Bertolt Brecht
An die Nachgeborenen  
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn 
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende 
Hat die furchtbare Nachricht 
Nur noch nicht empfangen. 

Was sind das für Zeiten, wo 
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist 
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! 
Der dort ruhig über die Straße geht 
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde 
Die in Not sind? 

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Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt 
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts 
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. 
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.) 

Man sagt mir: Iß und trink du! Sei froh, daß du hast! 
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn 
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und 
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? 
Und doch esse und trinke ich. 

Ich wäre gerne auch weise. 
In den alten Büchern steht, was weise ist: 
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit 
Ohne Furcht verbringen 
Auch ohne Gewalt auskommen 
Böses mit Gutem vergelten 
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen 
Gilt für weise. 
Alles das kann ich nicht: 
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 

[...]  
Bertolt Brecht: 
[Aus: K.O. Conrady: Das große deutsche Gedichtbuch. Athenäum 1978]

Vorsicht  
            Die Kastanien blühen.  
            Ich nehme es zur Kenntnis,  
            äußere mich aber nicht dazu.  

                                  Günter Eich

Ein Blatt, baumlos  
für Bertolt Brecht  

            Was sind das für Zeiten,  
            wo ein Gespräch  
            beinah ein Verbrechen ist,  
            weil es soviel Gesagtes  
            mit einschließt?  

                                  Paul Celan


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