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„TRIFFST DU NUR DAS ZAUBERWORT“
Effi Briest an den tauben Hund Rollo
„So hat Mutter mich erzogen: Jeder Mann ist der Richtige. Gutes Aussehen,
gute Stel-lung. Als ich Innstetten zum ersten Mal sah, überfiel mich
ein nervöses Zittern. Als ob mein Körper sich hätte wehren
wollen. Aber ich kannte die Äußerungen meines Körpers nicht.
Ich hatte immer ein wenig Angst, und das hat er wohl auch gewollt. Von
dem Spuk auf dem Kessiner Hausboden will ich gar nicht reden. Das war nicht
recht, und darum hat er auch schuld. Und wenn Crampas mir nicht die Augen
geöffnet hätte, dann wäre ich die Angst nie losgeworden.
Innstetten wollte mich mit Furcht an das Spukhaus binden und mich erziehen.
Aber er war ein Schulmeister und kein Erzieher. In Angst darf man auch
so ein halbes Kind, das ich noch war, nicht halten.
Mach Platz, Rollo! Wir bleiben noch eine Weile sitzen auf der Gartenbank.
Du hast dich immer nach oben gerichtet, Innstetten. Wenn Bismarck pfiff,
war Innstetten zur Stelle. Das kannte ich nicht von Hohen-Cremmen. Mein
Vater hatte bei allem doch et-was Freies, nicht das Beamtische. Er wollte
nicht höher hinaus und musste darum auch kei-ne Angst haben, dass
er stürzen könnte.
Ich bin eine sehnsüchtige Natur. Ich hatte so viel Zeit zum Träumen
und zum Mich-Sehnen, und du hattest dein Tun und sehntest dich nach nichts,
du wolltest alles erreichen. Eigentlich war ich doch erst in der Knospe,
aber von Blumen hast du nichts verstanden und von Frauen auch nicht viel.
Du hast mich nicht zum Blühen gebracht. Ich bin, halb aufge-blüht,
verwelkt. Ich war dein liebes Spielzeug, das hast du selber gesagt, und
so ein Spiel-zeug holt man hervor, zeigt es und legt es zurück in
die Schublade. Ich hatte Alleinsein nicht gelernt zu Hause. Hier in Hohen-Cremmen
hatte ich außer den Eltern noch meine Freundinnen und den Garten
und die Schaukel und die Heckenwege. Bei dir in Kessin gab es nur die paar
Zerstreuungen und das, was du "die stillen Tage" nanntest. Und dann die
A-bende, wenn du die Lampe nahmst und sagtest, ich habe noch zu tun. Wenn
du merktest, dass ich betrübt war, bist du umgekehrt, hast die Lampe
auf den Flügel gestellt und gesagt: Spiel etwas, Effi! Und ich stand
gehorsam auf und spielte etwas ...
Und dann - was du so Zärtlichkeiten nanntest! Jetzt habe
ich vor Augen, wie du abwehrend die Hand hebst und sagst: Aber Effi! Da
musste es dunkel sein, damit ich dein Gesicht nicht sehen sollte, als ob
wir etwas Verbotenes täten. Du bestimmtest, wann es Zeit für
Zärtlich-keiten war, und wenn ich mal die Hand nach dir ausstreckte,
dann gabst du mir einen Kuss auf den Handrücken und legtest meine
Hand auf meine Bettdecke zurück
und ich wußte Bescheid, für heute nichts weiter, meine liebe
Effi! Eigentlich habe ich mich vor deinen Zärtlichkeiten immer gefürchtet,
da war auch Gewalt dabei und auch Pflicht. Du wolltest ein vorbildlicher
Ehemann und Vater sein und nicht nur der Erzeuger unserer kleinen Tochter
Annie. Und deshalb mußte ich ins Bad fahren und Brunnen trinken.
Aber daran lag es nicht. Es war das Planmäßige. Ich war mehr
fürs Heimliche, für die Dünen. Es muß doch auch Leidenschaft
dabei sein, und man muß schwindlig werden, und die Erde muß
sich dre-hen, und es muß sein wie auf der Schaukel, man fliegt, und
der Strick reißt. Ach, Instetten! Wir hätten miteinander reden
sollen. Statt dessen rede ich jetzt mit Rollo. Wenn ich mal was zu dir
sagte, hast du mir aufmerksam zugehört und mir auch zugestimmt, und
am Ende hast du doch wieder gesagt: Am besten, es bleibt alles beim alten.
Der Satz fällt mir immer ein, wenn ich in Gedanken mit dir rede. In
der letzten Zeit rede ich viel mit dir, wenn ich hier in Hohen-Cremmen
bei der Sonnenuhr sitze, und der Hund liegt neben mir und knurrt, wenn
er träumt.
Als Annie mich nach der Scheidung in Berlin zum erstenmal in der Königgrätzerstraße
besu-chen durfte, da hätte ich, so wie ich war, zu dir laufen sollen.
Nicht in die Wohnung! In dein Ministerium! Ich hätte nicht in meinem
Zimmer auf die Knie fallen und beten sollen.. Da war nicht Gott dran, da
warst du dran! Du hattest das Kind abgerichtet wie einen Papagei.
Wenn ich darf? Wenn ich darf? Du konntest mich nicht abweisen lassen, das
hätte Aufsehen er-regt. Du wärst ans Fenster getreten ünd
hättest mir den Rücken zugewandt. Aber angehört hättest
du mich und immer mal die rechte Hand gehoben, was heißen sollte:
Aber Effi!
Meine Angst war größer als mein Zorn. Zorn macht stark,
Angst macht schwach. Ich sank in mich zusammen. Seit damals werde ich immer
schwächer. Berlin war nicht groß genug für uns drei. Ich
wollte dir nicht zufällig begegnen, und ich wollte auch nicht auf
dem Trottoir stehen, wenn du in der Kutsche vorbeifuhrst und die Leute
sagten, das ist der Minister von Instetten, denn Minister wirst du ja wohl
bald werden. Und ich wollte auch nicht Annie auf dem Schulweg auf-lauern,
um sie sehen zu können. Das war dann meine Rettung, als die Eltern
ein Einsehen hatten und mich nach Hohen-Cremmen holten. Als du mich geheiratet
hast, warst du doppelt so alt wie ich, und jetzt bist du noch immer ein
Mann in den besten Jahren. Aber ich bin eine alte junge Frau. Das Kind
wird später das Hohen-Cremmen der Briest erben, oder läßt
du nicht zu, daß Annie ihre verstoßene Mutter beerbt? Doch
was soll sie mit Heckenwegen, einer Schaukel und einer Sonnenuhr? Es ist
viel Zeit vergangen.
Ich klage dich nicht an, Instetten, du bist, wie du bist. Aber klagen
werde ich doch dürfen. Ihr habt mich alle geliebt, weil ich war, wie
ich war und wie ich jetzt nicht mehr bin.Und dich hat man geachtet, weil
du bist, wie du bist. Und was ist denn nun besser, lange Jahre geachtet
oder kurze Zeit geliebt zu werden? Vater würde da wieder sagen, das
ist ein zu weites Feld.. Das weite Feld! Ich wußte nicht, daß
es Mauern und Zäune gibt, über die man nicht hinwegspringen kann.
Hindernisreiten habe ich nicht gelernt.
Jetzt legt er mir wieder seine dicke Pfote aufs Knie. Meinst du, Rollo,
daß wir unseren Spazier-gang machen sollten, damit alles immer so
weitergeht und seine Ordnung hat? Die Wege immer kürzer, die Ruhepausen
länger?
Ja, Instetten! Jemand, der Grundsätze hat, der ist im Vorteil,
und mehr will ich dazu nicht sa-gen. Du hast keine Liebe in dir, und dafür
kannst du nichts und deshalb hast du vielleicht doch keine Schuld. Du'hast
gesagt, Festigkeit wäre nicht meine Spezialität. Du hast immer
nur gesagt, was ich nicht war und was ich nicht hatte. Das ist wie mit
den Zehn Geboten. 'Du sollst nicht!' Aber mir muß man sagen, was
ich soll! Du hattest dich in das halbe Kind, das ich noch war, verliebt,
weil du in jungen Jahren meine Mutter liebtest. Eigentlich hast du doch
meine Mutter gemeint, und die hätte auch besser zu dir gepaßt,
das denkt Vater auch. Alle haben es gewußt, nur ich nicht. Und die
andere Hälfte des halben Kindes wolltest du dir erziehen.
Jetzt müssen wir endlich auch von Crampas reden, Instetten! Crampas
ließ mich so, wie ich war, der wollte nichts, und ich wollte auch
nichts. Man fliegt und verliert den Boden unter den Füßen, man'denkt,
gleich reißt das Seil, und dann reißt es doch nicht, und man
steht wieder auf den Fü-ßen, aber man ist danach nicht mehr
dieselbe. Von Major Crampas hieß es in Kessin, er sei ein Damenmann.
Er nahm die Frauen ernst oder wenigstens doch so ernst wie seinen Dienst
und berhaupt die Welt. Ganz ernst war ihm nichts. Ich habe doch mein Wichtigstes
gesagt! Ich habe mich gewehrt, und er hat mich bedrängt, das ging
so hin.und her. Aber sein Bitten und sein Drän-gen hatte ich gern.
Unsere Pferde gingen dicht und flogen dann neben-einander her. Bei einem
Galopp hat er mir zugerufen: 'Gelegenheit macht Liebe. Erst ließen
wir die Pferde traben, und dann ließen wir die Zügel schleifen,
so würdest du es wohl ausdrücken. Crampas war nicht immer fein
in dem, was er sagte. Und ich glaube, in mir war auch so was, ordinär
will ich's nicht nennen, aber was Sinnliches. Die Untreue hat mich zur
Frau gemacht, nicht die Heirat und nicht die Geburt des Kindes. Es ist
einfach so mit uns durchgegangen. Ich hab ein 'Es. in mir, darüber
konnte ich mit keinem sprechen. Für Ehebruch war es eigentlich doch
zu wenig. Jesus und die Ehebrecherin! Vater hat eine Bibel mit Stahlstichen,
da liegt die Ehebrecherin dem Herrn zu Füßen, und er streckt
die Hand nach ihr aus, um sie aus dem Staub zu heben. Ich habe mir das
Bild noch einmal angesehen, aber es betrifft mich nicht. Vielleicht, weil
alles so anders aussieht als in den Dünen, irgendwie ori-entalisch.
Ja, die Dünen und die See, danach sehne ich mich manchmal, da habe
ich mich am wohlsten gefühlt. Man wurde nicht gesehen und sah auch
nicht viel, aber man hatte doch Aus-blicke und das Rauschen. Es war wie
Versteckspiel mit dem Wind. Er packte einen und ließ einen wieder
los. Jeder hat sö eine Landschaft, in die er gehört. Für
mich waren es die Dünen, das Un-übersichtliche, das Versteckte,
und das ist nicht gut. Zu Vater gehören die Feldwege, auf denen er
hinter der nächsten Bodenerhebung verschwinden kann. Und du 'paßt
nach Berlin, in die geraden Straßen und auf die breiten Treppen,
die zu den Ministerien führen. Und Mutter, wohin paßt sie? Sie
ist auch nicht dahingekommen, wo sie hingehört hätte. Es ist
schwer her-auszufinden, was zu einem paßt, und dann ist es noch schwerer,
hinzukommen und da zu bleiben.
Ich träume wieder meine Tagträume. Bei jener Fahrt, damals,
Silvester, als es übers Eis ging und Gefahr war, als ich mit Crampas
im selben Schlitten saß und du in einem ande-ren, da hast du nachher
gesagt, es wäre dir gewesen, als ob ich mit Crampas untergegan-gen
sei. Da hast du Angst gehabt. Ach, wär ich's nur! Crampas lebte gerne,
aber er hätte auch aufhören können, er hing nicht atn Leben.
Er hing an nichts, er wollte nichts besit-zen. Er zog mich an sich und
ließ mich auch wieder los. Ich hätte ins Wasser gehen sollen,
untreue Frauen müssen ins Wasser gehen, und Wasser war ja auch genug
da. Aber da war das Kind. Und wenn eine Frau Landrat von Instetten ins
Wasser geht, dann wäre alles he-rausgekommen, und am Ende hätte
ich dann doch nur deine Karriere zerstört. So einfach weitergehen,
erst durchs seichte Wasser und dann die Wellen, bis man den Boden verliert,
das kann doch so schlimm nicht sein, und Crampas wäre ja auch mitgekommen,
er hatte so was, mit ihm hätte man untergehen können. Zum Leben
taugte er nicht. Jetzt habe ich keinen mehr, keinen zum Leben und keinen
zum Sterben. Eigentlich habe ich nur noch Rollo. Sei still, Rollo! Es ist
gut. Bleib liegen, die Sonne wärmt uns wohl noch eine Weile.
Aber am Ende war der Sog des Wassers doch nicht stark genug, sonst
säße ich ja nicht hier in hohen Cremmen bei meinen alten Eltern
und machte ihnen Sorgen. 'Tochter der Lüfte' hat Mutter von mir gesagt,
das ist lange her. Ich hätte was von einer Kunstreite-rin. Von Trapez
hat sie auch gesprochen. Immer habt ihr mich angesehen, als wolltet ihr
'Aber Effi sagen. Dabei hattet ihr das Unpassende trotzdem gern.
Instetten hat sein Alter, und ich habe meine Jugend, habe ich gedacht,
und das habe ich auch gegen dich ausgespielt, einen Trumpf, der sticht,
mußte ich doch in der Hand haben. Alles, was vernünftig war,
dafür sorgtest du. Dabei konntest du nichts für dein Alter und
ich nichts für meine Jugend, aber alle taten, als sei es mein Verdienst,
so jung zu sein und schon Landrätin und Mutter eines Kindes.
Alle Schuld rächt sich auf Erden! Das sind so deine Sprüche,
Instetten. Je älter ich wer-de, desto weniger glaube ich an Sprüche.
Die Sonne bringt es an den Tag! Die Sonne war's nicht, da mußte viel
zusammenkommen, lauter Zufälle, was man so Zufall nennt. Aber nichts
ist zufällig. Ich hätte mit dir reden sollen, bevor wir aus Kessin
weggingen nach Berlin, aber als ich dir sagte, wie ich mich in dem Spukhaus
gefürchtet hatte, und dir von meiner Angst berichtete, da hast du
dein Schulmeistergesicht gemacht. Und die Sache mit Crampas lag ja auch
schon hinter mir.
Man kann nur dort beichten, wo man auf Vergebung hoffen kann. Verstehen
sollte es ja keiner. Warum habe ich seine Briefe nicht verbrannt! Manchmal
sah ich sie hinten im Nähkasten, nahm sie in die Hand und las sie
dann doch nicht. Ich wollte mich nur erin-nern: Effi, so eine Frau bist
du! Nicht, wie man sich an etwas Schönes erinnert, sondern an etwas
Schlimmes. Das darf man doch auch nicht vergessen, und immer dachte ich:
Es war nicht nur schlimm, es war auch schön. Bei der ersten Lüge
habe ich gedacht, die Decke stürzt ein, aber sie ist nicht eingestürzt.
Die zweite fiel mir schon leichter. Alle wollen einem ja glauben, was man
sagt, und eigentlich will doch gar keiner die Wahrheit wissen. Geahnt hast
du etwas, Instetten! Weißt du, was ich jetzt manchmal denke, wenn
ich mein Leben Revue passieren lasse und die Schatten auf der Sonnenuhr
anzeigen, wie alles vergeht? Ohne Crampas und die Dünen wäre
es nicht besser gewesen. Das habe ich nun auch kennenge-lernt. Das Leichtsinnige.
Eigentlich wollte ich doch, daß alles leicht sein sollte. Ein Leben
lang die Baronin Instetten und eines Tages vielleicht die Ministerin und
Bälle und Einladungen und vier Wochen Kur im Jahr. Dann werden Ablenkungen
ja auch langweilig. Du hattest deine Karriere, und ich hatte die Lange-weile,
und wenn du vom Bedeutendsein zurück-kamst, hätte ich dir entgegenfliegen
müssen und dich bewundern. Dafür genügte doch Rollo.
Still, Rollo! Braver Hund. Schlaf weiter. Nachher machen wir unseren
Spaziergang. Dann däm-mert es bald, und dann ist wieder ein Tag vergangen.
Ich habe viel nachgedacht, Instetten! Auf Liebe steht die Todesstrafe,
und für Mord - und Mord war es doch, auch wenn du es ein Duell genannt
hast und eine Ehrensache -, für Mord bekommt man sechs Wochen und
wird begnadigt, und nach einiger Zeit ,, geht die Karriere weiter. Aber
schuld war doch ich. Man hätte die Schuldige vorladen und anhören
müssen. Als ginge mich die Sache nichts an! Man musste mich nur wegschicken.
Lebenslängliche Verbannung, dazu hast du mich verurteilt. Entlassen
wie ein Dienstbote, der silberne Löffel gestohlen hat. Wenn du nun
zu mir gestanden hättest! Und wir wären zusammen nach Amerika
ausgewandert, da fangen doch viele Menschen neu an. Oder auch zusammen
nach Hohen-Cremmen! Land-wirtschaften kann man doch lernen, und Vater wird
alt. Unersetzlich in deinem Amt bist du wohl auch nicht, Instetten! Und
jetzt? Nur so mit Pflicht und Ehre, das geht doch auch nicht gut. Manches
dringt bis hierher und an meine Ohren, obwohl man mir alles fernhalten
möchte. In der ersten Zeit habe ich gedacht: Instettens Ehre wird
bald wiederhergestellt sein, eine Weile wird man noch sagen, 'der arme
Instetten' und viel-leicht auch mal jemand 'seine arme Frau. und 'sie war
ja noch jung'. Aber irgendwann würdest du dir eine neue Frau suchen,
vielleicht sogar eine, die deiner Effi ein wenig ähnlich sieht, nur
mit mehr Festigkeit und die nicht mehr erzogen werden muß und die
für das Kind eine bessere Mutter wäre. Aber wenn es an keiner
Stelle gut ausgeht, Instetten, das meine ich: Cranmpas tot, du mit deiner
Pflicht, das Kind brav in der Schule und ich hier mit dem alten Rollo,
der schläft, wenn ich rede, und nur den Kopf hebt, wenn ich seinen
Namen nenne.
Ja, Rollo, guter alter Hund, schlaf weiter.
Als du mich fristlos entlassen hast und ich nicht nach Flohen-Cremmen
zurückkehren durfte und auch noch eine geschiedene Briest wurde zu
der geschiedenen Instetten und in der Kö-niggrätzerstraße
der Tag hinging mit Sticken und Patience Legen und Chopin Spielen! Und
keiner sagte: 'Spiel mir was auf dem Klavier, Effi! Da hätte ich sogar
was aus der 'Wal-küre’ gespielt! Und immer nur Roswitha zum Tee-trinken
und ihre schaurigen Geschich-ten. Wenn ich hätte arbeiten können,
wenn ich was gelernt hätte, aber auch eine geschie-dene Frau Baronin
durfte sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen, und die Eltern
sorgten ja auch, so gut sie konnten.
Ein richtiges Schicksal war es doch gar nicht! Eine Anna Karenina,
von ihr sprach man in Bad Ems, aber keine der Damen hatte den Roman wirklich
gelesen, man munkelte nur. Ich hatte ja nur am-Schicksal genascht! Wenn
ich mich prüfe, dann fühle ich weniger Schuld in mir als Scham,
wie ein Kind sich schämt, weil es etwas Verbotenes getan hat und dabei
ertappt wird. Und du hast mich ja auch bestraft, wie man ein Kind bestraft.
Stell dich in die Ecke, schweig still! Roswitha, die hatte ihr Schicksal!
Als ihr das ledige Kind gestorben und ihr Vater mit der Eisenstange auf
sie losgegangen war und sie nicht aus noch ein wußte, da hatte sie
ins Wasser gehen wollen, und so habe ich sie gefunden. Sie hat immer für
ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, aber bei mir hat sie es doch
e-her gut getroffen. Mit dem ihrigen verglichen, war mein Schicksal eher
zu klein. Richtige Not, da wäre ich vielleicht daran gewachsen und
gereift, aber nur Verlassensein und die viele Zeit und niemand, der mich
braucht, und die Eltern würden doch auch friedlicher ohne mich leben.
Es ist nicht leicht, die Eltern einer Effs Briest zu sein.
Du hast über mich gerichtet. Aber du bist nicht Gottvater, sondern
nur der Baron Instet-ten. Vor Gott habe ich mich immer weniger gefürchtet
als vor dir. Und dann denke ich ja auch: Alles wiederholt sich.
Frühling im Tiergarten. Ob nun fünfzigmal Unter den Linden
oder fünfhundertmal. Und alle paar Jahre ein neuer Muff, damit ich
bei Laune bleibe.
Ich hab's doch mal gehabt, den Glanz, meine ich, und. so an deinem
Arm durch den Saal, und mein Rock rauschte beim Gehen, und die Leute flüsterten:
Was für ein schönes Paar! Ich gerate vom Hundertsten ins Tausendste,
das kommt von dem Wirren in mir und dem Dunklen. Ja, das Dunkle war doch
auch in mir, davon habt ihr nichts geahnt. Gieshübler in Kessin vielleicht
und der Geheimrat Rummschüttel in Berlin, aber die hat-ten dann auch
nur ein Pulver für mich zur Beruhigung.
Es geht und vergeht alles so schnell. Eben hoch habe ich hier auf der
Schaukel gesessen und dann schon an der Wiege in Kessin, und jetzt sitze
ich wieder hier und betrachte die Schaukel. Das hat die Natur falsch eingerichtet,
mit siebzehn schon Mutter. Aber gegen die Natur darf man sich nicht auflehnen.
Mein Körper konnte schon ein Kind empfangen und austragen, aber meine
Seele konnte es noch nicht. Manchmal denke ich, wenn wie-der ein Sommer
vorüber ist, ich bin so ein Blatt, das der Wind schon im August abgeris-sen
hat und das in einen Bach gefallen ist, und dann hat es mich fortgetrieben,
erst in einen Fluß und dann in einen Strom, und jetzt treibe ich
auf das große Meer zu. Aber das sind keine Themen für dich,
Instetten, Blätter im Wind, Sichtreibenlassen im Strom. Aber ich bin
dann doch oben geblieben. Ich bin nicht untergegangen, und darauf bin ich
nun auch ein wenig stolz. Und das Meer und der Himmel, oder wo wir nun
hinkommen oder untergehen, das ist am Ende eins und liegt bei Gott.
Ich hin jetzt ganz ruhig, Instetten. Für dich wird es besser sein,
wenn du nicht mehr ein geschiedener Mann bist, sondern sagen kannst, tneine
Frau ist gestorben. Dann kannst du vielleicht meinen Namen wieder aussprechen
und später sogar einmal denken: Meine liebe Effi!
Gleich wird Mutter mit dem Plaid kommen und sagen: 'Aber Effi, du wirst
dich verküh-len, und mir das Tuch um die Schultern legen, und sie
wird mich nicht streicheln, und ich werde sie nicht streicheln, nur danke
sagen und lächeln und ihre Hand einen Au-genblick lang festhalten.
Männer männlich und Weiber weiblich — das ist auch so ein
richtiger Briest-Spruch. Aber dann gibt es-doch auch noch die Töchter!
Ich bin die Effi Briest aus Hohen-Cretnmen geblieben. Ihr habt mich immer
für etwas bewundert, was doch nicht mein Verdienst war. Jung sein
und hübsch sein und Anmut, das ist doch noch nichts, und geleistet
hatte ich auch nichts. Ein Kind haben, das kann jede Frau, und aufgezogen
würde es doch von Johanna und später von Roswitha. Ich habe lauter
Nebenrollen gespielt und meine Hauptrolle nicht bekommen. Eine geschiedene
Baronin Instetten und eine geschiedene Briest.
Jetzt streichle ich Rollos Fell, das grau und auch schon grindig wird,
und manchmal strei-che ich über den Seidenstoff`, der sich über
meine Schenkel spannt. Eigentlich bin ich doch eine zärtliche Natur.
Mutter ist eher eine kühle Natur, und Vater hält sich alles vom
Leib, auch mich. Er läßt die Kornähren durch die Finger
gleiten, klopft dem Pferd auf die Kruppe. Als ich noch klein war, hat er
mich manchinal bei den Haaren gepackt und ge-zaust, wie er es auch bei
seinen Hühnerhunden tat, wenn sie ihm ein Rebhuhn vor die Füße
legten, und ich habe ihm dann meine Puppe vor die Füße gelegt.
Und wenn Mutter mir die Schleife geradezog und mich ermahnte, nicht so
wild. zu sein, dann war das ihre Art von Zärtlichkeit. Warum habe
ich mein Kind nicht mit meinen eigenen Händen ge-waschen und gewindelt?
Alles konnten die Dienstmädchen besser als ich, und ich hab auch immer
gedacht, es könne dem Kind etwas passieren, wenn ich es an mich drückte
und küßte, wie ich's mit meinen Puppen getan hatte. Und später
habe ich ihr auch die Schleife geradegezogen.
Wir leben alle so weit entfernt voneinander. Die Zwischenräume
sind so groß. Gieshübler versuchte, sie zu überbrücken,
mit einem Strauß oder einem Billett im richtigen Augen-blick. Wäre
ich zu ihm in die Apotheke gegangen, da hätte ja niemand etwas sagen
können, da war ja keine Gefahr bei jemandem, der ein halber Krüppel
war. Er hat mich gern gehabt und ich ihn auch. Wenn ich gesagt hätte,
ich muß mit jemandem reden und nicht plaudern, und er gesellen hätte,
daß ich verzweifelt war. Aber dann wäre er verle-gen geworden
und hätte mir doch wieder nur ein Pulver geholt. Geahnt hat er viel.
Ein-mal hat er mir ein kleines Buch geschickt. 'Für die romantische
Effi von Instetten. Ein Verehrer mehr, stand darunter. Gedichte von Eichendorf{.
Crampas zitierte Verse von Heinrich Heine, und da wußte man nie,
ob man lachen oder die Augen niederschlagen sollte. Ich saß oft mit
dem Buch auf dem Schoß da, las ein paar Zeilen, und dann ver-setzte
mir ein Wort einen Stoß, und ich vergaß das Buch und träumte
wieder. Damals habe ich die Gedichte beiseite gelegt, aber neulich habe
ich sie wieder hervorgeholt und habe einen Federstrich am Rand einer Seite
gefunden, und diese Zeilen lese ich nun wieder und wieder und summe sie
vor mich hin:
'Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.'
Ich habe mein Zauberwort nicht gefunden, Instetten. Dir darf man mit
Zauberworten nicht kommen, da hebst du gleich abwehrend die Hand. Aber
Effi! Wenn ich in mich hineinhorche, dann hör ich nichts weiter als:
Aber Effi! Einmal klingt es belustigt, dann wieder strafend. Das war kein
Zauberwort, das war ein Wort, das den Zauber zerstört. Ich stelle
mir vor, wenn ich tot hin, schreibt man auf den Stein: Aber Effi!
Denn wenn ich so früh sterbe, dann ist das auch wieder nicht recht
und wie ein Vorwurf.“
Aus: Chr. Brückner: Wenn du geredet hättest,
Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen, Frankfurt/M. 1989, S.
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