Erschließender Kommentar zu
Bertolt Brecht:
Der Schneider von Ulm
4. Die Geringschätzung und 
Missachtung des Bischofs 
zeigt sich in seiner Gleich-
gültigkeit, aber auch in 
seinem Sprechen: Nicht 
zum Schnieder, sondern 
zu den Leuten vom Schneider
5. Der Bischof leitet sein 
Weltbild von der Schöp-
fungsordnung her, er hat 
sein dogmatisch festste-
hendes Urteil schon ge-
fällt: Der Schneider ver-
stößt gegen die göttliche 
Weltordnung.
 
 
 

.

Der Schneider von Ulm 
(Ulm 1592) 


„Bischof, ich kann fliegen“,1
Sagte der Schneider zum Bischof. 
„Pass auf, wie ich’s mach’!“ 
Und er stieg mit so ‘nen Dingen, 2
Die aussahn wie Schwingen 
Auf das große, große Kirchendach.3
    Der Bischof ging weiter.4
    „Das sind so lauter Lügen,
    Der Mensch ist kein Vogel,5
    Es wird nie ein Mensch fliegen“
    Sagte der Bischof vom4 Schneider.
1 In unmittelbarer Freude, 
Begeisterung 
und stolz wen-
det sich der Schneider an den 
sozial Höhergestellten
3 Höchste Absprungbasis in 
der Stadt, zugleich aber auch 
repräsentativ für die Kirche 
als Repräsentant der ständi-
schen sozialen Ordnung (s. 
Modell)
2 Die Hilflosigkeit des 
Schneidersmit seinem unan-
gemessenen Flugapparat 
kommt in der sprachlichen 
Wendung zum Ausdruck. 
Desgleichen weisen die Ele-
mente der Umgangssprache 
auf seine niedere soziale 
Stellung dem Bischof gegen-
über hin.
7 Der Schneider ist an 
die harte Realität der in der 
Kirche repräsentierten 
sozialen Ordnungshierar-
chie gestoßen und dabei 
zugrunde gegangen.
8 Für den Bischof ist die 
Sache dogmatisch abge-
schlossen, er belehrt die 
Leute über die apodiktisch 
feststehende Schöpfungs-
ordnung.
„Der Schneider ist verschieden“,
Sagten die Leute dem Bischof. 
„Es war eine Hatz.
Seine Flügel sind zerspellet 
Und er lag zerschellet 
Auf dem harten, harten Kirchenplatz.“ 7
    „Die Glocken sollen läuten, 
    Es waren nichts als Lügen, 
    Der Mensch ist kein Vogel, 
    Es wird nie ein Mensch fliegen“
    Sagte der Bischof den Leuten.8
6 Das Werk und der Tod 
des Schneiders sind für die 
Schaulustigen nichts als Un-
terhaltung und Spaß, obwohl 
er mit seinem Höhenflug ein 
Zeichen sozialen Aufbruchs 
sein könnte.
 
 
 

.

Wird in gleicher Weise 
wie die mittelalterliche, 
hierarchische soziale Ord-
nung auch die kapitalisti-
sche durch eine neue so-
zialistische abgelöst wer-
den? Wie der Bischof von 
den Nachfolgern des 
Schneiders von Ulm ins 
Unrecht gesetzt wurde, 
werden auch die kapitali-
stischen Gesellschaftshü-
ter ins Unrecht fallen.
OFFENE ZUKUNFT


(Ulm 1592)
Der wirkliche Flugversuch fand am 30. 
Mai 1811 statt, der Schneider hatte sich mit 
seinen Gehilfen für seinen Flugversuch ein turmarti-
ges Gerüst gebaut und fiel kurz nach dem Start in 
die Wasser der Donau, aus denen er von einem 
Schiffer unverletzt geborgen wurde. Vor dem Hohn 
und der Wut seiner Landsleute rette-te er sich, indem 
er unmittelbar die Flucht er-griff.
Brecht weiß, dass die Ent-
wicklung weiterging, die alte, 
als göttlich und ewig gültig 
angesehene Ordnung also 
überwunden wurde.
Es ist deutlich, wie Brecht 
die Geschichte umdatiert hat
in eine Zeit sozieler Unruhen 
und Kämpfe und wie er die 
Geschichte verändert hat, um 
sein Anliegen, soziale Anta-
gonismen in ihrer Entwicklung, 
aufzuzeigen.

Nutzungshinweis