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Fachbereich Deutsch
Prosa
Grundkategorien epischen Erzählens
Erzählhaltungen [1]
 
Erzählhaltungen im Roman

Er-Roman und auktorialer Roman
Hier steht der Erzähler in der typischen epischen Distanz zum Erzählten. Er wählt aus, wertet, kommentiert, reflektiert, spricht den Leser an, mischt sich oft sogar in das Geschehen ein. Wenn Franz Stanzel diesen Roman als auktorialen Roman bezeichnet, betont er die Erzählhaltung, die an und für sich für das Epische typisch ist. Trotzdem kann natürlich auch ein Ich-Roman aus der Distanz und ein Er-Roman ohne Distanz erzählt werden.
Der Erzähler kann verschiedene Haltungen annehmen. Er kann als Chronist auftreten, um historische Wahrheit vorzutäuschen, er kann als Herausgeber objektiv dem Stoff gegenüberstehen, er kann als allwissender Erzähler, der z. B. mehr weiß, als die handelnden Personen, souverän darstellen. Er kann seine eigenen Vorstellungen und Kenntnisse von der Welt, seine politische Haltung, seinen sozialen und moralischen Standpunkt den erzählenden Personen und Vorgängen gegenüberstellen. Dann wird in ihm die Person des Autors sichtbar. Aber er bleibt eine eigenständige Figur, die manchmal weniger weiß, als der Autor, die sogar eine andere Meinung vertreten kann. Er ist also durch seine engere Bindung an den Autor eine Art Mittelsmann zwischen der Welt des Romans und dem Verfasser einerseits und zwischen der Welt des Romans und dem Leser andererseits. Wenn man die Interpretation bei der Erzählerfigur ansetzt, findet man den Zugang zum Gehalt des Ganzen und zu den Absichten des Dichters am sichersten!
Zur Mittelrolle des Erzählers dem Leser gegenüber sagt Franz Stanzel, seine Erörterungen oder Eingriffe steuern die Erwartungen des Lesers in bestimmter Richtung. „Sie regen seine Erwartung bezüglich der Geschichte in einer ganz bestimmten Richtung an, lenken sein Interesse, pflanzen Keime für Zweifel im Hinblick auf das Verhalten eines
Charakters, steigern den  Eindruck der einen Szene und dämpfen den einer anderen. „Zumeist ist die Haltung des Erzählers konservativer als die der Handelnden, er vertritt Ordnung, moralisches Gesetz, Tradition, auch die gesellschaftliche Konvention. Diese polare Stellung ermöglicht es dem Dichter, die ebenfalls polaren Spannungen im Leben des Menschen (zwischen Ordnung und Chaos, Tradition und Anarchie, Moral und Verirrung) in ihrer ganzen Breite darzustellen.

Es-Roman und personaler Roman
In diesem Grundtyp ist kein Erzähler vorhanden, es wird ohne Filter direkt, unmittelbar erzählt, der Leser folgt den Vorgängen und Charakteren ohne das Medium eines auktorialen Erzählers, er identifiziert sich mit dem Geschehen ohne Umweg. Das Geschehen wird ohne Kommentar und scheinbar unreflektiert dargestellt.
Im personalen Roman haben die Figuren sich vom Erzähler und nach außen hin auch vom Autor freigemacht. Der Dichter hat sich _scheinbar zurückgezogen, und lässt sie sich verselbständigt und frei entfalten.
Bedeutsam wurde die Romanform in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Auseinandersetzung mit Bewusstsein und Unterbewusstsein des Menschen in den Vordergrund rückt und nach einer objektiven und erzählerfreien Form verlangt. Der personale Roman will Wirklichkeit darstellen, will sie frei von Gefühlen und Veränderungen durch den Autor und durch dessen Weltvorstellung reproduzieren. Die Mittelpunktgestalten des Romans sind jetzt auch keine Helden mehr, es sind Alltagsgestalten, deren Durchschnittlichkeit mancher Leser zunächst mit Misstrauen gegenübertritt, bis er sie im Verlauf des Romans verstehen lernt. Der Leser muss selbst urteilen, mit dem Erzähler verschwindet auch das vorfabrizierte Urteil aus dem Roman, er muss aus eigenem Bewusstsein entscheiden.

Das führt auch zu formalen Veränderungen. Der Dialog, und mit ihm die szenischen Gestaltungen, gewinnen Gewicht. Der Leser wird, ähnlich wie im Drama, in die dargestellte Welt hineinversetzt, ohne dass ihm ein Erzähler den Weg vertritt und ihn auf Distanz hält. Er nimmt teil. Das kann durch eine der handelnden Figuren geschehen, die nicht die Mittelpunktfigur sein muss. Durch ihre Augen sieht er die Szene.

Für die Interpretation ist es wichtig, welche Figuren der Dichter dem Leser dazu anbietet und was das für die Auffassung der jeweiligen Szene bedeutet, denn mit einer bestimmten Figur verbindet sich auch eine bestimmte Sicht der Vorgänge.

Die Betonung der Bewusstseinsvorgänge lässt den personalen Roman zu einem idealen Mittel moderner Dichtung werden. Stanzel spricht vom modernen Bewusstseinsroman und nennt James Joyce und sein Werk Ulysses. Im modernen Bewusstseinsroman weicht die äußere Handlung mehr und mehr den Bewusstseinsinhalten. Zeitabschnitte werden herausgegriffen, ganze Spannen übersprungen, es entstehen Momentaufnahmen, die durch simultane Darstellung von Einrücken, Gedanken, Erinnerungen, Bewusstseinsvorgängen und Assoziationen und einem eventuell noch vorhandenen Handlungsgerüst die gewünschte Dichte und Breite an dichterischen Möglichkeiten erzeugen

.© H. Kerber 1996 | 1998 | 2005


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