verliehen. Die Laudatio auf die Dichterin hielt Standard-Redakteur Günter Traxler, der bemerkte: Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass Ilse Aichinger einen der großen Romane der österreichischen Literatur geschrieben und ihn "Die größere Hoffnung" genannt hat: Die größere Hoffnung – nicht die große. Die ist noch immer uneingelöst, und sie wird es bleiben, solange wir nicht jene kritische Masse an Misstrauen gegen uns selbst aufbringen, die Toleranz erzeugt. Der Aufgabe, dieses Misstrauen produktiv zu machen, hat sich Ilse Aichinger mit ihrem Schreiben gewidmet. Endlich wurde sie auch dafür geehrt.
Ilse Aichinger und ihre Zwillingsschwester Helga wurden 1921 in Wien als Töchter einer jüdischen Ärztin und eines "arischen" Lehrers geboren. Nach der Scheidung der Eltern wuchs Aichinger bei ihrer Mutter auf, die 1938 – nach der Annexion Österreichs – Praxis, Wohnung und ihre Stelle als städtische Ärztin verlor. Die Schwester konnte 1939 mit einem der letzten Transporte nach England fliehen, der Kriegsausbruch verhinderte jedoch die Ausreise der restlichen Familie. Ilse Aichinger blieb zum Schutz der Mutter in Wien – die Mutter einer noch unmündigen "Halbarierin" durfte nicht deportiert werden – und begab sich selbst in Gefahr, als sie diese nach ihrer Volljährigkeit versteckte. Die jüngeren Geschwister der Mutter und die Großmutter wurden 1942 nach Minsk deportiert und ermordet. Keiner von ihnen hat überlebt – in Aichingers Texten taucht dieses traumatische Ereignis immer wieder auf: Großmutter, wo sind deine Lippen hin, um die Gräser zu schmecken.
Aichinger und ihre Mutter bezogen ein Zimmer in unmittelbarer Nähe des Wiener Gestapo-Hauptquartiers. Sowohl Mutter als auch Tochter wurden im Zweiten Weltkrieg dienstverpflichtet. Nach Abschluss des Gymnasiums bekam Aichinger als Halbjüdin bis 1945 keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende begann sie ein Medizinstudium, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten und einzigen Roman Die größere Hoffnung (1948) zu beenden – eine autobiografische Geschichte von einem Mädchen, das die Verfolgung der Juden und den Krieg erlebt. 
Am 1. September 1945 veröffentlichte die 24jährige im Wiener Kurier einen kleinen Text über den jüdischen Friedhof: "Das vierte Tor". Es ist der erste Text in der österreichischen Literatur, der vom Konzentrationslager spricht – im Zusammenhang mit den auf dem Friedhof spielenden jüdischen Kindern: 
,Warum geht ihr nicht in den Stadtpark?‘ - ,In den Stadtpark dürfen wir nicht hinein, nicht einmal außen herum dürfen wir gehen!‘ - ,Und wenn ihr doch geht?‘ - ,Konzentrationslager‘ sagt ein kleiner Knabe ernst und gelassen und wirft seinen Ball in den strahlenden Himmel.
Aufsehen erregte Aichinger mit ihrem Essay Aufruf zum Misstrauen, in dem sie dazu aufruft: uns selbst [zu] misstrauen. Der Klarheit unserer Absichten, der Tiefe unserer Gedanken, der Güte unserer Taten! Unserer eigenen Wahrhaftigkeit müssen wir misstrauen!". 
1949/50 arbeitete sie als Verlagslektorin, ab 1951 stand sie in Verbindung mit der Gruppe 47, wo ihre "Spiegelgeschichte" 1952 mit dem jährlich vergebenen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann, den Schriftsteller Günter Eich, kennen, mit dem sie zwei Kinder bekam.
Nach Veröffentlichungen von Erzählungen, Hörspielen, Kurzprosa, Szenen, Dialogen und Gedichten erschien zuletzt 2001 die Autobiografie "Film und Verhängnis – Blitzlichter auf ein Leben". Film und Biografie verknüpfen sich für Ilse Aichinger zu einem komplexen Geflecht, ergänzen oder kontrapunktieren einander. Bei Kriegsausbruch 1939 war die 18jährige Ilse Aichinger im Kino, bei Kriegsende übermittelte ihr eine Kinokassiererin eine Nachricht über deportierte und ermordete Verwandte: Film und Verhängnis – seither denkt Ilse Aichinger auch selbst filmisch über Leben, Treue und Verrat nach. 
Trotz zahlreicher Auszeichnungen und Würdigungen gelten Aichingers Texte bis heute als schwierig und hermetisch. Ihr Werk ist von Sprachskepsis und Vorbehalten gegenüber normativer Realitäts- und individueller Wirklichkeitserfahrung geprägt. Ihre Sprache ist von den Erfahrungen der Verfolgung durchdrungen. Sie fordert ihre LeserInnen mit Beharrlichkeit dazu auf, Grenzen stets zu hinterfragen und nach neuen und dauerhaften Wegen für ein verständnisvolles Miteinander zu suchen. In Aichingers schmalem Werk nehmen Hörspiele und dialogische Szenen einen wichtigen Platz ein. Dialoge, die aus anscheinend einfachen Erzählsituaitonen entstehen, machen in ihrem Verlauf die Brüchigkeit der erzählten Realität deutlich und entwickeln eine alptraumhafte, kafkaeske Logik. In ihrer Verweigerung, in ihrer Kritik ist Aichinger konsequent, sie schafft eine eigene Wirklichkeit, die alles auf den Kopf stellt und dabei klarer sieht als jeder Realismus. Mit ihren verdichteten Texten der letzten Jahrzehnte ist sie zu einer bedeutenden Leitfigur der jüngeren und der jüngsten AutorInnengeneration geworden. 
Petra Springer 
[Aus: http://www.neuewelt.at/archiv/A-2002-12_01.html // 25.07.2004; 21:54 Uhr
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

X-Stat.de-Service