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Fachbereich Deutsch
Prosa
Theodor Fontane
Effi Briest
 
„TRIFFST DU NUR DAS ZAUBERWORT“
Effi Briest an den tauben Hund Rollo 

„So hat Mutter mich erzogen: Jeder Mann ist der Richtige. Gutes Aussehen, gute Stel-lung. Als ich Innstetten zum ersten Mal sah, überfiel mich ein nervöses Zittern. Als ob mein Körper sich hätte wehren wollen. Aber ich kannte die Äußerungen meines Körpers nicht. Ich hatte immer ein wenig Angst, und das hat er wohl auch gewollt. Von dem Spuk auf dem Kessiner Hausboden will ich gar nicht reden. Das war nicht recht, und darum hat er auch schuld. Und wenn Crampas mir nicht die Augen geöffnet hätte, dann wäre ich die Angst nie losgeworden. Innstetten wollte mich mit Furcht an das Spukhaus binden und mich erziehen. Aber er war ein Schulmeister und kein Erzieher. In Angst darf man auch so ein halbes Kind, das ich noch war, nicht halten.
Mach Platz, Rollo! Wir bleiben noch eine Weile sitzen auf der Gartenbank.
Du hast dich immer nach oben gerichtet, Innstetten. Wenn Bismarck pfiff, war Innstetten zur Stelle. Das kannte ich nicht von Hohen-Cremmen. Mein Vater hatte bei allem doch et-was Freies, nicht das Beamtische. Er wollte nicht höher hinaus und musste darum auch kei-ne Angst haben, dass er stürzen könnte.
Ich bin eine sehnsüchtige Natur. Ich hatte so viel Zeit zum Träumen und zum Mich-Sehnen, und du hattest dein Tun und sehntest dich nach nichts, du wolltest alles erreichen. Eigentlich war ich doch erst in der Knospe, aber von Blumen hast du nichts verstanden und von Frauen auch nicht viel. Du hast mich nicht zum Blühen gebracht. Ich bin, halb aufge-blüht, verwelkt. Ich war dein liebes Spielzeug, das hast du selber gesagt, und so ein Spiel-zeug holt man hervor, zeigt es und legt es zurück in die Schublade. Ich hatte Alleinsein nicht gelernt zu Hause. Hier in Hohen-Cremmen hatte ich außer den Eltern noch meine Freundinnen und den Garten und die Schaukel und die Heckenwege. Bei dir in Kessin gab es nur die paar Zerstreuungen und das, was du "die stillen Tage" nanntest. Und dann die A-bende, wenn du die Lampe nahmst und sagtest, ich habe noch zu tun. Wenn du merktest, dass ich betrübt war, bist du umgekehrt, hast die Lampe auf den Flügel gestellt und gesagt: Spiel etwas, Effi! Und ich stand gehorsam auf und spielte etwas ...
 Und dann - was du so Zärtlichkeiten nanntest! Jetzt habe ich vor Augen, wie du abwehrend die Hand hebst und sagst: Aber Effi! Da musste es dunkel sein, damit ich dein Gesicht nicht sehen sollte, als ob wir etwas Verbotenes täten. Du bestimmtest, wann es Zeit für Zärtlich-keiten war, und wenn ich mal die Hand nach dir ausstreckte, dann gabst du mir einen Kuss auf den Handrücken und legtest meine Hand auf meine Bettdecke zurück 
und ich wußte Bescheid, für heute nichts weiter, meine liebe Effi! Eigentlich habe ich mich vor deinen Zärtlichkeiten immer gefürchtet, da war auch Gewalt dabei und auch Pflicht. Du wolltest ein vorbildlicher Ehemann und Vater sein und nicht nur der Erzeuger unserer kleinen Tochter Annie. Und deshalb mußte ich ins Bad fahren und Brunnen trinken. Aber daran lag es nicht. Es war das Planmäßige. Ich war mehr fürs Heimliche, für die Dünen. Es muß doch auch Leidenschaft dabei sein, und man muß schwindlig werden, und die Erde muß sich dre-hen, und es muß sein wie auf der Schaukel, man fliegt, und der Strick reißt. Ach, Instetten! Wir hätten miteinander reden sollen. Statt dessen rede ich jetzt mit Rollo. Wenn ich mal was zu dir sagte, hast du mir aufmerksam zugehört und mir auch zugestimmt, und am Ende hast du doch wieder gesagt: Am besten, es bleibt alles beim alten. Der Satz fällt mir immer ein, wenn ich in Gedanken mit dir rede. In der letzten Zeit rede ich viel mit dir, wenn ich hier in Hohen-Cremmen bei der Sonnenuhr sitze, und der Hund liegt neben mir und knurrt, wenn er träumt.
Als Annie mich nach der Scheidung in Berlin zum erstenmal in der Königgrätzerstraße besu-chen durfte, da hätte ich, so wie ich war, zu dir laufen sollen. Nicht in die Wohnung! In dein Ministerium! Ich hätte nicht in meinem Zimmer auf die Knie fallen und beten sollen.. Da war nicht Gott dran, da warst du dran! Du  hattest das Kind abgerichtet wie einen Papagei. Wenn ich darf? Wenn ich darf? Du konntest mich nicht abweisen lassen, das hätte Aufsehen er-regt. Du wärst ans Fenster getreten ünd hättest mir den Rücken zugewandt. Aber angehört hättest du mich und immer mal die rechte Hand gehoben, was heißen sollte: Aber Effi!
Meine Angst war größer als mein Zorn. Zorn macht stark, Angst macht schwach. Ich sank in mich zusammen. Seit damals werde ich immer schwächer. Berlin war nicht groß genug für uns drei. Ich wollte dir nicht zufällig begegnen, und ich wollte auch nicht auf dem Trottoir stehen, wenn du in der Kutsche vorbeifuhrst und die Leute sagten, das ist der Minister von Instetten, denn Minister wirst du ja wohl bald werden. Und ich wollte auch nicht Annie auf dem Schulweg auf-lauern, um sie sehen zu können. Das war dann meine Rettung, als die Eltern ein Einsehen hatten und mich nach Hohen-Cremmen holten. Als du mich geheiratet hast, warst du doppelt so alt wie ich, und jetzt bist du noch immer ein Mann in den besten Jahren. Aber ich bin eine alte junge Frau. Das Kind wird später das Hohen-Cremmen der Briest erben, oder läßt du nicht zu, daß Annie ihre verstoßene Mutter beerbt? Doch was soll sie mit Heckenwegen, einer Schaukel und einer Sonnenuhr? Es ist viel Zeit vergangen.
Ich klage dich nicht an, Instetten, du bist, wie du bist. Aber klagen werde ich doch dürfen. Ihr habt mich alle geliebt, weil ich war, wie ich war und wie ich jetzt nicht mehr bin.Und dich hat man geachtet, weil du bist, wie du bist. Und was ist denn nun besser, lange Jahre geachtet oder kurze Zeit geliebt zu werden? Vater würde da wieder sagen, das ist ein zu weites Feld.. Das weite Feld! Ich wußte nicht, daß es Mauern und Zäune gibt, über die man nicht hinwegspringen kann. Hindernisreiten habe ich nicht gelernt.
Jetzt legt er mir wieder seine dicke Pfote aufs Knie. Meinst du, Rollo, daß wir unseren Spazier-gang machen sollten, damit alles immer so weitergeht und seine Ordnung hat? Die Wege immer kürzer, die Ruhepausen länger?
Ja, Instetten! Jemand, der Grundsätze hat, der ist im Vorteil, und mehr will ich dazu nicht sa-gen. Du hast keine Liebe in dir, und dafür kannst du nichts und deshalb hast du vielleicht doch keine Schuld. Du'hast gesagt, Festigkeit wäre nicht meine Spezialität. Du hast immer nur gesagt, was ich nicht war und was ich nicht hatte. Das ist wie mit den Zehn Geboten. 'Du sollst nicht!' Aber mir muß man sagen, was ich soll! Du hattest dich in das halbe Kind, das ich noch war, verliebt, weil du in jungen Jahren meine Mutter liebtest. Eigentlich hast du doch meine Mutter gemeint, und die hätte auch besser zu dir gepaßt, das denkt Vater auch. Alle haben es gewußt, nur ich nicht. Und die andere Hälfte des halben Kindes wolltest du dir erziehen.
Jetzt müssen wir endlich auch von Crampas reden, Instetten! Crampas ließ mich so, wie ich war, der wollte nichts, und ich wollte auch nichts. Man fliegt und verliert den Boden unter den Füßen, man'denkt, gleich reißt das Seil, und dann reißt es doch nicht, und man steht wieder auf den Fü-ßen, aber man ist danach nicht mehr dieselbe. Von Major Crampas hieß es in Kessin, er sei ein Damenmann. Er nahm die Frauen ernst oder wenigstens doch so ernst wie seinen Dienst und berhaupt die Welt. Ganz ernst war ihm nichts. Ich habe doch mein Wichtigstes gesagt! Ich habe mich gewehrt, und er hat mich bedrängt, das ging so hin.und her. Aber sein Bitten und sein Drän-gen hatte ich gern. Unsere Pferde gingen dicht und flogen dann neben-einander her. Bei einem Galopp hat er mir zugerufen: 'Gelegenheit macht Liebe. Erst ließen wir die Pferde traben, und dann ließen wir die Zügel schleifen, so würdest du es wohl ausdrücken. Crampas war nicht immer fein in dem, was er sagte. Und ich glaube, in mir war auch so was, ordinär will ich's nicht nennen, aber was Sinnliches. Die Untreue hat mich zur Frau gemacht, nicht die Heirat und nicht die Geburt des Kindes. Es ist einfach so mit uns durchgegangen. Ich hab ein 'Es. in mir, darüber konnte ich mit keinem sprechen. Für Ehebruch war es eigentlich doch zu wenig. Jesus und die Ehebrecherin! Vater hat eine Bibel mit Stahlstichen, da liegt die Ehebrecherin dem Herrn zu Füßen, und er streckt die Hand nach ihr aus, um sie aus dem Staub zu heben. Ich habe mir das Bild noch einmal angesehen, aber es betrifft mich nicht. Vielleicht, weil alles so anders aussieht als in den Dünen, irgendwie ori-entalisch. Ja, die Dünen und die See, danach sehne ich mich manchmal, da habe ich mich am wohlsten gefühlt. Man wurde nicht gesehen und sah auch nicht viel, aber man hatte doch Aus-blicke und das Rauschen. Es war wie Versteckspiel mit dem Wind. Er packte einen und ließ einen wieder los. Jeder hat sö eine Landschaft, in die er gehört. Für mich waren es die Dünen, das Un-übersichtliche, das Versteckte, und das ist nicht gut. Zu Vater gehören die Feldwege, auf denen er hinter der nächsten Bodenerhebung verschwinden kann. Und du 'paßt nach Berlin, in die geraden Straßen und auf die breiten Treppen, die zu den Ministerien führen. Und Mutter, wohin paßt sie? Sie ist auch nicht dahingekommen, wo sie hingehört hätte. Es ist schwer her-auszufinden, was zu einem paßt, und dann ist es noch schwerer, hinzukommen und da zu bleiben.
Ich träume wieder meine Tagträume. Bei jener Fahrt, damals, Silvester, als es übers Eis ging und Gefahr war, als ich mit Crampas im selben Schlitten saß und du in einem ande-ren, da hast du nachher gesagt, es wäre dir gewesen, als ob ich mit Crampas untergegan-gen sei. Da hast du Angst gehabt. Ach, wär ich's nur! Crampas lebte gerne, aber er hätte auch aufhören können, er hing nicht atn Leben. Er hing an nichts, er wollte nichts besit-zen. Er zog mich an sich und ließ mich auch wieder los. Ich hätte ins Wasser gehen sollen, untreue Frauen müssen ins Wasser gehen, und Wasser war ja auch genug da. Aber da war das Kind. Und wenn eine Frau Landrat von Instetten ins Wasser geht, dann wäre alles he-rausgekommen, und am Ende hätte ich dann doch nur deine Karriere zerstört. So einfach weitergehen, erst durchs seichte Wasser und dann die Wellen, bis man den Boden verliert, das kann doch so schlimm nicht sein, und Crampas wäre ja auch mitgekommen, er hatte so was, mit ihm hätte man untergehen können. Zum Leben taugte er nicht. Jetzt habe ich keinen mehr, keinen zum Leben und keinen zum Sterben. Eigentlich habe ich nur noch Rollo. Sei still, Rollo! Es ist gut. Bleib liegen, die Sonne wärmt uns wohl noch eine Weile.
Aber am Ende war der Sog des Wassers doch nicht stark genug, sonst säße ich ja nicht hier in hohen Cremmen bei meinen alten Eltern und machte ihnen Sorgen. 'Tochter der Lüfte' hat Mutter von mir gesagt, das ist lange her. Ich hätte was von einer Kunstreite-rin. Von Trapez hat sie auch gesprochen. Immer habt ihr mich angesehen, als wolltet ihr 'Aber Effi sagen. Dabei hattet ihr das Unpassende trotzdem gern.
Instetten hat sein Alter, und ich habe meine Jugend, habe ich gedacht, und das habe ich auch gegen dich ausgespielt, einen Trumpf, der sticht, mußte ich doch in der Hand haben. Alles, was vernünftig war, dafür sorgtest du. Dabei konntest du nichts für dein Alter und ich nichts für meine Jugend, aber alle taten, als sei es mein Verdienst, so jung zu sein und schon Landrätin und Mutter eines Kindes.
Alle Schuld rächt sich auf Erden! Das sind so deine Sprüche, Instetten. Je älter ich wer-de, desto weniger glaube ich an Sprüche. Die Sonne bringt es an den Tag! Die Sonne war's nicht, da mußte viel zusammenkommen, lauter Zufälle, was man so Zufall nennt. Aber nichts ist zufällig. Ich hätte mit dir reden sollen, bevor wir aus Kessin weggingen nach Berlin, aber als ich dir sagte, wie ich mich in dem Spukhaus gefürchtet hatte, und dir von meiner Angst berichtete, da hast du dein Schulmeistergesicht gemacht. Und die Sache mit Crampas lag ja auch schon hinter mir.
Man kann nur dort beichten, wo man auf Vergebung hoffen kann. Verstehen sollte es ja keiner. Warum habe ich seine Briefe nicht verbrannt! Manchmal sah ich sie hinten im Nähkasten, nahm sie in die Hand und las sie dann doch nicht. Ich wollte mich nur erin-nern: Effi, so eine Frau bist du! Nicht, wie man sich an etwas Schönes erinnert, sondern an etwas Schlimmes. Das darf man doch auch nicht vergessen, und immer dachte ich: Es war nicht nur schlimm, es war auch schön. Bei der ersten Lüge habe ich gedacht, die Decke stürzt ein, aber sie ist nicht eingestürzt. Die zweite fiel mir schon leichter. Alle wollen einem ja glauben, was man sagt, und eigentlich will doch gar keiner die Wahrheit wissen. Geahnt hast du etwas, Instetten! Weißt du, was ich jetzt manchmal denke, wenn ich mein Leben Revue passieren lasse und die Schatten auf der Sonnenuhr anzeigen, wie alles vergeht? Ohne Crampas und die Dünen wäre es nicht besser gewesen. Das habe ich nun auch kennenge-lernt. Das Leichtsinnige. Eigentlich wollte ich doch, daß alles leicht sein sollte. Ein Leben lang die Baronin Instetten und eines Tages vielleicht die Ministerin und Bälle und Einladungen und vier Wochen Kur im Jahr. Dann werden Ablenkungen ja auch langweilig. Du hattest deine Karriere, und ich hatte die Lange-weile, und wenn du vom Bedeutendsein zurück-kamst, hätte ich dir entgegenfliegen müssen und dich bewundern. Dafür genügte doch Rollo.
Still, Rollo! Braver Hund. Schlaf weiter. Nachher machen wir unseren Spaziergang. Dann däm-mert es bald, und dann ist wieder ein Tag vergangen.
Ich habe viel nachgedacht, Instetten! Auf Liebe steht die Todesstrafe, und für Mord - und Mord war es doch, auch wenn du es ein Duell genannt hast und eine Ehrensache -, für Mord bekommt man sechs Wochen und wird begnadigt, und nach einiger Zeit ,, geht die Karriere weiter. Aber schuld war doch ich. Man hätte die Schuldige vorladen und anhören müssen. Als ginge mich die Sache nichts an! Man musste mich nur wegschicken. Lebenslängliche Verbannung, dazu hast du mich verurteilt. Entlassen wie ein Dienstbote, der silberne Löffel gestohlen hat. Wenn du nun zu mir gestanden hättest! Und wir wären zusammen nach Amerika ausgewandert, da fangen doch viele Menschen neu an. Oder auch zusammen nach Hohen-Cremmen! Land-wirtschaften kann man doch lernen, und Vater wird alt. Unersetzlich in deinem Amt bist du wohl auch nicht, Instetten! Und jetzt? Nur so mit Pflicht und Ehre, das geht doch auch nicht gut. Manches dringt bis hierher und an meine Ohren, obwohl man mir alles fernhalten möchte. In der ersten Zeit habe ich gedacht: Instettens Ehre wird bald wiederhergestellt sein, eine Weile wird man noch sagen, 'der arme Instetten' und viel-leicht auch mal jemand 'seine arme Frau. und 'sie war ja noch jung'. Aber irgendwann würdest du dir eine neue Frau suchen, vielleicht sogar eine, die deiner Effi ein wenig ähnlich sieht, nur mit mehr Festigkeit und die nicht mehr erzogen werden muß und die für das Kind eine bessere Mutter wäre. Aber wenn es an keiner Stelle gut ausgeht, Instetten, das meine ich: Cranmpas tot, du mit deiner Pflicht, das Kind brav in der Schule und ich hier mit dem alten Rollo, der schläft, wenn ich rede, und nur den Kopf hebt, wenn ich seinen Namen nenne.
Ja, Rollo, guter alter Hund, schlaf weiter.
Als du mich fristlos entlassen hast und ich nicht nach Flohen-Cremmen zurückkehren durfte und auch noch eine geschiedene Briest wurde zu der geschiedenen Instetten und in der Kö-niggrätzerstraße der Tag hinging mit Sticken und Patience Legen und Chopin Spielen! Und keiner sagte: 'Spiel mir was auf dem Klavier, Effi! Da hätte ich sogar was aus der 'Wal-küre’ gespielt! Und immer nur Roswitha zum Tee-trinken und ihre schaurigen Geschich-ten. Wenn ich hätte arbeiten können, wenn ich was gelernt hätte, aber auch eine geschie-dene Frau Baronin durfte sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen, und die Eltern sorgten ja auch, so gut sie konnten.
Ein richtiges Schicksal war es doch gar nicht! Eine Anna Karenina, von ihr sprach man in Bad Ems, aber keine der Damen hatte den Roman wirklich gelesen, man munkelte nur. Ich hatte ja nur am-Schicksal genascht! Wenn ich mich prüfe, dann fühle ich weniger Schuld in mir als Scham, wie ein Kind sich schämt, weil es etwas Verbotenes getan hat und dabei ertappt wird. Und du hast mich ja auch bestraft, wie man ein Kind bestraft. Stell dich in die Ecke, schweig still! Roswitha, die hatte ihr Schicksal! Als ihr das ledige Kind gestorben und ihr Vater mit der Eisenstange auf sie losgegangen war und sie nicht aus noch ein wußte, da hatte sie ins Wasser gehen wollen, und so habe ich sie gefunden. Sie hat immer für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen, aber bei mir hat sie es doch e-her gut getroffen. Mit dem ihrigen verglichen, war mein Schicksal eher zu klein. Richtige Not, da wäre ich vielleicht daran gewachsen und gereift, aber nur Verlassensein und die viele Zeit und niemand, der mich braucht, und die Eltern würden doch auch friedlicher ohne mich leben. Es ist nicht leicht, die Eltern einer Effs Briest zu sein.
Du hast über mich gerichtet. Aber du bist nicht Gottvater, sondern nur der Baron Instet-ten. Vor Gott habe ich mich immer weniger gefürchtet als vor dir. Und dann denke ich ja auch: Alles wiederholt sich.
Frühling im Tiergarten. Ob nun fünfzigmal Unter den Linden oder fünfhundertmal. Und alle paar Jahre ein neuer Muff, damit ich bei Laune bleibe.
Ich hab's doch mal gehabt, den Glanz, meine ich, und. so an deinem Arm durch den Saal, und mein Rock rauschte beim Gehen, und die Leute flüsterten: Was für ein schönes Paar! Ich gerate vom Hundertsten ins Tausendste, das kommt von dem Wirren in mir und dem Dunklen. Ja, das Dunkle war doch auch in mir, davon habt ihr nichts geahnt. Gieshübler in Kessin vielleicht und der Geheimrat Rummschüttel in Berlin, aber die hat-ten dann auch nur ein Pulver für mich zur Beruhigung.
Es geht und vergeht alles so schnell. Eben hoch habe ich hier auf der Schaukel gesessen und dann schon an der Wiege in Kessin, und jetzt sitze ich wieder hier und betrachte die Schaukel. Das hat die Natur falsch eingerichtet, mit siebzehn schon Mutter. Aber gegen die Natur darf man sich nicht auflehnen. Mein Körper konnte schon ein Kind empfangen und austragen, aber meine Seele konnte es noch nicht. Manchmal denke ich, wenn wie-der ein Sommer vorüber ist, ich bin so ein Blatt, das der Wind schon im August abgeris-sen hat und das in einen Bach gefallen ist, und dann hat es mich fortgetrieben, erst in einen Fluß und dann in einen Strom, und jetzt treibe ich auf das große Meer zu. Aber das sind keine Themen für dich, Instetten, Blätter im Wind, Sichtreibenlassen im Strom. Aber ich bin dann doch oben geblieben. Ich bin nicht untergegangen, und darauf bin ich nun auch ein wenig stolz. Und das Meer und der Himmel, oder wo wir nun hinkommen oder untergehen, das ist am Ende eins und liegt bei Gott.
Ich hin jetzt ganz ruhig, Instetten. Für dich wird es besser sein, wenn du nicht mehr ein geschiedener Mann bist, sondern sagen kannst, tneine Frau ist gestorben. Dann kannst du vielleicht meinen Namen wieder aussprechen und später sogar einmal denken: Meine liebe Effi!
Gleich wird Mutter mit dem Plaid kommen und sagen: 'Aber Effi, du wirst dich verküh-len, und mir das Tuch um die Schultern legen, und sie wird mich nicht streicheln, und ich werde sie nicht streicheln, nur danke sagen und lächeln und ihre Hand einen Au-genblick lang festhalten.
Männer männlich und Weiber weiblich — das ist auch so ein richtiger Briest-Spruch. Aber dann gibt es-doch auch noch die Töchter! Ich bin die Effi Briest aus Hohen-Cretnmen geblieben. Ihr habt mich immer für etwas bewundert, was doch nicht mein Verdienst war. Jung sein und hübsch sein und Anmut, das ist doch noch nichts, und geleistet hatte ich auch nichts. Ein Kind haben, das kann jede Frau, und aufgezogen würde es doch von Johanna und später von Roswitha. Ich habe lauter Nebenrollen gespielt und meine Hauptrolle nicht bekommen. Eine geschiedene Baronin Instetten und eine geschiedene Briest.
Jetzt streichle ich Rollos Fell, das grau und auch schon grindig wird, und manchmal strei-che ich über den Seidenstoff`, der sich über meine Schenkel spannt. Eigentlich bin ich doch eine zärtliche Natur. Mutter ist eher eine kühle Natur, und Vater hält sich alles vom Leib, auch mich. Er läßt die Kornähren durch die Finger gleiten, klopft dem Pferd auf die Kruppe. Als ich noch klein war, hat er mich manchinal bei den Haaren gepackt und ge-zaust, wie er es auch bei seinen Hühnerhunden tat, wenn sie ihm ein Rebhuhn vor die Füße legten, und ich habe ihm dann meine Puppe vor die Füße gelegt. Und wenn Mutter mir die Schleife geradezog und mich ermahnte, nicht so wild. zu sein, dann war das ihre Art von Zärtlichkeit. Warum habe ich mein Kind nicht mit meinen eigenen Händen ge-waschen und gewindelt? Alles konnten die Dienstmädchen besser als ich, und ich hab auch immer gedacht, es könne dem Kind etwas passieren, wenn ich es an mich drückte und küßte, wie ich's mit meinen Puppen getan hatte. Und später habe ich ihr auch die Schleife geradegezogen.
Wir leben alle so weit entfernt voneinander. Die Zwischenräume sind so groß. Gieshübler versuchte, sie zu überbrücken, mit einem Strauß oder einem Billett im richtigen Augen-blick. Wäre ich zu ihm in die Apotheke gegangen, da hätte ja niemand etwas sagen können, da war ja keine Gefahr bei jemandem, der ein halber Krüppel war. Er hat mich gern gehabt und ich ihn auch. Wenn ich gesagt hätte, ich muß mit jemandem reden und nicht plaudern, und er gesellen hätte, daß ich verzweifelt war. Aber dann wäre er verle-gen geworden und hätte mir doch wieder nur ein Pulver geholt. Geahnt hat er viel. Ein-mal hat er mir ein kleines Buch geschickt. 'Für die romantische Effi von Instetten. Ein Verehrer mehr, stand darunter. Gedichte von Eichendorf{. Crampas zitierte Verse von Heinrich Heine, und da wußte man nie, ob man lachen oder die Augen niederschlagen sollte. Ich saß oft mit dem Buch auf dem Schoß da, las ein paar Zeilen, und dann ver-setzte mir ein Wort einen Stoß, und ich vergaß das Buch und träumte wieder. Damals habe ich die Gedichte beiseite gelegt, aber neulich habe ich sie wieder hervorgeholt und habe einen Federstrich am Rand einer Seite gefunden, und diese Zeilen lese ich nun wieder und wieder und summe sie vor mich hin:
'Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.'
Ich habe mein Zauberwort nicht gefunden, Instetten. Dir darf man mit Zauberworten nicht kommen, da hebst du gleich abwehrend die Hand. Aber Effi! Wenn ich in mich hineinhorche, dann hör ich nichts weiter als: Aber Effi! Einmal klingt es belustigt, dann wieder strafend. Das war kein Zauberwort, das war ein Wort, das den Zauber zerstört. Ich stelle mir vor, wenn ich tot hin, schreibt man auf den Stein: Aber Effi!
Denn wenn ich so früh sterbe, dann ist das auch wieder nicht recht und wie ein Vorwurf.“

Aus: Chr. Brückner: Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen, Frankfurt/M. 1989, S. 75  - 91
 

Bildhintegrund: Brief Fontanes an seine Frau Emilie, London 10. Juni 1857

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