Bertolt Brecht
Der verwundete Sokrates

Sokrates im Kampf bei Delion

Die Erzählung „Der verwundete Sokrates" schrieb Brecht im Jahre 1939 unter dem Eindruck des unmittelbar bevorstehenden Zweiten Weltkrieges. Sie wurde 1948 zum ersten Mal in Buchform im Rahmen der "Kalendergeschichten" veröffentlicht.
Die stoffliche Anregung erhielt Brecht von Georg Kaisers (1878 - 1945) dreiteiligem Stück „Der gerettete Alkibiades" (1920). Kaisers Stück geht wiederum auf eine Episode im Kapitel XXXVI des „Symposions" von Plato zurück, worin Alkibiades die Heldentaten des Sokrates im Kriege, vor allem in der Schlacht bei Delion im Jahre 424 v.Chr., herausstellt.

Darstellung von Krieg und Soldaten

In traditionellen Geschichtsbüchern, im allgemeinen Bewusstsein:
Bei Brecht: Darstellung des Sokrates 
Krieg: 
Sache der Ehre, des Ruhmes ...
Soldaten
„Marschieren“ in den Krieg, „ziehen in den Kampf“ (kämpfen), ... „ins Feld“. „... ins Gefecht“ (fechten), singen Marschlieder als Zeichen der Kampfbereitschaft

Requisiten
Uniform, Trompete, Fahne,
 
 
 

Haltung: 
Heldenhaftigkeit, Opferbereitschaft, 
Kampf fürs Vaterland, Mut und Tapferkeit vor dem Feind
 
 
 
 
 
 
 

Ergebnis:
Werden verwundet, sterben den Heldentod, ... auf dem Feld der Ehre, erhalten ein Ehrenmal, ein Denkmal (Denk - mal [nach] )

Krieg
Eine Sache des Geschäftes für die Waffenhändler (Weinhändler ...): zu kleine Schilde, schlechte Sandalen
Soldaten
Sokrates bei den armen Leute aus den Vorstädten, sie „trotten“ ins Stoppelfeld, Sokrates vertraut auf die Zwiebeln, ist also verzagt, es wird zugehauen, geschlachtet (Schlacht, Schlacht - Messer)
Requisiten:
Schilde (zu klein), Sandalen (schlecht), Schlacht - Messer
Haltung: Zaghaftigkeit, Kritik am Kriegswesen, Zimperlichkeit (Dorn im Fuß, der Philosoph auf dem Hintern im Stoppelfeld), Feigheit vor dem Feind (verhinderte Flucht), 
Sokrates:
- Sokrates ergreift beim ersten Anzeichen dafür, dass die 
  Feinde in der Nähe sind, die Flucht (77). 
 - Er hat Angst und läuft "keuchend" davon (77) 
 - Um sich Mut zu machen, isst er Zwiebeln 
 - Mit dem Dorn im Fuß muss er sich niedersetzen: "Der 
   Philosoph auf dem Hintern". (78) 
 - Selbstentfremdung des Sokrates: "Er hörte sich brüllen."(79) 
   "gleichzeitig sah er sich, wie er das Schwert fasste." (79) 
 - Stellung seiner Frau Xantippe gegenüber, Hilflosigkeit, 
    Eitelkeit (80/81) 
Ergebnis
Werden geschlachtet, sollen geehrt werden (Sokrates müsste zum Podest humpeln), Denkmal = Denk - mal - (nach)!
Terminologie des Nationalismus, der Verschleierung, der Phraseologie
Entschleierung der Worthülsen, der Ideologie, der Kriegspropaganda


Methode: Aufspaltung und Zusammenfassung der wörtlichen und übertragenen Bedeutung eines Wortes:
Krieg: = "blutiges Geschäft" (75)
==>> Leiden und Tun der unteren Soldaten und die Geldverdienerei der oberen Geschäftsleute sind in diesem Ausdruck vereint und zugleich in scharfen Gegensatz zueinander gesetzt.
Sokrates' Waffe = Schlachtmesser(77)
==>> Waffe, die der Soldat im Krieg in der Schlacht benutzt, womit er aber gleichzeitig Menschen schlachtet, also der Kampf als Schlächterei entlarvt wird.
==>> V - Effekt

Vgl. auch: "Fragen eines lesenden Arbeiters"

Grafik: Die Alexanderschlacht
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