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Erzählhaltungen im Roman
Er-Roman und auktorialer Roman
Hier steht der Erzähler in der typischen epischen Distanz zum
Erzählten. Er wählt aus, wertet, kommentiert, reflektiert, spricht
den Leser an, mischt sich oft sogar in das Geschehen ein. Wenn Franz Stanzel
diesen Roman als auktorialen Roman bezeichnet, betont er die Erzählhaltung,
die an und für sich für das Epische typisch ist. Trotzdem kann
natürlich auch ein Ich-Roman aus der Distanz und ein Er-Roman ohne
Distanz erzählt werden.
Der Erzähler kann verschiedene Haltungen annehmen. Er kann als
Chronist auftreten, um historische Wahrheit vorzutäuschen, er kann
als Herausgeber objektiv dem Stoff gegenüberstehen, er kann als allwissender
Erzähler, der z. B. mehr weiß, als die handelnden Personen,
souverän darstellen. Er kann seine eigenen Vorstellungen und Kenntnisse
von der Welt, seine politische Haltung, seinen sozialen und moralischen
Standpunkt den erzählenden Personen und Vorgängen gegenüberstellen.
Dann wird in ihm die Person des Autors sichtbar. Aber er bleibt eine eigenständige
Figur, die manchmal weniger weiß, als der Autor, die sogar eine andere
Meinung vertreten kann. Er ist also durch seine engere Bindung an den Autor
eine Art Mittelsmann zwischen der Welt des Romans und dem Verfasser einerseits
und zwischen der Welt des Romans und dem Leser andererseits. Wenn man die
Interpretation bei der Erzählerfigur ansetzt, findet man den Zugang
zum Gehalt des Ganzen und zu den Absichten des Dichters am sichersten!
Zur Mittelrolle des Erzählers dem Leser gegenüber sagt Franz
Stanzel, seine Erörterungen oder Eingriffe steuern die Erwartungen
des Lesers in bestimmter Richtung. „Sie regen seine Erwartung bezüglich
der Geschichte in einer ganz bestimmten Richtung an, lenken sein Interesse,
pflanzen Keime für Zweifel im Hinblick auf das Verhalten eines
Charakters, steigern den Eindruck der einen Szene und dämpfen
den einer anderen. „Zumeist ist die Haltung des Erzählers konservativer
als die der Handelnden, er vertritt Ordnung, moralisches Gesetz, Tradition,
auch die gesellschaftliche Konvention. Diese polare Stellung ermöglicht
es dem Dichter, die ebenfalls polaren Spannungen im Leben des Menschen
(zwischen Ordnung und Chaos, Tradition und Anarchie, Moral und Verirrung)
in ihrer ganzen Breite darzustellen.
Es-Roman und personaler Roman
In diesem Grundtyp ist kein Erzähler vorhanden, es wird ohne Filter
direkt, unmittelbar erzählt, der Leser folgt den Vorgängen und
Charakteren ohne das Medium eines auktorialen Erzählers, er identifiziert
sich mit dem Geschehen ohne Umweg. Das Geschehen wird ohne Kommentar und
scheinbar unreflektiert dargestellt.
Im personalen Roman haben die Figuren sich vom Erzähler und nach
außen hin auch vom Autor freigemacht. Der Dichter hat sich _scheinbar
zurückgezogen, und lässt sie sich verselbständigt und frei
entfalten.
Bedeutsam wurde die Romanform in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
als die Auseinandersetzung mit Bewusstsein und Unterbewusstsein des Menschen
in den Vordergrund rückt und nach einer objektiven und erzählerfreien
Form verlangt. Der personale Roman will Wirklichkeit darstellen, will sie
frei von Gefühlen und Veränderungen durch den Autor und durch
dessen Weltvorstellung reproduzieren. Die Mittelpunktgestalten des Romans
sind jetzt auch keine Helden mehr, es sind Alltagsgestalten, deren Durchschnittlichkeit
mancher Leser zunächst mit Misstrauen gegenübertritt, bis er
sie im Verlauf des Romans verstehen lernt. Der Leser muss selbst urteilen,
mit dem Erzähler verschwindet auch das vorfabrizierte Urteil aus dem
Roman, er muss aus eigenem Bewusstsein entscheiden.
Das führt auch zu formalen Veränderungen. Der Dialog, und
mit ihm die szenischen Gestaltungen, gewinnen Gewicht. Der Leser wird,
ähnlich wie im Drama, in die dargestellte Welt hineinversetzt, ohne
dass ihm ein Erzähler den Weg vertritt und ihn auf Distanz hält.
Er nimmt teil. Das kann durch eine der handelnden Figuren geschehen, die
nicht die Mittelpunktfigur sein muss. Durch ihre Augen sieht er die Szene.
Für die Interpretation ist es wichtig, welche Figuren der Dichter
dem Leser dazu anbietet und was das für die Auffassung der jeweiligen
Szene bedeutet, denn mit einer bestimmten Figur verbindet sich auch eine
bestimmte Sicht der Vorgänge.
Die Betonung der Bewusstseinsvorgänge lässt den personalen
Roman zu einem idealen Mittel moderner Dichtung werden. Stanzel spricht
vom modernen Bewusstseinsroman und nennt James Joyce und sein Werk
Ulysses. Im modernen Bewusstseinsroman weicht die äußere Handlung
mehr und mehr den Bewusstseinsinhalten. Zeitabschnitte werden herausgegriffen,
ganze Spannen übersprungen, es entstehen Momentaufnahmen, die durch
simultane Darstellung von Einrücken, Gedanken, Erinnerungen, Bewusstseinsvorgängen
und Assoziationen und einem eventuell noch vorhandenen Handlungsgerüst
die gewünschte Dichte und Breite an dichterischen Möglichkeiten
erzeugen
.© H. Kerber 1996 | 1998 | 2005
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