1.
Gedanklicher Aufbau
Innere Gliederung in
zwei Sinneinheiten (1-14; 15-22), sowohl syntaktisch als auch durch den
Wechsel der Perspektive ("Wir", "Volk") erschließbar.
- Einleitend (1-4) wird die Änderung der Frühlingssituation
thematisiert:
In der Vergangenheit, bevor "wir" die Natur bedenkenlos
ausgebeutet und der Technik unterworfen hatten, gab es "in jedem Jahr/die
Zeit der [...] grünenden Bäume.
- Die beiden folgenden Sinnabschnitte (5-9; 10-14)
verdeutlichen an Beispielen, wie "wir alle" selbst (eigene Erinnerung/5-9)
und wie andere Menschen ("lesen wir in Büchern"/10-14) früher
den Frühling sinnlich erlebt und gefeiert haben. Uns, dem "Volk" in
der technischen Zivilisation, ist dies sinnliche Erlebnis nicht mehr möglich.
- Zwei mittelbare Weisen der Frühlingswahrnehmung,
der durch Technik verstellt, aber auch durch Technik erfahrbar ist, werden
im letzten Sinnabschnitt (15 - 22) genannt: "sitzend in Eisenbahnen", durch
"Unsere Antennen" fällt dem "Volk das Frühjahr auf" in den Ebenen;
elementare Naturgewalten ("Stürme" "in großer Höhe") gehen
in der täglichen Informationsflut von Rundfuk- und Fernsehnachrichten,
im "Antennen" - "Dickicht der Städte" unter, berühren nicht mehr
das sinnliche Erleben "des Volkes".
2. Formale und sprachlich
stilistische Gestaltungsmittel in ihrer Aussagenfunktion
- Zweiundzwanzig reimlose Verse von unterschiedlicher
Länge bilden das Gedicht ohne strophische Gliederung. Der vierte Vers
unterstützt durch seine ausufernde Länge die "unaufhaltsam" und
kraftvoll sich entfaltende Frühlingsnatur.
Dem gegenüber betonen die folgenden kurzen Verse
(5,6,7,8,) die bruchstückhaften, fragmentarischen Erinnerungen an
vergangene Frühlingstage.
- Häufung von Enjambements, wiederholt fehlende
Zeichensetzung und Inversionen (2,10,12-14,15f.) kennzeichnen seinen Stil.
- Alliterationen (1,3,7,16) dienen der Aussageverstärkung
und erinnern an archaisches Sprechen.
- Die Bildlichkeit traditioneller Lyrik ist nicht
mehr vorhanden und selbst dort, wo Vergangenes festgehalten wird, ist die
Anschaulichkeit durch die Indirektheit der Komparativ - Wendungen (6f.)
und Abstraktion (8) gestört.
- Nach dem inhaltlichen Einschnitt (14/15) verstärkt
sich die Tendenz zur Distanzierung.
* Die Syntax wird kurzatmiger,
* der Stil noch prosaischer: das Frühjahr
"fällt auf"(16), "Stürme [...] gehen".
3. Interpretamente
3.1 Formal und sprachlich
- stilistisch
- Obwohl das Gedicht weder einen strophischen Aufbau noch
Reimbindung oder ein bestimmtes Metrum aufweist, zeugt es vom gesamten
Sprachduktus her von einem eher distanzierten, rational- expositorischen
Sprechen (Aussagesätze).
- Die semantische Ebene unterstützt diese Tendenz:
Die entsprechenden Wörter und Syntagmen bei Brecht zeigen diesw an:
"berühmte Schwärme der Vögel", "Frühjahr"
(2x), "Jahreszeit", "große Höhe", "Ebenen", "grünende Bäume","Luft",
"Stürme".
Bei Brecht erscheint durch die semantische Kodierung das
unmittelbare Erleben der Natur ("Frühling", "Frühjahr") verstellt.
Lediglich in der Erinnerung kann es aufgerufen und nur aus zweiter Hand
("Bücher", "Antennen") nachvollzogen werden.
Das individuelle Erlebnis des lyrischen Ich erscheint
zudem bei Brecht kollektiviert ("Wir", "das Volk" mit möglicherweise
pejorativer Bedeutung) und wird so im unförmigen Kollektiv verwässert.
Die Sprache unmittelbaren Erlebens wird verdrängt durch Ausdrücke
sachlicher, rational expositorischer Betrachtungsweise und angereichert
mit Versatzstücken der (gewaltanwendenden) technischen Zivilisation:
"Erdöl", "Eisen", Ammoniak", "Eisenbahnen", "Antennen".
3.2 Inhaltlich - gehaltlich
(Schlussfolgerungen)
- Die Wahrnehmung der Natur geschieht indirekt
und kollektiv ("wir", "das Volk"), eine zeitliche (Erinnerung und Lektüre)
eine räumliche ("in Eisenbahnen", "In großer Höhe") und
eine mediale ("Eisenbahnen", "Antennen") Distanz liegt zwischen Mensch
und Natur.
- Die Betrachter bleiben untätig ("sitzend")
in Eisenbahnen, sie bewegen sich in der Ferne an der Natur vorbei, haben
sich durch Technisierung der Natur selbst entfremdet.
[Vgl. auch: Eichendorff: "Vöglein,
in den sonn'gen Tagen."] |